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Der Lüneburger als wildes Kommentator-Tier

Lüneburg, 9. September

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: Daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur.  (Arthur Schopenhauer)

Das wilde Tier brach am Wochenende in Lüneburg los. Da hassen sich zwei Familien mit kurdischen Wurzeln seit Jahren abgrundtief, sagt die Polizei, die aber auch nicht weiß oder sagen will, warum. Und wir wollen für die Betroffenen hoffen, sie wenigstens wissen noch warum. Schließlich prügeln und stechen sie aufeinander ein, lauern sich auf, schießen sich nieder. Und das nicht in irgendeinem verrufenen Gangster-Viertel, sondern direkt an einem geschützten Ort, einem Krankenhaus mitten in Lüneburg, dort, wo selbstverständlich gerade auch den bereits in der Fehde verletzten Familienangehörigen geholfen wird.

Und statt froh über die Hilfe zu sein, ballern sie rum, verschrecken Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern, Patienten und Besucher, sorgen für enorme Polizeipräsenz am Klinikum. Sie schaden den Helfern, sie ramponieren das mit viel Arbeit aufgebaute, gute Image des Lüneburger Klinikums, das so auch zum Opfer wurde.

Lüneburg ist nicht nur auf Rosen gebettet, klar, aber Lüneburg ist eine liebenswerte Stadt. Es gibt wegen der Vorfälle keinen Grund, das Menetekel von einer entgleisten und unkontrollierbaren Parallelgesellschaft zu beschwören. In Lüneburg leben Menschen aus 120 Nationen und aus noch mehr Kulturkreisen. Auch wenn sich darunter manche schwer mit der Integration tun, rücksichtslos über den gesellschaftlichen Kodex setzt sich nur eine Minderheit hinweg, bei der die Kulturdecke besonders dünn gewebt scheint.

Dass es sich um eine schlimme Ausnahme handelt und nicht um die Regel, stört manche Kommentatoren überhaupt nicht. Sie brechen den Stab gleich über alle Ausländer. Es hilft nur die Löschtaste.

Da hat sich offenbar ähnlich viel unerklärlicher Hass aufgestaut und sich mit Vorurteilen gepaart. Von der Feindseligkeit zwischen den beiden Familien scheint sich die Aggression solcher Kommentatoren nur dadurch zu unterscheiden, dass sie sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gleich gegen ganze Bevölkerungsgruppen kehrt. Es sind zwar nur verbale Attacken, bezeichnenderweise meist unter dem Deckmantel der Anonymität verborgen, aber man wird beim Lesen das Gefühl nicht los, das wilde Tier stürmt gleich um die Ecke.

Hans-Herbert Jenckel

12 Kommentare

  1. ausländerfeindlichkeit ist kein zufall. er hängt vom intellekt ab. wer angst um seinen arbeitsplatz hat, sieht vieles anders. es muss nicht richtig sein. um so einfacher das welt/ feindbild , um so extremer die aussage. pauschale äußerungen sind nun mal einfacher. dumme gibt es nun mal überall. nicht jeder , der andere für dumm hält, nur weil er dessen meinung nicht richtig findet, muss selbst klug sein. gerade die gazetten haben eine verantwortung , der sie leider nicht immer gerecht werden. verschweigen von nationalitäten bei verbrechen ist so eine unsitte. und warum geschieht es? weil man glaubt, dem ausländerhass damit zu begegnen. dumm ist es immer dann, wenn es trotzdem rauskommt. dass vertrauen in die schreibende zunft schwindet dabei. anonyme äußerungen sollte man nicht zu ernst nehmen. es gibt aber welche, die es mit ihrem namen tun. zivilcourage ist für etwas zu kämpfen, oder gegen etwas zu kämpfen. es sollte immer um die sache gehen. und wer selbst betroffener ist, sieht sowieso alles ganz anders. ein berliner, der u-bahn fährt , sie einiges anders, als ein berliner , der auto fährt.

  2. Vielleicht tun Sie dem wilden Tier Unrecht, wenn Sie es mit dem Menschen vergleichen? Die besinnungslose Lust im Schaden-Tun sowie Häme, Bosheit, Verleumdung, Verfeindung aus Passion, Racheexzesse, Lynchhysterie, Pogromstimmungen und Hasstiraden gibt es im Tierreich nicht. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das vor Scham erröten kann. Es ist aber auch das einzige, das allen Grund dazu hat.

    • Noch nie einen Marder im Hühnerstall erlebt, oder?

      • Falk, Sie müssen sehen: Der Marder ist nicht unter HÜHNERN, sondern unter HÜHNERHALTERN gefürchtet, weil er IHNEN als besonders blutrünstig gilt. Hühner denken nicht an den Marder, solange er nicht da ist. Hühnerhalter aber sind MENSCHEN, die das Verhalten der hundeartigen Raubtiere, zu denen auch Otter, Dachse, Iltisse, Nerze und Wiesel gehören, nach IHREN Vorstellungen von IHREN eigenen Verhaltensmöglichkeiten DEUTEN und von einem „Massaker im Blutrausch“ reden, wo in Wirklichkeit nur der biologisch notwendige Instinktautomatismus des Beutegreifers auf Fluchtreflexe reagiert.

        Wenn der Marder in ein Gehege oder einen Stall eindringt, hinterlässt er zahlreiche Hühnerleichen. Gefressen werden maximal ein ganzes Huhn oder ein paar Köpfe. Weil er seine Beute totbeißt, sie aber nicht auffrisst, meint der MENSCH, DER DABEI AN SICH SELBER DENKT, er habe es mit einem „Lustmörder“ zu tun. Doch wer in Zusammenhängen wie denen, die Herr Jenckel in seinem Artikel oben beschrieben hat, an „einen Marder im Hühnerstall“ erinnert, sagt fast alles über sich selbst und das Ungenügen seines Nachdenkens, aber praktisch nichts über das „wilde Tier“. (Auch Arthur Schopenhauer hätte – finde ich -, anstatt die Tiermetapher zu verwenden, vielleicht besser gesagt: „Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Monstrum.“)

        Denn der Marder, wie alle Fleischfresser im Tierreich, ist alles andere als ein blutrünstiges Monster, das in einen grausamen Schlachtrausch gerät und seine Opfer wie ein Vampir aussaugt! Außer Frage steht, dass er, kommt er in einen Hühnerstall, ein wahres Chaos hinterlässt und nur wenige Hühner diesen Angriff überleben. Er tötet aber nicht aus Spaß an der Freude, nicht aus besinnungsloser Mordlust, nicht aus Freude am Anrichten von Schaden, auch nicht, weil er so einen großen Hunger hat oder für schlechte Zeiten vorsorgen will, und schon gar nicht aus Rachegefühlen oder Vorurteilen gegen „fremde“ Existenzen aus anderen „Kulturkreisen“. Er tötet nur solange, wie das Geflatter der Hühner anhält und als Beutefang-Reiz auf seinen Greifreflex wirkt. Ist Ruhe im Stall, hat das bloß vermeintlich „irre“ Töten ein Ende und er frisst seine Beute, während er die übrigen Hühner einfach liegen lässt. Das erklärt ziemlich schnell, warum einzelne Hühner Marderangriffe überleben – sie haben aufgehört zu flattern und waren damit kein Auslöser mehr! Übrigens verhält sich der liebenswerte fette Schoßhund Waldi von Tante Agathe in Nachbars Schuppen ebenso, wenn er die Gelegenheit erhält und das Federvieh bei seinem Erscheinen ängstlich auseinderspritzt. Und tötet er nicht die gleiche Zahl der Hühner, dann nur deshalb, weil er längst nicht so wendig ist wie der Marder und die auf den oberen Stangen nicht erreicht. Waldi steht dann in blöder Aufgeregtheit da und belfert schrill, bis Tante Agathe und Nachbar Hubert kommen und ihm eine Tracht Prügel verabreichen. Es gibt nur ein einziges Lebewesen, das hasst, neidet, nach einfachen „Lösungen“ und „fremdländischen“ Sündenböcken für das eigene Elend sucht und – zuweilen – um des Tötens selbst willen tötet. Unter den „nichtmenschlichen“ Tieren ist es nicht zu finden.

  3. Wer hier verbale / schriftliche Attacken auf eine Stufe stellt mit der Ausführung solcher sollte doch einmal sein Rechtsempfinden überdenken. Ich kenne natürlich die Kommentare nicht, aber zwischen dem Äußern von Attacken und dem AUSFÜHREN von solchen liegt ein großer Unterschied: Das Schadensmaß der Opfer / Betroffenen ist ein ganz anderes. Aber wer interessiert sich schon für die Opfer?

    Ferner zeigt sich gerade auch in sozialen Netzwerken immer wieder, dass viele, die einen Aufruf dort unterstützen dann aber doch nicht aktiv werden und ihr Haus verlassen – so wichtig scheint es dann auch nicht. Worte sind schnell geschrieben, doch eine Tat fordert eine Vorausplanung und Ausführung, deren Aufwand erheblich ist als eben mal in die Tasten zu tippen.

    Ich halte ebenfalls nichts von Pauschalisierungen, doch täte der Autor dieses Artikels sicher gut daran die Gründe dieser zu hinterfragen anstatt diese einfach als unerklärlich abzutun: Denn wer nach den Gründen der Familienfehde fragt aber nicht nach den Gründen für die Pauschalisierungen, der berichtet einseitig, insbesondere dann, wenn er doch beide Taten auf eine Stufe stellt.

    • „Worte können töten…“
      Schriftsteller Amoz Oz

      • “Worte können töten…”
        stimmt. aber warum ist das so? wer sorgt dafür? stimmungsmacher? mit stimmungsmacher meine ich nicht nur ,,schreiberlinge,,,auch nachbarn.wir sind alle nachbarn.

      • Wörter können töten, das wissen wir nur zu genau. Aber Wörter können auch, obwohl nur begrenzt, manchmal heilen

    • Harald, kennen Sie Margaret Hilda Roberts, die am 13. Oktober 1925 am Rande von Grantham, Lincolnshire als Tochter eines jämmerlich armen Krämers geboren und als Margaret Hilda Thatcher, Baroness Thatcher of Kesteven am 8. April 2013 in London starb?

      „What we think, we become. My father always said that.“, soll die „Eiserne Lady“ als Premierministerin dem Sohn guter Bekannter, einem Angehörigen des britischen Hochadels, der gerade wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war, gesagt haben. Dieser, ein eigentlich intelligenter Teenager, war als Schüler in falsche Gesellschaft geraten und hatte seinem „Vorbild“ Alex, der Hauptfigur aus Burgess´ Roman „A Clockwork Orange“, nacheifernd aus Spaß an der Gewalt mit seinen Freunden seine Zeit damit verbracht, wahllos wehrlose Opfer brutal zusammenzuschlagen, auszurauben und, sofern diese Frauen waren, zu vergewaltigen. Blutige Schlägereien und Messerstechereien mit anderen Banden, mit denen sie um die „Vorherrschaft“ in ihrer Gegend konkurrierten, waren an der Tagesordnung. Es wurden Drogen und Alkohol konsumiert. Die Polizei stand den Verbrechen eine Weile machtlos gegenüber und seine Eltern waren nicht mehr in der Lage, Einfluss auf ihn zu nehmen. Er respektierte weder sie noch seine Lehrer oder irgendeine andere wohlmeinende Person im Geringsten, weil er schon lange verlernt hatte und jetzt nicht mehr bereit und fähig war, mit Gründen über sein Handeln nachzudenken und zu sprechen.

      Die folgenden abgenutzten Verse, von denen niemand sicher weiß, woher sie stammen, soll Thatcher, die von ganz unten kam, dem Jungen, der von ganz oben kam, auf einen Zettel geschrieben und mit ins Gefängnis gegeben haben:

      Achte auf Deine Gedanken,
      Denn sie werden zu Worten.
      Achte auf Deine Worte,
      Denn sie werden zu Handlungen.
      Achte auf Deine Handlungen,
      Denn sie werden zu Gewohnheiten.
      Achte auf Deine Gewohnheiten,
      Denn sie werden Dein Charakter.
      Achte auf Deinen Charakter,
      Denn er wird Dein Schicksal.

  4. Einen Artikel schreiben – können viele. Einen sachlichen Kommentar schreiben – nur wenige. Wenn Sie alleine mit der Überschrift, Herr Jenckel, provozieren wollen – ok, Ihr Ding. Ich leben schon viele Jahre in unserem schönen Städtchen Lüneburg, aber ich lasse mich nicht den wilden Lüneburger Kommentator-Tieren zuordnen. Es handelt sich bei der Auseinandersetzung der verfeindeten kurdischen Familien um mehrere Straftaten, wie sie überall bei uns in Deutschland geschehen können. Menschen wie Sie erinnern uns fast täglich an unser rechtstaatliches Verhalten. Dieses hat Geltung für Kurden, für mich und auch für Sie. Auch wenn Sie es nicht glauben: Unsere Polizei ist ebenfalls an die Rechtstaatlichkeit gebunden. Zum Deckmantel der Anonymität noch mein Name: Dieter Kapteina

    • Otto-Karl Susemelk

      Lieber Herr Kapteina,

      gute Überschriften von Presseartikeln enthalten immer ein Moment der Provokation. Sie sollen das Leserinteresse „provozieren“ (d. h.: herausfordern) und bewirken, dass über sie und den Inhalt des von ihnen charakterisierten Textes nachgedacht wird. Können Sie abstreiten, dass Herrn Jenckel das bei Ihnen und einigen anderen auch in diesem Fall gelungen ist?

      „Der Lüneburger als wildes Kommentator-Tier“ ist EIN aufs Besondere zielender VERGLEICH, aber KEINE generelle GLEICHSETZUNG. Er besagt, es gibt EINIGE Fälle, auf die er angewendet werden kann, sagt aber nicht, die meisten oder gar JEDER Lüneburger ist dadurch richtig beschrieben. Wenn ein Journalist oder Wissenschaftler den „Menschen als Vegetarier“ betrachtet, glaubt ja auch kein Leser, hier gehe es um alle Menschen. Der hier vorliegende heterogene Vergleich, bei dem die Vergleichsgrößen aus unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit stammen, ist eine Wortfigur, welche durch die Annäherung oder kontrastive Gegenüberstellung zweier Gegenstände oder Bilder erzeugt wird, um die Anschaulichkeit des Gedankens zu erhöhen. Daher ist es vollkommen BERECHTIGT, wenn Sie betonen, SIE ließen sich „nicht den wilden Lüneburger Kommentator-Tieren zuordnen“, es ist aber auch vollkommen ÜBERFLÜSSIG, denn SIE persönlich können nur dann gemeint gewesen sein, wenn Sie von sich aus meinen (oder wissen), Sie seien ein „wildes Kommentator-Tier“. Das heißt, nur den unter den Lüneburgern, auf den der spezielle Vergleich zutrifft, den trifft er auch. Das aber sind eben die Kommentatoren, die „verbale Attacken“ reiten, die sich „bezeichnenderweise meist unter dem Deckmantel der Anonymität verborgen“ halten und deren Beiträge sich durch eine „Aggression“ auszeichnen, welche sich von der „Feindseligkeit zwischen den beiden Familien“ nur dadurch „unterscheidet, dass sie sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gleich gegen ganze Bevölkerungsgruppen kehrt“.

      Dass es sich „bei der Auseinandersetzung der verfeindeten kurdischen Familien um mehrere Straftaten [handelt], wie sie überall bei uns in Deutschland geschehen können“, und dass „rechtstaatliches Verhalten (…) Geltung für Kurden“ hat, aber auch für Sie, Herr Kapteina, für Herrn Jenckel, für mich, im Grunde für jedermann und ebenfalls für „unsere Polizei“, ist eine Selbstverständlichkeit, die an keiner Stelle in Jenckels Glosse in Frage gestellt wird – , sondern sogar deren eigentliche Argumentationsbasis darstellt.

      Was von Ihrem Leserbrief, Herr Kapteina, übrig bleibt, ist eventuell die Ungewissheit, ob es solche „Kommentatoren“, die Herrn Jenckel ängstigen und gegen die er und seine Kollegen sich nur mit der „Löschtaste“ wehren können, überhaupt gibt. Das müssen Sie und ich und alle anderen Leser dem LZ-Redakteur wohl einfach glauben.

      Drei Hinweise von anderer Stelle machen das Phänomen immerhin plausibel. Wenn Sie Lust und Zeit haben, lesen Sie unten nach, was es so alles gibt. Dass es so etwas nur in Lüneburg nicht geben sollte, halte ich – leider – nicht für sehr wahrscheinlich.

      http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/hass-im-netz-ich-bin-der-troll-13139203.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

      http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/troll-kommentare-meine-tage-im-hass-13038925.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

      http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/troll-studie-sadistisch-narzisstische-netzpsychopathen-12830790.html

      Mit kollegialen Grüßen aus der anderen Hansestadt

      Ihr

      Otto-Karl Susemelk

  5. Hallo Herr Jenckel da tun Sie den Tieren unrrecht.Nur wir Menschen sind so ich kenne die eine Familie von früher als die Kinder noch klein waren. Und klar haben wir alle doch Angst das noch mehr passiert. Mir tut das richtig weh was passiert ist. Wo kommt dieser Hass nur her das man alles vergisst und in kauf nimmt selbst andere tödlich zu verletzen und selbst im Gefängnis zu landen. Die Frage sollte doch sein wer kann da jetzt noch helfen das nicht noch mehr passiert. Die Polizei wird das nicht lösen und ist ja selbst in Gefahr das hat die Vergangenheit doch gezeigt