Aktuell
Home | Blog.JJ | Die Leuphana gibt das Stück: Hoch hinaus

Die Leuphana gibt das Stück: Hoch hinaus

Lüneburg, 7. Oktober

Die Leuphana ist blutjung. Vor acht Jahren erst aus der Taufe gehoben. Seither häutet sich die Universität Lüneburg.

Der Campus gleicht nicht nur zur Startwoche einem Laboratorium für experimentelles Theater. Der Intendant heißt Sascha Spoun, der Regisseur Holm Keller, die Kulisse stammt von Daniel Libeskind – Lüneburg dient nur als Bühne. Gegeben wird das Stück „Hoch hinaus“.

Die Leuphana ist im Steigflug. Kein Blick zurück. „Imagine 2099“  heißt der Slogan für die Startwoche 2014.

Die Rolle des Piloten ist mit dem Spielleiter Holm Keller besetzt. Wo andere nur vom Ziel träumen, zündet er das erste Triebwerk, auch wenn noch nicht klar ist, ob das zweite funktioniert. Keller findet auch immer eine Erklärung, warum der Kurs sich ändern muss. Er ist ein brillanter Improvisationskünstler und ein Paradebeispiel für die Philosophie des Silicon Valley: trial and error. Eine Herangehensweise, die dem Deutschen noch so unvertraut und für die Zukunft doch so ungeheuer wichtig ist. Scheitern als Phase auf dem Weg zum Erfolg. Auch deswegen fremdelt Lüneburg mit Keller.

Keller ist von einem Uni-Kanzler alten Zuschnitts so viele Lichtjahre entfernt wie die Erde vom Sternbild Orion. Er ist ein Uni-Außenminister, ein Networker, ein Kosmopolit, und das wieder ist auch der klarste und beste Charakterzug dieser gehäuteten Uni. Weltoffenheit und Internationalität haben Vorfahrt.

Durch seine Umtriebigkeit aber ist Kellers Schicksal mit dem der Universität ganz eng verkettet. Heute lässt sich das im Kern mit nur drei Buchstaben fassen: KIC (Knowledge and Innovation Communitiy). Das EU-Wissenstransfer-Projekt KIC, für das der Antrag gestellt ist, für das die Uni die Regie übernommen hat, wäre bei einem Zuschlag ein Paukenschlag auch für Lüneburg, wäre wirklich ,,Hoch hinaus“. Milliarden stünden für ein Konsortium aus Ländern, Unternehmen und Hochschulen bereit, das seine Zentrale in Lüneburg hätte.

Es wäre zugleich, das liegt auf der Hand, ein Auf- und Ausstiegsszenario für den umstrittenen Uni-Vizepräsidenten. Denn KIC verlangt eine mit vielen EU-Millionen gut gepolsterte eigenständige Gesellschaft. Und Keller wäre sicher der KIC-Chef. Er hat das Netz dafür weit über Europa hinaus gespannt: Das weltberühmte Massachusetts Institute of Technology und die Elite-Uni Harvard sind an Bord.

Das klingt erst einmal so futuristisch wie die Idee, Stararchitekt Libeskind in Lüneburg bauen zu lassen. Und es wird sicher genauso abenteuerlich zugehen. Die Dramaturgie folgt dem Prinzip des Filmmoguls Samuel Goldwyn und wohl auch der Maxime der Leuphana: Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern.

Für all das haben Keller und Spoun Lüneburg als Bühne gewählt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. KIC ist auch eine Riesenchance der Hansestadt, für mehr als Salz, Sülfmeister und Treppengiebel gerühmt zu werden.

Ach so, das Risiko? Große Chance, hohes Risiko. Für solche Mammutprojekte mutiert der Campus auch mal zum Casino. Es wird „Alles oder Nichts“ gespielt. Die Kugel rollt. Rien ne va plus.

Hans-Herbert Jenckel

8 Kommentare

  1. Über Gier, Glamour und Größenwahn

    … erzählt ein Film von Dieter Wedel aus dem Jahr 2010.

    „Ein durchaus aktueller Fernsehzweiteiler mit einer hervorragenden Besetzung, der nicht nur grenzenlose Habgier thematisiert, sondern auch die nahezu krankhafte Sucht nach Anerkennung.“
    (http://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?wert=534752&sucheNach=titel)

    „Mit „Gier“ will Wedel der in die Jahre gekommenen Spaßgesellschaft, die sich ohne Arbeit reich und reicher spekuliert, den Spiegel vorhalten. Für den Zweiteiler, der das kritische Hollywood-Drama der 1980er mit dem Degeto-Touch kurzschließt, ließ sich der 70-Jährige vom Fall des Finanzbetrügers Jürgen Harksen inspirieren. Viele „Magic Moments“ laufen ins Leere, weil die Geschichte dramaturgisch für zwei Teile nicht trägt. Für einen Wedel zu wenig. Und für den Zuschauer auch!“
    (http://www.tittelbach.tv/programm/mehrteiler/artikel-476.html)

    „Das Handeln nach dem Geschäftsmodell: „Wenn der Kollaps an einer Stelle droht, erhöhe an einer anderen den Einsatz!“ wird als Schneeball- oder Pyramidensystem bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen analog einem den Hang hinab rollenden und dabei stetig anwachsenden Schneeball. (…) In der Fachwelt werden Schneeballsystem und Ponzi-Spiel teilweise synonym verwendet“. (Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Ullstein, vollständig aktualisierte Auflage, Berlin, Juni 2010.)

    Das „Schicksal der Universität“, mit welchem das von Holm Keller „ganz eng verkettet“ ist, „lässt sich heute „im Kern mit nur drei Buchstaben fassen: KIC (Knowledge and Innovation Communitiy)“?

    „Das EU-Wissenstransfer-Projekt KIC (…) wäre bei einem Zuschlag ein Paukenschlag auch für Lüneburg, wäre wirklich „Hoch hinaus“?

    „Die Leuphana ist im Steigflug. Kein Blick zurück. “Imagine 2099″ heißt der Slogan für die Startwoche 2014“?

    Nicht bloß „die Themen der Startwoche kreisen seit Jahren um Demographie im Allgemeinen und Altern im Speziellen und um das Gesundheitswesen“ (LZ vom 5.Oktober), eine ganze „Universität“ wird seit 2006 öffentlichkeitswirksam so „positioniert“, dass sie sich vor den Interessenkarren von subventionshungrigen Konzernen wie „Novartis Vaccines und Sanofi Pasteur“ spannen lässt und als Maschine zum Anbohren von EU-Geldtöpfen „mit einem Multi-Milliarden-Volumen“ funktioniert. Nicht die Themen der „freien“ Forschung und der Forschenden bestimmen, wofür Geld beizuschaffen ist, sondern Selbstvermarktungsziele und die Etiketten von der Wirtschaftslobby „designter“ und von ihren hilflosen „Evaluatoren“ in den EU-Kommissionen auf den Weg gebrachter „Fördermittelpakete“ bestimmen, worauf Forschung und Forschende ihre Arbeit auszurichten haben.

    „Für all das haben Keller und Spoun Lüneburg als Bühne gewählt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger“? Welche Ehre für Lüneburg!

    „Die Leuphana ist der Koordinator, führt das Konsortium“? Und die EU verlangt, „dass für ein KIC eine eigenständige Einheit geschaffen werden soll, dass eine eigenständige Gesellschaft das Projekt führt, Ausgaben und Einnahmen verwaltet“? „KIC verlangt eine mit vielen EU-Millionen gut gepolsterte eigenständige Gesellschaft. Und Keller wäre sicher der KIC-Chef“? Na, dann Prost Mahlzeit ! „Uni-Vizepräsident Holm Keller, der seine Finger immer im Spiel hat, wenn es um Großes an der Leuphana geht“, kann ja, was die Steuerung von gigantomanen „Finanzierungsprojekten“ an seinem Institut betrifft, auf erstklassige Referenzen der Hochschule verweisen. Etwa: 2014-05-14 Landesrechnungshofbericht 2014 Zusammenfassung.pdf und 2014-04-06 AStA – StuPa – Umfassende Stellungnahme zum Zentralgebaeude Ruecktrittsforderung 06.04.14.pdf

    „Ach so, das Risiko? Große Chance, hohes Risiko. Für solche Mammutprojekte mutiert der Campus auch mal zum Casino. Es wird “Alles oder Nichts” gespielt. Die Kugel rollt. Rien ne va plus.“

    Schangs? Föfftig, föfftig?

    So gesehen, ist KIC gewiss „auch eine Riesenchance der Hansestadt, für mehr als Salz, Sülfmeister und Treppengiebel gerühmt zu werden.“ Der weltbekannte Schwankroman über „Die Schiltbürger“ erschien erstmals 1597 unter dem Titel „Das Lalenbuch. Wunderseltsame, abenteuerliche, unerhörte und bisher unbeschriebene Geschichten und Taten der Lalen zu Laleburg“. Vielleicht wird seine Popularität ja schon bald von einem Roman in den Schatten gestellt, der den Titel trägt: „Das Leulülenbuch. Wunderseltsame, abenteuerliche, unerhörte und bisher unbeschriebene Geschichten und Taten der Leuphanen zu Lüneburg“.

  2. Man könnte alles auch kürzer formulieren: Der Größenwahn an der Leuphana nimmt kein Ende und an den Personen Holm Keller und Spoun darf zu recht gezweifelt werde. – Peng

  3. Guter Aufsatz, Herr Jenckel. Beim ersten Lesen stutzt man und hält das Ganze für eine Eloge. Aber wenn man genauer hinsieht, ist es eine gelungene Mischung aus echtem lokalpatriotischen Enthusiasmus und hellwacher, erfahrungsgesättigter Skepsis. Wie in Rilkes elftem Sonett: „Sieh den Himmel. Heißt kein Sternbild »Reiter«?“ Ihre Bereitschaft, sich jungenhaft für die glitzernde Konstellation in der fernen Höhe zu begeistern, ist sehr sympathisch! Für Lüneburg wäre es schon großartig, würde auch nur ein Teil dessen wahr, was man in die vagen Ankündigungen hineinlesen möchte. Der nächtliche Beobachter muss ja ebenso die Linien selber hinzutun, um mehr als in der Dunkelheit leuchtende Punkte zu sehen. Zugleich machen Sie behutsam deutlich, wie bewusst Ihnen die Gefahr eines möglichen Fehlschlags im Casino ist. Die Gründe für solchen Argwohn sind ja jedem Zeitungsleser in Deutschland bekannt. Man braucht gar nicht mehr in der brutalen Direktheit auf sie zu zeigen, wie die beiden Kommentarschreiber vor mir. Allein, vielleicht sollte man in diesem Fall, anders als in der Sache Zentralgebäudebau, die erhebliche materielle Risiken für die Stadt birgt, tatsächlich einmal abwarten: “ Auch die sternische Verbindung trügt. / Doch uns freue eine Weile nun / der Figur zu glauben. Das genügt.“ Bis zum 9. Dezember.

    • Ja, ein guter Aufsatz! Nur aus etwas anderen Gründen, als Sie meinen, Franziska.

      „Eine gelungene Mischung aus echtem lokalpatriotischen Enthusiasmus und hellwacher, erfahrungsgesättigter Skepsis“? Und diesen Befund autorisieren Sie mit schwerstem Pathosgeschütz aus den lyrischen Waffenkammern Rilkes, eines unserer empfindsamsten Lauscher überhaupt?

      Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass Jenckels Vokabular durchweg aus den Bereichen des Theaterwesens, des Show-Geschäfts und des Glücksspiels stammt? Und dass der vorherrschende Modus seiner Verben der kontrafaktische Irrealis ist, ihre Zeitform überwiegend das Futur oder das Präsens des Zukünftigen? Kann man aus der Darstellung Jenckels etwas anderes als die Beschreibung eines beunruhigend ambitiösen Milieus von Gauklern und Nummernkomödianten herauslesen, in dem man sich anschickt nach den Sternen im selbstgefertigten Bühnenhimmel zu angeln? Und lautet die unterschwellige Frage nicht: „Mal schaun, wie weit man es mit Kulissenstellen, Deklamieren, Schaufensterdekorieren und Schulternschlagen bringen wird“?

      Sie haben Recht, der Inhalt seines Textes sagt: „Hoffnung“. Doch die Form sagt: „Verzweiflung“.

      Jenckel nennt das Stück, das in Lüneburg gegeben wird: „Hoch hinaus“. Aber sein Verdacht scheint zu sein, dessen Plot stamme von Hans Christian Andersen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/114

      • ich bin immer wieder erstaunt, was man aus artikeln, die nur dazu da sind, geld zu verdienen, herauslesen kann. ob da einem so manchmal die phantasie durchgeht? manchmal kann man schon verzweifeln. aber bitte doch nicht gleich so. der protagonist würde ja gern so schreiben, wie er wollte. wenn das geldverdienen nicht ständig im wege stehen würde. jeder , der für seine meinungsäußerung keinen obolus bekommt, ist für andere glaubwürdiger . oder irre ich mich da ?

  4. Klaus hat am 29. September 2014 um 14:34 geschrieben: „tja, irgendwann müssen wir wieder in höhlen leben. die erderwärmung wird es richten, oder doch lieber hoch hinaus?“ Hat er jetzt Anspruch auf die lebenslange Zahlung von Tantiemen genüber der Universität Leuphana? Schließlich stammt die Anregung für den Titel des Stückes vom brillanten Improvisationskünstler Keller, das am Lüneburger Campus für experimentelles Theater vor der Kulisse des Libeskind-Rohbaus gegeben wird, doch ganz offensichtlich von ihm.

  5. nur mal so am rande.
    ich war wählen. einheitsgemeinde ja, oder nein. ich habe für ja gestimmt. warum? ich halte nichts von ,,debbatierclubs“. egomanenpflege innerhalb der politik hat schon lange tradition. es wird zeit, dieses zu ändern. und nur so nebenbei, vor schuldenmachern , die schiefe hütten für teures geld bauen lassen, sollte man sich an den randgemeinden vorsehen. schwupps und schon wird man ebenfalls zur kasse gebeten. demokratie ist ja was feines, aber nur, wenn sie wirklich stattfindet. da wir aber in einer postdemokratie leben, heißt es , besonders aufzupassen.

  6. mal ehrlich, mir tun journalisten nur noch leid. deren wahrheitsgehalt liegt liegt beim arbeitgeber. sie selbst dürfen nur noch doch die blume sprechen, sonst sind sie raus. wenn ich mich mit den frischen abgängern einer journalistenschule unterhalte, bekomme ich hin und wieder einen schauer. es ist erschreckend, wie manipulativ heute zu werke gegangen wird. die medien haben ihre aufgabe vergessen. ist wie bei ärzten, die ihren eid vergessen. warum lassen das bekanntlich schlaue menschen zu? liegt es an den zwängen? geld verdienen? oder an der schwäche des einzelnen, rückgradt zu zeigen? es liegt an allem.