Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Diagnose PTBS: Wenn der Krieg im Kopf nicht endet

ada Wittorf. Kein Schritt, keine noch so kleine Bewegung entgeht ihr: Mit großen, braunen Augen fixiert Saphira die Reporter, die ihr Herrchen zum Interview gebeten haben. Die Leonberger-Hündin ist nicht irgendein Haustier, sie ist Uwe Heilands Therapeutin. „Wenn Saphira nicht in mein Leben gekommen wäre, wäre ich heute nicht mehr hier.“

Uwe Heiland ist Soldat seit 18 Jahren. Wie andere den Anzug, zieht er täglich die Tarnfleckjacke über. Er liebt seinen Beruf, würde sich immer wieder dafür entscheiden, zur Bundeswehr zu gehen, sagt er. Doch die Einsätze an der Front haben Uwe Heiland verändert. Wie rund 1600 deutsche Soldaten litt der gelernte Krankenpfleger jahrelang an der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), allein im vergangenen Jahr haben sich 432 Soldaten behandeln lassen. Ängste, Aggressionen, Schlafstörungen sie gehörten zu Heilands Alltag und machten das Leben für den 41-Jährigen, der mit großen Erwartungen in die Auslandseinsätze marschiert war, nur schwer erträglich. Der Krieg wollte auch zu Hause nicht enden.

Die erste psychische Verwundung erlitt Uwe Heiland 2001, als sich ein guter Kamerad im Küchenzelt selbst erschoss. „Man hatte kaum Zeit, darüber nachzudenken, getrauert hat man dann auch nicht“, erinnert sich der Soldat. Auch zwei Jahre später, bei einem Raketenangriff auf das deutsche Lager am 11. September 2003 in Kabul blieb keine Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. „Da hatte man das erste Mal das Gefühl der Todesangst.“ Dieses Gefühl sollte ihn Jahre später wieder und wieder einholen.

Als der Soldat 2008 die ersten körperlichen Symptome des Traumas bemerkte, hatte er bereits fünf Auslandseinsätze hinter sich. Er war als Sanitäter auf einer Intensivstation im Kosovo und zwei Mal in Afghanistan, half Tsunamiopfern in Sumatra und leistete Hilfe in Bosnien. Uwe Heiland wurde angegriffen, sah verletzte Menschen und musste Leichen bergen. Es waren Bilder, die sich im Kopf des Soldaten festsetzten.

Zurück in Deutschland, ging der Krieg für Uwe Heiland weiter in seinen Gedanken und Träumen. Er hatte Angst, vor die Tür zu gehen, Angst vor Fremden, Angst in geschlossenen Räumen und, wenn sich jemand in seinem Rücken aufhielt, Angst einzuschlafen. Und wenn ihn die Müdigkeit doch irgendwann übermannte, folgten Albträume und nächtliche Schweißausbrüche. Die Aggressivität wuchs, Uwe Heiland kapselte sich mehr und mehr ab. Er sei „wirklich nicht mehr ganz normal“ gewesen, sagt der Wittorfer heute. Es war die Zeit, in der sich viele Freunde von dem Soldaten abwendeten, und die Zeit, in der er sich professionelle Hilfe holte.

Symptome wie bei Uwe Heiland kennt Flottenarzt Dr. Roger Brass, Leiter der psychiatrischen Abteilung des Bundeswehrkrankenhauses in Koblenz: „Ein Mensch kommt in eine Situation, die so bedrohlich ist, dass man damit rechnen muss, schwerst zu Schaden zu kommen oder sogar getötet zu werden. Dann überlebt man diese Situation und das Gehirn speichert sie, wie eine Art Überlebensprogramm. Tritt ein ähnliches Ereignis wieder ein, oder nur Anzeichen wie Gerüche, Geräusche, manchmal auch Druckwellen, reagiert das Gehirn, indem es den Zustand des Erlebten wieder herstellt. Die Patienten werden wieder in die Situation des ursprünglich erlebten Traumas zurückversetzt.“

Saphira hebt den Kopf, als Uwe Heiland die Hundeleine zückt. Sie war es, die den Soldaten aus den depressiven Phasen holte, ihn nachts weckte, wenn er unruhig schlief. Sie war es, die ihm Schutz gab, ohne Fragen und ohne Diskussionen. Sie war es, die ihn zurück in ein normales Leben holte. Uwe Heiland ist immer noch Soldat. Heute hilft er in der Theodor-Körner-Kaserne Familienangehörigen von Kameraden im Auslandseinsatz, und er ist Lotse für jene, denen es ähnlich erging wie ihm. Ein weitestgehend normaler Alltag heute hat Uwe Heiland ihn wieder. Sogar einen erneuten Auslandseinsatz kann sich der 41-Jährige nochmal vorstellen: „Wir sind eine Einsatzarmee, da frage ich nicht groß nach.“ Ob Saphira ihn aber jemals nochmal aus den Augen lassen wird, bleibt fraglich.