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Audimax an Vizepräsident: Herr Keller, Sie sind umzingelt

 Lüneburg, 31. Juli

,,Da darf jetzt nichts mehr schiefgehen.“ Je nach Gemütslage kann man so ein Wort als Ansporn verstehen, als Drohung oder als Anzeichen eines unguten Gefühls in der Magengrube.

Das Wort stammt von Niedersachsens Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić. Mit ,,da“ hat sie den Libeskind-Bau auf dem Lüneburger Campus gemeint. Und damit liegt es nahe, dass es sich um ein ungutes Gefühl in der Magengrube der Ministerin handeln muss.

Denn im LZ-Interview zu Theaterfinanzen und Uni-Bau sagt die Ministerin in wenigen Zeilen noch mehr, was für diese Diagnose spricht: Sie kenne die Risiken und die Berechnungen. Und dann wirft sie unvermittelt mögliche Kosten von 100 Millionen Euro in die Runde, die seien nicht auszuschließen. Und das, obwohl nach der offiziellen Lesart der Uni zurzeit gut 72  Millionen zu Buche schlagen.

Offenbar hat die Ministerin den vertraulichen Bericht der Oberfinanzdirektion zum Libeskind-Bau noch gut in Erinnerung, die ,,nach wie vor noch unerkannte Lücken in der Planung“ vermutet. Die Kosten für so eine komplizierte Gebäudegeometrie seien „massiv unterschätzt“ worden.

In dieses Sorgen-Konzert der Finanzaufseher passen die anderen knappen Soloeinlagen der Ministerin: ,,Die Ausschreibung für einen Projektmanager läuft.“ Lüneburg befindet sich im Jahr drei nach Grundsteinlegung,  und es hatte sich eigentlich der Eindruck verfestigt, dass die Manager aus der Entourage um Vizepräsident und Geldakquisiteur Holm Keller am Werke sind. Dass es auch noch einen Controlling-Beirat gibt, wie die Ministerin berichtet, ist da nur noch eine Randnotiz.

Der Libeskind-Bau aus der Luft. Foto: boldt
Der Libeskind-Bau aus der Luft. Foto: boldt

Man könnte vermuten: Hier wird ein Sicherheits-Korsett um Chef-Planer Keller festgezurrt, um das ,,noch immer hoch ambitionierte Zeitfenster“ (O-Ton Heinen-Kljajić ) einzuhalten, damit die EU-Millionen auch fließen und nicht das Land die Zeche zahlt. Denn unweigerlich ist das Land hier eine Art Bürge, wenn die Uni-Kasse erschöpft ist. Auf der Leuphana-Homepage steht unter „Campus-Entwicklung“ immer noch: „Frühling 2014: Fertigstellung Rohbau Zentralgebäude.“ Wir haben August und fertig sieht anders aus. Ministerin Heinen-Kljajić verpackte das diplomatisch in ihre sprachlich anspruchsvolle Formel vom „hoch ambitionierten Zeitfenster“.

Das alles, wie gesagt, hat die Ministerin nicht wohldosiert in einem langen Interview über das Für und Wider des neuen Zentralgebäudes peu a peu eingestreut. Nein: 20 Zeitungszeilen, harmlos ans Ende eines Interviews zu Theater und Leuphana platziert, haben ihr für dieses Fazit gereicht.

Man könnte die Worte der Ministerin auch so interpretieren: „Herr Keller, Sie sind umzingelt. Ab jetzt hören alle auf mein Kommando.“ Denn wer die Musik bezahlt, sagt ja auch, was gespielt wird.

Hans-Herbert Jenckel

13 Kommentare

  1. Denn wer die Musik bezahlt, sagt ja auch, was gespielt wird.
    irgendwas kann hier nicht stimmen. wer hat denn schon bezahlt? die musik spielt aber trotzdem.

  2. ach ja, das andere soll ja durch wunder erwirtschaftet werden. es sollen doch noch gebäude verkauft werden. wer kauft die denn? hat da nicht jemand mit zitronen gehandelt? also ehrlich, wenn ich mit der nummer zu meiner bank gegangen wäre, als ich bauen wollte, hätten die mich glatt eingewiesen. ob dieser unfug methode hat? muss man bei einer uni beschäftigt sein, damit man mit sowas durchkommen kann? oder reicht das b-gen dafür aus?

  3. Das Theater Lüneburg hat insgesamt rund 160 fest angestellte Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit. Der Gesamtetat beträgt rund 8 Mio Euro.
    Einer Bilanzsumme von etwa 6.5 Mio € bei Umsatzerlösen von ca.1.4 Mio € und sonstigen betrieblichen Erträgen (inkl. Zuschüssen, Spenden und Zuwendungen) in Höhe von 6.5 Mio € plus Finanzerträgen von ca. 14 T€ stehen ca. 100.000 Besucher pro Jahr bei mehr als 400 Veranstaltungen pro Spielzeit in allen Spielstätten (Das Große Haus, Junge Bühne T.3, Studiobühne T.NT, Musikschule der Hansestadt Lüneburg, Gastspiele in der Region und sonstige Veranstaltungen) gegenüber. Das heißt, jeder Besucher zahlt durchschnittlich 14 € pro Jahr oder 3, 5 € pro Veranstaltung. Das Einspielergebnis (Verhältnis der Gesamtausgaben zu den theatereigenen Einnahmen ohne Zuschüsse in %) beträgt etwa 25 %. Das ist im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von ca. 18 % gewiss nicht schlecht. Trotzdem beträgt der „Betriebszuschuss“ pro Besucher pro Spielzeit im Theater Lüneburg im Mittel knapp 60 €, was bei über 100 € Zuschuss im Durchschnitt aller Theater im Bund ganz sicher auch beachtlich ist.

    Das Theater Leuphana Universität Lüneburg hat insgesamt rund 1.300 fest angestellte Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit. Der Gesamtetat beträgt rund 160 Mio Euro.
    Einer Bilanzsumme von etwa 165 Mio € bei Umsatzerlösen von ca. 3 Mio €, Studienbeiträgen von ca. 6 Mio € und sonstigen betrieblichen Erträgen (inkl. Zuschüssen, Spenden, Sponsorings, Auflösung Stiftungssonderposten, etc.) in Höhe von etwa 120 Mio € plus Zinserträgen von ca. 300 T€ stehen ca. 8.000 Besucher pro Jahr bei mehr als 1.200 Veranstaltungen (40 Studiengänge bei durchschnittlich 15 Semesterwochen) pro Spielzeit in allen Spielstätten (Scharnhorststraße, Volgershall, Rotes Feld, Sülztorstraße) gegenüber. Das heißt, jeder Besucher zahlt durchschnittlich 750 € pro Jahr oder 5 € pro Veranstaltung bei im Mittel 150 besuchten Veranstaltungen. Das Einspielergebnis (Verhältnis der Gesamtausgaben zu den theatereigenen Einnahmen ohne Zuschüsse in %) beträgt etwa 15,2 %. Das ist im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von ca. 14 % gewiss nicht schlecht. Trotzdem beträgt der „Betriebszuschuss“ pro Besucher pro Spielzeit im Theater Leuphana Universität Lüneburg im Mittel knapp 17.000 €, was bei etwas über 9.000 € Zuschuss im Durchschnitt aller Hochschultheater im Bund nicht ganz so beachtlich ist.

    Eine Frage für Liebhaber der Transformation quantitativen Datensalats in investorenaphrodisierende Exzellenzmenüs:

    In welchem der beiden Schauspielhäuser rechtfertigt die Qualität der Aufführungen die Höhe der Betriebssubventionen?

    • tja Bühnenleben, der mittelstand konnte schon immer gut für sich sorgen. die fähigkeit des jammerns ist dort besonders groß ausgebildet. die vertreter des mittelstandes innerhalb der politik haben immer ein offenes ohr, sie wollen ja genau von diesem wiedergewählt werden. lustig wird es immer, wenn diese klientel auch noch behauptet, sie würde dabei etwas für die sogenannte unterschicht tun. subventionen, die auf abwegen sind, finden selten ihre bestimmendes ziel.

  4. Sehr geehrter Herr Hans-Herbert Jenckel,

    mir ist nicht klar, was sie eigentlich sagen wollen.

    Gabriele Heinen-Kljajić, die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, ist seit dem 19. Februar 2013 im Amt. Seit 2003 ist sie Mitglied des Niedersächsischen Landtags und war dort von 2008 bis 2013 stellvertretende Vorsitzende und von 2010 bis 2013 auch Parlamentarische Geschäftsführerin von Bündnis 90/Die Grünen. Zugleich war sie Sprecherin für Wissenschafts- und Kulturpolitik und gehörte bis zu ihrer Inthronisation im Kabinett Weil zu den engagiertesten und lautstärksten Kritikern des am 19. Dezember 2007 in Hannover vorgestellten, in der Folgezeit vehement beworbenen, umfangreich beplanten und äußerst heftig umstrittenen und seit Frühjahr 2012 im Bau befindlichen Zentralgebäudes der Leuphana Universität Lüneburg.

    In der Zeit von Februar bis August 2013 hat die neue Wissenschaftsministerin sich in der Angelegenheit auffällig still verhalten, obwohl die seit langem bekannten Ungereimtheiten um die inferioren Finanzierungskonzepte des Neubaus in dieser Zeit geradezu tumultuarische Beben in der Presse, der deutschen Öffentlichkeit, unter Experten und in den Fachbehörden auslösten.

    Erst im August 2013 ging Heinen-Kljajic laut HAZ auf Distanz zu den Plänen der mit dem Projekt für jedermann offenbar vollkommen überforderten Uni-Gremien. Die gestiegenen Kosten schlugen ungewöhnlich früh zu Buche, fasste Heinen-Kljajic die republikweit bekannte desaströse Lage zusammen, gab aber dennoch zu verstehen, das Land werde sich nicht aus der Finanzierung zurückziehen. Der Uni-Vizepräsident Keller betonte, die Universität habe „ausreichend Vorsorge“ getroffen, um die Mehrkosten zu decken, sagte aber nicht wie. (Gravierende Fehler bei der Planung und Umsetzung des Bauvorhabens ….…sind inzwischen aus Sicht von Landesrechnungshof und Oberfinanzdirektion detailliert dokumentiert worden.)

    Seitdem brennt die Lunte und nähert sich bösartig zischend der Multi-Hekto-Millionen-Euro-Bombe, welche das munter, wenn auch viel zu langsam weiter wachsende Denkmal überkandidelter Reklamegläubigkeit darstellt.

    Ist es da ein Wunder, wenn Frau Dr. Heinen-Kljajić die kleine Lüneburger Sommertheaterbühne nutzt, um gespannte Zuschauer und Bürger aus dem am unruhigsten auf die Explosion wartenden Winkel des Landes Niedersachsen „peu à peu“ vorzubereiten, indem sie zunächst einmal nur „unvermittelt mögliche Kosten von 100 Millionen Euro in die Runde“ wirft, „obwohl nach der offiziellen Lesart der Uni zurzeit gut 72 Millionen zu Buche schlagen“? Hätte sie Ihrer Ansicht nach gleich mit 150 Millionen Euro herausplatzen sollen? Ein wenig mehr Sinn für dramaturgische Dosierungen beim Herausrücken schlechter Nachrichten dürfen Sie der Theaterfreundin Gabriele schon unterstellen. Auch gut getaktete Informationspolitik ist wichtig, damit bis zur finalen Überraschung „das noch immer hoch ambitionierte Zeitfenster eingehalten werden kann.“ (Wie man sich einen solchen Temporalverlauf vorzustellen hat, in den ein beseeltes Fenster eingebaut ist, das ehrgeizig nach Höherem strebt, während impersonale Luftkutscher es von Kursabweichungen abzuhalten versuchen, erfährt man bedauerlicher Weise nicht.)

    Auch wundert mich, dass es Sie nicht wundert, wenn die Wissenschaftministerin sagt: ,,Die Ausschreibung für einen Projektmanager läuft.“ Was denn? Der Kerl arbeitet noch nicht? Erst jetzt läuft die „Ausschreibung für einen Projektmanager“, der das Gemurkse abstellen und Klarheit in das Improvisationsgemanage mit fremdem Geld „um Chef-Planer Keller“ bringen soll? Erinnert einen das nicht sehr an das „Methodische Prinzip Hoffnung“ unseres früheren Innenministers Friedrich, Probleme würden sich durch Prokrastination erledigen?

    Und natürlich: „Man könnte die Worte der Ministerin auch so interpretieren: “Herr Keller, Sie sind umzingelt. Ab jetzt hören alle auf mein Kommando.”

    Man „könnte“, schreiben Sie ganz richtig.

    Denn eine Frau, die weiß, wie vorandrängende Fenster „eingehalten“ werden, die weiß auch, dass zwischen einem „Vizepräsidenten und Geldakquisiteur“ und einer Ministerin mit Solistenaspiration immer noch ein oberbefehlshabender Generalmusikdirektor sein muss, dem man den Kopf zwischen die Füße legen kann, wenn „da („Mit ,da‘ hat sie den Libeskind-Bau auf dem Lüneburger Campus gemeint.“) morgen doch noch was schiefgeht“.

  5. „Man könnte die Worte der Ministerin auch so interpretieren: “Herr Keller, Sie sind umzingelt. Ab jetzt hören alle auf mein Kommando.” Denn wer die Musik bezahlt, sagt ja auch, was gespielt wird.“

    Wenn das nicht ein Trugschluss ist. Als ob sich ein Herr Keller umzingeln liesse. Der Mann ……hat den nächsten Winkelzug schon längst vollzogen, wenn sich der Rest der Meute noch am Skandal von vorgestern aufhält. Was sollen ein Controlling-Beirat oder ein Projektmanager ernsthaftes bezwecken? Am Ende sind das zwei Mitesser mehr, die sich am Futtertrog „Libeskind-Bau“ bedienen dürfen und das ganze dadurch in Wirklichkeit nur noch teurer machen.

    Das einzige Gegenmittel. Die Ministerien muss endlich einmal ein klares Nein zu den Extravaganzen des Herrn Keller und der …. Unileitung hervorbringen. Solange sie sich nicht klar positioniert, wird es immer wieder Keller sein, der den Taktstock schwingt und auch das Ministerium nach seiner Musik tanzen lässt.
    (Gekürzt, Schmähungen gestrichen )

  6. Hallo Geyer-Muckel,
    ..………

    „Denn eine Frau, die weiß, wie vorandrängende Fenster “eingehalten” werden, die weiß auch, dass zwischen einem “Vizepräsidenten und Geldakquisiteur” und einer Ministerin mit Solistenaspiration immer noch ein oberbefehlshabender Generalmusikdirektor sein muss, dem man den Kopf zwischen die Füße legen kann, wenn “da“ („Mit ,da’ hat sie den Libeskind-Bau auf dem Lüneburger Campus gemeint.”) morgen doch noch was schiefgeht, – die weiß aber natürlich auch, dass „ein Controlling-Beirat und ein Projektmanager“ im Chaos, das ein präsidiales Duo ….…vor dem Hintergrund ortsüblicher Varianten konfuser Unzuständigkeiten in Sachen Luftschlossevaluation angerichtet hat, nichts „ernsthaftes bezwecken“ können.

    Wenn ich die Zeichen richtig deute, beginnen auf wissenschaftsministerieller Seite bereits die Vorbereitungen für den feuerwerkumleuchteten Opernschluss, der unter dem Zwischentitel „Zahlungsunfähigkeitsdämmerung“ in die Inszenierungsgeschichte hansestädtischer Gesamtkunstwerke eingehen wird. „Ein klares Nein zu den Extravaganzen des Herrn Keller und der …. Unileitung“ wäre für Frau Heinen-Kljajić da spielstrategisch unklug. Ist das dicke Ende auf der öffentlichen Bühne unausweichlich, müssen Sie sich so „positionieren“, als hätten Sie alles getan, es aufzuhalten. Wollen Sie, Herr (oder Frau) Geyer-Muckel, begreifen, was geschieht, müssen Sie sich den Versuch, die universitäre Moderne in Lüneburg mit den Mitteln magisch-avantgardistischer Reklametechniken einzuführen, einfach als theaterwissenschaftliche Experimentalanordnung vorstellen. Ein Tandem schauspielerisch hochbegater Katastrophenmacher demonstriert seinen Zuschauern den „modus operandi“ des populistischen Politikansatzes. Der besteht in der nur teilweise erlernbaren Fähigkeit, mit Hilfe konfabulierter Versprechungen an das dunkelste Agens lechzender Bedeutungsbedürftigkeit von kommunaladministrativen und landesparlamentarischen Standortaufwertungsenthusiasten zu appellieren: die heimliche Liebe der Unglücklichen zum spektakulären Untergang.
    (Gekürzt, Schmähungen gestrichen )

  7. Hintergrundmusik

    „Propaganda ist eine besondere Form der systematisch geplanten und methodisch betriebenen Massenkommunikation, die nicht informieren oder mit Gründen überzeugen, sondern überreden, bewegen oder überwältigen möchte. Dazu bedient sie sich in der Regel einer symbolischen, emotional aufgeladenen und ideologiegeprägten (Bild-)Sprache, welche die Wirklichkeit verzerrt, da sie entweder Informationen falsch bzw. einseitig vermittelt oder ganz unterschlägt. Ziel von Propaganda ist es, bei den Empfängern eine bestimmte gewünschte Wahrnehmung von Ereignissen oder Meinungen auszulösen, um dadurch die ihren Zwecken entsprechenden Wahrnehmungsdispositionen zu Einstellungen zu verstetigen, nach denen auch neue Informationen und Sachverhalte quasi reflexhaft immer wieder in den Kontext einer ideologiegeladenen Weltsicht eingebettet werden (Framing). Der Wahrnehmungsraum, in dem die Empfänger Informationen einordnen oder bewerten können, wird so durch Propaganda langfristig manipuliert.“ (Quelle: Thymian Bussemer, Propaganda. Theoretisches Konzept und geschichtliche Bedeutung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 2. 8.2013, URL: http://docupedia.de/zg/Propaganda)

    Lenin definierte 1901 in der Zeitschrift „Iskra” die „Presse als kollektiven Propagandist[en], Agitator und Organisator”. Verstanden wird Propaganda in „kommunistischer“ Sichtweise als Verbreitung eines ganzen, in sich geschlossenen Ideengebäudes, das von den „Gesetzmäßigkeiten der zivilgesellschaftlichen Entwicklung des kommenden Jahrhunderts handelt, die zwangsläufig in den Sozialismus als höchste Stufe einmünden“. Pressearbeit und Propaganda gelten als „Bindeglied zwischen Theorie und Praxis, als spezielles Mittel zur Neuausrichtung eines für die Welt neuen sozialen Universalmodells, in welchem sich die marxistischen Ideen materialisieren”.

    Auf ihrer „Hompage“ wird die Leuphana als „Universität für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, die „im Zuge ihrer Neuausrichtung (…) seit 2007 ein für Deutschland neues Universitätsmodell als Alleinstellungsmerkmal der Universität“ realisiert. „Grundlage für die Entwicklung der Leuphana ist ein Entwicklungsplan, der 2008 von Präsidium und Senat beschlossen wurde.“ Dort liest man: „Die mit der Entwicklungsplanung einhergehende Schwerpunktbildung zielt darauf, langfristige externe Unterstützung für die Universität zu erreichen“. (http://www.leuphana.de/ueber-uns/profil.html) Im Bereich News steht: „Presseinformationen stellen ein zentrales Medium für die Vermittlung der Themen aus Forschung, Studium, Weiterbildung, Kultur und Hochschulpolitik dar. Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit versteht sich als eine Dienstleistungseinheit, vermittelt Gespräche und Gesprächspartner, veranstaltet Pressekonferenzen und Führungen und berät die Mitglieder der Universität in Fragen von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.“ (http://www.leuphana.de/news.html)

    In den Vereinigten Staaten erschien im Herbst 2009 ein Buch, das, erkennbar noch vor Einsetzen der globalen Wirtschaftskrise geschrieben, die Entwicklung der Wissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten bis an ihr systematisches Ende zu denken versuchte: bis zum Verschwinden der traditionellen Zentralfigur des akademischen Lebens. „The Last Professors. The Corporate University and the Fate of the Humanities“ (Fordham University Press, New York 2008) heißt das Werk, verfasst wurde es von Frank Donoghue, einem Anglisten der Ohio State University.

    „Der Wettbewerb“, erklärt er darin, sei mittlerweile für die „Kultur von ebenso großer Bedeutung wie für die Wirtschaft. Dieser Wettbewerb schafft den grundsätzlichen Bedarf an allgemeinen Leistungsstandards, an verbindlichen, aber äußerlichen Normen, mit denen sehr unterschiedliche Arten intellektueller Leistungen gemessen werden.“ An die Stelle von Bürokratie und Berufsethik treten dabei ganz andere Regeln: Zielvereinbarungen, Kosten-/Nutzen-Rechnungen, Effizienzmessungen, Berichtswesen, Budgetierung, Benchmarking, kurz: die ganze Illusionsmaschinerien des sogenannten „Wissensmanagements“.

    Die Übertragung von unternehmerischen Verfahren auf die Wissenschaft veränderte die Universität von Grund auf: Sie verwandelte den akademischen Lehrer und Forscher, der zuvor in erster Linie sich selbst und der kollektiven Vernunft einer selbstregulierenden, unerbittlich rational urteilenden „Scientific Community“ verpflichtet gewesen war, in einen „Agenten“ seines Instituts. Sie etablierte Leistungskriterien, die den Forschungsgegenständen oft fremd sein müssen, sie entwertete den „Professor“ und ersetzte ihn durch den – oft nur befristet beschäftigen, immer seltener beamteten – Lehr- oder Forschungsbeauftragten. Und vor allem: sie löschte den intellektuellen Vorbehalt und dessen praktische Voraussetzung aus, die materiell und auf Lebenszeit gesicherte Distanz zu allen Verwertungsansprüchen, die mit der Freiheit der Wissenschaft verbunden gewesen war.

    In welchem Umfang ein akademischer Betrieb, der aus solchen Vorgaben hervorgeht, strukturell denselben spekulativen Charakter entwickelt wie die entfesselte Finanzwirtschaft, der er nachgebildet ist, geht aus einer ebenfalls 2009 erschienenen Studie über „Globale Eliten, lokale Autoritäten, Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co“ des Bamberger Soziologen Richard Münch hervor (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009).

    Die Errungenschaften stellen sich, so Münch, keineswegs nur als gesteigerte Effizienz dar. Vielmehr gehören dazu auch höchst imaginäre Dinge wie Quasi- oder Pseudomärkte, also ein erfundener Bedarf von erfundenen Abnehmern. Zu den Leistungen dieser Reform, die meist unter dem Namen „Bologna-Prozess“ figuriert, zählen darüber hinaus die Spaltung der Universität in wenige hervorragende akademische Einrichtungen und viele Lehrhochschulen, die „weitgehende Entprofessionalisierung“ der Professoren und ihre Verwandlung in „rationale Egoisten“ oder „rationale Opportunisten“, deren Verhältnis zur Wissenschaft vor allem instrumentell im Hinblick auf Geltung, Karriere und ökonomische Vorteile bestimmt ist. Als Konsequenz ergibt sich, dass es nicht mehr um Erkenntniszuwachs, sondern um Aufmerksamkeitsgewinne, wachsende Drittmitteleinwerbungen und anschwellende Publikationsaktivitäten geht. Die quantitativen Kriterien des Entertainment und der Popularität verdrängen die qualitativen der argumentativen Solidität und gedanklichen Substanz.

    Und schließlich begünstigt die Reform auch die Entstehung einer Kaste von wissenschaft-simulierenden „Marketingstars“, die im Verein mit Public Relations-Formaten wie Renommierarchitektur und einer Dauerbeschallung durch werbliche Selbstanpreisung helfen sollen, die Reputation einer Universität zu steigern, damit sie als möglichst globale „Marke“ funktionieren kann – wenn nötig, bei konsequenter Ignorierung fachlicher und nationaler Bildungstraditionen.

    Das der Wirtschaft entlehnte Verfahren, dem all diese Errungenschaften zu verdanken sind, heißt „New Public Management“ („NPM“). Wo die Prinzipien einer solchen Unternehmensführung herrschen, entsteht eine permanent der scheinbaren Effizienzprüfung unterworfene Sphäre, in der die Rechenschaftslegung und „Evaluation“ von Tätigkeiten einen solchen Umfang einnimmt, „dass die Tätigkeiten selbst von dem Zwang zur Berichterstattung und dem Aufwand der vermeintlichen Bewertung durch sachfremde Skalierung deformiert und überfrachtet werden“ (Richard Münch).

    Dieses System ist, wie der französische Historiker Christophe Charle in dem von ihm herausgegebenen Band „Les ravages de la ,modernisation‘ universitaire en Europe“ (Paris, Éditions Syllepse 2008) bemerkt, durch eine „paradoxe Kombination aus marktwirtschaftlicher Freiheitsrhetorik und einer nahezu totalitären Kontrolle“ bestimmt.

  8. hallo mein freund der vielen worte, in der kürze liegt die würze. ist man einsam, unterhält man sich gern selbst. gegen einsamkeit hilft es , die anonymität abzustreifen. glauben sie mir, sie werden post bekommen, sowas haben sie noch nie gelesen. viel spaß dabei.

  9. Klaus,

    Audi ist der Imperativ Singular von audire (zu Deutsch hören, zuhören) und bedeutet „Höre!“ oder „Horch!“. (Sagt Ihnen das was?)*

    Anstatt anderen persönlich durchlebte Einsamkeitserfahrungen anzudichten und Ihnen Maßnahmen zu empfehlen, die vielleicht in der Agnes-Miegel-Straße in Reppenstedt weiterhelfen, sollten Sie sich lieber Gedanken darüber machen, wie (und sich dafür engagieren, dass) der „Gummiparagraph“ 266 dStGB**, der den Straftatbestand der Untreue beschreibt, so reformiert wird, dass einer strukturellen Unterveranschlagung von öffentlichen, aus Steuermitteln bezahlten Bauprojekten strafbewehrt vorgebeugt bzw. eine solche strafbewehrt vermieden werden kann, indem etwa der Bauherr gesetzlich gezwungen wird, VOR der Bewilligung vollständig und verbindlich alle notwendigen Veranschlagungsgrundlagen, Kostenberechnungen und mögliche Kostenrisiken bzw. Kostensteigerungen unter anderem durch umfassende und nachvolziehbare Erläuterungen zum Finanzierungsplan-Entwurf in allen Einzelheiten schriftlich und rechtlich bindend darzustellen und die bewilligenden Behörden und Instanzen gesetzlich gezwungen werden, nur auf der Grundlage geprüfter und erwiesener Vollständigkeit zu entscheiden, und indem die Deckungsfähigkeiten und die Höhe der Verpflichtungsermächtigungen zur Vermeidung einer Mittelillusion erheblich beschränkt bzw. abgeschafft werden.

    ** Der § 266 dStGB lautet:
    „(1) Wer die ihm durch Gesetz, behördlichen Auftrag oder Rechtsgeschäft eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen oder einen anderen zu verpflichten, mißbraucht oder die ihm kraft Gesetzes, behördlichen Auftrags, Rechtsgeschäfts oder eines Treueverhältnisses obliegende Pflicht, fremde Vermögensinteressen wahrzunehmen, verletzt und dadurch dem, dessen Vermögensinteressen er zu betreuen hat, Nachteil zufügt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) § 243 Abs. 2 sowie die §§ 247, 248a und 263 Abs. 3 gelten entsprechend..“

    * Unternehmensgründer August Horch, der die A. Horch & Cie. Motorwagenwerke Zwickau nach Zerwürfnissen mit dem Finanzvorstand 1909 verlassen hatte, suchte einen Namen für sein neues Unternehmen und fand ihn im Vorschlag eines Zwickauer Gymnasiasten, der Horch ins Lateinische übersetzte.

    • ich kann sie ja so gut verstehen. unsere rechtsprechung hat sich als das herausgestellt, was sie in wirklichkeit ist. eine eigene welt und zwar nur für die reichen. ecclestone hat es bewiesen. aber was ist mit ihnen? was hat die arme agnes miegel damit zu tun? hat die nicht gedichte für eine bestimmte klientel geschrieben? horch was kommt von drausen rein,
      Sagt mir, Leute, ganz gewiß – Hollahi Hollaho
      Was das für ein Lieben ist – Hollahi jaho
      Die ich liebe, krieg ich nicht – Hollahi Hollaho
      Und ’ne andre mag ich nicht – Hollahi jaho
      verfasser soll unbekannt sein. gesetze die so sind , wie sie sind, wurden nie vom volk gemacht, aber sie werden im namen des volkes ausgesprochen. wer kann das ändern?

  10. Der Über-Bau-Herr

    « Holm Keller hat ein Haifischlächeln », heißt es in dem lesenswerten, gestern online gestellten Zeit-Porträt des „des hauptberuflichen Vizepräsidenten der Leuphana Universität Lüneburg“:

    Link: http://www.zeit.de/2014/31/leuphana-universitaet-lueneburg-libeskind/komplettansicht

    Weiter heißt es:

    « „Stadt, Landkreis und alle Fraktionen im Landtag sind längst zu Mitspielern geworden“, sagt der ehemalige Leuphana-Professor Jörg Ziegenspeck. Ziegenspeck ist mit seiner Frau auf Segelreise und hat viele Kilometer zwischen sich und Lüneburg gelegt, doch wenn der Name Keller fällt, ist er wieder mittendrin im Frust. Millionen seien mit dem Libeskind-Bau in den Sand gesetzt worden. „Der Uni-Lüneburg stehen zwei Herren vor, die mit Menschen, Geld und wissenschaftlichen Ressourcen nicht umgehen können.“ Das Präsidium habe alle geblendet. „Politik, Lokalmatadore und die Dozenten und Studierenden.“

    (…)

    Bleibt die Frage: Warum verschlägt es einen wie Keller, der in der Wirtschaft viel Geld verdient hat, ausgerechnet nach Lüneburg?

    Auch im Umfeld von Keller hat niemand eine Antwort darauf. Er habe seinem Freund Spoun helfen wollen, sagte Keller einmal in einem Interview, doch diese Aussage dürfte zu kurz gefasst sein. Es wird Keller gereizt haben, eine Art Heidewunder zu bewirken, zugleich aber sein Netzwerk durch wechselseitige Gefälligkeiten weiter zu stärken. »

    Ob das wirklich die ganze Antwort ist?

    Oder „bleibt die Frage“ ?