Donnerstag , 29. September 2016
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Der Raub der schwarzen Null

Lüneburg, 23. September

Wenn die Tage kürzer werden, die Regenschauer länger und im Rathaus das Melodram „Etat“ gegeben wird, dann ist Herbst. Das Stück handelt von der Zangengeburt, wenn sich alljährlich unter größten Mühen aus Tausenden Zahlen der Haushalt der Stadt Lüneburg fürs nächste Jahr herausquält.

Lüneburg hat sein Schicksal aufgrund großer Geldnot in die Hand des Landes Niedersachsen gelegt, das 70 Millionen Euro Schulden übernommen hat.  Im Gegenzug hat die Stadt versprochen, künftig nur noch ausgeglichene Haushalte vorzulegen: Ausgaben gleich Einnahmen. Wird das erreicht, sprechen die Lüneburger Politiker stolz und oft von der „schwarzen Null“.

Aber was ist eine „schwarze Null“? Gibt es auch eine „rote Null“ oder gar eine gelbe „Warn-Null“, die anzeigt, dass man gleich in die roten Zahlen rutscht? Von so einer Nullen-Ampel habe ich noch nie gehört. Die schwarze Null ist vielmehr eine Schöpfung der Politiker, die damit ein Nichts in ein Etwas münzen.

Die schwarze Null der Politiker ist ein Superlativ, eine Großtat, die nur durch Mut und Opfer erreicht wird. Die schwarze Null darf nie am Anfang der Haushalts-Debatte stehen. Das wäre widersinnig und politisch töricht. Diese Meisterleistung steht am Ende, präsentiert vom Rat der Stadt Lüneburg. Erreicht nur durch eisernes ,,Sparen“.

Damit Sie das nicht missverstehen: Unter Sparen versteht der gemeine Politiker schon, wenn er kein Geld ausgibt, das er auch gar nicht besitzt. Genauer betrachtet, macht er nur weniger Schulden. Aber sparen klingt einfach schöner, es hellt die düstere Zahlenwirklichkeit der städtischen Bilanz auf wie paradoxerweise die schwarze Null .

Wenn also die Stadt eine schwarze Null schreibt, dann ist das allein dem eisernen Sparwillen der Stadtväter zu danken. Wenn die Stadt das Ziel verfehlt, sind die Großwetterlage, die eingetrübte Konjunktur, die Sanktionen gegen Russland  oder sonstwas schuld und ganz besonders Bund, Land und EU, die die Gemeinden im Allgemeinen ausnehmen wie Wegelagerer und die Lüneburg im Speziellen die schwarze Null und den Sparerfolg rauben wollen. Färbt sich die Bilanz also dunkelrot, gibt es dafür immer Schuldige. Die Anderen.

Hans-Herbert Jenckel

6 Kommentare

  1. Lieber Herr Jenckel, Sie fragen sich: »Aber was ist eine „schwarze Null“? Gibt es auch eine „rote Null“ oder gar eine gelbe “Warn-Null”«?

    Vielleicht sollten Sie einfach einmal bei Herrn Pols, Herrn Mädge und Frau Schellmann vorbeischauen? Könnte doch sein, die haben »Von so einer Nullen-Ampel schon« gehört?

  2. Mein Gott, als ich die Überschrift las, meinte ich schon, der Pols sei von der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit in den Salzstock nach Gorleben verschleppt worden. Aber spätestens bei dem Wort „Nullen-Ampel“ hatte ich verstanden, dass es sich nur um so eine Art von Vorab-Besprechung der drei neuesten Folgen von „Rote Rosen“ handelt. Untertitel: „Eckhard – Allein zu Haus“, „Uli – Der Herr der Mäuse oder: Der große Crash“ und „Birte – Last Woman Standing“.

  3. Gerlinde von Achtern

    Hallo Herr Jenckel, in Ihrem letzten Aufsatz haben Sie über die zemürbende Zeit geschrieben, von der wir zwar immer weniger haben, aber immer genug, um zu klagen und mit dem Finger auf andere zu zeigen, und haben formuliert: „Die Zeit verdichtet sich immer schneller, so wie Materie in einem galaktischen Schwarzen Loch.“ (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/189831-lueneburgs-upper-zeit-class) Nun schreiben Sie über das quälende Geld, von dem wir zwar immer mehr haben, aber nie genug, um nicht zu klagen und nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, und formulieren: Die schwarze Null sei „eine Schöpfung der Politiker, die damit ein Nichts in ein Etwas münzen.“ Wenn man nun weiß, dass ein Schwarzes Loch ein astronomisches Nichts ist, das die Physiker nur darum in ein Etwas münzen, weil die gravitationsähnliche Energiedichte in bestimmten galaktischen Raumbereichen so extrem stark ist, dass Materie nur hineinfallen, aber nicht wieder hinausgelangen kann („Loch“) und das insbesondere auch elektromagnetische Wellen, wie sie etwa sichtbares Licht darstellen, niemals verlassen kann (daher „schwarz“), darf man dann nicht sagen: die „schwarze Null“ ist das „schwarze Loch“, in dem Ratsherrendebattierzeit, Selbstbeweihräucherungsenergien und Traumgeldphantasien wie in einem Tunnel verschwinden, an dessen Ende kein lebender Mensch jemals wird Licht sehen können?

    In den Worten von Professor Querulix: „Schwarze Null = Außer Spesen nichts gewesen. Rote Null = Das gleiche. Aber um die Spesen begleichen zu können, muss schon das Tafelsilber verscherbelt werden.“

  4. laut bwl,ler ist eine schwarze null minuswachstum, oder doch nicht? und politik steht doch auf wachstum, oder?

    • Gefährliche Wissenschaften

      Sie haben Recht, Klaus. Man kann sich nie ganz sicher sein, wie was zu verstehen ist. Was gestern Minuswachstum und zukunftsgefährdender Investitionsstau war, kann heute schon ganze Volkswirtschaften gesundheitlich stabilisieren und kommenden Generationen ein gedeihliches Auskommen garantieren, wird morgen aber bestimmt als die vollkommen falsche Herangehensweise gebrandmarkt, weil ohne Public Spending weder die architektonische Großmannssucht in Standortaufwertung noch das Offenhalten von möglichen Endlagern für radioaktive Abfälle in ökonomische Jahrhundertchancen umzudeuten wären.

      Wie sieht es aus mit BWLern und den anderen wissenschaftlichen Traumdeutern, die Sparziele definieren, diese dringendst anempfehlen oder für blanken Unsinn erklären, die die Entwicklung von Großwetterlagen voraussehen oder Konjunkturverläufe für kommende Jahrzehnte prognostizieren können und die über erwartbare Vor- und Nachteile von Sanktionen gegen Russland die gewissesten Urteile fällen sowie alles über die Machenschaften ganz besonders von Bund, Land und EU ausgeforscht haben und sicher sind, wer die Gemeinden im Allgemeinen ausnehmen möchte wie ein Wegelagerer und wer Lüneburg im Speziellen die schwarze Null und den Sparerfolg rauben will?

      Erinnern Sie sich an das Urteil gegen die italienischen Geologen, die für eine unzureichende Erdbebenwarnung sechs Jahre ins Gefängnis sollten? Da haben Sie ein Beispiel dafür, wie die juristische Interpretation einer rabenschwarzen Null die spekulierende Wissenschaft in Aufruhr und Schrecken versetzen kann. Sollten Sie nun befürchten, dass es auch in Lüneburg zu ähnlichen Strafen kommen könnte, wenn die angekündigte Null vor der 8-stelligen Zahl zu einer Null mehr am Ende dieser Zahl geworden ist, möchte ich Sie über die Risiken einzelner wissenschaftlicher Studienangebote der hiesigen Universität aufklären. Es könnte ja sein, dass Sie auf alternativen Bildungswegen noch eine Karriere als akademische Null, oder – was aufs Selbe hinausläuft – als Professor für nachhaltige Wahrsagerei bzw. geweissagte Nachhaltigkeit anstreben.

      Kulturwissenschaften » (B.A.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Irgendeinen „Turn“ erfinden
      Erwartbares Strafmaß: Lebenslänglich Seismograph für subtile Diskursänderungen in den Pressemeldungen von Bill Kaulitz werden

      Digital Media » (B.A.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Eine Neo-Philosophie aus ganz alten Hüten stricken
      Erwartbares Strafmaß: Eine W2-Professur in Osnabrück

      Politikwissenschaft » (B.A.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Wissenschaftlichkeit vorschützen
      Erwartbares Strafmaß: Ein Feuilleton-Krieg in der Braunschweiger Zeitung

      Betriebswirtschaftslehre » (B.A.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Wissenschaftlichkeit vorschützen
      Erwartbares Strafmaß: Eine Karriere im Topmanagement, Arschlochfresse

      Wirtschaftspsychologie » (B.Sc.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Biologismus
      Erwartbares Strafmaß: Gefragter Experte in Talkshows werden

      Ingenieurwissenschaften (Industrie) » (B.Eng.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Die Willensfreiheit leugnen
      Erwartbares Strafmaß: Willenlos den eigenen Forschungsergebnissen glauben zu müssen

      Rechtswissenschaften (Unternehmens- und Wirtschaftsrecht) » (LL.B.)
      Schwerstmögliches Verbrechen: Irgendeine Existenz ruinieren
      Erwartbares Strafmaß: Marmorböden in der Kanzlei

      Environmental & Sustainability Studies » (B.Sc.)
      HAHAHAHAHAHAHA!

  5. Wann wollen Sie Weihnachtsmänner im Regal sehen?
    am liebsten garnicht. das problem ist aber, man sieht sie das ganze jahr. nennen sich nur anders. volksvertreter. um wiedergewählt zu werden, gibt es geschenke. dumm ist nur die nummer mit linker tasche , rechte tasche. aber warum noch weihnachten gefeiert wird, weiß auch kaum noch einer. deswegen gehen ja auch immer weniger zur wahl der weihnachtsmänner. ha ha.