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Ratsherren, Leserbriefschreiber und heiße Luft

Lüneburg, 2. Dezember 2014

Wer schreibt, der bleibt.

Auf diese Formel setzen treue LZ-Leserbriefschreiber. Ernten für die Vielschreiberei aber auch mal Spott, wie gerade wieder passiert.

Nehmen wir den bekannten Leserbriefschreiber B. aus R., den es dann oft trifft. Der hat in seinem Leben, wie er mir mehrfach versicherte, Dutzende Berufe ausgeübt und kann so schon per se zu allem und jedem etwas sagen. So viel Lebenserfahrung-getränkte Post an die Redaktion geht anderen mitunter auf die Nerven. Wird etwa B.s Meinungsflut sogleich als Mahnung empfunden, selber mit zu wenig Courage in die Tasten zu hauen?

Leserbriefschreiber gehen in der Regel eine Symbiose mit den Lokalpolitikern ein: Die reden viel, worauf die anderen meinen, darüber viel schreiben zu müssen.

Ratsherren unterliegen dem Zwang, die per Geschäftsordnung zugestandene Zeitspanne auszureizen, immer. Selbst auf die Gefahr hin, sie mit akustischem Müll zu füllen. In dieser Hinsicht werden die Besucher der Dezember-Sitzung im Lüneburger Rathaus auf eine Bewährungsprobe gestellt. Die Haushalts-Debatte steht an. Und Gäste dürfen da im Huldigungssaal nur schweigen, zuhören und leiden.

Denn wenn der Rat übers Geld fürs nächste Jahr debattiert, wird die Redezeit noch gedehnt, bis es weh tut. SPD und Grüne, die Mehrheit also, loben den Haushalt wegen der Etatposten für Bildung, Kitas, Wohnungsbau oder lokale Energiewende über alle Maßen. Die CDU wird ihn eher als finanzpolitischen Offenbarungseid einstufen, die Linken vermutlich noch einmal Weihnachtsgeld für alle fordern. Und die Liberalen mutmaßen Luftbuchungen. Spätestens dann sieht sich der Oberbürgermeister zu einer bitterbösen Grundsatzrede gezwungen, womöglich beschimpft er Bund und Land wieder, die die Städte im Stich lassen. So oder ganz ähnlich begibt es sich alle Jahre wieder im Dezember im Rat – eine prosaische Weihnachtsgeschichte.

Natürlich sind reichlich Fensterreden dabei und viel heiße Luft. Dann folgen noch die Leserbriefe darauf. Das Ergebnis: Die heiße Luft dehnt sich noch mehr aus.
Hans-Herbert Jenckel

27 Kommentare

  1. Spärlich bis ar nicht indet sich in der deutschen Literatur eine Beschreibun, wie und wo sich die Leute ihre Zehennäel abschneiden. Ich will da mit utem Beispiel voranehen. Ich schneide mir die Zehennäel am Schreibtisch, damit ich während dieses Vorans ür E-Mails erreichbar bleibe, oder alls ich au die Idee komme, nach »einewachsenen Zehennäeln« zu ooeln. Spannend ist es ür mich zu beobachten, wohin die Zehennäel oder auch Zehennäelspäne so lieen, wenn ich sie abeschnitten habe. Manche allen einach nur au den Boden, andere prallen een den Monitor und lieen in irendeine unerreichbare Ecke, einie schaen es in den Papiereinzu vom Drucker. Doo ist es, wenn die Zehennäel zwischen den Tasten der Tastatur hänenbleiben. Die bekomme ich dann manchmal nicht raus und piekse mich dann, wenn ich die Tasten betätie. Andere allen durch die Zwischenräume und blockieren dann die Tasten, so daß ich einie Buchstaben in meinen Texten nicht mehr benutzen kann. So, jetzt habe ich dazu was eschrieben. Sollen es mir andere leichtun.

    In dem Artikel oben habe ich übriens ün Rechtschreibeehler geunden. Wer sie auflistet, dar ünzehn Wochen bei Burkhard Bisanz im Dezernat ür Einsatz und Verkehr in der Polizeidirektion Lünebur volontieren oder zwei Stunden mit Herrn Jenckel und dem Oberbürermeister Mäde Heißlutballon ahren.

    ünther Brammer aus Reinstor

  2. immer diese leserbriefschreiber. sie nerven nur. wollen alles besser wissen, so wie journalisten. die einen machen es umsonst, die anderen lassen sich dafür bezahlen. seltsam, die sich bezahlen lassen können garnicht genug schreiben und sind immer die gleichen und so manches sommerloch wird von ihnen beglückt. und so manchmal hat man das gefühl, die symbiose beschränkt sich nicht nur auf lokalpolitiker.die dadurch entstandene heiße luft wird gern gedruckt, schließlich wird sie ja bezahlt. der spott ist immer dann berechtigt, wenn etwas falsch war. und wenn reklame im redaktionellen teil zu offentsichtlich ist, gibt es vom leser einen leserbrief. Leserbriefschreiber gehen in der Regel eine Symbiose mit den Lokalpolitikern ein:es sollen da tatsächlich ausnahmen geben. diese ausnahmen haben es dann besonders schwer. es fehlt an rückendeckung, ganz im gegensatz zu den journalisten, die haben immer einen kollegen, der dann weiter helfen kann, damit der spott nicht zu groß wird. was würde die journalie ohne fensterreden machen? von der wahrheit allein, kann sie nicht leben. reden ist silber , ,,schreiben“ ist gold. und damit es reicht, wird auch mal gern aus einer mücke einen elefanten gemacht, das sagt mir meine lebenserfahrung. sagt sie mir was verkehrtes?

  3. eine prosaische Weihnachtsgeschichte.
    Da bei uns triaden sehr beliebt sind, frage ich mich natürlich, wo beim rat der heilige geist geblieben ist? die unbefleckte empfängnis war für mich schon immer ein rätsel.

  4. Wenn auf dem Umschlag eines Buches steht, der Autor sei „mit der Gnade jenes Wahnwitzes gesegnet, den man Reppenstedter Humor nennt“, bin ich ja immer gleich neugierig – und vorsichtig, denn bekanntlich wird mit derlei Etikettierungen viel zu oft der sprichwörtliche Schwindel betrieben. Im Fall von Klaus Bruns‘ neuem Roman „Der Stint kann warten“ (zu Klampen, 2014) allerdings nicht, was zu erwarten war. Denn in der Tat, begnadeten Wahnwitz habe ich bereits in Bruns‘ Erstling „Die Herren der Keule“ aufs höchste genossen.

    Auch das neue ist ein prachtvolles Buch, in dem ein namenloser LZ-Großkommentator auf einem Campingplatz in einer kargen nordniedersächsischen Gegend hängenbleibt. Anstatt – wie eigentlich geplant – an den Stint zu fahren und die malerische Lüneburger Hafenkulisse zu genießen, streicht er Zäune und Ruderboote an, macht der Tochter des Campingplatzbesitzers die Hausaufgaben und sich zum Dorfdeppen, indem er abends vor seinem Zelt jungem Badevolk laut lachend ironisch verrätselte Leserbriefe diktiert. Mehr passiert nicht. Doch Bruns‘ Geschichten sind abgründig, weil der Autor seine Leser mit subtilen Beiläufigkeiten nachhaltig irritiert. Die Figuren treiben befremdlichste Dinge, ohne daß sich jemand darüber wundern würde. Zudem erzeugt Bruns eine unterschwellig bedrohliche Stimmung. Wie Kafkas hilflose Helden steht auch Bruns‘ Erzähler vor einem undurchschaubaren Gesetz, und die Frage, welcher Prozeß ihm am Ende von der verstockten Dorfgemeinschaft gemacht wird, verleiht dem Buch eine geradezu thrillergemäße Atmosphäre. Running gags und die wegen ihrer Komplexität nicht zitable „Wucht der Dialoge“ (Harry Rowohlt) fügen dem Buch eine fürwahr gellerseneske Komikfarbe hinzu. Bei Bruns vereinen sich Aki Kaurismäki, Flann O’Brien und die Marx Brothers zu einer grandiosen Symbiose. „Der Stint kann warten“ – die Lektüre des Buches hingegen nicht.

    Apropos: Der größte Teil der Biomasse auf der Erde besteht aus symbiotischen Systemen. Schon die meisten Bäume und Sträucher im Roten Feld sind auf Bestäubung durch andere Spezies (z. B. Bernsteinadorniten und Steuerberaterästheten) angewiesen, Ameisen in Berlin und Hanover beschützen Blattläuse am Bockelsberg, wobei sie im Gegenzug von diesen Zuckerwasser erhalten, die Hautparasiten von Großsäugern (z. B. Projektnilpferde und Parteielefanten) werden von Putzervögeln aus Lokalzeitungen abgefressen, ein stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft verleiht Förderpreise an die Leuphana, die er wenig später als Vorsitzender des Leuphana Stiftungsrates unter großem medialen Reklame-Tamtam stolz entgegennimmt, etc., etc.

    Jasmin Lust, Bardowick

    • Jasmin Lust, Bardowick
      ich mag den bruns auch. seine art kann man fast als einmalig nennen. wahrheiten verbunden mit trivialitäten. es ist sehr unterhaltsam. es traut sich nicht jeder dazu, alle wollen nur das eine. und das ist nur ihr bestes. gut, wenn es mal nicht die geldbörse betrifft.

    • mal eine frage , wahnwitz, darf der auch nur witzig sein? was ist, wenn nicht? könnte es sein, dass derjenige, der nichts versteht, andere in einem wahn erkennt? was ist dann? Wer kann wahnwitz erkennen? der witz hat, oder der im wahn sich befindet? ja ja, so ist das mit den fragen, keiner versteht einen. ob das am wahn liegt?

  5. Jedesmal wenn ich mich auf Landeszeitung.de den „Kommentaren“ zuwende läuft mir bereits nach kurzem Anlesen ein eisiger Schauer über den Rücken. Besonders schwierig empfinde ich Kommentare, die völlig losgelöst von LZ-Berichten verfasst werden. So wie mein Kommentar jetzt gerade 🙂

    Warum erbarmt sich eigentlich keiner und schafft für die eifrigen Schreiberlinge, deren Mitteilungsdrang fast schon zwanghaft wirkt, einen angemessenen VIP-Bereich unter der Prämisse „betreutes Schreiben“. Da können die Experten für „alles und jedes“ dann einen Kreis bilden und sich gegenseitig einen Bären aufbinden.

    Sollte ich allerdings davon ausgehen müssen, das die Kommentarfunktion auf Landeszeitung.de womöglich genau zu diesem Zweck geschaffen wurde, dann reiche man mir bitte einen Bären.
    Brrrr …. was für eine Vorstellung 🙂

    • Kommentare werden nicht freigegeben, wenn sie gegen Gesetze oder gegen die guten Sitten verstoßen.
      Eine Meinung zu haben, fällt per se nicht in die Kategorien.
      Die Meinung griffig oder aber abstrus zu verfassen, ist beides durch die Pressefreiheit und Artikel 5 gedeckt.
      Alles andere wäre doch echt Zensur.
      LG
      hhjenckel

    • EinLeser
      die freiheit des einen hört immer da auf, wo sie beim anderen anfängt. ob kritiker das verstehen? dass man grenzen zu seinen gunsten gern verschiebt ist nicht neu und nur menschlich. trösten sie sich, sie dürfen hier so oft kommentieren, wie alle anderen. ob es gefällt, liegt immer im sinn des betrachters. betreutes schreiben finde ich zum beispiel lustig. weiter so.

    • Übrigens Ein Leser , ihre Idee mit dem VIP Bereich finde ich sogar sehr gut. Einen ähnlichen Vorschlag habe ich auch schon gemacht. In diesem Bereich sollte man sich aber nur mit dem echten Namen einloggen dürfen und sich auch nur mit diesem Namen mitteilen dürfen. Was halten Sie davon? Von der LZ gibt es dazu bis jetzt leider keine Rückmeldung.

    • @EinLeser: Sie schildern treffend. Ich habe den Eindruck, auf dieser Spielwiese tummeln sich zwei, höchstens drei „kreative“, aber völlig untalentierte Rentner, die viel Zeit haben. Mit der Kommentarspalte auf diesem Niveau steht die LZ einzig da, das mutet man sich anderenorts nicht zu.

      • Zensur?
        Nein!
        Geschütztes Biotop

      • Liebe Frau Ketteler

        Um sich die mehrschichtigen pädagogischen Effekte der nicht schnurstracks oder, wie der Biarritz-Urlauber (die scherzhafte Bildung mit der eindeutschend gesprochenen und geschriebenen französischen Adverbendung -ment gebrauchend) sagen würde, direktemang aufs Mitteilungsziel zusteuernden Bruns´schen Texte nach und nach zu erschließen, sollten Sie vielleicht mit einer kleinen praktischen Verfremdungstheater-Übung in vertrauter Umgebung beginnen. Anstatt hier alle naselang maulend hereinzuplatzen und sich wie ein Volkskommissar (народный комиссар) für Reppenstedter Rentnerunartigkeiten, Komentarseitenqualität und Blog.JJ-Evaluation zu gerieren, als hätten Ihnen wieder die schlechten Diktate Ihrer Kunden die Adventwochenendlaune verhagelt, würden Sie sich am Sonnabendvormittag zunächst durch den Genuss von ein, zwei dick mit Traubenpuderzucker (angeblich gut gegen Müdigkeit, Muskelkrämpfe und allgemein bei Stress) bestäubten Scheiben Buttermandelchriststollen (von Hesse) locker machen und dann – vielleicht mit Jürgen Hempel zusammen – mal die Spaßtoleranz in Ihrer Nachbarschaft austesten. Zu zweit dürfte Ihnen die Traute doch nicht fehlen, z.B. für dieses kleine Experiment: Es kostet nicht viel (außer vielleicht eine kleine Überwindung), und man kann es gut mit dem nächsten Gang zum Supermarkt verbinden. Nehmen Sie eine leere (ganz wichtig!) PET-Pfandflasche mit und halten Sie auf der Straße Ausschau nach einer Erdgeschoßwohnung, bei der ein Fenster offen steht. Jetzt werfen Sie die Flasche einfach hinein. Laufen Sie anschließend schnell zur Haustür und klingeln Sie bei der entsprechenden Wohnung (vermutlich gar nicht mehr nötig). Wenn Herr Wheeler dann mit hochrotem Kopf in der Tür steht, schauen Sie konzentriert auf den Klingelknopf, drücken ihn dann noch einmal und sagen in etwas verwundertem Ton: »Komisch, hier kommt überhaupt kein Pfandbon raus, könnten Sie wohl bitte mal das Personal rufen?«

        • …sorry, aber ich mache Ihnen nicht die Freude, solche einen Unsinn auch nur durchzulesen…

          • Frau Ketteler, unsinn ist relativ, glauben sie mir. unter den blinden, ist der einäugige könig. sehen sie was, wenn sie es nicht lesen? mit der einstellung: nein, meine suppe esse ich nicht, werden sie nicht weit kommen.

          • Mann, Frau Ketteler, was ist los ?? Da wird ein Urteil („Unsinn“) kreiert, ohne das Beurteilte zur Kenntnis genommen zu haben (ignoratio elenchi?), und auch das unflektierte Demonstrativpronomen in der Funktion eines deiktischen Modifikators oder Gradpartikels scheint unbekannt („ solche einen Unsinn”). Und ich wundere mich über die schlechten Diktate meiner Kunden…

          • An Frau Ketteler

            »Unanständige Frauen lesen und trinken« heißt der gerade heute erschienene und an die Buchhandlungen ausgelieferte Roman von Sophie Hart. Auf dem Buchrücken steht: »Die Autorin lebt mit ihrem Freund und ihrer Sammlung skandalöser Romane in London. Sie liebt es zu reisen, ihr Fitnesstraining ausfallen zu lassen und Daniel Craig anzuschmachten.« Folgt man dem Romantitel, wären anständig also die Frauen, die nicht lesen und nicht trinken. Sie als strikte Leseverweigererin würden demnach unbedingt in die Gruppe der anständigen Mädchen gehören. Ich persönlich finde, nicht zu lesen – und trotzdem über das Nicht-Gelesene zu urteilen – jedoch schlimm. Nimmt man das Nicht-Trinken als eine Art Metapher für das Nicht-Lesen, ist noch schlimmer, als nicht zu trinken, daß man dann das Wort »abstinent« des öfteren benutzen muß. Es liegt, onomatopoetisch betrachtet, irgendwo zwischen »altersdement« und »inkontinent« und ist zudem bei Gebrauch in einer Trinkstätte meist mit der latent aggressiven Rückfrage »Hä?« kausal verknüpft. Nach dreimaliger Verwendung dieses Unworts (einmal im inneren Monolog, zweimal verbal) beschloß ich, auch um weitere Irritation meines Umfelds zu vermeiden, wieder mit dem Saufen anzufangen. Wenn Sie diese Geschichte jetzt gedanklich wieder aufs Lesen übertragen, Frau Ketteler, zu welchem Schluß kommen Sie?

    • Lieber EinLeser,

      wenn Sie sich wirklich – wie Ihr Pseudonym anzudeuten scheint – in das Werk von Klaus Bruns einarbeiten möchten (auch in seine von Ihnen als „besonders schwierig empfundenen Kommentare“, die auf den ersten Blick „völlig losgelöst von LZ-Berichten verfasst werden“), ist es mit „kurzem Anlesen“ und emotionalem Reagieren („eisige, über den Rücken laufende Schauer“) vielleicht nicht getan. Sich einlassen, mehreres wirken lassen und vieles zu Ende lesen, darauf kommt es an, wenn man sich ein Bild von Klaus Bruns, dem passionierten LZeitgeistbegleiter und hintergründigen Sprachkünstler, machen will.

      Der Universalgelehrte und Verhaltensforscher Klaus Bruns ist (fast) nie zu sehen und schon gar nicht zu fassen. Das hat weniger mit seiner notorischen Scheu vor zu vielen Menschen mit zu vielen Meinungen zu tun als mit seiner Auffassung von einem zeitgenössischen LZ-Kommentator, die ihm die Ausstellung seiner Person verbietet. Also gibt es keine neueren Interviews, keine Rathausreden zu politischen oder sozialen Problemen, auch wenn sie gewissermassen brennen, die Talkshows müssen ohne seine Anwesenheit auskommen. Das ist einerseits zu bedauern, weil jeder, der Klaus Bruns einmal begegnet ist, von einem belesenen, klugen, witzigen und schlagfertigen Reppenstedter spricht, der unsere gemeinsame Lüneburger Welt bis in die kleinsten Verästelungen wahrnimmt und analysieren kann; andererseits kann man sein Abrücken von der „Kommunikationsgesellschaft“ gut verstehen: lieber gar nichts mehr sagen als Teil der Twitter-Verblödung werden. Sein wortgewaltiger Hass allein auf das Wort „kommunizieren“ ist sprichwörtlich. „Ein LZ-Kommentator «kommuniziert» nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben. Welch einen Reichtum an (noch lebendigen) inneren Bewegungen und entsprechenden Ausdrücken verschlingt ein solch brutales Müllschluckerwort!“

      In seinen regelmäßig erscheinenden LZ-Online-Wortmeldungen mit anlassbezogenen Anmerkungen oder kurzer Prosa, die für sich zusammengenommen ein Journal des Nachdenkens, Fühlens und Ahnens ergeben würden (das alles andere als ein Tagebuch ist), hat Klaus Bruns immer wieder seine Art des Schreibens dargestellt (und nebenbei auch seinen mangelnden Ehrgeiz einbekannt, Romane zu verfassen). Da heißt es etwa einmal: „Ich fülle nur die kleinen Lücken, die meine Lieblingsjournalisten in ihren Artikeln ließen. Was ich schreibe, hätten auch sie noch schreiben können. Dann und wann haben sie einen verspäteten, postumen Einfall – dafür gibt es mich.“ Bruns gehört also zu den „Schriftfortsetzern“, den emsigen Mönchen, die Geschriebenes mit intelligenten Fehlern kopieren, woraus sich möglicherweise, irgendwann, wie bei den Kopierfehlern in der Evolution, eine neue Gattung des Bemerkens entwickelt.

      Diese Gattung des Bemerkens im Kostüm des Online-Kommentars ist, anders als Roman und Erzählung und anders auch als der philosophische Essay, in Deutschland nie recht populär geworden, trotz Lichtenbergs „Sudelbüchern“ oder dem „Blütenstaub“ und dem „Allgemeinen Brouillon“ des Novalis, trotz Nietzsches Aphorismen und Canettis „Aufzeichnungen“. Liegt es an unserem Hang zur gründlichen Systematik, dass unsere vieles sehenden und vieles verbindenden Facettenaugen verkümmert sind? Während sogar die Tagebücher, die bewusst etwas ausplaudern, was keinen etwas angeht, noch gut wegkommen, führen Ideen-Kompendien, die eigenen und die fremden (von Valéry und Henry James bis zu Davila und Cioran), in unserer Kultur ein Schattenleben. So kann Klaus Bruns ironisch-resigniert anmerken: „Wenn ich den Erfolg meiner Kommentator-Tätigkeit dem eines Handzettelverteilers in der Antarktis verglich, so war mir wohl nicht gegenwärtig, dass auch dort bereits Massenexpeditionen unterwegs sind.“ Offenbar sind solche kurzen Texte in unseren Lehrplänen nicht vorgesehen. Der generös mit seinen Ideen umgehende Klaus Bruns gibt auch dafür eine Leseanleitung: „Wie liest man eine Sammlung kleiner weiter Sätze? Schließt man nach jedem Treffer die Kommentarseite und denkt über den Satz nach? Nein, man liest ein paar Einträge, prüft, was einem das Merkwürdigste war, nimmt die Stelle wieder auf. Man arbeitet an der Aneignung. Konsumieren ist unmöglich. Nichts für Leseratten. Nichts für Besserwisser.“

      Hat man allerdings die Bruns´schen Kommentare – oder das aus diesen per copy and paste selbst zusammengestellte Brevier – gern auch unter dem Titel „Allein mit allen“ – einmal ins Herz geschlossen, können sie zu einem unerlässlichen Elixier werden: Mit großer Klugheit und Empfindungskraft entsteht vor den Augen des nachdenklichen Lesers eine Anleitung zum genaueren Sehen, wie sie reichhaltiger kein anderer LZ-Kommentator unserer Zeit entworfen hat. Von der Geburt, dem Auf-die-Welt-Kommen, bis zum Tod werden die Stationen des Erkennens und Begreifens und des Abschiednehmens bedacht, wobei der Autor stets als ein streng, aber abwartend distanzierter Zeitgenosse zu erkennen ist.

      Es wäre ein großes Versäumnis, wenn man diese Begleitung ohne Not ausschlüge.

  6. 300 Baüme müssen weg ….
    bei dieser Überschrift könnt ich kotzen ….. ist ja toll das wir ne Baumschutzordnung haben … das ist warscheinlich nur so ein bürokratisches Blatt Papier für private Grundstücksbesitzer ….. wenn die Stadt Bäume fällen will, und die Bäume zu einer geschützen Sorte zählen, dann werden den Bäumen einfach paar Pilze angehängt oder wie z.B. an der Dahlenburger Landstr. die Bäume haben ja mit bloßem Auge zu sehn einen Umfang von mehr als 90 cm also dürften die nicht gefällt werden …. aber der Fußweg muß ja erneuert werden …. der Fußweg ist ja schon ewig da und bei der Anlegung haben die Bäume ja auch nicht gestört ….. und warum jetzt ??? Also die Liste von den 300 Baümen die anscheinend gefällt werden müßen möchte nicht sehn ….. ich würd aus n kotzen ja nicht mehr rauskommen ….
    Sollten sich Baumfreunde finden und gegen diese willkürliche Baumfällerei demonstrieren wollen…. ich bin dabei !!!!!!!

    • Die Deutsche Bahn hat einen Bericht des Hessischen Rundfunks, wonach sie eine Abschaffung der Bahncard plane, vorgestern als „dreiste Falschmeldung“ bezeichnet. Gegenüber „Spiegel online“ gab dann ein Bahn-Aufsichtsratsmitglied am Nachmittag aber an, daß aufgrund „der Probleme im Fernverkehr“ über ein „verändertes Tarifsystem diskutiert“ und die Bahncard „weiterentwickelt“ werden solle. Daß diese Weiterentwicklung zusätzliche Funktionen (Kreditkarte, Zimmerschlüssel in Bahnhofshotels, Visitenkarte, Speicher bzw. Übermittler von persönlichen Kundendaten und Kundenprofilen) bei gleichzeitiger Abschaffung „überkommener“ Verwendungsmöglichkeiten (Rabatte auf Bahnreisen) bedeute, dementierte die Bahn jedoch umgehend als „unverschämte Desinformation“. Es wäre nur so, teilte ein Bahnsprecher mit, daß die Zahlen 25, 50 und 100 künftig „eine erweiterte Bedeutung“ haben werden und das „ungefähre Alter der Besitzer“ anzeigen sollen. Rabatte werde es aber weiterhin geben, auch auf Bahnfahrten. Einen Bericht darüber, daß dafür der gesamte Bahnfernverkehr abgeschafft werden soll, tat der Sprecher dann als „absoluten Humbug“ ab. Ein Mitglied des Bahnvorstands erklärte daraufhin: „Gut, wir wollen unser Transportsystem weiterentwickeln. Dabei stellen sich natürlich auch Fragen wie ‚Sind Züge überhaupt noch zeitgemäß?‘ und ‚Wollen Menschen nicht viel lieber Bus fahren?‘ Wir diskutieren das ergebnisoffen.“ Daß die Bahn sich künftig nur noch über Schienenersatzverkehr, grotesk überteuerte Shopping Malls in Bahnhofsgebäuden, den Verkauf recyclter Metalle und den Vertrieb des einzig konstant erfolgreichen Produktes der Deutschen Bahn, Bahnwitze, finanzieren werde, sei aber wirklich „grotesker Superdoofiquatsch“, so Rüdiger Grube, Vorstandvorsitzender der neu gegründeten „DB Import-Export Facility Fun AG“.
      Sollten sich Bahnspaßfreunde finden und gegen diese willkürliche Bahncardschwindelei demonstrieren wollen…. sind Sie dabei ???????

      • ha ha, 100 finde ich persönlich sehr ambitioniert. nicht jeder heißt heesters. und wenn man gegen die schwindeleien der bahn ständig demonstrieren möchte, hilft nur eins, sie nicht zu nutzen.

  7. Ist der Ruf erst ruiniert, schreibt’s sich gänzlich ungeniert !
    Es ist lobenswert, wenn man nahezu jedem Thema eine Meinung hat. Wenn man diese aber laut herausplärrt, sollte man zumindest einigermaßen sachkundig sein und da, mein lieber Herr B., liegt das Problem.
    Wenn man dann noch gebetsmühlenartig seine politischen Phrasen einflechten muß, dann wird es peinlich !

    • na Frank , dann hoffe ich doch mal , Sie besitzen die Sachkunde die mir fehlt. Worin besteht die Sachkunde bei Ihnen? Sie halten sich, außer einer polemischen Äußerung sehr bedeckt. Für ein Verein der sich unbedingt privatisieren lassen wollte, ist dessen Verhaltensmuster doch sehr verwirrend, finden Sie nicht?

    • Hallo Herr Frank, kennen sie die heino-ischen haselnüsse?(http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzbraun_ist_die_Haselnuss ) sie sind gerade in thüringen im landtag zu bewundern. warum frage ich sie danach? weil mir aufgefallen ist, dass sie so profunde kenntnisse, wie ,,gute sitten,, , genau so besitzen, wie diese nüsse. diese stramm -deutsche spezies hat mit den worten, gute sitten, solche probleme, es müssen für sie so fremde worte sein, dass sie nicht in der lage sind, sie ins deutsche zu übersetzen. da ich sie kenne, auch aus einer zeit, als es hier den button melden gab, dessen meldedruck sehr oft dazu geführt hat, dass ihre einträge diesem weichen mussten, eine zusätzliche frage: sollte man diesen button ,,melden,, für die komplett holen nüsse wieder einführen? nicht das wir uns missverstehen, nüsse würde ich ihnen niemals unterstellen wollen. dass verbietet mir meine kinderstube. wenn sie wieder ein schublade aufmachen wollen, dann bitte mit kennzeichnung, sie verwirren hier sonst nur ihre zeitgenossen.

  8. Am Ende der hier so unterhaltsam übereinanderher- und ineinanderhineinschrillenden Meinungskakophonie, deren dissonante Stimmenmehrzahl in ihren konsonanten Obertönen immerhin die imperatorische Sonderstellung von Klaus Bruns aus Reppenstedt unter den literarischen Höchstbegabungen in der himmlischen Heerschar der LZ-Kommentatoren bejubelt (und die damit dem großflächigen Deckengemälde im Huldigungssaal ähnelt, in dessen verwirrendem Figurendurcheinander der nahende gottgefällige Krönungstriumph Georg Ludwig I Kurfürst von Hannover auf dem Weg nach England allegorisch vorweg genommen wird), aber sich sonst um nichts schert, was mit dem Inhalt des Blog.jj-Eintrags zusammenhängt, habe ich immer noch nicht verstanden, was ungefähr Herr Jenckel gemeint haben könnte, als er das in Stadt und Kreis überwiegend blasse bis vollkommen gesichtlose Ratspersonal, das den Haushaltsentwurf der Hansestadt für das Jahr 2015 am Mittwoch, den 17. Dezember 2014, beschließen wird, mit der jedem Lüneburger bestens bekannten Leserbriefschreiberprominenz in eine auf den ersten und leider auch auf den zweiten und dritten Blick sehr weit hergeholte Befruchtungsbeziehung hineinphantasierte:

    „Ratsherren unterliegen dem Zwang, die per Geschäftsordnung zugestandene Zeitspanne auszureizen, immer. Selbst auf die Gefahr hin, sie mit akustischem Müll zu füllen.“ (Welchem Zwang unterliegen die Ratsdamen?)

    Ok, aber unterliegen „treue LZ-Leserbriefschreiber“ tatsächlich ebenfalls „dem Zwang“, solchen „akustischen Müll“ mit textlichem Müll anzureichern? Wo werden sie den „akustischen Müll“ in „schriftlichen Müll“ transformiert wohl vorgesetzt bekommen und so allererst in Versuchung geführt, die darüber hinwehenden „heißen“ Ausdünstungen mit eigenen verbalen Duftschwaden und lau temperierten Kopfnoten zu versehen, um sie anschließend nasenwarm weiter zu fächeln?

    Und welchem Zwang in diesem synästhetischen Reiz- und Dehnungsgeschäft zur Diffusion nicht selten übel parfümierten Warmluftgeweses unterliegen eigentlich Journalisten?

    • Und welchem Zwang in diesem synästhetischen Reiz- und Dehnungsgeschäft zur Diffusion nicht selten übel parfümierten Warmluftgeweses unterliegen eigentlich Journalisten?
      dem gleichen, es liegt ganz einfach an den vorgaben. wer schreibt, der bleibt.

    • Inhalt des Blog.jj-Eintrags zusammenhängt,
      Ratsherren unterliegen dem Zwang, die per Geschäftsordnung zugestandene Zeitspanne auszureizen, immer. Selbst auf die Gefahr hin, sie mit akustischem Müll zu füllen. In dieser Hinsicht werden die Besucher der Dezember-Sitzung im Lüneburger Rathaus auf eine Bewährungsprobe gestellt.
      die egopflege eines jeden rathsherren fordert förmlich diese angesprochene situation heraus. lebenserfahrung im verbund mit einem kreativen beruf, wie der journalismus nun mal einer ist, bringt eben erkenntnisse, die andere nicht sehen, oder sehen können, oder sehen wollen. ich empfehle jeden , sich mal so eine ,,sitzung,, anzuschauen und dabei nicht dass genaue hinhören vergessen. man kann tatsächlich oft den ,,hund von loriot,, dabei hören. der hat ja auch die rennbahn nur als schön grün empfunden.