Aktuell
Home | Blog.JJ | Der stotternde Lüneburger Job-Motor

Der stotternde Lüneburger Job-Motor

 Lüneburg, 2. Juli 2014

„Die Arbeitslosenzahlen sind gesunken, und der Stellenmarkt zeigt sich stabil . . .  eine robuste Startposition in die Sommermonate.“  Das sagt der Chef der Arbeitsagentur Mittwoch in der LZ zu den aktuellen Arbeitslosenzahlen für Juni.

Mittwoch hat  Pickenpack, einer der großen Arbeitgeber der Stadt in einem der wichtigen Produktionszweige, diese optimistische Einschätzung mit einer Ankündigung konterkariert: Pickenpack entlässt 170 Mitarbeiter.

Das ist ein Schlag für den Lüneburger Arbeitsmarkt,  den er nicht verkraftet. Denn so wichtig die Nahrungsmittelindustrie für Lüneburg ist, so anfällig und schwindsüchtig ist der Arbeitsmarkt für diese Branche mittlerweile. Aus der Stärke, die die Wirtschaftsförderung für Lüneburg  in diesem Sektor diagnostiziert hat, ist oft genug eine Schwäche  geworden.  Die Parallelen zum Niedergang des ehemals stolzen Bekleidungsindustrie-Standortes Lüneburg sind frappant.

Die Lokalpolitik ist deswegen gefordert, mehr noch als bisher den Weg für junge Firmen in neuen Märkten zu ebnen, gemeinsam mit Kammern und vor allem der Universität.

Gerade die hundert Millionen Euro, die an der Uni Lüneburg in den Innovations-Inkubator fließen, letztlich eine Anhäufung von Wissen, das Arbeitsplätze in neuen Branchen schaffen soll, diese Millionen sind pure Mittel der Wirtschaftsförderung, sie sind ein Versprechen.  Es gibt zarte Pflänzchen, die mit Inkubator-Geld wachsen, aber von einem Job-Motor zu sprechen, wäre verfehlt, da fehlt Strahlkraft.

Es stellt sich vielmehr bei hundert Millionen die Frage, was macht bei dieser Unterstützung den Unterschied zur lange bestehenden Existenzgründung im e.novum zum Beispiel.  Zeit für eine Bilanz, höchste Zeit für mehr Impulse, damit Lüneburg  nicht nur demografisch ein Wachstumsmarkt ist, sondern auch wirtschaftlich.

Das ist umso bedeutsamer, als die Anschubfinanzierung von außen, in diesem Fall von der Europäischen Union, künftig spärlicher ausfällt für die Region und auch der Millionen-schwere Inkubator der Uni ausgereizt ist.

Hans-Herbert Jenckel

6 Kommentare

  1. Lüneburgerin

    Ob Strahlkraft reicht? Deren Stromkosten müssen auch erarbeitet werden. Das wird der 100-Millionen-Bau des neuen Leuphana-Audimax in den kommenden Jahrzehnten schmerzhaft belegen.

    Wenn Sie sich anschauen, was im „Innovations-Inkubator“ auf dem Programm steht, dürfen Sie sich nicht wundern, dass Impulse für den Arbeitsmarkt ausbleiben.

    „Rund 60 Forscher beschäftigen sich mit dem sozialen und ökonomischen Wandel in der digitalen Kultur. Rund 70 Forscher entwickeln Ansätze für das Gesundheitssystem von morgen. Rund 40 Wissenschaftler erarbeiten Ideen für mehr ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit.“

    Was hier „produziert“ wird, sind „weiche“ Dienstleistungskonzepte und neben „Forschern“ der zweiten und dritten Generation, etc. beinahe ausschließlich mehr oder weniger hochqualifizierte „Berater“ und „Manager“.

    Aber wo sollen sie in Lüneburg beraten und managen, wenn die verarbeitenden und herstellenden Betriebe verschwinden?

    Dagegen führen die „harten“, nämlich Anwendungs- und Sachwissen vermittelnden Ingenieurwissenschaften im Studienangebot der Leuphana das Kümmerdasein von armen Verwandten, die man sogar gerne endlich ganz gehen sähe.

    Aber gerade das sind die Leute, die gebraucht werden: Ingenieure, Techniker, Handwerker und Programmierer, die vor allem gelernt haben, wie man gewerbe- und industrierelevante Ideen realisiert, sofern man welche hat, und erst an zweiter Stelle gelernt haben, wie man darüber redet.

    Wer wie Herr Spoun und seine politischen Service-Jünger immer noch an das Geschwätz aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts glaubt, mit Management-Exzellenzen, Marketing-Imperatoren und Berater-Eliten ließen sich arbeitsmarktpolitische Wunder auch außerhalb des Banken- und Mediensektors von Zürich, Tokio oder New York vollbringen, der wird am Ende ein Lüneburg voller Friseure hinterlassen, die zwar alle einen Leuphana-MBA besitzen, aber nicht mehr können, als sich gegenseitig die Haare nach dem letzten Schrei zu „stylen“. Und jeden Abend werden sie sich im längst nicht mehr beheizten Raum der Stille im Campus der Zukunft versammeln und darüber nachdenken, woher sie morgen ihre Fischstäbchen bekommen, wer ihnen übermorgen ihre Hosen näht und wie sie am Ende des Monats dafür bezahlen sollen.

  2. Lieber Herr Jenckel,

    der „Lüneburger Job-Motor“ stottert nicht. Es gibt ihn gar nicht. Wenn Herr Bernd Passier, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen, hervorhebt, ein arbeitssuchender Abscheidespezialist mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres säubere nun Frittenbleche, dann kommt er immer auf Wetterverhältnisse zu sprechen: „Einer der Gründe dafür war, dass der Frühling mit milden und sonnigen Tagen begann und so  anders als im letzten Jahr  die witterungsabhängigen Branchen und das Gastgewerbe Einstellungen vornahmen.“ Einer der Gründe! Komisch, dass Herr Passier die anderen Gründe nie nennt. Ihr Bild ist also falsch. Nicht reparaturfähige oder austauschbare „Motoren“ bestimmen das Geschehen am Arbeitsmarkt, sondern Klimaverhältnisse. Dass es um die nicht zum Besten steht, wissen ja nicht nur die Dämmstoffverkäufer und Nachhaltigkeitsmagier von der Leuphana. Andererseits bietet dieses Feld natürlich viel Raum für meteorologische Wätterschmöcker und Spökenkieker.

    Corinna Feltz beispielsweise, die neue Leiterin der Celler Arbeitsagentur, trifft ihre Prophezeiungen zur regionalen Job-Entwicklung stets anhand der Aktivitäten der Wühlmäuse und Maulwürfe auf dem Grünstreifen vor der Georg-Wilhelm-Straße 14. Die Größe und Häufigkeit der Maulwurfshügel spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Fellglanz und der Winterspeck. Ihr Vorgänger, Herr Hans-Jürgen Genz, hielt es dagegen mit dem Moosbewachs der Bäume und der Form der Tannenzapfen, mit Schneeschichten oder den Beinformen der Ameisen. Bei krummen Beinen steht ein schöner Sommer und ein günstiger Quotenverlauf ins Haus. Haben sie X-Beine, frage besser nicht.

    (Übrigens kann selbst Pickenpack eine „optimistische Einschätzung mit einer Ankündigung“ nicht „konterkarieren“. Das schöne Fremdwort bedeutet “hintertreiben” oder “durchkreuzen”. Das lässt sich nur mit Plänen oder Vorhaben machen, also der gedanklichen Vorwegnahme von Handlungsschritten, die zur Erreichung eines Zieles notwendig scheinen. Voraussagen oder Einschätzungen dagegen lassen sich allenfalls entwerten oder als das entlarven, was sie im Kern grundsätzlich immer sind: haltlos.)

    Drei Anmerkungen noch:

    1. Wenn Sie sagen, die Entlassung von 170 Pickenpack-Mitarbeitern „ist ein Schlag für den Lüneburger Arbeitsmarkt, den er nicht verkraftet“, ist das nicht Schwarzmalerei an der Grenze zur Apokalyptik? Ist jetzt wirklich alles endgültig vorbei? Der Lüneburger Arbeitsmarkt ist ausgeknockt bis zum Jüngsten Gericht? Woher wissen Sie das?

    2. Worin bestehen „die Parallelen“ zwischen der Reduzierung der Mitarbeiter bei Pickenpack, einem Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie, und dem „Niedergang des ehemals stolzen Bekleidungsindustrie-Standortes Lüneburg“? Führt hier nicht eine starke Lust an Degenerations- und Endzeitalarmismus Ihre Feder? Natürlich gibt es Ähnlichkeiten. Unternehmen, deren Auftragslage sich verschlechtert, entlassen Beschäftigte. Das ist für die Betroffenen in jeder Branche eine Katastrophe. Aber was daran ist „frappant“?

    3. Sie schreiben: „Die Lokalpolitik ist deswegen gefordert, mehr noch als bisher den Weg für junge Firmen in neuen Märkten zu ebenen, gemeinsam mit Kammern und vor allem der Universität.“ Was sind eigentlich „junge Firmen“, was „neue Märkte“? Sie haben´s mit dem „Juvenilen“ und den Frische-Etiketten, nicht wahr? Bekundet man mit dem Gebrauch dieser nichtssagenden Floskeln mehr, als seine Hilflosigkeit, die in ihrer Größe nur von dem Wunsch übertroffen wird mitzureden? Können „alte“ Firmen nicht auch innovativ sein? Und ist undenkbar, in bestehenden Märkten zu reüssieren? Was ist förderungswürdig, „zukunftsfähig“ und sollte „angeschoben“ werden? Das Neue oder das Richtige? Sie haben doch ganz korrekt dargestellt, dass von der Leuphana nicht sehr viel kommt. (2012 betrug die Bilanzsumme der Leuphana 160 Millionen Euro, 2011 die von e.novum 395 Tausend.) Höchste „Zeit für eine Bilanz“. Genau! Ein Anfang wäre gemacht, wenn man sich von der verquasten Prätentions-Rhetorik über vermeintliche „Perspektiven der Zivilgesellschaft“ lösen würde und nachschaut, wo was geleistet wird, wo was zu ändern ist und was wie unterstützt werden sollte, damit die Menschen in unserer Stadt und Region auch mittel- und langfristig Arbeit haben, ihr Leben leben können und willens und in der Lage sind, eine sustentationsabsorbierende Exzellenzeminenz wie die Leuphana zu finanzieren. Bei alledem gilt es, Ihren schönen, mittlerweile ja sprichwörtlich gewordenen Merksatz im Kopf zu behalten: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

  3. Mann, Herr Jenckel, was ist los ?? Da wird ein neues Verb (zu ebenen) kreiert, und auch Demonstrativpronomen scheinen unbekannt („Dass ist umso bedeutsamer“). Und ich wundere mich über die schlechten Diktate meiner Kunden…

  4. Tibor Rácskai

    Klasse Kommentare !

    Ich möchte ergänzen, dass 170 entlassene Pickenpack-Mitarbeiter wohl zuallererst „ein Schlag“ für die Entlassenen selbst und ihre Familien sind. Wie diese Menschen das „verkraften“, ist vielleicht auch einen Gedanken „der Lokalpolitik“ wert. „Den Lüneburger Arbeitsmarkt“ hat noch niemand stöhnen hören, weil er keinen neuen Job findet und seine Miete nicht mehr zahlen kann.

    „Hundert Millionen Euro“ eine „Anhäufung von Wissen“ zu nennen, finde ich beinahe genauso gelungen, wie die Vorstellung „zarter Pflänzchen“, die mit „Geld wachsen“.

    Mein Vorschlag: Die LZ vermittelt jedem Pickenpack-Gekündigten ein Häufchen solchen „Wissens“ und schafft den Uni-Leuten Wasser, Erde und Dünger ins Brutghehäuse !

    Danach singen alle gemeinsam: Super Zeitung – Super Zukunft – Supergeil.

  5. Sollte hier ein Kommentar von Ihnen fehlen, rufen Sie gerne an, wir schalten ihn frei.
    Leider haben wir von Fake-Adressen sehr viel Spam empfangen. Danke
    01520/1589996
    04131/740-290