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..und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, wie es war

Lüneburg, 19.August

Ich heiße St. Florian. Ich weiß, die Welt dreht sich. Nur bitte nicht vor oder hinter meinem Gartenzaun. Mein Nachbar sieht das übrigens auch so.

Ach, gäbe es doch so eine Zusage verbrieft, sie würde jetzt den Frieden auch in Adendorf sichern. Dort hat der Sportverein sich aus der Schuldenfalle befreit, indem er eine Brache und einige Tennisplätze verkauft hat. Eine Sportart, die den Boom seit Bum-Bum-Boris-Zeiten hinter sich gelassen hat. Neuer Eigentümer des Geländes ist der Mann, der schon den angrenzenden Golfplatz und ein Luxushotel im Ort samt Resort aufgezogen hat.  Es liegt der Verdacht ganz nahe, dass der Investor noch ein Filetstück gekauft hat, um weiter Mauersteine einzulochen. Haus für Haus.

Diese Sorge treibt Anwohner um, die in den Neubau-Gebieten am Golf-Areal – zurzeit begehrte Ortsrand-Lage –  eine neue Heimat gefunden haben . Eine Protest-Unterschriftenliste liegt dem Bürgermeister bereits vor. Gerüchte über Kungelei, Ruhestörung und Umweltsünden machen die Runde.

Gut, das Baugebiet der Betroffenen gehört nun nicht zu dem, was man als Alt-Adendorf  bezeichnen könnte.  Der Dorf-Ursprung reduziert sich eigentlich auf eine Kapelle und eine Zeittafel.  Aber  jetzt  gilt es, die Reste des Dorfes und die Natur zu schützen.  Warum kann es nicht so bleiben, wie es ist, wie es war? Das haben ältere Adendorfer schon beklagt, als der schöne Gutspark in lauter Baugruben verwandelt wurde.

Hätte sich der leicht erregbare Homo Furibundus in der Heide eher flächendeckend vermehrt, müssten die Adendorfer dem Park nicht nachweinen. In Lüneburg stünden noch die MTV-Halle am Handwerkerplatz und das alte Badehaus am Kurpark. Ostumgehung und A 250 wären als Wahnsinn im Proteststurm untergegangen. Dafür könnten die Lüneburger in Blechlawinen auf der B4 nach Hamburg fahren oder auf der alten Umgehungsstraße am Lösegraben stehen und stundenlang übers Verkehrschaos räsonieren. Weil das jetzt echt nicht so weitergehen kann.

Viele von denen, die heute gegen Verkehrslärm, Windkrafträder und Neubauten zu Felde ziehen, sind kampferprobt: Vor Jahrzehnten haben die Hartnäckigsten im US-Parka mit Inbrunst  „HoHoHo Chi Minh!“ skandiert, oder über den Marsch durch die Institutionen philosophiert, der dann doch im Rotary Club oder im Vorgarten endete. Und sie haben Hannes Waders Hymne ,,Heute hier, morgen dort“ gesummt – als Ausdruck ihrer Motive. Inzwischen will ihnen die letzte Zeile des Refrains partout nicht mehr einfallen:

  So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war. 

Hans-Herbert Jenckel

 

9 Kommentare

  1. und täglich grüßt das murmeltier. vorsicht ist die mutter der porzellankiste. Viele von denen, die heute gegen Verkehrslärm, Windkrafträder und Neubauten zu Felde ziehen, sind kampferprobt. welch ein glück. wie ist das mit der erkenntnis? darf der mensch sie noch haben, oder soll er diese auf dem kapitalmarkt preisgeben?

  2. Gerne woanders. Meinetwegen beim Nachbarn. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen – aber nicht bei mir.
    Ja, ja. Die 68-ziger und die kurz davor und danach. Der Vietnamkrieg hat auch viel verändert. Nicht nur in der Region, sondern in der Weltpolitik insgesamt. Wie mögen sie Heute darüber denken?

    Nun sind sie selbst etabliert. Haben genügend Einkommen, um sich ein Eigenheim leisten zu können und vielleicht den ein oder anderen SUV in der Garage oder im Carport. Vielleicht nicht die Nobelmarke (oder vielleicht doch?), aber ein Volvo oder Kia und ähnliches. Man kuschelt jetzt in den gesellschaftlichen Schichten gegen die man früher demonstriert hat. Ist ja auch gemütlich und angenehm. Es bleibt eben nichts wie es war. – Übrigens super geschrieben der Kommentar.

  3. Der Zorn der Adendorfer richtet sich weniger gegen die Bebauung, sondern viel mehr gegen eine Kungelei zwischen dem TSV Vorsitzenden (ehem. Adendorfer Bürgermeister, SPD), dem Adendorfer Bürgermeister (SPD) und dem allerorts sympathisch ankommenden Baumeister Adank. Insofern ist Ihr Einwurf, Herr Jenckel, völlig neben der Spur. Dennoch nett zu lesen

    • Schade ist es, dass niemand in Adendorf nachfragt, 1.) ob Herr Pritzlaff nicht vor dem Adank-Verkauf auch eine andere, eine kleine Lösung versucht hat, um an frisches Geld für den verschuldet Verein zu kommen. Vier Baugrundstücke sollten es sein, heißt es. Aber der Versuch wurde blockiert. Von wem nur? 2.) Wem hat eigentlich auch Gelände an der Chaussee gehört, das heute schon bebaut ist und wo die Eigentümer aus vielen, auch nachvollziehbaren Gründen, eine weitere Bebauung verhindern wollen. Etwa auch dem TSV Adendorf? Einfach mal nachfragen in der Gemeinde. LG

  4. Also, mein Parka kam aus Beständen der Bundeswehr (natürlich stonewashed und mit abgetrennter Deutschlandfahne), und Hannes Wader habe ich immer gehasst. Ich habe in der Bäckerstraße den Arbeiterkampf verkauft, bin aber trotzdem heute Eigenheimbesitzer mit Vorgarten. Ist das jetzt verdammenswert ?

    • Machen Sie sich keine Sorgen. Das ist überhaupt nicht verdammenswert, das ist der Gang der Dinge. Und wenn einem was nicht gefällt, kann man das hier zum Glück auch ganz direkt und schlicht so sagen und muss nicht, um sein Unbehagen, ausgelöst durch drohende Ruhestörung, zu bemänteln, in der Argumenten-Kiste kramen.

      • Womit habe ich denn Ihren Unmut erregt ? Ich wollte mich nur auf die Phrasen beziehen, derer Sie sich bedienen, um die „Wutbürger“ zu diskreditieren. Sie waren sicher auch einmal linker einzuordnen als dann als Stadtsprecher oder Schreiberling in der Provinzpresse…. Im Übrigen haben Sie recht mit Ihren Beispielen, vieles, was wir schätzen, wäre heute kaum noch durchsetzbar. Aber Sie müssen auch erkennen: Hätte es in Lüneburg keine Bürgerinitiativen gegeben, hätten wir heute keinen Wasserturm mehr und keine Altstadt.

  5. Es ist gewiss schön, wenn man Freunde hat und etwas für sie tun kann. Doch sollte man als Trendforscher und Glossist aufpassen, dass man nicht ungewollt mehr herschenkt als bloß eine Stellungnahme.

    Im Handbuch der Phraseologie wird der durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Abklatsch in Sprach- und Gedankenklischees eingeteilt. Gemeinsam ist beiden, dass sie zur Anwendung kommen, weil sie den Komfort der Mühelosigkeit mit der Aussicht auf leicht erreichbare Zustimmung vereinen.

    „Wutbürger“ und „Tugendterror“, die begrifflichen Markierungen von sozialtherapeutisch getarnten Besitzstandswahrern und partizipatorisch verkleidetem Schrebergartenegoismus als „eigentliche“ Erbschaft von „Protestgeneration“ und „Alternativkultur“, sind solche ausgelutschten Worthülsen, mit denen der Ekel, der es gerne einfach hat, nun schon seit Jahren hausieren geht, weil er nicht den Mut hat, von „defätistischen Schmeißfliegen“, „abweichlerischer Volksgeistzersetzung“ und „antidemokratischen Aufrührerparasiten“ zu sprechen.

    Ja, es mag auch Reaktionäres in den Initiativen erregter Bürger stecken. Reaktionär insofern, als sie insgeheim von einem glühenden Misstrauen gegenüber dem Parlamentarismus und den demokratischen Institutionen geprägt sind, die politische Teilhabe strukturieren. Offenkundig ist mittlerweile viel Sinn für die formalen Aspekte von demokratischen Verfahren der Entscheidungsfindung verloren gegangen: Man möchte sich auch nicht in den Niederungen der Parteien engagieren, sondern den Meinungsbildungsprozess in „Bürgerbefragungen“ abkürzen. Man möchte keine Regierung mehr, die auf diskrete Kommunikation angewiesen ist, sondern feiert „Transparenz“ und die urwüchsige Graswurzelunmittelbarkeit, die vermeintlich über Befragungen und Akklamation auf direktem Weg zu den unverfälschten Wünschen der Gemeinschaft vordringt. Nicht zu Unrecht vielleicht warnte Theodor Heuss, Volksentscheide und „Direkte Demokratie“ seien Prämie und Einfallstor für jeden Demagogen.

    Das alles sollte nicht übersehen werden. Aber es sollte von einem scharfsichtigen Porträtisten des Heide-Milljöhs eben auch nicht übersehen werden, welch ein Echo an Gehässigkeit, Klatschsucht, Verleumdung und Verrat, Dünkel, Besserwisserei und Aufgeblasenheit, an Bereitschaft zu autoritätshörigem Opportunismus, geistigem Mitläufertum und selbstgerechtem Konformismus in der pauschalen Diffamierungsformel vom „leicht erregbaren Homo Furibundus“ widerhallt. (Dürfen wir in der Latinisierung dieses abgeschmackten Stereotyps die Spur des schlechten Gewissens erkennen, auf dessen Einrede in vollem Umfang zu achten der ansonsten gelungenen Skizze bestimmt besser bekommen wäre?)

    Jeder – auch in Adendorf und auch wenn es den Oscars dieser Welt nicht gefällt – hat das Recht, nach seiner Façon mit St. Florian zu „kommunizieren“, seine Meinung zu äußern und für seine Sache einzutreten, solange er keine Gesetze verletzt.

    Das ist das Großartige an der Verfassung des Landes, in dem zu leben wir das unverdiente Glück haben.

    Und jeder – sogar ein leitender LZ-Redakteur – darf darum auch sich und anderen den Spiegel vorhalten und mit leiser Ironie, aber für alle deutlich hörbar aussprechen:

    „Ja, wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben: Wir wollen Spießer und Phrasendrescher sein. Mit Ansage!“