Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Grüne Gewächse in der Spaßgesellschaft

 Lüneburg, 1. September

Die Spaßkultur ist wie die Partei der Grünen längst in der Mitte der Gesellschaft verwurzelt. Auch Grüne bedienen sich heute beim Trash. Nur ins Reich der Staatsanwaltschaft ist Jokus noch nicht einmarschiert. Und deswegen beunruhigt eine Hanfpflanze auf dem Balkon eines Öko-Patriarchen auch die Staatsanwälte.

Cem Özdemir bei der Ice Bucket Challenge samt Hanf auf dem Balkon.   Screen: nh/Youtube/Bündnis 90/Die Grünen
Cem Özdemir bei der Ice Bucket Challenge samt Hanf auf dem Balkon. Screen: nh/Youtube/Bündnis 90/Die Grünen

Vor ein paar Jahrzehnten war klar, wenn es eigentümlich süßlich, würzig nach verbranntem Gras oder kokelnder Wellpappe roch, dass ,,Grüner Türke“ oder ,,Schwarzer Afghane“ durchgezogen und die Angst vor der Polizei allgegenwärtig wurde. Das Verhältnis zu Shit hat sich deutlich entspannt. Ein Schnupperkursus an einem Sommerabend im Lüneburger Kurpark reicht als Beweis.

Das Paradebeispiel für den legeren Umgang mit Gras in der Politik ist der Grünen-Chef Cem Özdemir. Er hat sich jetzt auf einem Balkon von der grassierenden Ice Bucket Challenge infizieren lassen, sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf gegossen und ein Video davon bei Youtube veröffentlicht. Doch alle Welt schaut nicht auf den bibbernden Parteiboss, sondern nur auf das betörende Grünzeug auf Özdemirs Balkon – die Pflanzen mit den typischen handförmigen, angesägten Blättern. Hanf!

Das Gewächs habe er  als ,,sanftes politisches Statement“ mit voller Absicht ins Bild genommen, erklärt der Berufsabgeordnete. Selbst im Spaß-Video ein Politikum provoziert, mit „Freiheit für den Balkon-Hanf“ eine Botschaft platziert. Das ist ein Profi. Mag Özdemir im Video auch mit Jackett, blauem Hemd und Kurzhaarschnitt äußerlich so stromlinienförmig aussehen, als stünde er in der Mitte der Gesellschaft. Innen drin hat er tiefgrüne Protest-Wurzeln bewahrt. Oder?

Man mag sich gar nicht vorstellen, dass er womöglich ein Politiker ist, der mit einem Trend-Video kurz Aufmerksamkeit im Netz erhaschen wollte, nicht an den Hanf auf dem Balkon dachte und der seine Unachtsamkeit im Nachhinein als politische Absicht umdeutete. Obwohl die Flucht nach vorne ja von Lüneburg bis Berlin bei Politikern  Programm ist.

Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob sie ermitteln sollte. Im Notfall könnte Özdemir noch beteuern, es sei Eigenanbau für therapeutische Zwecke, also straffrei.

In jedem Fall passt das Faktum, dass eine grüne Video-Petitesse einen Hype im Netz erzeugt, zu einer Gesellschaft, die sich mit der Amüsierdroge narkotisiert.

Hans-Herbert Jenckel

9 Kommentare

  1. hanf besteuern wie alkohol und schon ist der staat zufrieden. einige staaten in den usa tun genau dieses. unsere pharmaindustrie ist dagegen. sie sieht ihre felle wegschwimmen. grün ist die farbe der hoffnung. die hoffnung stirbt zuletzt, aber auch sie stirbt. wer sich zuviel eis über den kopf schüttet, merkt die wirkung von hanf aber nicht. ha ha.

  2. Özdemir?

    Gab es nicht mal einen Gändlemänn ähnlichen Namens, der am 26. Juli 2002 die Entgegennahme des Oscars (Bester Veggie-Bürger in: „Inländer und Döner, ich bin Currywurst.“ Regie: Thilo Sarrazin. Buch: „Deutschtürken schaff ich ab.“ O-Ton: „Ich riet Cem Özdemir zum Rückzug.“) verweigert, nachdem die Annahme eines Start-up-Kredites … vom Presser-Baron Munzing Horitzer … als Mindestlohn für mittelgroße Kleinstpflanzer mit grünem Daumen und die private Verwendung dienstlich erworbener Bonus-Meilen für nachmittägliche Coffeeshop-Flüge von seinem Kreuzberger Balkon nach Amsterdam bekannt geworden waren? Und hatte der die Annahme der gärtnerischen Starthilfe nicht öffentlich bedauert und angekündigt, den Betrag umgehend an ein Zentrum für Folteropfer von Amüsemangtorturen (d. h. für YouTube-Besucher) zu spenden? Und trat jener in der Folge nicht als innenpolitischer Sprecher der Eikübelfraktion am Stammtisch des Café Eisbein in der Berliner Kurfürstenstraße zurück, um sich von Michael Saxer, dem Gründer der Firma „Biostasis und Kryonik in Europa“, einstweilen für „more challenging“ Zeiten in einem „Bucket“ einfrieren zu lassen? Die scheinen nun wohl aus Eimern und Kübeln über uns gekommen.

    Bleibt die Frage: Was ist schlimmer ist als das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt?

    Antwort:

    1. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Reinhold Beckmann nach dessen Rückkehr aus der Sommerpause.

    2. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Maybrit Illner nach deren Rückkehr aus der Sommerpause.

    3. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Günther Jauch nach dessen Rückkehr aus der Sommerpause.

    4. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Markus Lanz nach dessen Rückkehr aus der Sommerpause.

    5. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Sandra Maischberger nach deren Rückkehr aus der Sommerpause.

    6. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Frank Plasberg nach dessen Rückkehr aus der Sommerpause.

    7. Das Jackett, das blaue Hemd und der Haarschnitt bei Anne Will nach deren Rückkehr aus der Sommerpause.

  3. „Obwohl die Flucht nach vorne ja von Lüneburg bis Berlin bei Politikern Programm ist.“ – Dieser kleine aber feine Seitenhieb schafft wenigsten den lokalen Politikbezug. Nur würde man hier den Unterschied zwischen mit oder ohne Hanfeinfluss wohl kaum bemerken. In Berlin aber auch nicht.

    • Bernhard Brammer

      Auch die „Schnupperkurse im Lüneburger Kurpark“ stellen den lokalen Bezug in Herrn Jenckels Eulenspiegel direkt her. Und begreift man das Ausweichen in künstliche Paradiese als die heimliche Sehnsucht von Ratspersonalitäten mit Drang zum „Visionären“, stellen sie sogar „den lokalen Politikbezug“ her. (Wer bietet solche olfaktorischen Lehrbegehungen eigentlich an? Sollte man sich an die Glückseligkeitsingenieure und Phantasiespielexperten für „die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ am „Campus der Zukunft“ wenden?)

      Doch wie Sie richtig bemerken, die Fusion von auftrumpfendem Schaustellergeschäft und nacheilendem Illusionstheater ist natürlich kein Alleinstellungsmerkmal des Lüneburger Politikbetriebs, wird hier von den meisten Beteiligten aber dafür gehalten.

      Nur, ist dieses kurzatmige sich den übersehenen Tatsachendynamiken Hinterdreinwerfen bei unseren Partei-Agenten und ihr Versuch, diesem haltlosen Vorangeschleudertwerden durch „kommunikative“ Kopfsprünge in die Ungewissheiten des Futurums den Anschein des Geplanten zu geben, tatsächlich nur „Flucht nach vorne“?

      Ist es nicht fast immer vielmehr „Sturzflucht nach vorne“?

      • Ik smiet mi wech ! Awer aarslangs inne Addelgroov ! As dat utkiekt is dat jo man´n bannig böös akkerooten Bescheed wat du hier aflevert hest Bernhard. Blot mi dücht din Grabben dwaddeln dorbi as Dünung in´n Maandschien. Geiht dat nich körter? Plier dor mol sprangwies suutje vun achter to de plietsche Stadtschrieve vun dat Nochrichtenblatt. Anners ward dat nix nich. Du hiemst as bregenklöterig as een dwiemeligen latienschen Buer. Wullt du den dickdoonschen Brettpoggen enen bipulen mutt dat batz un knapphandig blieven. Calvinschen Apenkraam utklamüstern is för de Droemeljochens.

  4. Gelungene Glosse, Herr Jenckel! Kurz und bissig, mit eleganter Schlusspointe und mit viel Sinn für Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung wird darin von Ihnen eine Bagatellidiotie aus der „großen“ Politik gestreift, um das Symptom blitzeschnelle schleichender Erregungsverblödung auch im „Kleinen“ zu belichten – bis hinein in die zusammengeschnürteste Eitelkeitsbrust Lüneburger (heeflich – un heemdiggsch uff säggs´sch:) grohsgoddzschne Nieslbriehm, Heischlfriddsn, Schaumschlähchr, Angäbr, Gluhchscheißr, Mufdis un (guggemada!) ooch Gaffr, Schildbärchr un Närchlfriddsn.

  5. Ich sag nur: Otto Wiesheu, fuhr im Alkoholrausch jemanden tot und wurde dann Verkehrsminister.
    Oder Günter Beckstein – der öffentlich meinte, dass man mit 2 Maß Bier locker noch Auto fahren könne…
    Und dann gibts einen Riesentratsch weil da ein Typ von den Grünen ne Hanfpflanze auf’m Balkon stehen hat?
    (Noch dazu vermutlich eine männliche Pflanze einer Industriehanfsorte oder so)
    Einfach nur zum Lachen – das Geschrei der ganzen Holzklötze, meine ich natürlich, allen voran die traditionell retardierten Holzmedien in CDSUSPDFPD-Hand

    • Frau oder Herrn Brechraum

      Plenarsitzungen im Bundestag galten bei vielen Insidern lange als reine Alkoholikerversammlungen. Wie man weiß, ist das Spektrum der von Abgeordneten konsumierten Drogen in den letzten zehn Jahren aber erheblich breiter geworden. Auch liest man ja, nicht bloß die Branche der „Personality-Coaches“, sondern auch das Internet spiele inzwischen bei der Versorgung von Berlin Mitte mit „Rauschmitteln“ aller Art (virtuellen und physischen) eine immer größere Rolle.

      Doch um „ne Hanfpflanze auf’m Balkon“ oder andere mehr oder weniger stark wirksame psychotrope Substanzen wie Branntweinbohnen und Eierlikör, Cannabis, Ecstasy, Halluzinogene, Amphitamine, Kokain, Nikotin, Opiate, Anabolika, Speed, etc. und ihre Genießer geht es hier doch gar nicht. Hätten Sie die jj-Glosse oben wirklich gelesen, hätten sie bemerkt, dass das Thema die Verschmelzung von Politik und Improvisationsinszenierung als allgegenwärtige Zeiterscheinung ist, also der zurechtgelotterte Situationismus von fünftklassigen Stand-up-Komödianten, die im Ausnahmezustand erbarmungswürdigster Peinlichkeit, den sie durch ranschmeißerische Dummheit selbst erzeugt haben, unablässig darauf spekulieren, die Mauer des Realen werde schon synchron mit der Geschwindigkeit ihres offensiven Fluchtgequatsches zurückweichen.

      Nur solche „Ubiquität“ übrigens ermöglicht Jenckels kleiner Phänomenologie des galoppierenden Schwachsinns überhaupt, auch Lüneburger „Exzellenzen“ jenes illusionistischen Metiers mit ins Licht zu stellen, ohne sie eigens beim Namen nennen zu müssen.

      Für diese Spezies „öffentlicher Windfahnen“ aus dem Reiche beachtungssuchender Schaumschläger mit Steuerleuteehrgeiz liefert der arme Özdemir hier nur das aktuellste Beispiel. Und „das Geschrei der ganzen Holzklötze“, die – nacheifernd belustigt oder entrüstet belehrend – im Kielwasser dieses traurigen Klamauks umherkrakeelen, wird von Jenckel überdeutlich als die eigentliche Tragödie herausgestellt: Nämlich als die einer „Gesellschaft, die sich mit der Amüsier(-oder Erregungs)droge narkotisiert“.