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Die Wahlwoche – Verspätetes Sommertheater bei Nachtfrost

Lüneburg, 30. Dezember 2014

Die nächste Kommunalwahl in Lüneburg steht im Herbst 2016 an. Dann wird sich zeigen, ob Lüneburg noch immer eine Hochburg der Sozialdemokraten oder doch ganz und gar grün gewirkt ist, Schwarz eine Randerscheinung, Gelb verblichen, die Piraten-Partei passé, die AfD in den Rat einzieht und welche neuen Splittergruppen reüssieren. Das alles wird an einem Sonntag entschieden. Aber nicht nur die Machtkoordinaten könnten sich beim nächsten Urnengang verschieben, auch das Wahl-Prozedere könnte zur Zangengeburt mutieren.

Geht es nach der Generalsekretärin der SPD, wird künftig nicht mehr nur an einem Sonntag von 8-18 Uhr gewählt, sondern eine ganze Woche lang. So und mit mobilen Wahlkabinen will die Politikerin die Urnen-Abstinenz frustrierter Bürger beenden. Vielleicht hofft sie auch, dass die SPD im Bund so den Weg aus dem Stimmungskeller findet.

Der Vorschlag, zu Weihnachten in die Welt gesetzt, klingt verdammt nach verspätetem Sommertheater bei Nachtfrost. Er kann nur als Drohung gefasst werden: Wenn Ihr nicht wählen geht, dann tut es weh.

Eine Woche lang Wahlhelfer vorhalten, eine Woche lang Kutscher für mobile Wahlkabinen über Land schicken, die in Leesthal oder Sommerbeck und anderen entlegenen Winkeln des Landkreises Lüneburg wie im Mittelalter die Werber für Landsknechte nun Wähler kobern, eine Woche lang Wahlkampf-Finale, eine Woche lang immer unglaublichere Versprechungen für den Fall des Sieges. Eine Woche lang Durchstechereien, Prognosen und Vermutungen über den Wahlausgang. Eine Woche lang jeden Abend Kommentare und Analysen im TV von Jörg Schönenborn, Diskussionsrunden mit Anne Will, Heiner Bremer oder Michel Friedman. Was soll daran gut sein?

Der Wahlwoche-Vorschlag birgt eigentlich eine Steilvorlage für alle anderen schwächelnden Parteien. Sie könnten jetzt statt der Wahlwoche eine Wählerprämie fordern. Kein Kopfgeld, nein, eine Art Honorar: ,,Eine Woche Mallorca für Ihre Stimme“ oder ,,Ihre Stimme ist Bares wert“. Es finden sich sicher auch Firmen, die Stimmabgaben sponsern als ,,powered by“. Das wäre verdorben.

Demokratie darf nicht käuflich werden, aber eben auch nicht aufdringlich durch Marathon-Wahlen. So weit ist die Demokratie noch nicht erodiert. Sie sollte sich vielmehr der Zeit anpassen. Wir wählen noch wie zu Zeiten der Weimarer Republik, reden aber dauernd von Zukunft und Digitaler Revolution. Vielleicht sollte die SPD-Generalsekretärin mehr über sichere Online-Wahlen nachdenken. Sie würde mit einem Schlag auf den Smartphones und Tablets auch Wahlmüder präsent sein, ein Klick zur Stimme.

Aktuell gilt für die Verzweiflungstat der SPD-Generalsekretärin Goethes: „West-östlicher Divan“: Getretener Quark wird breit, nicht stark.
Hans-Herbert Jenckel

5 Kommentare

  1. ,,Ihre Stimme ist Bares wert“.
    was ist an dieser aussage falsch?
    Demokratie darf nicht käuflich werden,
    was ist an dieser aussage richtig?
    wer wird denn bei uns gewählt? der geschenke verspricht. gut, ein kaufen ist dass nicht direkt, nur, die geschenke müssen bezahlt werden. frage: wo werden die eingekauft?

  2. Den Vorschlag von SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, ganze Wahlwochen einzuführen und Wahlkabinen auch an öffentlichen Orten wie in Supermärkten, Jobcentern, Fußballstadien und Kindergärten, auf Bahnhöfen und in Asylantenunterkünften, in Saunaanlagen, Heizungskellern und entlang von Fahrradwegen und Rübenmieten sowie bei Hochzeiten, Stadtfesten, Drückjagden und Ruderwettbewerben aufzustellen, um der sinkenden Wahlbeteiligung entgegenzuwirken, finde ich nicht übel. Doch warum eigentlich nur für eine Woche? Sollte man nicht auch an Weltreisende denken, an Fünfzehnjährige, an Rennfahrer im Wachkoma, unabkömmliche Leserbriefschreiber aus Reppenstedt, Betriebsräte in brasilianischen Bordellen, in Landsberg einsitzende Vereinsmanager, grüne Parteiderwische im juvenilen Pirouettendauerrausch, expatriierte ehemalige Kultusminister, im eigenen Sud petrifizierte Rathausbosse, amtsenthobene Bischöfe unter Hausarrest, sich den Kic gebende hauptberufliche Vizepräsidenten und in Salzstöcken und Spiegelkabinetten umherirrende Bundestagsabgeordnete, die nur alle dreieinhalb bis vier Jahre Gelegenheit haben, ihr Kreuzchen zu machen? Warum eigentlich nicht 48 Monate lang wählen und die Legislaturperiode auf einen einzigen Septembersonntag in Schaltjahren beschränken? Wer würde den Unterschied bemerken?

  3. Gunda Schneider alias Jenckel, nicht immer so übertreiben. wenn in deutschland wahlen etwas verändern würden, wären sie schon längst verboten. was gibt es denn zu wählen? wir haben doch schon längst eine neue sed. oder was ist die sogenannte große koalition? wie groß ist sie denn wirklich? wer hat sie gewählt? die mehrheit? die gleichen fragen konnte man in der ddr auch stellen. merken sie, alias schneider, denn einen unterschied? reisefreiheit wird bei uns durch lokführer und piloten begrenzt, oder von der geldbörse.

    • »Gunda Schneider alias Jenckel«?

      Erschreckend, Klaus. Haben Sie sich in der Gender-Theorie verheddert? Oder ist es ein grammatisches Problem?

      Immer mehr Deutsche kennen nicht den Unterschied zwischen »und« oder »oder«.

      Kanzler Schröder nannte seine große Vision noch »Agenda 2010«. Frank-Walter Steinmeier redete dann nur noch vom »Deutschland-Plan«. Und Peer Steinbrück schluchzte bloß immer wieder »narrative turn« durchs Taschentuch seiner Frau oder man müsse die Geschichte der Sozialpartnerschaft »ganz neu erzählen«. Unterschied erkannt? Der SPD geht bei Wahlkämpfen so die Düse, daß sie in Zukunft selbst die Wähler erreichen will, die denken: »Agenda? War das nicht die Blonde von Abba?«