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Lüneburg unter Eiszwang

Lüneburg, 26. August

Politisch liegt Lüneburg noch am Boden. Kein Sommertheater, kein Skandal in der Stadtverwaltung, kein Parteiengezänk. Urlaub. Sendepause.

Andernorts im Kreis ist schon mehr los: Adendorf hat die Bürgerinitiative aus dem Neubaugebiet ,,Bei den Eichen“ gegen ein weiteres Baugebiet und für freie Sicht, Melbeck den Protest gegen eine Ortsumgehung, Gellersen gegen die Y-Trasse, die Elbmarsch oder Bardowick gegen Windräder.

Lüneburg quält sich eiskalt mit Spaßprogramm durch die letzten Sommertage, mit der sogenannten Ice Bucket Challenge. Ob Sternekoch, LSK-Manager oder Internet-Chef, alle kübeln sich Eis über den Kopf, schütteln sich, quieken, japsen, machen „Brrrrr“ und posten lustige Videos, die zeigen, wie gut die Challenge Ego und Spieltrieb bedient. Der Zweck heiligt die Mittel für den Eiskübel-Tsunami, Spenden für die Erforschung einer tödlichen Nervenkrankheit  (ALS).

Aber allein die Vorstellung, die Eiskübel-Mania hielte an, gar nicht auszudenken für lustige, aber eher traditionelle Eiswetten wie in Hohnstorf/Elbe. Vermutlich posten die jetzt im Winter auch Videos bei Facebook. Wenn  ,,de Elb steit“, muss der eingeladene Promi an einer kleinen Elb-Eisscholle lutschen, wenn „de Elb geit“, bei plus minus 2 Grad in die Fluten springen und eine Grippe riskieren. Sie sollten Lady Gaga, Eiskübel-erfahren, einladen, deren Name ist schließlich hier Programm.

Zum Glück kommt es nicht so weit angesichts des Hype-Stakkatos im Netz. In Kürze brummt der Politikbetrieb wieder, im Netz boomen dann ,,Color Run“-Videos, da werden Läufer mit Farbe beschmiert. Und der Nachbar haut einen an: „Sach ma, wie hieß das mit diesen Eiskübeln? Und diese andere Nummer, wo alle wie Lemminge sinnfrei ins Wasser springen?“ Einige erröten dann vor Scham.

Ich habe dazu in der Welt einen schönen Satz von Kurt Tucholsky gelesen: „Der Mensch ist ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch ruhe, aber dann ist er tot.“

Hans-Herbert Jenckel

6 Kommentare

  1. Ich habe im Stern einen noch schöneren Satz gefunden:

    „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“, meinte Luther.

    Also, verdienen alle diese faulige Abwinde knatternden Adabeis, die bereit sind, für einen 15 Sekunden stinkenden Donnerschlag bei youtube Ansehen und Verstand für immer durchs Hinterrohr hinaus zu blasen, nicht unsere ganze Bewunderung?

    Die große Leuphana-Studie über den Zusammenhang von Selbstbewusstsein und Exhibitionismus wird sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen.

    • Tja, früher hätte ein LSK-Manager länger gebraucht, um berühmt zu werden.

      Als der Schriftsteller Franz Kafka eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett auch zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er mußte freilich warten, bis er einen Tag später rückverwandelt war, ehe er die krasse Story aufschreiben konnte.

  2. Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Da gibt es in Lüneburg aber eine ganze Menge, die das beherzigen. ha ha.

  3. Lisa Bockelmann

    Heidi, lenk mal nicht ab von den wirklich wichtigen Überlegungen. Wer wird denn die Betrachtung über das große Gähnen im Sommerloch mit so kleinlichen Einwänden gegen leise eingefädelte Beutelschneiderei (http://www.landeszeitung.de/blog/aktuelles/185521-preiserhoehung-zeichnet-sich-ab#comment-8070) stören wollen?

    Würden „alle, die sich Eis über den Kopf kübeln, sich schütteln, quieken, japsen, „Brrrrr“ machen“ und und anschließend die „lustigen Videos“ dieses ihres ungemein spaßigen Exerzitiums „posten“, welches exklusiv ihre tief empfundenen Sorge um den wissenschaftlichen Fortschritt auf einem Spezialgebiet der neuroprotektiven Lateralsklerosetherapie zum Ausdruck bringt, zur Wiedergutmachung ihrer megapeinlichen Zurschaustellung sechs Monate lang dreimal pro Woche in Begleitung von Lady Gaga und mit den 22 Bänden der Gesamtausgab von Kurt Tucholsky im Backpack von Adendorf über Melbeck und Gellersen nach Bardowick joggen, hätten wir nicht nur das hansestädtische „Sommertheater“ belebt, weniger Europopgepiepse unter den „Muppets Most Wanted“ beim LSK und dafür jede Menge gestählter Selbstdarsteller mit den sehnigen Waden eines Jo Calderone in Lüneburgs „Sin City“, sondern die Gesundheitskassen im Kreis vermutlich auch soviel an Ausgaben für Adipositaskuren gespart, dass sich „Spenden für die Erforschung der tödlichen Nervenkrankheit ALS“ erübrigten, weil schon allein die Überschüsse der AOK den hundertfachen Betrag ergäben, der von Regionaldirektor Ulrich Bornmüller ohne Verzug in diesen Forschungsbereich geleitet werden und dazu noch die Senkung der Wasserpreise für Lüneburger Verbraucher von 67 auf 64 Cent ermöglichen könnte.

  4. Pupen für das Blaue Buch

    Ja, wie isses denn nur möglich?

    Das Standardwerk der Anonymen Alkoholiker-Gemeinschaft erschien erstmals 1939. Das „Blaue Buch“, ebenfalls als „Trockner-Bibel“ bekannt, hat inzwischen Auflagen in Millionenhöhe erreicht und ist in fast alle Amelinghausener Dialekte übersetzt worden. Die neueste deutsche Übersetzung basiert auf der 3. revidierten Auflage von 1976 und enthält im zweiten Teil auch originale Dachtmissener Lebensgeschichten sowie Berichte aus dem Universitätsumfeld, die gerade aktualisiert wurden.

    Wer zur Verbreitung und Finanzierung des Ratgebers beitragen will, muss sich beim Trinken eines Bechers noch körperwarmer Naturjauche mit gut hörbarer Verdauungsflatulenz filmen lassen, drei „follower“ vorschlagen, zwanzig Euro spenden und den Clip dann bei Youtube oder Facebook einstellen.

    Der Song, der den neuesten Social Network-Hype untermalt lautet: „Why don´t you fart it through the night?“ Die Beat-Box-Variante: „Hey dude, why dontcha toss dis shit down in one gulp!?“

    Boris Becker (der Erfinder der Liquid Manure Challenge) nominierte Oliver Pocher, Ozzy Osbourne und Verona Pooth.

    Jenny Elvers-Elbertzhagen nominierte Jack Daniel‘s, Jim Beam und Johnnie Walker.

  5. Pupen für das Blaue Buch?

    „Ja, wie isses denn nur möglich?“ Solche schauderhafte Unappetitlichkeit? Da fragen Sie noch? Haben Sie denn nicht den obigen Besinnungsaufsatz von Herrn Chefredaktor Hans-Herbert Jenckel (geschäftsführender Redakteur und Online-Chef Anm. d. Red.) in allen seinen feinstverzweigtgestuften Einzelschattierungen und sorgsamst überlegt angebrachten Bedeutsamkeitsbeleuchtungskomponiertheiten genauestens durchstudiert? „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu sitzen vermögen“ hat der weise Skribent doch wohl einmal an anderer Stelle seinen schönen Satz von Kurt Tucholsky elegant umschrieben und gewarnt: „Wir rennen unbekümmert in den Abgrund, nachdem wir irgendetwas vor uns hingestellt haben, das uns hindern soll, ihn zu sehen.“ Bitteschön! Und was haben wir, die „alle wie Lemminge sinnfrei ins Wasser springen“, vor uns hingestellt? Einen Bildschirm!

    Den und unsern Drang nach Weltpräsenz in virtuellen Lotterkloaken einfach mal abschalten können: Das ist oft gar nicht so einfach. Denn selbst bis in den Urlaub hinein, bis in diese ruhigste, wohlverdienteste Zeit des Jahres, verfolgt uns dieser äußerst fragwürdige Zeitgenosse in Zwergengestalt namens Smartphone! Der zeitkritische Beobachter muss sich nur einmal in ein x-beliebiges Café Mäxx setzen, um mitanzusehen, wie sich die – vornehmlich jungen! – Menschen mit nichts anderem mehr zu beschäftigen wissen, als mit Wischbewegungen über ihre High-End-Geräte zu fahren! Ein vertrauliches, interessantes Gespräch kann so freilich nicht mehr entstehen, und was das für die Gesprächskompetenz bedeutet, sieht jeder, der einen Blick nach Gaza-Israel riskiert: Gute Nacht, die Terrorfee!

    Und immer öfter auch am Strand: Das ständige, nervtötende Dauergedudel der Klingeltöne schallt im Minutentakt aus den vollgepackten Fresstaschen und macht allen anderen (NORMALEN!!!) Strandbewohnern das (WOHLVERDIENTE!!!) Urlaubsleben zur wahren Höllenqual. Und sogar auf den einsamsten Alpengipfeln (!) schrillt in die totale Gottesstille der Dreitausender der banale Dauernerver namens Handygeläute hinein, um die wunderbar-himmlisch-einzigartige Abendrotschauspielszenerie mit seinem natürlich stets sehr „angesagten“ Klingelton vollkommen zu zerstören und zu vernichten. Dabei wird oft nicht einmal davor zurückgeschreckt, Jahrtausendklassiker wie Beethovens Neunte (!) als Klingelton zu missbrauchen und zu verhunzen. Wer so etwas tut, gehört auf der Stelle notgeschlachtet!

    Traurig, aber bedenklich: Wahrscheinlich haben wir alle verlernt, ohne moderne Kommunikationstechnologien zu kommunizieren (so meine wagemutige These!), wahrscheinlich wissen wir alle gar nicht mehr, wie das geht… Ruhe und Stille sind wahrlich in unserer Zeit für die meisten zu Fremdwörtern geworden, und das ist es auch, was uns so angst macht. Einmal nicht mehr „erreichbar“ zu sein, um die tagtäglichen Banalitäten des Lebens mitteilen und kommentieren zu können („Ja, hallo! Wie geht’s dir!“ – „Ja, danke, geht so.“), ist für viele zu einem Ding der absoluten Unmöglichkeit verkommen. Denn stets muß alles dauernd im Moment und sofort passieren! Dinge auf sich einwirken zu lassen, das geht nicht mehr! Denn schon muß ein Foto auf Instagram geshootet und auf YouTube gestellt werden, damit es möglichst viele Twitterfreunde auf Whatsapp „liken“. Da bleibt dann für einige bis zum nächsten „Selfie“ gar keine Zeit mehr, vor Scham zu erröten. WER SO LEBT, DARF SICH NICHT WUNDERN, WENN ER EINES TAGES AM TOTALEN KOMMUNIKATIONSTERRORKRIEG VERRECKT! Meine Meinung!

    Ernst Günther Sauerampfer (61), Vorruheständler aus Kirchgell(!)ersen