Aktuell
Home | Blog.JJ | Erst kommt der Gutachter, dann der Supermarkt

Erst kommt der Gutachter, dann der Supermarkt

Lüneburg, 8. August 

Im Mittelalter hatten Zünfte Gebietsschutz, da konnte nicht jeder nach Gutdünken eine Bude aufstellen und loslegen. So war zum Beispiel die Zahl der Schlachterstände am Lüneburger Schrangenplatz so begrenzt, dass alle ihr Auskommen hatten. Geschichte. Die Hansestadt Lüneburg nun greift seit geraumer Zeit in diese Traditionskiste und präsentiert eine Art „Gebietsschutz light“ für Supermärkte.

Denn Grundlage neuer Märkte ist immer ein Gutachten, ob genügend Nachfrage da ist. Wo immer solche Konsum-Konglomerate entstehen, in denen es nicht nur Wurst, Käse und Gemüse, sondern nebenan auch Chappi und Wiskas, Schuhe zum Dumpingpreis und Bettdecken im Dauerausverkauf gibt, sind als Herolde die bezahlten Gutachter am Werk. Und deswegen sind nicht nur Supermärkte eine sichere Sache, schließlich ist der Bedarf per Expertise belegt, sondern auch das Planen verspricht über Gutachten prima Renditen.

Erst kommt der Gutachter, dann langes Reden in der Politik, dann die bange Frage, ob der Bürger etwa Bedenken anmeldet. Das tut er mit schöner Regelmäßigkeit wie jetzt an der Bleckeder Landstraße. In der Nähe soll ein Einkaufsparadies für Neubürger im Hanse-Viertel entstehen. Hat der Gutachter empfohlen. Zugleich könnten im Dunstkreis des Hanse-Viertels ein Drogist und ein Discounter verlegt werden. Ein bisschen Entzerrung, ein bisschen Expansion halt. Nur die kleinen Geschäfte in der Nähe, die könnte es die Existenz kosten, weil die Publikumsmagneten wegziehen.

Doch trotz aller Studien bestehen da gewisse Unsicherheiten: Lockt so ein neuer Markt plötzlich mit supergeilen Preisen und Waren mehr Kunden als gedacht an und wildert in Nachbar-Revieren? Oder ist er so ausgesucht teuer oder die Bedienung so schlecht, dass man doch lieber einen Kilometer weiter fährt? Lauter Fragen, die schnell aus einem Gutachter einen Kaffeesatzleser und aus einer Studie eine Milchmädchenrechnung machen können.

Unterm Strich bleibt das Lamento über den Niedergang der Tante-Emma-Läden an der Ecke, die doch Stadtteile erst so richtig pittoresk werden lassen. Wo der moderne Bürger zweimal im Jahr einkehrt, den Liter Milch kauft, den er im Supermarkt vergessen hat, danach von der Kaufmannsladen-Romantik schwärmt und davon, dass weniger doch manchmal auch mehr sei. Nur diese Preise, also diese Preise, wenn nur diese Preise nicht wären. Der Bedarf ist da – zweimal im Jahr. Das ist kein Gutachten wert und ernährt den Kaufmann nicht. Und so sieht’s in neuen Stadtvierteln in einer Ecke immer mehr nach einem monotonen, aber lukrativen Gewerbegebiet als nach urbaner Gemütlichkeit aus.

Hans-Herbert Jenckel 

 

4 Kommentare

  1. aldi hat die tante- emmaläden platt gemacht. upps, wurde gar nicht bemerkt, der preis war so schön niedrig. gibt es wichtigeres?

  2. Ein Wort zur Sache

    Meine sehr verehrten Damen, meine sehr verehrten Herren, und hier darf ich, glaube ich, auch sagen: liebe Freundinnen und Freunde! Ohne jeden Zweifel ist es mir an diesem, dem heutigen Tag – das sage ich ganz offen – nicht leichtgefallen, zu euch zu sprechen. Ich sage aber auch frei heraus und auf die Gefahr hin, dass ich mir damit keine Freunde mache, dass ich gerne auf diese Kommentarseite der LZ gekommen bin. Und gestatten Sie mir hinzuzufügen: auf eine Seite an einem der schönsten Orte dieses Landes.

    Oft kommen Menschen in meine Sprechstunde, erst kürzlich wieder ein Bäckermeister, der noch selbst in der Backstube steht, und fragen mich: Wie machen Sie das? Wer mich kennt, und wenn ich so in die Reihen schaue, dann sehe ich einige bekannte Gesichter, der weiß: So bin ich, und ich schäme mich nicht dafür. Deshalb, liebe Freundinnen und Freunde, lasst uns hier und heute keinen zurücklassen und den Blick in die Zukunft richten. Jogis Jungs haben es doch vorgemacht. Was wurde da nicht geschimpft nach dem Algerien-Spiel, das ich mir zusammen mit meiner 98 Jahre alten Oma angeschaut habe. Mit Verlaub: Das gehört sich nicht!

    Ich gestehe, meine Mitarbeiter sagen manchmal zu mir: Warum tust du dir das an? Da sage ich: Nicht nur ich, wir alle tun uns das an! Der Friseur, der Döner-Verkäufer, der hier seine Steuern zahlt, die alleinerziehende Mutter, die morgens um sieben ihrer Tochter das Pausenbrot schmiert. Und ja, liebe Väter: auch der alleinerziehende Vater! Es wäre doch noch schöner, wenn man sich in diesem Land dafür auch noch entschuldigen müsste!

    Sie können mir glauben, so, wie ich hier und heute hier schreibe: Auch mir fällt das nicht immer leicht. Und ja, natürlich würde man es sich manchmal anders wünschen. Aber, meine lieben Freundinnen und Freunde: Kommentieren und Leserbriefe abfassen ist kein Wunschkonzert! Sondern das Bohren harter Bretter, wie es mal ein schlauer Mann gesagt hat. Ja, die Wahrheit ist nicht immer bequem. Aber genau das ist es doch, worauf es jetzt ankommt! Das wollen wir schaffen, und wenn ich mich hier umschaue, dann bin ich sicher: Das werden wir auch schaffen!

    Wissen Sie, ich musste in letzter Zeit oft an meinen Großvater denken, der im Weltkrieg war und trotzdem nie geklagt hat. Der ist für ein Stück Seife dreißig Kilometer barfuß in die nächste Stadt gelaufen. Viele von uns haben so einen Opa. Und ich sage auch: Wir alle können dieser Opa sein!

    Meine lieben Freundinnen und Freunde, lassen Sie uns in diesem Sinne heute noch ein bisschen zusammensitzen und grübeln. Ich habe Zeit mitgebracht – und wünsche guten Appetit und angeregtes Nachdenken!

  3. Gutachtersupermarkt

    Die CIMA ist ein Unternehmen des umtriebigen Dichters, Weltweisen und Polyhistors Roland Wölfel aus dem Stadtteil Reuth in der Großen Kreisstadt Forchheim im Süden des Regierungsbezirks Oberfranken am Main-Donau-Kanal. Mit einer Bilanzsumme von etwa 2.5 Millionen €, beschäftigt es ca. 70 Mitarbeiter und unterhält sieben „Bürostandorte im gesamten (!) Bundesgebiet“ und einen in Österreich: in München, Stuttgart, Forchheim, Köln, Leipzig und Lübeck, in Ried im Innkreis die CIMA Österreich GmbH und in Hannover das CIMA Institut für Regionalwirtschaft GmbH. Das Hannoveraner Institut mit Herrn Uwe Mantik als Geschäftsführer ist – wie alle anderen Standorte auch – ein Ableger der Münchner CIMA Beratung + Management GmbH, mit – eben – Herrn Dipl.-Geograph Roland Wölfel und – immer drei Schritte hintendran – Herrn Dipl.-Bw. Mario Mensing als Geschäftsführern.

    Seit 1988 ist die Firma „im deutschsprachigen Raum in der Kommunal- und Regionalberatung“ unterwegs und ist „spezialisiert auf die zukunft von stadt und land“. Diese auf den ersten Blick nicht ganz unbescheiden großflächige, um nicht zu sagen globalflächige, den Erdball (und seine eventuell bewohnbaren Nachbarplaneten) umspannende „Spezialisierung“ spiegelt sich in „tiefgreifenden Kompetenzen“ und „fundierter Expertise“ auf folgenden Gebieten: Quartiere, Geschäftsstraßen, Stadtmarketing, Citymarketing, Regionalmarketing, Einzelhandelskonzepte, Verträglichkeitsgutachten, Nahversorgung, Handelsforschung, Gewerbeflächenentwicklung, Standortmarketing, Technologieförderung, Stadtplanung, Ausschreibungsverfahren, Wettbewerbe, Bürgerbeteiligung, Regionalentwicklung, Markt- und Standortanalysen, Personalberatung, Kulturwirtschaft, Tagungs- und Kongresswirtschaft, Freizeitwirtschaft und Veranstaltungen jeder Art und Größe.

    Mit 70 Mitarbeitern bundesweit besitzen die „praxisorientierte Umsetzungsberater“ der CIMA also eine „Spezialisierung“ auf praktisch jedem Gebiet der Kommunalverwalung als da wären Citymanagement, Marketing, Einzelhandel, Wirtschaftsförderung, Stadtentwicklung, Regionalwirtschaft, Immobilienentwicklung, Organisationsberatung, Tourismus und Kulturmanagement.

    Die „Produktbereiche“ dieses universellen Spezialistentums generalisierter Fachkennerschaft hat man „Stadt- und Regionalentwicklung“, „Strukturpolitik und Förderprogrammevaluierung“, „Demografie- und Beschäftigungsprognosen“, „Standort-Management“ sowie „Qualifizierung und Bildungsökonomie“ bzw. „Zukunftskonzepte und Trends und Geschäftspotenziale für Banken und Versicherungen“ getauft. In ihnen hält man nicht bloß „strategische Antworten auf den demografischen Wandel“ und „Strategien zur Finanzierung strukturpolitischer Projekte (z. B. Fondsmodelle)“ bereit, nein, „das Angebot umfasst“ sogar „Prognosen zur Bevölkerungs-, Haushalts- und Beschäftigungsentwicklung auf den unterschiedlichen räumlichen Ebenen“. Außerdem sind einerseits „besondere Kompetenzen für die Erstellung von regionalen Branchenanalysen, Netzwerkanalysen und Clusterkonzepten, für die Konzeption einer Wirtschaftsförderungsstrategie und -organisation, der Wissensvernetzung und dem Netzwerkmanagement sowie die Entwicklung von Förderstrategien, Regionalfondskonzepten etc. vorhanden“ und es werden „andererseits strategische Konzepte der Fachkräftesicherung bzw. zur Bekämpfung des Fachkräftemangels mit dem Schwerpunkt auf KMU entwickelt“, wobei man „im Aufbau von Netzwerken, die sich auf die Implementierung von Angeboten des berufsbegleitenden Studiums (Offene Hochschule) beziehen“, ebenfalls „Erfolgskritisches“ zu leisten vermag. „Regionale Kreditinstitute und Versicherungen werden bei der Identifikation von Marktpotenzialen und bei ihrer geschäftsgebietsbezogenen Strategiefindung“ sehr konkret „unterstützt“, indem „u. a. ökonomische und soziale Veränderungen im Geschäftsgebiet von Finanzdienstleistungsinstituten analysiert“ und, falls gewünscht, „die demografischen und ökonomischen Daten mit Kundendaten der Institute verknüpft werden, um zielgerichtet Kundenpotenziale abzuschätzen“ und zu „heben“. Bei alledem berücksichtigt man selbstverständlich immer umfassend den allgemeinen weltweiten „technologischen, qualifikatorischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel“, der – wie man zu wissen glaubt – auch „für Kommunen, Unternehmen, Kreditinstitute sowie Kammern und Verbände“ nicht ohne Bedeutung ist – selbst „vor Ort“ nicht.

    In Kenntnis einer solchen Fülle einschüchternder Sonderfähigkeiten und Höchstbegabungen, die den „Forschern“ seiner Zukunftswerkstatt in derartig großmäuliger Schamlosigkeit zuzuschreiben selbst einem Herrn Spoun noch nicht eingefallen ist, wen wundert es zu hören, die „Gutachter“ von der Cima Beratung und Management GmbH, die sich unser Städtchen (naja, zumindest das Hanseviertel und das „Einzelhandelsentwicklungs- und Zentrenkonzept des Bauausschusses“) für teures Geld genauer angeschaut haben, hätten herausgefunden „die Ansiedlung eines Lebensmittelmarktes mit maximal 1800 Quadratmetern“ sowie die Verlagerung von Aldi und Rossmann aufs Lucia-Gelände würden „für zukunftfsfähige Strukturen im Hanseviertel sorgen“, wo bald 700 Wohneinheiten für 1500 Einwohner stehen werden, diese An- und Umsiedlungen seien „verträglich“ und der Neubau von Wohnungen auf den dann freigewordenen Flächen an der Bleckeder Landstraße habe den positiven Effekt, dass es “zusätzliche Kaufkraftpotenziale für das Nahversorgungszentrum Hanseviertel sowie für den Standort Lucia-Gelände” gebe?

    Was denn? Die Anbieter in gesättigten Märkten lassen sich nieder, wo sie ihre Kunden vermuten? Pfiffen Adam Smith, Heiko Dörbaum und idb-Leiter Uwe Prigge das nicht schon vor drei Jahren von allen Dächern?

    Bei ihrer Befragung von Geschäftsleitung und Mitarbeitern bei Aldi und Rossmann haben die gutbezahlten Gutachter noch was ganz Erstaunliches herausgefunden: Die Umsiedlung ist gewünscht. Ich hätte zwar gern gewusst, was die Passanten aus Neu Hagen den Cima-Leuten erzählt hätten, wenn die vor dem Blumenladen “blütenreich” an Bleckeder Landstraße 45 interviewt worden wären, aber das ist jetzt wahrscheinlich zu kompliziert gedacht.

    Auch neu: Wer in den Außenbezirken einkauft, kommt meist mit dem Auto. Oder: Wer in die Innenstadt geht, will oft nur bummeln, ins Café oder in eine Gaststätte oder zum Arzt. Ihr Leut, wer hätte das gedacht!

    • tja, so ist das mit den sogenannten experten. sie spielen gern den,, mann,, für alle fälle. hat bestimmt was mit ökonomie zu tun. dumm ist immer nur, wenn diese herrschaften sich irren. haftung gleich ausgeschlossen. oder hat schon eine gemeinde damit mal erfolg gehabt? dieser gutachterwahn hat doch bestimmt einen grund, oder? angst vor verantwortung vielleicht? oder selbst zu faul zum denken? ob es was bringen würde, wenn es bei wahlen nur direktmandate geben würde? der bürger könnte sich dann vielleicht gedanken um die kompetenz seiner vertreter vor der wahl machen. ob das erwünscht ist?