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Wie Lüneburg auf Umwegen zur Radfahrer-Stadt wird — irgendwie, irgendwann…

Lüneburg, 16. Dezember
„Umwegige Strecke.“ Dieser seltene wie verharmlosende Begriff aus der Verwaltungswelt für Umwege oder Fehlplanung findet sich im „Radverkehrskonzept Lüneburg 2015“ aus dem Jahr 2007. Gemünzt war er auf Radwege. Aber ,,umwegig“ trifft irgendwie ganz allgemein bis heute auf die Politik für den Radverkehr in Lüneburg zu. Die rot-grüne Mehrheit im Rat will erstmal wieder Geld für neue Rad-Konzepte im Etat anlegen. Dann hat man die Unzulänglichkeiten wenigsten noch mal Schwarz auf Weiß.

Anstoß für das erste Konzept war der EU-Forschungsbericht ,,BYPAD“. Darin war zu lesen: „Die Qualität der Radverkehrsförderung in Lüneburg wurde. . . mit einer 1,7 bei einer höchstmöglich zu erreichenden Note von 4,0 bewertet.“ Das Rad werde in Lüneburg „relativ isoliert“ in der Stadtentwicklung betrachtet ,,mit zu geringer Bindungskraft“. Die mäßige Bewertung führte nicht zu mutigen Lösungen, sondern dazu, dass Lüneburg sich aussichtslos im Wettbewerb ,,Fahrradfreundliche Kommune“ engagierte und weiter an den Radwegen laborierte. Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist beim Radverkehr nie überwunden worden.

Ja, am Bahnhof ist ein zweites Rad-Parkhaus gebaut worden. Nur sind in der Zeit viel mehr Bürger aufs Rad umgestiegen. Das Chaos auf dem Vorplatz ist geblieben.
Ja, es stehen mehr Abstellbügel in der Stadt. Aber eben doch viel zu wenig.

Woher nur rührt diese Hasenfüßigkeit, wenn es darum geht, dem Rad, das wie kein anderes Verkehrsmittel in Lüneburg zulegt, auch in der Tat den Platz einzuräumen, den es bisher nur auf dem Papier hat?

Der Ursprung liegt vermutlich in der hitzigen Debatte um den Verkehrsentwicklungsplan der Stadt, kurz VEP, die vor rund 25 Jahren geführt wurde. Damals hatten mutige Politiker festgeschrieben, dass die Autos aus der Innenstadt verdrängt und künftig auch dem Rad Vorrang eingeräumt werden soll. Das VEP-Papier war umkämpft. Und über mehr oder weniger rüde Kampagnen wie ,,In Lüneburg gehen die Lichter aus“ wurde um jeden Parkplatz am Straßenrand gekämpft. Am Ende hatte die Auto-Lobby einen Punktsieg errungen. Neue Parkplätze wurden das Valium für rebellische Einzelhändler. Politiker mussten kräftig einstecken. Erstaunlich ist nur, dass die vielen Parkplätze wenig geholfen haben: Kaum einer der Aufrührer von damals betreibt heute noch ein Geschäft in der Innenstadt.

Vielleicht agiert die Politik so vorsichtig, weil noch heute an den Schaltstellen Männer sitzen, die sich damals ein paar Schrammen geholt haben und sich darum auf die ,,umwegige“ Rad-Politik verlegt haben.

Vergleiche mit echten Radfahrer-Städten sollte Lüneburg meiden. Wer hier eine Querungshilfe, da ein Stück Weg ergänzt und wo kein Platz für Sanierung ist die Radspur auf die Straße verlegt, bewegt sich zwar, aber eben nur ,,umwegig“. Reformen oder Revolutionen sehen anders aus.

Es fehlt der Mut, kräftig in die Pedale zu treten. Wer auf dem Bahnhofsvorplatz immer noch versucht mit fadenscheinigen Argumenten das Rad-Chaos zu bändigen, dem fehlt es an Phantasie und Mitteln. Kurz: Die Bürger haben die Zielvorgabe „Radfahrer-Stadt Lüneburg“ erfüllt. Die Politik nimmt einen Umweg.
Hans-Herbert Jenckel

6 Kommentare

  1. Das Ganze zeigt doch eigentlich wieder einmal nur die Unfähigkeit der im Rathaus verantwortlichen!

    Bei den Radfahrern ist man genauso Plan-, Hilf- und Ahnungslos wie bei den Autofahrern, dem Stadtmarketing und vielem mehr.

    Man hat den Anspruch Bundesliga bzw. ‚Oberzentrum‘ zu sein, bzw. sein zu wollen. Dabei dümpelt man seitens der Verwaltung nicht mal in der Regional- sondern irgendwo in der Oberliga herum.

  2. Wobei der Witz dabei ist, dass der Fahrrad-Anteil am Verkehr dennoch extrem hoch ist – offenbar haben die Radfahrer ein gutes Improvisationstalent gegen politische Idiotie.

  3. ob es bald den goldenen lenker zu gewinnen gibt? oder wird der demnächst in lüneburg verliehen? upps, ihr komplizen, bin schon wieder weg.

  4. Die Radspuren gehören genau da hin: Auf die Straße.
    Das ist viel sicherer als getrennte Radwege, weil die Autofahrenden die Radfahrenden dann beim Abbiegen nicht übersehen. Leider ist diese Erkenntnis zwar seit 1998 (!) in der Straßenverkehrsordnung angekommen, aber noch nicht bei den Lokalpolitikern. Immer noch gibt es überall nahezu unbenutzbare, weil zu schmale und nicht sanierte, benutzungspflichtige Radwege. Der Autoverkehr darf eben nicht durch in der gleichen Fahrspur fahrende Fahrräder ausgebremst werden.

  5. Als letztens der Dauerfalschparker in meiner Straße endlich ein Knöllchen bekam, habe ich kurz triumphierend die Faust geballt. Als einige Tage später in der Fischspezialitäten-Fastfood-Filiale Nordsee in der Kleinen Bäckerstraße, die Ziel meiner täglichen Mittagspause ist, die Fischbrötchen plötzlich ganz aufgeschnitten wurden und ich mich folgerichtig nicht mehr damit herumärgern mußte, wie ich den Fisch nach jedem Biß wieder innerhalb des Brötchens in Position schiebe, da hatte ich vor Glück Tränen in den Augen. Nun frage ich mich, wann der nächste in Betracht kommende Traum – Nordic Walking Stöcke und E-Bike im Stadtwappen von Lüneburg – zur Erfüllung ansteht.

  6. Hinrich Hüttmann

    Rad-Chaos auf dem Bahnhofsvorplatz?

    Wie wär´s mit einer mehrstöckigen Tiefgarage für Fahrräder unter dem Rathaus einschließlich vorgelagerter Shoppingmall unter dem Marktplatz und Solarbahntunnel direkt bis zur Kiss&Ride-Anlage vorm Ostbahnhof?

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