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Adventskalender (2)

2. Dezember: Monika Bösmann

 

Hinter dem zweiten Türchen des LZ-Adventskalenders erzählt Monika Bösmann aus Lüneburg die Geschichte von ihrem Schutzengel, der ihr den Urlaub gerettet und ein neues Lebensmotto beschert hat:

„Schon lange war es mein Wunsch, Istanbul zu besuchen. Den gebuchten Flug im April mussten wir stornieren, da ich eine Endoprothese im Knie bekommen hatte. Glücklicherweise waren noch zwei Plätze im September frei. Da ich zusätzlich eine Nervenerkrankung habe, fühlte ich mich ein paar Wochen vor dem Abflug nicht in der Lage, die Fahrt anzutreten und ging zu meinem Chirurgen Dr. Surmann, um mir ein Attest für die Reiserücktrittsversicherung geben zu lassen. Ich bekam es nicht, stattdessen sagte er: “Sie fliegen!“ Die Bestimmtheit dieser Worte gab mir so viel Aufschwung, dass ich anfing zu trainieren. Zusätzlich bekam ich Spritzen und dann war ich mir sicher, ich könnte fliegen – mein erster Urlaub mit Rollator.

Auch nach ihrem Urlaub hat Monika Bösmann ihren Schutzengel nicht vergessen.
Auch nach ihrem Urlaub hat Monika Bösmann ihren Schutzengel nicht vergessen.

Am 28.09. war der Tag des Abflugs gekommen und ich war überglücklich, dass es nun losging – bis zum Check-in. Als ich meinen Personalausweis hinlegte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass es mein Führerschein war und dass ich kein Reisedokument dabei hatte. Eine Welt brach für mich zusammen. Die Dame am Schalter riet mir, nach Langenhagen ins Bürgeramt zu fahren, um ein Ersatzdokument zu bekommen. Mein Mann checkte ein und ich versuchte ein Taxi zu bekommen. Die ersten drei Taxis durften am Flughafen keine Gäste aufnehmen. Das vierte nahm mich dann endlich auf. Es war 9.20 Uhr als die Fahrt losging. Um 11 Uhr sollte der Flieger starten.

Ich erzählte dem Fahrer von meinem Problem. Kaum hatten wir das Flughafengelände verlassen, gerieten wir in einen Stau, eine rote Ampel nach der anderen, die Zeit raste dahin. Deshalb bat ich den Fahrer, bei der nächsten Gelegenheit umzukehren. Ich wollte mich noch von meinem Mann verabschieden , ihm einen schönen Kurzurlaub wünschen und dann mit dem nächsten Zug wieder nach Hause fahren. Seine Reaktion war: “Wenn Sie jetzt umkehren, werden Sie nie erfahren, ob sie es nicht doch geschafft hätten.“ Wieder überraschte mich die Bestimmtheit der gesprochenen Worte, so dass ich ihn bat weiterzufahren. Am Rathaus angekommen, half er mir mit meinem Rollator die Stufen hoch, ich zahlte und er ging.

Ich schilderte im Bürgeramt mein Anliegen. Die Dame erklärte mir, sie bräuchte ein Fax vom Lüneburger Bürgeramt mit meinen persönlichen Daten. „Haben sie ein Passbild dabei?“ Das hatte ich natürlich nicht, ging aber davon aus, dass es im Rathaus einen Fotoautomaten gäbe. Dem war nicht so. Ich musste zum Fotografen. Die Dame beschrieb mir den Weg. In meiner Verzweiflung verstand ich nichts, außer etwas von einem großen Platz und einem Einkaufszentrum. Als ich gehen wollte, stand neben mir plötzlich wieder mein Taxifahrer. Ich war völlig überrascht und konnte die Situation in diesem Moment gar nicht erfassen. „Fertig?“ Er erfuhr von der Mitarbeiterin des Bürgeramts, dass ich ein Passbild brauchte, nahm mich am Arm, half mir die Stufen herunter und war schon um die nächste Ecke verschwunden. Wenige Minuten später sah ich ihn auf der anderen Seite des Platzes am Eingang eines Einkaufszentrum. Er hatte einen Fotografen gefunden, lotste mich zielstrebig durch das Einkaufszentrum und schob mich in den Laden.

Ich ließ mich fotografieren, zahlte und sollte 15 Minuten warten, bis das Bild fertig ist. Da war mein Taxifahrer wieder an meiner Seite: „Sie gehen zum Rathaus und ich bringe das Bild!“ Nach einem erneuten Anruf in Lüneburg kam auch endlich das Fax. Nun musste alles eingescannt werden, doch der Computer verweigerte die Arbeit. Erst dem dritten Angestellten gelang es endlich, meinen Ersatzpass zu drucken. Vor der Tür wartete mein Taxifahrer: „Der Wagen steht schon vor der Tür.“ Wie im Fluge ging es zum Flughafen. Ich zahlte und bedankte mich für seinen Einsatz. Trinkgeld wollte er nicht, sondern sagte: „Das war nicht ich – das war mein Herz.“ Ich drückte ihm das Geld in die Hand, es war 10:50 Uhr und zum Reden keine Zeit mehr. Ich bestieg als letzte den Flieger. Kaum saß ich, hoben wir ab.

Jeden Tag denke ich an diesen Taxifahrer, der es durch sein unorthodoxes Handeln ermöglicht hat, mir meinen Traum von Istanbul zu erfüllen. Mein persönlicher Schutzengel war die meiste Zeit nicht direkt bei mir, erschien aber jedes Mal wie aus dem Nichts, wenn ich ihn brauchte. Das einzige, was ich über ihn weiß, ist, dass er Kurde aus dem Irak ist. Nie werde ich diese Begegnung mit einem so außergewöhnlichen Menschen vergessen. Sein Rat „Wenn Sie es nicht versuchen, werden Sie nie erfahren, ob Sie es nicht doch geschafft hätten.“ ist zu meinem Lebensmotto geworden. Gerne würde ich ihn noch einmal wiedertreffen, um ihm zu sagen, was sein Handeln mir bedeutet hat und dass ich ihm (und meinem Arzt Dr. Surmann) eine wunderschöne Woche in Istanbul zu verdanken habe.

Dankeschön dafür!“

One comment

  1. Der Artikel hat mich zu Tränen gerührt, wie schön, dass es immer noch so nette und hilfsbereite Menschen gibt. Im Januar fliege ich auch mit meinem Mann nach Istanbul, dann werde ich bestimmt an diese Geschichte denken und hoffe wir haben auch so eine schöne Zeit.