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Lüneburgs Upper-Zeit-Class

Lüneburg, 16. September

Die Zeit spaltet Lüneburg  in eine Drei-Klassen-Gesellschaft.

Sie zermürbt alle, die immer auf’m Sprung sind. Zu dieser Klasse gehören die Werktätigen, die die Zeit nicht totschlagen, sondern ihre Arbeit nur mit Überstunden bewältigen. Und je länger sie in diesem Hamsterrad rennen, das belegen jüngste Studien, desto mehr beschleicht Betroffene das Gefühl:  Die Zeit verdichtet sich immer schneller, so wie Materie in einem galaktischen Schwarzen Loch.

Als Zweites wäre die Bummel-Klasse zu nennen. Das sind zum Beispiel nette Leute vom Land, die für ein paar Stunden aus dem Arbeitsalltag flüchten und sagen: ,,Wi feut hüt nach Lümborg.“ Die haben dann viel Zeit, tratschen im Kaffee, stöbern bei Karstadt und ärgern sich ausgiebig über die horrenden Parkgebühren. Fallen aber kaum auf.

Und dann gibt es die Gattung, die aus der Zeit gefallen ist, die Upper-Zeit-Class. Wie in Trance verharren die Glücklichen in historischen Gassen an einem Fleck, starren himmelwärts, zücken Fotoapparate und Smartphones und stammeln ihr Lüneburg- Mantra: „Wie schön, wie schön, ach, wie schön“. Sie zeigen auf Giebel und intonieren den alten Trio-Hit „Da, da, da“. Touristen. Tausende. Eigentlich willkommen. Wenn da nicht das Stau-Phänomen wäre. Fast wie Demonstranten verstehen sie es, mit unendlich viel Zeit im Nacken die Altstadt zu verstopfen und dem Eiligen die Zeit zu rauben.

Die Busladungen mit Tagestouristen werden direkt vor dem schmucken Rathaus am Marktplatz gelöscht. Vor der  imposanten Barockfassade rufen die Stadtführer zum Rundgang. Die Gruppen sind leicht zu erkennen, weil man als eiliger Lüneburger unweigerlich auf sie stößt. Sie versperren in Kompaniestärke Geh- und Radwege, ja ganze Gassen. Für sie ist die Salzstadt ein begehbares Museum. Und da darf man schließlich auch überall stehen und staunen.

Die Lüneburg-Konquistadoren erkennen Sie auch daran, dass sie tiefenentspannt im Café ihr Smartphone zücken und wie auf einer Kanzel den Lüneburg-Eintrag bei Wikipedia rezitieren: Gründung, Stadt- und Stapelrecht oder Erbfolgekrieg. Wie Sternschnuppen leuchten die Daten kurz auf und verglühen an der nächste Ecke. Der echte Lüneburger, also der, dem die Zeit im Nacken sitzt, ist in der Welt dieser Upper-Zeit-Class nur eine Requisite.

Ich will mich nicht erregen, es ist September, die Saison neigt sich dem Ende zu und damit auch das Stau-Phänomen in der Innenstadt, Zeit für Rilke: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.“

Hans-Herbert Jenckel

6 Kommentare

  1. Thorstens Parallelmärchen

    Oder: »Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Lüneburgern den Wert der Audimax-Leuchtturm-Bewohner erklärte.«

    »Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere.« Klaus Bruns zum Beispiel, der in wechselnden Maskierungen mit dem Lobbyisten-Wolf tanzt. Schon als Kind mochte er keine Indianer, was wohl an der verklärenden Art lag, in der sie ihm damals präsentiert wurden: ewig diese edlen Rothäute, die wie Intschu-tschuna, Häuptling Seattle und Chingachgook stolz durch die Prärie ritten, mit der Natur im Einklang lebten und geschwollene Weisheiten von sich gaben: »Vielleicht sind alle Tagestouristen und Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht sind alle Stadtmarketingschrecklichkeiten im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will?« Und dann sind sie mit der Abendsonne im Rücken vom Gipfel des bombastisch illuminierten Kalkbergs herunter in Richtung Stint galoppiert, um Feuerwasser zu tanken. Beim Cowboy-und- Indianerspielen vor dem Rathaus gab Klaus deshalb immer den harten, wortkargen Reppenstedter Desperado, der seinen Platzpatronencolt sprechen ließ und erbarmungslos nach der Devise verfuhr »Rothaut gehört totg’haut«. Als Winnetou, der Edelste der Edlen unter den indianischen Interessenvertretern, starb, vergoß auch Klaus Tränen, allerdings vor Freude. Bis heute, da »die grauen Herren, die mit fahler grauer Haut, grauen Hüten, grauen Sakkos, eleganten grauen Smartphones und Zigarren aus getrockneter Zeit im Mund, ohne die sie nicht existieren können, die gesamte Stadt kontrollieren, wobei ihr Auftreten nicht in Erinnerung bleibt« (Eckhard Pols), hat sich jene Antipathie erhalten. Und nachdem wir »im Kaufhaus Lüneburg auf einem guten Weg« sind (Ulrich Mädge), den letzten Baum zu roden (Lessingstraße, B 209), den letzten Fluß zu vergiften (Sprühattacken gegen Schädlinge, Chemikalien im Trinkwasser) und das letzte Fischstäbchen zu fangen (Pickenpack), hofft er, daß von den Leuphanatikern bald endlich auch das Geld erfunden wird, das man essen kann.

    • es gibt märchen, die immer wieder gern erzählt werden. zum beispiel:,, nur ein toter indianer , ist ein guter indianer“. ich empfehle hier meinem besten freund einen bekannten indianerspruch. Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, dann steig ab! ich habe es getan und es war auch gut so.

  2. Klaus hofft, „daß von den Leuphanatikern bald endlich auch das Geld erfunden wird, das man essen kann“? Das ist witzig! Sie meinen, wie das Geld, das erfunden wurde, um damit die Finanzierung des Zentralgebäudes zu „sichern“? Ihr ganzer spöttisch zuspitzender Brief ist witzig, der herbstlich melancholische Blogeintrag von Herrn Jenckel auch und auch Klausens leicht resignative Replik. Aber sägen Sie nicht alle drei an dem Ast, auf dem die „gebündelten Kräfte aus Stadtmarketing, Citymanagement, Veranstaltungstätigkeit und Tourismusförderung“ sitzen und sich anstrengen, „die Attraktivität Lüneburgs und der Region für Gäste und Kunden, Bürger und Investoren“ zu steigern, indem sie probieren „das Image der Hansestadt Lüneburg“ zu gestalten und „Stadtmarketing für die schönste Stadt der Welt“ zu machen, um mit „zahlreichen Events und Kampagnen Besucher von nah und fern in die Salz- und Hansestadt zu locken“?

  3. Jaja, vorbei die geruhsamen Zeiten, als man noch einen Kalender zur Hand nehmen konnte, wenn man die Beschleunigung eines Trabis messen wollte. Heute muss man schon ein Atominterferometer einsetzen, wenn man bloß feststellen möchte, wieviel Nanosekunden ein frühmorgens veträumt durch die Fußgängerzone velopedalierender LZ-Redakteur, der echte Lüneburger also, dem die Zeit im Nacken sitzt, benötigt, um angesichts von Tagestouristen beim Abbiegen aus der Grapengießer in die Rote Straße von null auf hundert km/h zu kommen.

    Obwohl mir hektische Wichtigtuer und geschäftige Businesstypen seit jeher ein Greuel sind, komme ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass auch ich zur Rastlosigkeit neige. Regelmäßig übernehme ich mich, überlade den Tag mit Aufgaben, fülle selbst kleinste noch freie Lücken mit zweckgerichteten Tätigkeiten und werde unruhig, wenn ich einmal nichts tue. Um dem mittels (Selbst-)Erkenntnis entgegenzuwirken, griff ich zu dem Buch „Entschleunigung: Die Entdeckung der Langsamkeit auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ des Soziologen Sten-Marcel Nadolny Proust. Aber von Besserung keine Spur: So las ich in der ersten Woche rund 1.000, in der zweiten 1.500 und in der dritten sogar sage und schreibe 2.400 Seiten!

    Übrigens: „Aus der Glücksforschung weiß man, dass so ein Zeit-Krieg ungemein viele Glückshormone freisetzen und uns allen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Ich selbst grinse ja ohnehin ununterbrochen, brauche dazu aber keinen Krieg, nur möglichst viele Deppen, die meine trostlosen Witzbücher kaufen, hihi. Aus der Glücksforschung weiß man übrigens…“ (Eckart von Hirschhausen, Glücksschweinchen, obszönes)