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Das Denkmal muss weg: Lüneburger Erinnerungskultur

7.  Juli 2014

Erinnerungsorte wecken in Lüneburg nicht nur das Geschichtsbewusstsein, sondern auch die Streitkultur.

Reiter und Pferd auf dem Sockel im Clamartpark sind das beste Beispiel: Für die einen ist das Standbild ein reiterErinnerungsort der Dragoner,  für die anderen eine ärgerliche nationalsozialistische Hinterlassenschaft.  Ein Denkmal, das erklärt, ja verfremdet werden oder besser weichen sollte.

Es hat sich in der seit Monaten tobenden Debatte in engagierten Zirkeln erstaunlich viel Wissen um den Reiter angehäuft.  Doch bei aller Medienpräsenz – die Massen mobilisiert der Streit nicht, die meisten Lüneburger sehen da weiter nur einen düster dreinschauenden Reiter im möblierten Park.

Die Manzke Friedensstiftung legt nun einen Friedenspfad durch Lüneburg, entlang von Erinnerungsorten. Der Pfad führt auch zu diesem Dragoner.  Doch der Tag, an dem die Stiftung den Pfad im August eröffnen will, ist für Lüneburgs Antifaschisten der falsche.  Es ist der europäische Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Aber kann man an rechte und linke Gräuel  am selben Tag erinnern? Nein, sagen die Antifaschisten. Und sie reklamieren für sich den Vorsitz im Verein für  Deutungshoheit.  Egal, was ein europäisches Parlament abstimmt. Also: falscher Pfad, falscher Tag: Er spalte vielmehr, heißt es in offenen Briefen in Sorge.

landwirteDer Konflikt  kann auch weniger aufgeheizt verlaufen wie beim Ehrenmal für die gefallenen Landwirtschaftsschüler am Altenbrückerdamm. Das Gelände an den Bahngleisen wurde verkauft, ein Wohnkomplex wächst auf Sichtweite zum unauffälligen Steinkreuz. Der Investor möchte zwar eigentlich kein Ehrenmal  abreißen, aber auch nicht für den Unterhalt aufkommen. Hier gehen wirtschaftliche und womöglich auch ästhetische Fragen noch vor Political Correctness.  Noch. Denn auf dem Denkmal befindet sich eine Odal-Rune für Blut und Boden.

 

Der Streit könnte sich zuspitzen wie beim Fliegerdenkmal an der Lindenstraße.  Die fliegerletzte Adresse der umstrittenen Stele des Kampfgeschwaders, das unter der Legion Condor Guernica im spanischen Bürgerkrieg mit in Schutt und Asche bombte, liegt heute in der bewachten Theodor-Körner-Kaserne.  Dorthin,  um ein Grün gereiht, wurden schon einige Steine  mit vielschichtigem Konfliktpotenzial  abkommandiert. Der öffentliche Diskurs und die Deutung ist beendet, die Erinnerungsstücke sind archiviert, das Bild der Geschichte im öffentlichen Raum korrigiert.  Was räumen wir morgen vom Pfad der Erinnerung?

  Hans-Herbert Jenckel

 

 

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One comment

  1. Friedrich von Mansberg

    Mir scheint doch ein zentrales Anliegen des Friedenspfades zu sein, die Erinnerung eben nicht zu tilgen sondern auch kontrovers zu diskutierende Gedenkorte für eine breitere Öffentlichkeit erlebbar und erfahrbar zu machen. Dabei beschränkt sich der Friedenspfad eben gerade nicht auf das Gedenken an die in der Tat nicht relativier- oder vergleichbaren Verbrechen des NS-Regimes in Lüneburg, sondern versucht eine breitere Auseinandersetzung mit der militaristischen Geschichte Lüneburgs. In diesem Zusammenhang erscheint mir der 23. August durchaus ein passendes Datum zu sein. Weder dieses Datum noch der Friedenspfad fokussieren ausschließlich das dritte Reich. Es gibt Gedenktage wie -orte in Lüneburg, an denen speziell dieser Verbrechen gedacht wird, inklusive ihrer Singularität. Insbesondere der Standort der ehemaligen Synagoge erscheint mir hierfür geeignet. Es ist dringend zu hoffen, dass die Bemühungen, diesen Ort im Sinne eines solchen Gedenkens neu zu gestalten, bald vorankommen.
    Der Friedenspfad sollte Diskussionen ermöglichen und anregen, mit seiner Einweihung am 23. August werden diese hoffentlich erst beginnen. Der Friedenspfad ist aus meiner Sicht kein Versuch, Aufarbeitung oder Gedenken zu beenden sondern (immer wieder neu) zu befördern. In dieser Weise ist er vielleicht in der Lage, einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Lüneburg zu leisten.