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Die German Angst und der Fluch des Waldsterbens

Lüneburg, 26. November
Wer in seinem Wörterschatzkästlein reichlich Anglizismen hortet, ist fit für die Karriere. Je kryptischer, desto mehr Karriere. „Start up“ klingt eben besser, als, ,,Ich habe eine Hunde-Boutique eröffnet“, „Employee-Buy-Out“ besser als, ,,Wir haben den maroden Laden übernommen, sonst säßen wir auf der Straße.“ Umgekehrt nisten sich deutsche Wörter kaum im Angelsächsischen ein. Ja, Kindergarten, berühmt geworden durch den Antikriegsfilm „Die Brücke“. Und natürlich die ,,German Angst“, über deren Wucht andere Nationen nur den Kopf schütteln.

Auf der aktuellen Angst-Skala liegt die Angst der Deutschen, ,,German Angst“, mit 146 von 300 möglichen Punkten in Front. Die Engländer kommen nur auf 103, die Niederländer scheinen mit 66 Punkten geradezu angstresistent.

Angst scheint etwas Urdeutsches, sie beschlich schon Heinrich Manns Untertan Diederich Heßling, „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“.

Bei mir ist die German Angst in den 80er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts ausgebrochen, als ich das erste Mal über den Sauren Regen schrieb und mich die Bilder von kahlen Kiefern auf dem Harzbuckel das Fürchten lehrten. Als umweltbewusste LZ-Volontäre waren wir so gefesselt vom Waldsterben, dass schon mal eine natürlich nadelnde Lerche als totgeweihter Baum zur Illustration Verwendung fand. Der Waldschadensbericht war ein Highlight für die heimische Katastrophen-Berichterstattung.

Aber wie alles unterlag auch der Schadensbericht einem gewissen Abnutzungseffekt. Der Eichenprozessionsspinner oder die Miniermotte an den Kastanien wurden bedrohlicher als der Saure Regen. Irgendwann jedenfalls hieß der Waldschadensbericht auch harmlos Waldzustandsbericht und heute nur noch Waldinventur, gerade vorgestellt mit viel erfreulichem Laubbaum-Nachwuchs.

Zurecht ängstigten uns die Folgen von Tschernobyl. Milch wurde aus fernen Ländern importiert, Menschen wanderten gar aus, und alle redeten von Becquerel, dem Strahlungs-Gradmesser. Pilze sammelten in heimischen Wäldern nur noch Lebensmüde. Und heute? Naschen wir wieder Pfifferlinge aus Weißrussland, bis wir strahlen.

Aktuell hat sich die „German Angst“ in unseren Breitengraden auf den Wolf kapriziert. Ich hoffe, das Wolfsfieber nimmt einen ähnlich guten Verlauf wie der Waldschadensbericht. Dann hat der Wolf sogar unter Lüneburgs Jägern und Schäfern eine große Zukunft. Und wenn er doch übergriffig wird? Zum Glück gibt es da für uns Deutsche eine letzte Adresse für die Bändigung der Angst: die Lebensversicherung. In Versicherungsfragen haben wir Goldstatus.

Wobei – ich verstehe einfach nicht, warum ich noch keine Versicherung gegen Furchtzustände googeln konnte. Das jagt mir richtig Angst ein.
Hans-Herbert Jenckel

2 Kommentare

  1. Die Angst scheint urdeutsch,der schein trügt. wenn man die furcht versichern könnte, müsste man die allianz fragen. wie fürchterlich wäre das denn? wildschweine strahlen in der nacht so hell, dass die meisten jäger daneben schießen. viel schlimmer scheint die grippe zu sein. ob mensch ,ob vogel, ob schwein, alle werden trotzdem gefressen.

  2. Und ewig sterben die Wälder – Le Waldsterben https://www.youtube.com/watch?v=eO7aqEF3V04