Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Kalter Rauch vom netten Nachbarn als „Hallo Wach“

rauch
(Im Blog.jj schreibt diese Woche Ann-Kathrin Timmann über das Leben und Leiden mit netten, aber rauchenden Nachbarn. Sie studiert seit 2011 „Kulturwissenschaften und Digitale Medien & Kulturinformatik“ im Bachelor an der Leuphana Universität und lebt in Lüneburg.)

Lüneburg, 10. Februar
Heute Morgen bin ich durch einen kräftigen Atemzug kalten Zigarettenrauchs geweckt worden. Für die meisten Menschen wäre dies auch deshalb besonders verwunderlich gewesen, da ich zu diesem Zeitpunkt noch im Bett lag. Für mich ist das leider nicht so verwunderlich. Dazu muss ich erklären: Ich wohne im ersten Stock, direkt über einer sehr schönen Lüneburger Terrasse, die ich, wenn ich ehrlich bin, auch gern mein eigen genannt hätte. Nun vergönne ich meinem Nachbarn die Terrasse aber nicht. Im Gegenteil, ich versuche nachsichtig zu sein, wenn dieser Nachbar und sein ca. 10 jähriger Sohn samstags morgens um halb neun vor meinem Fenster hämmern, denn der Mann ist Heimwerker.

Wirklich schlecht komme ich allerdings mit dem Umstand klar, dass der Nachbar auch begnadeter Kettenraucher ist. Schließlich bin ich begnadete Frischluftschläferin und öffne nachts stets eben jenes Fenster über der Terrasse des Nachbarn. Daher werde ich also recht häufig morgens durch den wunderbar frischen Geruch kalten Zigarettenrauchs aus dem Bett getrieben, um dann mein Fenster möglichst schnell vor noch mehr Qualm zu verschließen.

Besonders ärgere ich mich darüber, dass ich es direkt in der Anfangszeit nicht geschafft hatte, den Nachbarn zu bitten, sich doch zum Rauchen ein paar Schritte vom Haus zu entfernen, sodass der Rauch nicht direkt in mein Fenster weht – schließlich raucht er ja auch nur draußen. Nun ist es jedoch zu spät! Ich habe den Moment verpasst. Einfach zu lange gewartet. Meist war ich im Stress gewesen, „gerade nicht in der Stimmung“, eh nur kurz zu Hause oder schlicht noch im Schlafanzug. In der sichern Überzeugung, diesen Moment verpasst zu haben, in dem eine Beschwerde „ok“ gewesen wäre, bin ich nun also dazu verdonnert auf ewig Regen herbei zu wünschen und passiv-aggressiv allmorgendlich – und auch zu anderen Tageszeiten – das Fenster zuzuknallen, in der Hoffnung der Nachbar verstünde den Zusammenhang irgendwann.

Der BGH hat kürzlich (V ZR 110/14 vom 16.01.15) entschieden, das für das Rauchen auf Balkonen „feste Zeiten“ vereinbart werden sollten, welche alle Nachbarn gleichermaßen zu ihrem Recht kommen ließen. Ein Mieter, der im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnt, hatte gegen den Mieter im Erdgeschoss geklagt, da er sich durch ständigen Qualm auf seinem Balkon gestört fühlte. Das BGH hat nun entschieden, dass hier zwei grundrechtlich geschützte Besitzrechte kollidieren: zum einen das Recht auf eine belästigungsfreie Nutzung des Balkons, sowie das Recht zur Verwirklichung der eigenen Lebensbedürfnisse. Daher müsse eine gleichermaßen faire Vereinbarung zwischen den Mietern getroffen werden. Dies gelte auch, wenn der Vermieter das Rauchen auf Balkonen vertraglich zugesichert hätte, denn diese Vereinbarung rechtfertige nicht die Störung Dritter. Eine Störung liegt in diesem Fall aber nur dann vor, wenn sich daraus nachweißlich eine gesundheitliche Beeinträchtigung des Klägers ergibt. Ein Schaden ist in meinem Fall wohl nicht nachzuweisen.

Ich kann auch nicht auf das Verständnis der Hausverwaltung hoffen, denn leider wohne ich in einem Lüneburger Apartmenthaus, welches das Rauchen ausdrücklich erlaubt! Sogar auf den Fluren, wenn der Raucher sich gerade auf dem Weg nach draußen befindet. Das ist nämlich auch rechtens! Auch das Büro der Hausverwaltung ist stets in blauen Dunst getaucht und wird durch eine durch und durch sehr nette Dame mit kratziger Raucherstimme betreut.

Doch was ich nun mit meinem Raucherterrassen Nachbarn machen soll, weiß ich nicht. Ich mag meine Wohnung! Sie liegt sehr komfortabel mittig zwischen Altstadt und Uni-Campus und der Kurpark und ein Schwimmbad sind nur eine Straße entfernt. Einkäufe kann ich zu Fuß erledigen. Umziehen möchte ich daher eigentlich nicht, auch weil mich das viel Stress, Arbeit und Geld kosten würde.
Vielleicht werfe ich dem Nachbarn einfach bei Gelegenheit eine Packung Nikotinpflaster in den Briefkasten und hoffe auf das Beste. Und dann bleibt mir ja auch immer noch das passiv-aggressive Fensterknallen… wer weiß, vielleicht geht ja auch dem Sohn ein Licht auf, wenn sie gerade mal nicht gemeinsam an etwas Hämmern.
Ann-Kathrin Timmann

42 Kommentare

  1. ich fühle mit ihnen. mein ehemaliger nachbar war nato-offizier und seine pfeife glühte immer. als in meinem bad meine tapeten langsam gelb wurden, schritt ich zur tat. ich sprach den renter-offizier an, ob er nicht auf seinem grundstück ein anderes plätzchen für seine rauchsignale findet. seine antwort: ICH KANN AUF MEINEM GRUNDSTÜCK RAUCHEN, WO UND WIE ICH WILL. seine antwort war für mich nicht sehr befriedigend, also sagte ich ihm: SELBSTVERSTÄNDLICH KÖNNEN SIE RAUCHEN, WO UND WANN SIE WOLLEN.ICH KANN MEINEN MISTHAUFEN ABER AUCH DA AUFSCHICHTEN, WO ICH WILL. UND ZWAR DIREKT NEBEN IHRER TERASSE. es hat geholfen. zwischenzeitlich ist ihm seine frau auch noch weggelaufen. der gestank war einfach zu groß. der jetzige besitzer musste das haus komplett entkernen, um den gestank herauszubekommen. mein tipp, fragen sie ihren nachbarn doch mal, ob er krieg will? kleiner scherz. nur eines sollte man wissen: gibt der klügere immer nach, bekommt der dümmere immer recht. In diesem sinne , wünsche ich ihnen viel erfolg.

    • Beverli-Chantal Schmalke

      Hallo Klausimausi, alter Schwede, heute mal wieder nicht als Bruns, sondern als Uhu unterwegs? Haste den ausgeschiedenen Nato-Offizier auf seinem Grundstück auch umme Ecke rum mit deinem Eulenspiegel überwacht?

      Wusstest du, das der Künstlername Till sich aus dem altfränkischen thiuda, gleichzeitig althochdeutsch diot, diet gebildet hat, wie z. B. auch bei den Namen Dieter oder Dietmar. Daraus entwickelten sich Koseformen wie Dietz(o) oder Dietilo, die regional weiterentwickelt wurden über Tillo, T(hi)ilo, Tille zu Till mit der längeren Koseform Til(l)man(n) oder Tillimänneken.

      Diot und Dieter in Kombination mit Klaus ist unter den Kunden von Reppenstedts Altem Uhu ja nicht gerade selten.

      „Herrscher des Volkes“ ist die altfriesische Auslegung der Wortwurzel til = „gut“ in deinem heute hier verwendeten Schriftstellernamen. Ich glaube, wenn du das in deinem Bewerbungsschreiben an Bernd Lucke betonst, dürfte deiner rechtzeitigen und frühen Parteimitgliedschaft nichts mehr im Wege stehen.

  2. Kindergeschrei kann sehr hilfreich sein. ob vom band, oder aus voller kehle ist egal. wenn sie, frau timman, den passenden klingelton nicht finden können, jeder kindergarten liefert ihn kostenlos. immer wenn es stinkt einschalten. ein kleiner lautsprecher auf dem balkon kann da sehr hilfreich sein. dann noch das gerücht streuen, kinder beginnen immer automatisch zu schreien, wenn es stinkt. für unterhaltung ist dann bestimmt gesorgt. unsere gerichte haben für kindergeschrei sehr viel verständnis. falls alle stricke reichen, die familienplanung vorziehen und das kindergeschrei kommt aus voller kehle und man spart sich den klingelton. viel spaß dabei.

    • Till, Sie sind ja ein richtiger kleiner Experte des liebevoll und detailversessen geplanten methodisch-inszenatorisch eskalierenden Nachbarschaftskrawalls, wie mir scheint. Haben wir da etwa einen entschlossen wutbürgerfeindlichen, menscheleiverachtenden, überzeugt anti-pluralistisch eingestellten und multikulti-angeekelten Klartextdenker aufgescheucht, der zwar noch behauptet, man müsse Pegida ablehnen, aber die Sorgen der deutschen Menschen ernst nehmen und über das Flüchtlingsproblem genauso wie über die integrations- und kommunikationsunwilligen Raucherterroristen offen diskutieren?

      Wollen Sie nicht bei uns mitmachen? Seit kurzem gehen meine Frau und ich mittwochs zum Stoßlüften. Wir haben uns da einer Gruppe angeschlossen, in der wir mit netten Menschen Erfahrungen austauschen. Das tun wir natürlich nicht, weil jetzt im Winter das Stoßlüften in aller Munde ist. Wir haben schon im Sommer stoßgelüftet, als der allgemeine Trend noch gar nicht in Sicht war. Neulich waren wir alle essen in der »Atmenden Wand«, einem Restaurant für Raumlufterneuerung, und da kam es zu interessanten Kontroversen mit einer Gruppe von Dauerlüftern, die gewohnheitsmäßig das Fenster an ihrem Tisch auf Klapp hielten. Als die Diskussion hitziger wurde, haben wir sogar ein paar Beleidigungen (»Sie Fugenlüfter!« u.a.) fallenlassen, aber im allgemeinen sind wir eine sehr friedliebende Gruppe, die nur ähnliche Interessen pflegt und einen gemeinsamen Standpunkt vertritt. Das bedeutet natürlich nicht, daß meine Frau und ich jetzt zu Dogmatikern werden. Sie kommt ja mehr vom Querlüften her, während ich meine Wurzeln im Schachtlüften sehe. Mit unserem ganz eigenen Mix aus verschiedenem Lüften haben wir die Atmosphäre zu Hause jedenfalls entscheidend auffrischen können. Und auch im Bett klappt es jetzt wieder besser.

  3. Mensch, Frau Timman, ich bin selten so einer negativen Einstellung begegnet, wie sie sie hier verbreiten. Sie ziehen aber auch wirklich alles in Zweifel und urteilen hier in einer Art und Weise über Nachbarn und nachbarschaftliche Entscheidungsprozesse, bei der ich mich zwangsläufig fragen muss, wo Sie eigentlich waren, als diese ach so wichtigen Fragen entschieden wurden?

    Sie verfügen offenbar über ein umfängliches Wissen und eine unangreifbare Wahrheit, nur leider nie am rechten Ort oder zur rechten Zeit. Sie kommen mir vor wie ein schlechter Verlierer, dem nur das Nachtreten bleibt. Oder ist Ihnen einfach nur das grundsätzliche System einer repräsentativen Demokratie fremd?

    Und damit Sie meinen Vorhalt nicht auf Nebenkriegsschauplätze verlagern; natürlich dürfen Sie eine Meinung haben, sogar eine eigene und die dürfen Sie sogar ungestraft kundtun. Aber seien Sie auch einmal so, wie Sie es von Ihren Nachbarn erwarten, die sie hier so rüde angreifen, seien Sie mal selbstkritisch. Wer sich bei der Kommunikation mit den Nachbarn zurückhält, sollte diese Zurückhaltung auch in seiner Kritik an denselben an den Tag legen. Etwas weniger dick tut es auch.

    Und nun noch zum Terrassenrauchen. Natürlich kann man auch durch Enthaltung oder durch konsequente Nichtnutzung vorhandener Rauchwaren das atmosphärische Ergebnis signifikant beeinflussen. Insofern bräuchte es tatsächlich keiner neuen BGH-Urteile. Aber mal ehrlich. Es ist doch egal, was die Gerichte machen. Immer wenn es ans Privatleben geht, ist das öffentlich vermittelte Geheul doch groß. Und wenn eh alles kritisiert wird, was man macht, dann kann man es als Gesetzgeber doch auch gleich richtig machen. Aber wer, außer Frau Timmann, weiß schon, was das Richtige ist? 😉

  4. Smoke on the water

    Liebe Ann-Kathrin,

    war es ein „kräftiger Atemzug“, der Dich weckte, muss es wohl Deiner gewesen sein. „Kalter Rauch“? Gibt es auch warmen? „Für die meisten Menschen“ ist es keineswegs „verwunderlich“, dass sie im Bett liegen, wenn sie geweckt werden. Das würde wohl nur Menschen wundern, denen der Rauch weniger ausmacht, als die Tatsache, dass er von dem brennenden Haus stammt, in dem sie gestern noch wohnten, bevor eine Rakete einschlug. Die „schöne Lüneburger Terrasse“ hättest Du gern „Dein Eigen“ genannt? Du möchtest also besitzen, nicht mieten? Kennst Du den Unterschied zwischen „vergönnen“ (zugestehen) und „missgönnen“ (neiden)? Du versuchst „nachsichtig“ zu sein? Mit dem Verb „begnaden“ hättest Du es sein können. Denn weder ist Dein Nachbar überreich mit dem Können und der künstlerischen Begabung „des Kettenrauchens“ bedacht, noch Du mit der genialen Befähigung des „Frischluftschlafens“. Er ist mit seinem Laster geschlagen, Du bist von Deiner Vorliebe überzeugt. Der unpassende Ausdruck „kalter Zigarettenrauch“ wird dadurch nicht passender, dass Du ihn wiederholst oder seinen „Geruch“ tantenhaft als „wunderbar frisch“ ironisierst. Du warst dem Kairos auf der Spur, aber der geflügelte Gott ist Dir entwischt. Um das zu sagen, brauchst Du nur zehn lange Sätze. Zu Guttenberg hat daraus immerhin zehn Seiten gemacht. Die einzigen übrigens aus einer Feder, nicht aus achtzig verschiedenen: https://www.youtube.com/watch?v=xDzzokhlDbk Schickt sich das Fensterknallen für eine junge Dame? Oder schimmert hier wieder die zackige Tante durchs schmollend-hausmütterliche Verhalten? Ist so ein Rauch und Knall-„Zusammenhang“ für irgend jemanden denn nicht zu verstehen? Vielleicht möchte der Nachbar Dich einfach nicht beschämen, indem er zu erkennen gibt, er habe es registriert, wenn Du Dich benimmst wie deine eigene Omi in einem der schlechteren Heinz Rühmann-Klamotten aus den späten Vierzigern des 20. Jahrhunderts? Und dann kommst Du mit dem BGH? Wie würde „eine gleichermaßen faire Vereinbarung zwischen Mietern wohl getroffen werden“ können, ohne die Gerichte zu bemühen? Hast Du dem schon einmal hinterdreingegrübelt? Du kannst, meinst Du, „nicht auf das Verständnis der Hausverwaltung hoffen, denn leider“ wohnst Du „in einem Lüneburger Apartmenthaus, welches das Rauchen ausdrücklich erlaubt!“ Ein Haus erteilt Erlaubnisse? „Sogar auf den Fluren“? Dolle Sache das! Hast du schon probiert, mit „der Hausverwaltung“ zu reden? Auch wenn sie „stets in blauen Dunst getaucht“ ist und von „einer durch und durch sehr netten Dame mit kratziger Raucherstimme betreut“ wird, kann vielleicht bei Euch auch „die Hausverwaltung“ sprechen? „Dein Apartmenthaus“ kann es ja schließlich auch. Was sollst Du nun mit Deinem „Raucherterrassen Nachbarn“ machen? Vielleicht mag auch er Deine Wohnung? Wenn Deine günstig liegt, liegt auch seine günstig. Warum tauscht ihr nicht? Lad ihn einmal zu Dir ein und rede mit ihm darüber. Sowas nennt man nachbarschaftliches Miteinander oder „Brückenbauen in die Gesellschaft“. Das „kostet“ auch nicht viel Stress, „induziert“ keine Arbeit und „verursacht“ kein Geld. Und wenn der alte Quarzer und Florian, sein fescher smoked Salmonboy, sich dann zuletzt doch als liebenswert und nett herausgestellt haben, veranstaltet Ihr zusammen mit den Leuten von „Zum Kollektiv“ eine spontane Jamsession auf Eurer Terrasse und rockt einen aus bei passiv-aggressiv groovendem Fensterknallen, Rhythmus-Hämmern und jazzig wildem Lichtschaltergeknipse.

    Wer weiß, vielleicht geht ja dann irgendwann auch dem Sohn ein Licht auf und er blickt versonnen zu dir herüber?

    • Till Eulenspiegel

      mein freund, ich liebe romane. aber warum tun sie sich dieses hier an?
      Stil allgemein

      Wo Menschen sind, ist auch Stil. Denn sobald sich Menschen über ihre Sprache, ihre Kleidung, Wohnungseinrichtung, über Musik- und Kunst ausdrücken, haben sie einen Stil. Mit dem Stil stellen sie sich nach außen hin dar und geben sich dadurch auch eine eigene Note. Stil ist also die kennzeichnende Ausdrucksform der Menschen. Stile bilden sich immer in der Abweichung von der Norm oder dem bis dahin als normal begriffenen Stil heraus. (Quelle http://www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/sachbegriffe/stil.html)

      • Seltsam im Nebel zu wandern

        Habe ich etwas Gegenteiliges behauptet?

        Le style est l’homme même („Der Stil ist der Mensch selbst“), meinte Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, der sich zum Schreiben ebenfalls immer einen Dichter-Hausmantel aus gold- und silberdurchwirktem Brokat, weiße Leinenmanschetten und einen siebenfach gefalteten Seidenbinder mit dezentem Paisleymuster anlegte. „Stil“ maskiert auf eine Weise, die demaskiert. „Stil“ ist also nicht per se ein Zeichen von Qualität, sondern Hinweis auf eine Eigenart —, die in vielen Hinsichten durchaus stark defizient sein und sehr zu wünschen übrig lassen kann.

        Übrigens, auch Buffons 44-bändige „Histoire Naturelle“ gehört, wie der Blog-Beitrag von Frau Timmann, in eine Epoche der (persönlichen) Entwicklungsgeschichte, die es noch nicht wagte, systematische Konsequenzen aus der Einsicht in die Veränderbarkeit der gottgeschaffenen Welt zu ziehen.

        Anstatt mit seinen Mitmenschen zu sprechen, auf die Kraft der Argumente zu setzen und Modalitäten des Zusammenlebens freundlich und kompromissbereit untereinander auszuhandeln, wendet man sich in diesem Stadium der Genese mit öffentlichen Bittschreiben und Gesuchen in öffentlichen Einrichtungen an höhere Gewalten und hofft auf imperatorisch majestätische Interventionen zugunsten der eigenen Interessen, Bedürfnisse und Sehnsüchte.

        Der Rechtsgrundsatz „audiatur et alters pars“ (lat. für „Man höre auch die andere Seite.“) gilt auf dieser kindlichen Stufe des Über-Ich-orientierten, präreflexiven Moralbewusstseins noch nicht.

        Das macht es eigentlich bloß mit sich selbst unzufriedenen Lausbuben wie Till (oben) so leicht, sich mit Entrüstungsgeschnaube als Ratgeber hinter Ann-Kathrin einzureihen.

  5. Seltsam im Nebel zu wandern
    wer reitet so spät durch wind und nacht, es ist der vater, es ist gleich acht. der schimmelreiter passt zur heutigen zeit. die einen reiten auf kosten des anderen, die anderen haben den schimmel.

  6. Herr Adam, Herr Pauly, Herr Webersinn,

    Lüneburgs verunsicherte Bürger, oder „pars pro toto“: ICH, als „ein Teil“ [der hier] „für das Ganze“ [zu stehen glaubt], bitten um Ihre Stellungnahme zum Fall Timmann versus Normalabweichler respektive „begnadete Frischluftschläferin“ versus „begnadeter Kettenraucher“.

    Ist der Kasus repräsentativ für „Lokalpolitik und Stadtkultur“ in Lüneburg?

    Inwiefern?

    Was würden Sie der lieben Ann-Kathrin empfehlen?

    Ausziehen? Raucherin werden? Fensterknallen? Selbstvermarktungskampagne? Terrassensteuer? Till zum Chef des Generalstabes des Heeres und der Geheimdienste im Timmann´schen Apartmenthaus ernennen? Aufrüstung mit mittelschweren Nahkampfwaffen? Wasserpistolen? Stinkgranaten? Kleinkrieg? Partisaneneinsätze? Boden-Luft-Geschosse? Wasserbomben? Öffentliche Anhörung beider Parteien im Huldigungssaal? Prozessieren? Zwei plus Vier-Verhandlungen? Moderationstandem Meihsies-Mädge? Außergerichtliche Verständigung? Gegenseitige Rücksichtnahme?

    Oder doch noch zwei, drei weitere Artikel bei Blog.jj und in der LZ ?

  7. Liebe Frau Timmann,

    Sie machen sehr schöne Photos !

    Wie wäre es mit einem Portrait-Buch: 50 Lüneburger Lokalgrößen aus Politik, Wirtschaft, Handwerk, Kultur, Medien und Lehre stehen neben ihrem ungeliebten Nachbarn (örtlich oder im Geiste)? (Herr Pauly etwa neben Herrn Keller, Herr Habor neben Herrn Meyer, Frau Schmidt neben Frau Grunau, Herr Dr. Johannes neben Herrn Ohlms, Herr Ketteler alias Wheeler bzw. EinLeser neben Frau Lust, Herr Mädge neben Herrn Meihsies, Herr Jenckel neben Herrn Bruns, Herr Cassens neben Frau Sulimma, Herr Claaßen wahlweise neben Frau Stowe oder Herrn Passier, Frau Lotze neben Herrn Nahrstedt, Herr Spoun neben Herrn Fabricius, etc.) Entweder Sie bringen es dahin, dass sich wirklich beide zusammen ablichten lassen, womit Sie dann eventuell sogar einen (Wieder-)Annäherungsprozess initiieren (= Brückenbau in die Gesellschaft), oder Sie machen es wie im SZ-Magazin („Sagen Sie jetzt nichts!“): die prominente Hansepersönlichkeit stellt sich nur vor, das Subjekt ihres Widerwillens sei zugegen.

    Ich könnte mir vorstellen, dass das nicht bloß ein toller Bildband wird, der eine Facette unserer kollektiven Seele zum Leuchten bringt, sondern auch eine Lehrstunde in Toleranz und Gelassenheit für alle Beteiligten.

    • ich finde die idee prima. ich möchte aber als ehemaliger zeitsoldat neben mädge stehen. der kontrast könnte nicht größer sein. in einem leserbrief wurde von komplizenschaft geschrieben. warum soll ich also neben herrn jenckel stehen?

    • Paulina von Essen

      Liebe Ann-Kathrin,

      ein hübsches Bildbeispiel für liebste Feinde in Deinem (hoffentlich noch in diesem Jahr) kommenden Foto-Buch findest Du hier:

      http://www.landeszeitung.de/blog/aktuelles/155301-pruefer-ruetteln-an-uni-titel

      Und vielen Dank für Deinen, wie man sieht, zu manchen Überlegungen Anlass gebenden Blog.jj-Beitrag. Ich hoffe, hier bald wieder etwas von Dir zu lesen. Vielleicht mal was zu den Arbeitsbedingungen unserer tollen Schauspieler am Stadttheater?

      Deine Paulina von Essen

  8. Ausatmen nicht vergessen

    Hallo Ann-Kathrin Timmann,

    hast Du eigentlich den bei »Spiegel online« kurz vor Weihnachten erschienene Artikel »Tägliches Lüften: Sauerstoff rein, Schadstoffe raus« gelesen? (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/schimmel-und-feinstaub-in-wohnraeumen-taegliches-lueften-hilft-a-1009873.html#) Nicht, daß an dem darin Geschriebenen irgendwas falsch gewesen wäre. Sogar besonders interessant fand ich diesen Hinweis: »Lüften ist immer noch die beste Art, Raumluft zu reinigen.« Und jetzt freut sich schon auf all die gewiß noch folgenden Blog.jj-Ratschläge, z.B. »Saugen hilft gegen Staub«, »Türen öffnen sich durch Aufmachen« und »Nasebohren führt nicht zu Ölfund«,

    Deine wie immer frisch durchgelüftete

    Regine Kriegel-Öllendorfer

  9. Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der Lüneburger Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Erst hadert er mit den Nachbarn, dann bricht er mit der bürgerlichen Tradition, die weiß, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst, knallt mit Fensterläden. Er ist konservativ, wohlhabend und in der Regel nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die kommunalen Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen gegen straffe Schulbezirksregelungen (Oedeme), gegen Hamburger Stadtfestkonzepte für Lüneburg, gegen den Ausbau der Bundesautobahn 39, gegen das Denkmal im Clamart-Park, gegen die Verlegung des LSK-Geländes, gegen die Vorrangflächen-Planung für raumbedeutsame Windkraftanlagen in der Elbmarsch genauso wie vor den Toren des Domfleckens Bardowick oder im Gebiet Wetzen-Südergellersen-Oerzen, gegen die Stilllegung des Flugplatzes und bei Demonstrationen gegen die Hochspannungsleitung im Alten Land wie gegen den möglichen Verlauf der geplanten Energietrasse SuedLink, gegen die Bahnalternativen zur Y-Trasse oder gegen das Stadtvillenprojekt im Roten Feld. In der alten Aula der Pädagogischen Hochschule am Wilschenbrucher Weg beispielsweise herrschte am 18. November des letzten Jahres ein Hauch von Sportpalast. Gutgekleidete Grauköpfe ereiferten sich nicht nur, sie geiferten. Das gediegene Lüneburger Bürgertum hat gezischt, gebuht und lautstark dazwischengerufen.

    Ebenso werden die Proteste gegen den teuren Libeskind-Bau am Bockelsberg von Bürgerlichen getragen, darunter vor allem CDU-Wähler, Linke und Rentner. Auch sie treibt die nackte Wut, auch sie brüllen und hassen. Tag für Tag, Woche für Woche zieht es einzelne von ihnen an den Bauzaun. Wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft schreiben sie Leserbriefe in der LZ und bei LZ-online.

    Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen den beiden Beispielen. Wer in Lüneburg brüllt, würde vielleicht nicht für AfD und Pegida schreien, und umgekehrt. Aber es gibt Parallelen, es geht jeweils um Zukunftsvergessenheit. Der Wutbürger wehrt sich gegen den Wandel, und er mag nicht Weltbürger sein. Beide Proteste sind Ausdruck einer skeptischen Mitte, die bewahren will, was sie hat und kennt, zu Lasten einer guten Zukunft der Stadt und des Kreises. Warum ist das so? Warum sind Bürger, die den Staat getragen, die Gesellschaft zusammengehalten haben, derzeit so renitent?

    Natürlich ist das neue Zentralgebäude der Leuphana teuer. Natürlich wird es die Standortnachteile der Hansestadt und die der Gemeinden im Landkreis Lüneburg nicht revolutionieren. Man kann da sicher eine Menge Gutachten anfertigen, die den direkten Nutzen des Projekts schönreden oder zweifelhaft erscheinen lassen. Aber es geht nicht nur um Zahlen. Es geht auch darum, was für eine Stadt Lüneburg sein will.

    Im Jahr 1846, als man sich noch begeistern konnte für das Neue, nannte der französische Schriftsteller Théophile Gautier Universitätsbauten die „Kathedralen der neuen Menschheit“. Sie seien „die Treffpunkte der Nationen, das Zentrum, in dem alles zusammenfließt, der Kern gigantischer Sterne, mit Strahlen aus Geist, die sich bis zum Ende der Welt erstrecken“.

    An der Hochschule in Lüneburg werden Gäste empfangen, hier zeigen sich Wohlstand, Vernetzung und Internationalität. Berlin, Leipzig, Kassel, Franfurt und Bochum haben in den vergangenen Jahren viel in ihre Universitäten investiert, und das hat diesen Städten gutgetan. Der Libeskind-Bau, ein moderner Zukunftspalast, wird ein stolzes Wahrzeichen Lüneburgs werden, so wie es andernorts Schlösser oder Museen sind.

    Wie empfängt Lüneburg aber seine Reisenden? Mit Miefigkeit, mit einem kleinen Willkommen, nicht mit einem großen. Hier ist Provinz, du musst nicht unbedingt bleiben – das sagt unser Bahnhof. Ein neuer, ebenso mutig entworfener Nachfolger wie auf dem Leuphana-Campus würde das ändern, er müsste allerdings so kühn und elegant sein, dass er das Image dieser Stadt aufpolieren kann. Lüneburg würde im globalen Wettbewerb der norddeutschen Oberzentren weit besser aussehen.

    Aber das dauert. Es geht um Zukunft, nicht um Gegenwart. Vermutlich erst in zwei Jahren ist das Audimax, erst in zehn Jahren vielleicht wäre der Bahnhof fertig, und das ist das eigentliche Problem. Weitere zehn Jahre lang würde in Lüneburg gebaut werden, Dreck, Lärm, Umleitungen, ein hässliches Loch in der Mitte, eines am Rand, gut sichtbar dieses vom Roten Feld, jenes vom Hanseviertel. Dort aber wohnen oder wohnen bald die wohlhabenden Bürger. Lüneburg leidet für die Uni und wird leiden müssen für seinen zwingend notwendigen Bahnhof. Daher kommt die Wut, nicht wegen der hundert oder zweihundert Millionen Euro Kosten für solche Projekte. So abstrakte Zahlen lösen nicht diesen Hass aus.

    Der Wutbürger denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt. Deshalb beginnt sein Protest in dem Moment, da das Bauen beginnt, also die Unannehmlichkeit. Nun schiebt er das beiseite, was Bürgertum immer ausgemacht hat: Verantwortlichkeit, nicht nur das Eigene und das Jetzt im Blick zu haben, sondern auch das Allgemeine und das Morgen.

    Er vergisst zudem, dass er die Demokratie trägt. Es spielt keine Rolle mehr, dass das Hochschulprojekt in einem langen Prozess durch alle demokratischen Instanzen in Lüneburg und Hannover gegangen ist. Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Rats- und Landespolitik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.

    Er versteht nicht oder will nicht verstehen, dass ein Sieg der Gegner von solchen Standortprojekten jeden anderen Protest in Stadt und Land beflügelt. Fast jede neue Stadtvilla, fast jede Hochspannungsleitung, fast jedes Windrad, fast jedes abgegrenzte Einzugsgebiet einer bestimmten Regelschule, fast jede Straße ist umstritten, weil sie nicht in Lebensgefühle passen oder Lebenslagen verändern. Lüneburg wird erstarren, wenn sich allerorten die Wutbürger durchsetzen.

    Natürlich gibt es einige wenige Immigranten, die es sich im Hartz-IV-System bequem machen, natürlich haben manche Zuzügler in Deutschland Eigenarten oder Bräuche, die gewöhnungsbedürftig oder nur bedingt zu ertragen sind. Aber gilt nicht beides auch für manchen alteingesessenen Lüneburger? Und ist das ein Grund, sich zu benehmen wie die Wutbürger von Dresden und Leipzig? Sie schreien ihre Kritiker nieder und verhöhnen sie und führen sich auf wie ein Mob. Ihr solltet euch was schämen, das wäre die Reaktion eines Bürgers, der etwas auf sich hält.

    Aber im Moment dominiert der Wutbürger. Er schreibt Hasspamphlete im Internet und schilt die Kanzlerin, wenn sie den selbstverständlichen Satz unseres vorherigen Bundespräsidenten wiederholt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Ein paar Leute in Lüneburg und Amelinghausen sind deshalb schon aus der CDU ausgetreten. Man kann diese Reaktionen nur Hysterie nennen. Die zählte nie zu den bürgerlichen Eigenschaften.

    Contenance im Angesicht von Schwierigkeiten, das zeichnet ein wohlverstandenes Bürgertum aus. Eifer gegen andere Menschen, Rassen, Volksgruppen, Religionen ist unziemliches Verhalten, ist unanständig. Das gebieten der Satz von der Gleichheit des Menschen und das Gefühl für Menschlichkeit.

    Aber der Wutbürger sieht das nicht mehr. Er fühlt sich ausgebeutet, ausgenutzt, bedroht. Ihn ärgert das andere, das Neue, Er will, dass alles so bleibt, wie es war. Aber auch Lüneburg wird internationaler und damit bunter werden, das ist eine Gewissheit. Man kann das nicht aufhalten, nur gestalten. Wenn Neubürger und ihre Familien mit Wut betrachtet werden, gibt es kein gedeihliches Zusammenleben, keine gute Zukunft.

    Bei weitem nicht alle Bürger sind Wutbürger. Aber weil die sich so laut empören, prägen sie das Gesicht der Gesellschaft, prägen sie den Geist der Zeit. Und ihre Zahl steigt. Dafür gibt es zwei Gründe.

    Der erste Grund ist, dass die Wutbürger der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Nicht immer ohne Grund. Das Leuphana-Projekt „Zentralgebäude“ wurde in allen Instanzen von CDU, FDP, Grünen und SPD beschlossen, ohne Wirkung auf einen Teil der Lüneburger.

    Der Wutbürger macht nicht mehr mit, er will nicht mehr. Er hat genug vom Streit der Parteien, von Entscheidungen, die er nicht versteht, die über seinen Kopf hinweg getroffen werden und die ihm unzureichend erklärt werden. Er will nicht mehr staatstragend sein, weil ihm „der Staat“ in Gestalt von Stadtrat und Verwaltung fremd geworden ist. Da hat sich etwas grundsätzlich gewandelt. Für den Bürger hat unsere Stadt auch den Charakter einer Burg. Er schützt vor dem Bösen, und das kam aus Sicht vieler Bürger lange von links, von den 68ern, den Terroristen und den Kommunisten im Osten. All das ist verschwunden, und die 68er sind jetzt selbst die Bürger. Die Burg wird nicht mehr gebraucht.

    Man kommt jetzt allein klar, man braucht nicht mehr so viel „wir“, man ist jetzt ganz „ich“. Der Wutbürger verteidigt zwar das christliche Abendland, geht aber nicht in die Kirche. Er bindet, verpflichtet sich nicht, sondern macht sein Ding. Was wird aus meiner Stadt, ist eine Frage, die sich Bürger stellen. Was wird aus mir, ist die Frage, die sich Wutbürger stellen. Wird diese Frage nicht befriedigend beantwortet, verliert er die Gelassenheit.

    Der zweite Grund ist, dass die Deutschen älter werden. Was jetzt passiert, ist ein Vorbote der demografisch gewandelten Gesellschaft. Die Wutbürger sind zu einem großen Teil ältere Menschen, und wer alt ist, denkt wenig an die Zukunft. Ihm bleiben noch zehn oder zwanzig Jahre, die will er angenehm verbringen, was verständlich ist. Der Bau des Audi Max am Bockelsberg vergällt ihm das Leben, von dem vielleicht kommenden neuen Bahnhof selbst wird er nicht mehr viel haben. Er ist saturiert, er hat keine großen Ziele mehr, strebt nicht, sondern erhält, verteidigt den Status quo, ihm graut vor dem Wandel. Selbst vor dem in der Lessingstraße 7.

    Weil auch Lüneburg altert, erlahmt es auch. Denn das Verhältnis von denen, die viel vom Wandel haben, und denen, die wenig davon haben, wird immer ungünstiger für eine dynamische Entwicklung der Stadt.

    Wer alt ist, hat auch mehr Angst, Angst vor Neuem, Fremdem. Das Bestehende soll bleiben, weil es vertraut ist, weil es ohne Lernen bewältigt werden kann. Und der Angstbürger wird leicht ein Wutbürger, der sich gegen alle wendet, die anders leben, anders aussehen, anders glauben.

    Das ist Lokalpolitik in den Zeiten der demografischen Herausforderung, extrem schwierige Politik.

    Mit dem Wutbürger ist das nicht zu schaffen. Ohne ihn aber auch nicht. Die Lüneburger Kommunalpolitiker müssen sich nun endlich stärker um ihre Bürger kümmern, ihre Enttäuschungen ernst nehmen, ihren Zorn dämpfen, ihre Verantwortlichkeit hervorlocken. Es stimmt, dass da vieles versäumt wurde. Die Willkommenskultur und die Integrationspolitik in Lüneburg hat große Mängel (Stichwort Kaltenmoor, bezahlbarer Wohnraum, usw.), die Kommunikation zum Libeskid-Neubau aber auch zur Lüneburger Finanz- und Wohnungspolitik ist ein Desaster. Aber es ist wohlfeil, die ganze Schuld auf den Oberbürgermeister und die Mehrheitsfraktionen im Stadtrat zu schieben. Zur Freiheit der Bürger in einer Demokratie gehört auch die Pflicht, über sich selbst nachzudenken, das eigene Verhalten, die eigene Rolle. Die meisten Bürger, die sich jetzt ihrer Wut hingeben, müssten dazu eigentlich in der Lage sein.

    Es könnte ihnen helfen, mal wieder die „Buddenbrooks“ zu lesen, den großen Roman deutscher Bürgerlichkeit von Thomas Mann. Weil Thomas Buddenbrook die Zeichen der Zeit nicht erkennt, geht sein Familienunternehmen unter. Das ist sein Versäumnis, aber auf eine andere Art ist er beeindruckend: in seiner Contenance, in seiner tadellosen Haltung angesichts vieler Schwierigkeiten.

    Mit freundlichen Grüßen, H. Müller

    • Auffällig nur, dass Sie selber mit Schaum vor dem Mund gegen die Wutbürger wüten. „Der Wutbürger buht, schreit, hasst, knallt mit Fensterläden…“ Sie sind kaum sachlicher. Die „Wutbürger“ nehmen nicht mehr als ihr Recht in Anspruch und werden scheitern, wenn ihr Anliegen nicht geltendem Recht entspricht. Kein Grund, Duckmäusertum zu propagieren.

    • Gabor Kellinghusen

      Bravo, H. Müller! Der Wutbürger wurde ja lange als reine Erfindung deutscher Qualitätsmedien wie unserer LZ verschrien, doch spätestens 2013, nach dem Machtwechsel in Niedersachsen, kam es zu einem plötzlichen Kurswechsel in puncto Einstellung. Der Sieg der Wutbürger in Hannover veranlasste die verbliebenen 20 Prozent der normalen Lüneburger dazu, das Problem aus ihrer bürgerlichen Mittellage heraus anzuerkennen. Doch seitdem nun auch in jedem spätabendlichen Kaffeeklatsch der Öffentlich-Rechtlichen ein Platz für Wutbürger reserviert wird, welche dann die Meinung des Volkes repräsentieren, ist die Zeit gekommen, dass in Lüneburg wieder mit Verstand gelebt wird !

      Oft hört man in Verbindung mit dem Wutbürger folgenden Satz : „Der Wutbürger, er ist wütend! Warum ist er wütend? Sind es die Stadtvillen im Roten Feld? Ist es der Leuphana-Neubau? Man weiß es nicht, man weiß es nicht. Das ist traurig und macht den Wutbürger nur noch wütender!“

      Kommunalpolitiker versuchen oft, die Wutbürger mit dem Naturkleber Hartz IV stummzuhalten, indem sie die Münder zukleben. Jedoch lassen sich die Wutbürger nicht ihre Meinung totschlagen!

      • Dieser und ein weiterer Kommentar sind stark gekürzt, nicht etwa weil sie schlecht sind, nur eben viel zu lang. Und mal findet sich auf Zeile 534, mal auf Zeile 410 presserechtlich Bedenkliches versteckt.

        Tucholsky beherzigen: Man darf über alles reden. Nur nicht über zehn Minuten.

        LG hhjenckel

        • Netiquette wäre hier hilfreich und eine Zahlenangabe für Buchstaben , die noch geschrieben werden dürfen. Es gibt weniger Arbeit und der User hat nicht das Gefühl , gekürzt zu werden. Es wird sich dann mehr auf das Wesentliche konzentriert. Dumme Anmache fällt dann auch meistens weg. Schleichwerbung übrigens auch. Über meinen Vorschlag kann man bestimmt geteilter Meinung sein, meine Erfahrung hat mich gelehrt, ohne eindeutige Spielregeln geht es auf die Dauer nie gut.Und da schon alles mal gesagt wurde, nur noch nicht von jedem , wird bestimmt auch nichts fehlen.

        • Sehr geehrter Herr Jenckel,

          eben sehe ich Ihre Mitteilung und bin erstaunt. Wurde Ihr Blog nicht wieder und wieder von sehr vielen Kommentatoren als eine ziemlich einzigartige Debattenarena gelobt? Gab es hier nicht ungewöhnlich gute Diskussionen? Haben hier nicht Stadträte wie Herr Adam, Herr Pauly und Herr Webersinn sehr lange, gedankenreiche, aber auch »vielhundertzeilige« Leserbriefe geschrieben? Und heißt diese neue und gut angenommene Fechthalle neuerdings nicht sogar »Forum für Lokalpolitik und Stadtkultur«? Vor Kurzem las ich, es werde inzwischen auch in Hannover und Berlin »aufmerksam und mit Amüsement« zur Kenntnis genommen.

          Wie lang dürfen denn die Beiträge von Herrn Adam, Herrn Pauly und Herrn Webersinn künftig sein? Wann werden Kommentare von Ihnen gekürzt? »Nicht jeden Gedanken kann man idiotensicher ausdrücken«, meinte Adorno einmal, »und sicher nicht im Stile der Bild-Zeitung«. Wollen Sie die Möglichkeit von Gesprächen, Herr Jenckel, oder wollen Sie bloß, wie Herr Bruns oben schreibt, »weniger Arbeit«? Macht es Sie nicht stutzig, dass der erste Beifall zu Ihrer plötzlichen Redezeitregelung von einer »erfahrenen« Stimme kommt, die gewohnt ist, in konfektionierten Schlagzeilen und billigen Kreuzwort-Schablonen zu denken, wahllos Aufgeschnapptes wiederzukäuen und ihre sämig gemahlenen, geschmacklosen, zuvor schon durch Millionen Mäuler gegangenen Bubblegums an jede Ferse bei Lz-Online zu kleben, deren sie im Vorbeihasten habhaft wird?

          Sie erinnern an Tucholsky? Am 3. Mai 1932, als der »hergelaufene Mongolenwenzel Hitler« bereits das Programm bestimmte, schrieb der mutige Ignaz Wrobel in der Weltbühne (Nr. 18, S. 660):

          »Jede, jede, jede Zensur ist vom Übel. Jede!

          Alles, was nicht unmittelbar gegen berechtigte öffentliche Interessen verstößt, sei frei. Nur der Rest [»presserechtlich Bedenkliches«] bleibe verboten.

          Ja, soll man denn … ? Man soll. Die bestehenden Strafgesetze aller Kulturländer genügen vollauf, um das zu verhindern, was auch jeder anständige Geistige verhindert haben will:

          Erregung öffentlichen Ärgernisses; Beschimpfung; Beleidigung; Verleumdung … kurz alles, was man eben auf diesem Wege anrichten kann. Was aber keinesfalls zu dulden ist, das ist die freche Anmaßung kleinerer Bürgerkreise, ihre zufällig vorhandenen geistigen Anschauungen zum Maß aller Dinge zu machen. Jeder Minister hat das Recht, sich über Abtreibung, Homosexualität, Pazifismus, Rußland und Güterverteilung seine Meinung zu bilden und sie zu vertreten. Unsre Bibliothek aber stellen wir uns gern anders zusammen; aus der unendlichen Mannigfaltigkeit des Bestehenden suchen wir uns das heraus, was uns gemäß ist.

          Die Zensur ist der Schutz der Wenigen gegen die Vielen.«

          Jeder Leser, Herr Jenckel, ist frei, zu lesen, was er möchte. Ganz egal, wie lang ein Text ist, er ist nie zu lang, um ihn zu ignorieren.

          Ich möchte Sie an den Film »Amadeus« erinnern? Darin erklärt Kaiser Joseph II dem »unabhängigen Komponisten und Musiklehrer«, was ihm an seiner Oper »Die Entführung aus dem Serail« missfallen hat: »Sie enthält zu viele Töne!«

          Was antwortete Mozart?

          »Länge ist das lachhafteste Argument für Kürzungen, das ich kenne.«

          Machen Sie Ihren schönen Blog.jj nicht kaputt, Herr Jenckel.

          • Ach, kaputt machen will ich gar nichts, verehrte Frau Böttjer.

            Sie schreiben:
            „Jeder Leser, Herr Jenckel, ist frei, zu lesen, was er möchte. Ganz egal, wie lang ein Text ist, er ist nie zu lang, um ihn zu ignorieren.“

            Auf mich trifft’s nicht zu. Ich kann nichts ignorieren, ich muss auch die längsten Kommentare durchsehen, um zu prüfen, ob in der Wortflut womöglich Tatsachen treiben oder üble Nachrede, die im schlimmsten Fall auch noch begründet werden, aber keiner Prüfung standhalten, nur gut verpackte Meinungsmache sind.

            Ich wollte nur an Ihre Einsicht appellieren.
            Es gibt zwei Alternativen:
            1) Es dauert viel länger, bis ein Kommentar freigeben wird, weil er eben so ellenlang ist – da leidet dann die Aktualität.
            2) Oder der Kommentator hat ein Einsehen und bleibt ganz ohne Diskurs bei der Sache, da wäre allen gedient und Goethe hätte seine Freude:
            „Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.“
            Ihr
            Hans-Herbert Jenckel

          • Liebe Rita Böttjer, genau ihr verhalten bestätigt die nötige kürzung. billig ist immer der , der selbst nichts bezahlen will.
            Ihr Zitat:Jeder Leser, Herr Jenckel, ist frei, zu lesen, was er möchte. Ganz egal, wie lang ein Text ist, er ist nie zu lang, um ihn zu ignorieren.

            Sie vergessen da was: zu bezahlen .

            Zitat:Und mal findet sich auf Zeile 534, mal auf Zeile 410 presserechtlich Bedenkliches versteckt. Suchen kostet Zeit und Geld.
            Mit herzlichen Grüßen, von dem der so billig ist.

          • Neuer Straftatbestand

            Wenn ich in der letzten Zeit um 18 Uhr im Dunkeln von der Arbeit komme, höre ich meine Nachbarin immer mit ihren Stöcken und ihrem keuchenden Atem hinter mir herhetzen. Habe sie jetzt angezeigt, wegen Nordic Stalking.

    • Marlies Michels-Honrichsen

      Sehr geehrte(r) Frau (oder Herr) Müller,

      Ihren Aufsatz habe ich mit großem Interesse gelesen. Darf ich meinen Anmerkungen dazu vorausschicken, dass mich Ihre gewandte Art der Dartellung und die entschiedene Klarheit Ihrer Stellungnahme sehr beeindruckt haben?

      Gleichwohl, die Form ist das eine, etwas anderes ist der Inhalt. Da bin ich mit manchem durchaus NICHT einverstanden.

      Sie nutzen Frau Timmanns verständliche, aber – Gott sei Dank! – als Muster eines allgemeinen Problems wohl für unsere Stadt wenig repräsentative Klage über ihren schwierigen Nachbarn nur als Sprungbrett, um zu so etwas wie einer Diagnose des gesundheitlich-sozialen Gesamtbefindens Ihres Patienten zu gelangen. Dieser Patient, wenn ich richtig sehe, ist „das politische Lüneburg“ oder „die Lüneburger Gesellschaft“.

      Als Ursache der aggressiven Infektion, die Sie beschreiben, haben Sie – gleichsam als Virus – eine „wichtigtuerische Gestalt“ ausgemacht: „Das ist der Wutbürger.“

      Hier möchte ich einhaken und Sie sofort auf ein terminologisches Problem hinweisen, denn die Worte, deren man sich bedient, sind niemals ohne Belang: “Worte können töten…”, warnte Hans-Herbert Jenckel am 10. September 2014, den Schriftsteller Amoz Oz zitierend, völlig zu Recht (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/188351-der-lueneburger-als-wildes-kommentator-tier#comment-8383).

      Der Ansicht bin ich ebenfalls. Zwar ist „Wutbürger“ kein Wort, das tötet, aber es ist eins, das in Bausch und Bogen herabwürdigt. Und deshalb erhebe ich nachdrücklich Einspruch gegen seinen Gebrauch! Am 20. August 2014 hat die pensionierte Neurochirurgin Rita Böttjer dazu geschrieben, was ich mir zu eigen machen und Ihnen zu bedenken geben möchte: „Im Handbuch der Phraseologie wird der durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Abklatsch in Sprach- und Gedankenklischees eingeteilt. Gemeinsam ist beiden, dass sie zur Anwendung kommen, weil sie den Komfort der Mühelosigkeit mit der Aussicht auf leicht erreichbare Zustimmung vereinen. ‚Wutbürger‘ und ‚Tugendterror‘, die begrifflichen Markierungen von sozialtherapeutisch getarnten Besitzstandswahrern und partizipatorisch verkleidetem Schrebergartenegoismus als ‚eigentliche‘ Erbschaft von ‚Protestgeneration‘ und ‚Alternativkultur‘, sind solche ausgelutschten Worthülsen, mit denen der Ekel, der es gerne einfach hat, nun schon seit Jahren hausieren geht, weil er nicht den Mut hat, von ‚defätistischen Schmeißfliegen‘, ‚abweichlerischer Volksgeistzersetzung‘ und ‚antidemokratischen Aufrührerparasiten‘ zu sprechen. […] Es sollte nicht übersehen werden, welch ein Echo an Gehässigkeit, Klatschsucht, Verleumdung und Verrat, Dünkel, Besserwisserei und Aufgeblasenheit, an Bereitschaft zu autoritätshörigem Opportunismus, geistigem Mitläufertum und selbstgerechtem Konformismus in der pauschalen Diffamierungsformel vom ‚leicht erregbaren Homo Furibundus‘ [= Ihr „Wutbürger“] widerhallt.“ (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/184176-und-es-ist-mir-laengst-klar-dass-nichts-bleibt-wie-es-war#comment-7969)

      Mit dem Wort „Wutbürger“ summa summarum, also ohne Spezifizierung, auf Andersmeinende einzudreschen, ist, meine ich, gerade genau der eifernde Populismus, den Sie ansonsten so gedankenreich verurteilen. Dieser widerwärtige Terminus gleicht einem Schrotschuss, mit dem einer alles wegfegt, was ALLEIN IHM nicht passt. Sie, sehr geehrte(r) Frau (oder Herr) Müller, sollten, können und werden sich fragen, ob nicht Ihr versöhnlicher Schlussappell auf Sie selbst anwendbar ist: „Zur Freiheit der Bürger in einer Demokratie gehört auch die Pflicht, über sich selbst nachzudenken, das eigene Verhalten, die eigene Rolle. Die meisten Bürger, die sich jetzt ihrer Wut hingeben, müssten dazu eigentlich in der Lage sein.“ Ganz genau! Über IHRE eigene intellektuelle Wut, die SIE zu dem verbalen Schrotgewehr hat greifen lassen, aus dem die überall und nirgends hinstreuende Diffamierungsvokabel „Wutbürger“ schießt, sollten Sie noch einmal eingehend nachdenken!

      Mit dem bisher Gesagten wollte ich Sie auf eine Grenze des Behauptbaren hinweisen: RICHTIGER als zu schreiben: DER „Wutbürger buht, schreit, hasst, knallt mit Fensterläden“, wäre es, finde ich, zu schreiben: „Mancher“ oder noch besser: „Die und der, z. B. Herr X, Frau Y und Stadtrat Z, etc. buht, schreit, hasst, knallt mit Fensterläden“. Und dann müsste sofort eine Antwort auf die Fragen Wann?, Wo? und Warum? kommen.

      EIN solches Beispiel der Genauigkeit haben Sie immerhin gegeben: Die Gegner des „Stadtvillenprojekts“ in der Lessingstraße 7 im Roten Feld hatten sich zu einer Anhörung vor städtischen Vertretern versammelt. „In der alten Aula der Pädagogischen Hochschule am Wilschenbrucher Weg […] herrschte am 18. November des letzten Jahres ein Hauch von Sportpalast. Gutgekleidete Grauköpfe ereiferten sich nicht nur, sie geiferten. Das gediegene Lüneburger Bürgertum hat gezischt, gebuht und lautstark dazwischengerufen.“ DAS haben Sie beobachtet, DAS wollen wir Ihnen glauben. Dass die gleichen Leute, die vor ihrer Haustür gegen bauliche Veränderungen protestieren, andere nicht anhören wollen, die an anderer Stelle gegen bauliche „Veränderungen“ sind, ist eine andere Sache. Ein Herr „Malte“ hat sie am 3. November 2014 aufgespießt: „Mit öffentlichem wolkigwabernd salbungsvollem Rechtfertigungsgeschwafel für architektonische Scheußlichkeiten wie dem Museumsbau oder dem Audimax ist man schnell bei der Hand. Aber wehe so ein neo-barockes Techno-Monument rückt einem beim Grillen auf die Pelle und giert und ächzt die nächsten siebzig Jahre von der anderen Straßenseite über den heimischen Gartenzaun wie eine adipöse Riesengestalt im Karussellbremserlook, die jeden Tag den gleichen Witz reißt.“ (http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/197866-die-grenzen-des-buergerwillens#comment-18696)

      Vollkommen d´accord bin ich mit Ihnen, sehr geehrte(r) Frau (oder Herr) Müller, hier: „Contenance im Angesicht von Schwierigkeiten, das zeichnet ein wohlverstandenes Bürgertum aus. Eifer gegen andere Menschen, Rassen, Volksgruppen, Religionen ist unziemliches Verhalten, ist unanständig. Das gebieten der Satz von der Gleichheit des Menschen und das Gefühl für Menschlichkeit.“

      Aber was Ihre Aburteilung angeblich „renitenter“ Gegner öffentlicher Projekte (Schulbezirksregelungen, Stadtfestkonzepte, Bundesautobahn 39, Dragonerdenkmal, LSK, Windkraftanlagen, Flugplatz, Hochspannungsleitungen, Y-Trasse oder Stadtvillenprojekte) anbelangt, halte ich es wieder mit Frau Böttjer: „Jeder […] hat das Recht, nach seiner Façon mit St. Florian zu ‚kommunizieren‘, seine Meinung zu äußern und für seine Sache einzutreten, solange er keine Gesetze verletzt. Das ist das Großartige an der Verfassung des Landes, in dem zu leben wir das unverdiente Glück haben.“ (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/184176-und-es-ist-mir-laengst-klar-dass-nichts-bleibt-wie-es-war#comment-7969)

      Wir haben es überall dort NICHT mit „Wutbürgern“ zu tun, sondern mit Betroffenen, die Namen, Adressen und – wenigstens in den meisten Fällen – auch gute Gründe für ihr Verhalten haben! Contenance also, sehr geehrte(r) Frau (oder Herr) Müller, beim Urteilen über andere!

      Auch mit den Audimax-Kritikern verhält es sich NICHT generell so, wie Sie schreiben: Es mag zwar sein, dass „die Proteste gegen den teuren Libeskind-Bau am Bockelsberg von Bürgerlichen getragen [werden], darunter vor allem CDU-Wähler, Linke und Rentner.“ Aber dass „sie“ NUR „die nackte Wut“ treibt und dass „sie“ NUR „brüllen und hassen“ und „es einzelne“ von ihnen „Tag für Tag, Woche für Woche […] an den Bauzaun“ zieht und „sie“ NUR „wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft [..] Leserbriefe in der LZ und bei LZ-online“ schreiben, um als „zukunftsvergessene Wutbürger“ gegen den „Libeskind-Bau“ zu randalieren, den SIE für einen „modernen Zukunftspalast“ halten, der „ein stolzes Wahrzeichen Lüneburgs werden [wird], so wie es andernorts Schlösser oder Museen sind“, DAS TRIFFT NICHT ZU !

      Auch hier treffen wir NICHT DEN „Wutbürger“, den es als solchen ja gar nicht gibt, sondern einzelne Menschen, mit Namen und Adressen, die eventuell gute Gründe für eine entschiedene Meinung haben. Es gibt sicher auch einzelne Zornige, die KEINE Gründe haben und nur als Trittbrettfahrer lamentieren, weil sie nach einem Ventil für anders gelagerte (persönliche) Schwierigkeiten suchen. Jedoch, einer der Menschen, die meinen, diskussionswürdige Gründe gegen IHRE „Kathedrale der neuen Menschheit“ zu haben, bin ICH.

      IHRE ganz private Meinung haben Sie dargelegt und ich beglückwünsche Sie, dass Sie eine haben. MEINE ganz private MEINUNG – und ich hoffe, Sie brandmarken mich jetzt nicht als eine verantwortungslose Egoistin ohne „Contenance“ und „tadellose Haltung“ – IST:

      Der sogenannte Libeskind-Bau, das schief gewandete Heide-Raumschiff mit seinem spitz nach oben deutenden Enterprise-Aufbau, in dem sich der große Veranstaltungssaal, die Büros mit ihren Winkelfenstern, die futuristischen Seminarkabinen und – vielleicht auch einmal – die Maschinenhalle befinden werden, ist eine teure, überdimensionierte Zumutung, auf die „Lüneburg“ besser verzichtet hätte.

      Woran denkt man beim Hinschauen? An eine schockgefrorene Lego-Phantasie, eine künstliche Skipiste, ein aus dem Kalkberg herausgesägtes Stück hansestädtisches Gipfelglück? Sehen wir da einen abstrakten Eisberg? Oder stellt das Ganze einen Geldspeicher dar, aus dem oben die Bündel herausflattern, die man unten hineinstopfen musste? Bilden die scharf nach oben schießenden, gezackten Dachlinien die Baukostenkurve ab? Seit August 2012 wird gebaut, veranschlagt waren rund 58 Millionen Euro, im Mai 2013 war man plötzlich bei 64,7 Millionen Euro, im August 2013 bei 72,7 Millionen Euro und seit Mitte 2014 liest man, dass eine Endbausumme von vorläufig maximal 125 Millionen Euro nicht unwahrscheinlich ist.

      Was besorgt mich? Zwei Landesrechnungshofberichte vom Juli 2011 und März 2014 und ein Prüfbericht der Oberfinanzdirektion vom Februar 2014 monierten gravierende Fehler auf Seiten der Leuphana-Universitätsleitung. Durchgängig wurde die intransparente und unzureichende Finanzierungsplanung kritisiert und ein mangelhafter Terminplan mit als Grund für die Mehrkostenentwicklung genannt. Die 2011 angegebenen Baukosten von knapp 58 Millionen Euro seien von vornherein unrealistisch gewesen.

      Das alles habe ich als Zeitungsleserin – wie viele andere Lüneburger – zur Kenntnis genommen und es gefällt mir nicht. Doch darum lasse ich mich nicht von Ihnen zu einem „Wutbürger“ stempeln, der nur „an sich [denkt], nicht an die Zukunft seiner Stadt“. Ich schließe mich HEUTE, nachdem Ihre „Kathedrale“ einmal da ist, der honorigen Haltung unseres Stadtrats Michèl Pauly an, der unser aller Dilemma am 24. Januar 2015 bei Blog.jj richtig beschrieben hat:

      „Ja, ich kann die Kritik [ … am Leuphana- Bau] vollständig verstehen. Zum einen wurde durch das gewagte Finanzierungskonzept und die auf viele Gebietskörperschaften verteilten Lasten nie geklärt, wer für sämtliche Mehrkosten aufkommen wird. Das Land wird sich erwartungsgemäß nicht zu 100% Kostenübernahme bereit erklären – jedenfalls nicht, ohne der Universität an anderer Stelle Mittel für die Lehre zu nehmen. Zum anderen setzt die Leuphana bereits jetzt Mittel ein, die auch zur Verbesserung der Lehre verwendet werden könnten oder sollten. Also Prestigebau statt Bildung. Wir wissen außerdem, dass die Europäische Union, wenn sie ihren Anteil überhaupt trotz aller Probleme und Untersuchungen bezahlt, keinesfalls ihre Mittel aufstocken wird. Das Gleiche haben Stadt und Landkreis erklärt. Gleichwohl wird diese Erklärung, wenn es zum Schwur kommt, nichts mehr wert sein. Wenn ich vor die Frage gestellt werde, ob die Stadt noch mehr Millionen beim Audimax nachschießt oder eine Zerstörung der Institution der Universität wegen mangelnder finanzieller Mittel zulässt, dann werde ich als größter Kritiker des Audimax’ im Rat dennoch meine Hand für eine Nachfinanzierung heben. Warum? Weil wir einen “Point of no Return” im Bau überschritten haben, der jedes andere Handeln als die Nachfinanzierung unwirtschaftlich werden lässt.“ (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/211768-ist-eigentlich-gute-kommunalpolitik-und-macht-ein-gutes-ratsmitglied-aus#comment-33399)

      So would I, if I had to.

      Ob nicht gerade auf DIESE „tadellose bürgerliche Haltung“, die sich früher oder später „der normativen Gewalt der geschaffenen Fakten“ wird beugen müssen, von Beginn an spekuliert wurde, ist wieder eine andere Frage. Doch ihr mögen sich Berufenere zuwenden, als ich es bin.

      Mit freundlichen Grüßen

      Ihre Marlies Michels-Honrichsen

      • Hallo Marlies Michels-Honrichsen, mir hat ihr beitrag sehr gut gefallen. mir hat mal ein ratsherr aus lüneburg gestanden, wenn er schreibt, wird das immer so lang und er weiß nicht, wie man das ändern kann. ich gab ihm einen tipp, nicht alles auf einmal unterbringen. viele menschen sind nicht bereit soviel auf einmal zu lesen. ihre frage nach der tadellosen bürgerlichen haltung, ist genau die frage, die ich hier auch schon gestellt habe. warum wollen sie diese frage berufenere überlassen? sie ist mehr als berechtigt.

        • Marlies Michels-Honrichsen

          Lieber Herr Bruns,

          herzlichen Dank für Ihr nettes Lob!

          Zu Ihrer Kritik: Ich werde mich bemühen, kürzer zu schreiben. Aber: 1. Es gibt Leser, die begründete und deshalb etwas längere Meinungsäußerungen schätzen. Einer sind Sie, andere sind z. B. die Ratsfrau Claudia Schmidt (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/209214-lehrjahre-im-lueneburger-rat-fuer-junge-talente#comment-32668) und die Ratsherren Pauly und Webersinn. 2. “Jeder Leser […] ist frei, zu lesen, was er möchte. Ganz egal, wie lang ein Text ist, er ist nie zu lang, um ihn zu ignorieren”, bemerkte gestern ganz richtig Frau Böttjer. (Ausnahme ist Herr Jenckel, der aber zum Teil dafür bezahlt wird, dass er hier liest, moderiert und redigiert, und der auch, sonst hätte er dieses wichtige Forum nicht geöffnet, an der Qualität von Blog.jj-Kommentaren interessiert sein muss, da bloße Interjektionen und Expressionen nie zu einem „Gespräch“ über „Lokalpolitik und Stadtkultur“ werden könnten.) 3. Meine Abschlussfrage von gestern, die auch Sie schon zwei, dreimal gestellt haben, zu beantworten, möchte ich „Berufeneren“ überlassen, weil sie nur einen Eindruck berührt, den man zwar gewinnen, aber nicht belegen kann, ohne die aktenkundigen, also gerichtsfest dokumentierten Vorgänge bei der politischen Durchsetzung des Libeskind-Projektes minutiös zu studieren und zu rekonstruieren. Diese Möglichkeit habe ICH nicht.

          Mit besten Grüßen

          Marlies Michels-Honrichsen

          • ihre antwort gefällt mir, bin nur an einer stelle anderer meinung. herr jenckel wird zwar dafür bezahlt, er muss aber dafür auch geld einbringen. sehr lange kommentare hindern daran. und was die interjektionen und die expressionen angehen, würden hier meinungen und informationen schneller reingestellt, könnte auch eine lebhafte diskussion stattfinden. die lz muss aber dafür geld verdienen. meine vielzahl von kommentaren zu allen möglichen themen, sollen dazu beitragen. es ist wie auf einer tanzfläche. erst wenn das erste paar die tanzfläche betritt, füllt sie sich. es wäre doch schade, wenn diese spielwiese mangels geld wieder verschwinden würde.

  10. Mit Schaum vor dem Mund diskreditieren Sie den Widerstand und glorifizieren das Duckmäusertum. Trotz epischer Breite bleibt nur der Eindruck von Jämmerlichkeit.

  11. Vorbemerkung: In Zukunft werde auch ich versuchen, mich an Herrn Jenckels verständliche Bitte um Kürze zu halten. Doch dieses eine Mal noch geht es nicht kürzer.

    Ich bin verschiedenen, zu Recht entrüsteten Lesern eine Richtigstellung schuldig:

    Ich gebe es zu, ich habe mir einen Scherz erlaubt. Der von mir am 13. Februar 2015 um 21:48 Uhr gepostete, „trotz epischer Breite jämmerliche“ (@müller) Leser-Kommentar „Beruhigt euch !“ ist zu 98% identisch mit einem Text aus der Feder des vielfach mit Preisen ausgezeichneten Journalisten und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit, der heute als politischer Korrespondent für den Spiegel tätig ist. Kurbjuweit ist auch als Autor von erzählerischen Werken, Sachbüchern und Drehbüchern hervorgetreten und er ist Stifter des „Recherche-Stipendiums Seminyak“, das an freie und angestellte Journalisten vergeben wird, die besonderen Aufwand betreiben müssen, um ihr zuvor prämiertes Reportage-Projekt mit Faktenwissen zu unterfüttern. Sein Anliegen ist die „Qualität journalistischer Arbeit und die Orientierungsfunktion durch höchstwertige Meinungsbildung“.

    In seinem vielgelesenen, vielzitierten und daher auch einflussreichen Spiegel-Essay vom 11. Oktober 2010, griff Dirk Kurbjuweit den bis dahin wenig beachteten Ausdruck „Wutbürger“ auf, der sich in einigen Medien bereits seit 2007 als Bezeichnung für Mitglieder der rechtspopulistischen Wählervereinigung „Bürger in Wut“ (BiW) nachweisen lässt und heute als „Marken-Signatur“ zorneskettenrauchender, komfortgewohnter Sonnenterrassen-Erregbarkeit gilt. Der „Wutbürger“ post kurbjuweit ist sozusagen der natürliche Feind der Affekt-Abstinenten, die unfreiwillig zum Furor-Passivraucher gemacht werden. (BiW: taz vom 20. November 2007: http://www.taz.de/1/nord/bremen/artikel/?dig=2007/11/20/a0044&src=UA&cHash=73f527d384, Zeit Online vom 6. Juli 2008: http://www.zeit.de/2008/28/LS-Nachwahl, taz vom 8. Juli 2008: http://www.taz.de/!19800/)

    Kurbjuweit, dessen Artikel kräftig mithalf, diese begriffliche Neuprägung in die Alltagssprache einzuführen, definierte den „Wutbürger“ unter Bezugnahme auf die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Debatten um Thilo Sarrazin und das Stuttgarter Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 als wohlhabenden konservativen Menschen, der „nicht mehr jung“, früher gelassen und „staatstragend“, jetzt aber „zutiefst empört über die Politiker“ sei. Er breche „mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört“, wie etwa Gelassenheit. Das Verhalten des Wutbürgers sei ein Wehren gegen den Wandel, er möge nicht Weltbürger sein. Kurbjuweit sah in beiden Debatten trotz thematischer Unterschiede „Parallelen“, da es jeweils „um Zukunftsvergessenheit“ gehe. Beide Proteste seien „Ausdruck einer skeptischen Mitte, die bewahren will, was sie hat und kennt, zu Lasten einer guten Zukunft des Landes“, etc. (DER SPIEGEL 41/2010: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74184564.html) Den Rest können Sie oben in meiner Text-Anverwandlung „Beruhigt euch!“ nachlesen.

    Diese, meine plagiatorische „Adoption“ war sehr einfach. Im Grunde brauchten nur Namen ausgetauscht und einige Passagen weggelassen zu werden. Schon war der Angriff auf „die“ Lüneburger „Wutbürger“ fertig. Und wie von mir erwartet, ist darauf mit Zustimmung (Gabor Kellinghusen am 15. Februar 2015 um 18:34), aber vor allem mit massiver Kritik reagiert worden (@h.müller am 14. Februar 2015 um 16:19, Marlies Michels-Honrichsen am 16. Februar 2015 um 16:46 und @müller am 14. Februar 2015 um 10:29).

    Darum ging es mir. Ich wollte einen, wie ich finde, unselig folgenreichen „Urtext“ als das entlarven, was er ist und immer war: ein gemeiner, überheblicher Rundumschlag auf ein frei ausgedachtes Ziel – „den“ Wutbürger in München und Stuttgart. Dass sich dieser höchst fragwürdige „Meinungen bildende“, ja, liederliche Rundumschlag mit der gleichen suggestiven, aber inhaltsleeren Kampfvokabel vier Jahre später ohne jede Mühe auf ein ganz anderes – ebenfalls frei ausgedachtes Ziel: „den“ Wutbürger in Lüneburg – wiederholen lässt, beweist die böse Macht der verbalen Generalisierung. „Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Weg, entsetzliches Unglück anzurichten.“ Dieser Satz von Goethe ist die erschöpfende Inhaltsangabe des Spiegel-Essays von Dirk Kurbjuweit — und damit auch meiner Adaption.

    Zum Hintergrund: Als der Börsenverein am 15. Oktober 1989, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Václav Havel, den tschechischen Bürgerrechtler und politischen Dramatiker, verlieh, musste der Schauspieler Maximilian Schell seine Dankesrede verlesen, denn der Geehrte selbst konnte nicht anwesend sein, weil die tschechoslowakischen Behörden ihm die Rückreise nach Prag verweigert hätten. Sein Stuhl in der Frankfurter Paulskirche blieb demonstrativ leer. Vier Wochen später wurde Václav Havel zum ersten Präsidenten der neuen freien Tschechoslowakischen Repulik gewählt. In seiner Frankfurter Rede sprach der abwesende Dichter Havel „über die geheimnisvolle Macht des Wortes“ und sagte zu seinen Deutschen Zuhörern:

    „Neben dem Wort, das die Gesellschaft durch seine Freiheit und Wahrhaftigkeit elektrisiert, gibt es auch das hypnotisierende, trügerische, fanatisierende, rasende, betrügende, gefährliche, todbringende Wort. Das Wort – ein Pfeil. Ich glaube, daß ich gerade Ihnen nicht ausführlich die schwarze Magie des Wortes erläutern muß, weil Sie am eigenen Leib vor verhältnismäßig kurzer Zeit erlebt haben, zu welchen unaussprechlichen geschichtlichen Schrecken unter einer bestimmten politischen und sozialen Konstellation das hypnotisch-verzaubernde und zugleich unwirklichwahnsinnige Wort eines durchschnittlichen Kleinbürgers führen kann.
    […]
    Worte haben auch ihre Geschichte: Es gab zum Beispiel Zeiten, in denen das Wort Sozialismus für ganze Generationen Erniedrigter und Unterdrückter ein magnetisches Synonym für eine gerechtere Welt war, und als für die Ideale, die mit diesem Wort ausgedrückt werden, Menschen fähig waren, lange Jahre ihres Lebens zu opfern und vielleicht gar das Leben selbst. Ich weiß nicht, wie es sich in Ihrem Land verhält, doch in meiner Heimat ist aus demselben Wort also aus dem Wort Sozialismus – schon längst ein ganz gewöhnlicher Gummiknüppel geworden, mit dem irgendwelche reich gewordenen und an nichts glaubenden Bürokraten alle ihre frei denkenden Mitbürger in den Rücken schlagen, wobei sie sie »Feinde des Sozialismus« und »antisozialistische Kräfte« nennen.“

    Das Wort „Wutbürger“ aber hat KEINE „Geschichte“. Anders als das Wort „Sozialismus“ kann es NICHT: „einmal große Hoffnung ausstrahlen, ein anderes Mal nur Todesstrahlen aussenden […] einmal wahrhaftig und ein anderes Mal lügnerisch sein, einmal faszinierend und ein anderes Mal trügerisch“ (Havel). Es ist auch kein „Pfeil“, es ist ein Schlagstock.

    Das Wort „Wutbürger“ war IMMER, vom ersten Augenblick seines Auttauchens an NUR „das hypnotisierende, trügerische, fanatisierende, rasende, betrügende, gefährliche“ Wort. Es war immer „lügnerisch“ und „trügerisch“ und diente von Anfang an und dient bis heute „als ein ganz gewöhnlicher Gummiknüppel, mit dem“ irgendwelche eilfertig gedankenlosen Rechthaber allen ihren anders „denkenden Mitbürgern in den Rücken schlagen“.

    „Wutbürger“ ist eine Schläger-Vokabel „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“. Ihr ganzer Sinn ist pauschale Ausgrenzung, Stigmatisierung, Verspottung, Diskreditierung, Herabsetzung, Kränkung und zuletzt Einschüchterung, Einschränkung und das Mundtotmachen irgendwie unbequemer Andersdenkender. Sie soll NUR diffamieren, weil sie von andersmeinenden Menschen behauptet, dass die Triebfeder ihres Handelns nichts als Wut sei. Sie wertet das Engagement andersmeinender Bürger, ohne Unterschiede zu machen, in toto ab, auch wenn diese – und sei es aus den nichtigsten Gründen – wohlüberlegt und durch unser Grundgesetz dazu autorisiert für ihre Rechte einstehen — und NICHT aus blinder Wut heraus „renitent“ sind. Erinnern wir uns, es war der „durchschnittliche Kleinbürger“, den Havel nicht bei seinem Namen nennen muss, der 1925/26 in seinem „Buch“ unheilvoll drohend von dem „typischen Parasiten“ schwadronierte „einem Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt.“ Dirk Kurbjuweit stellt „den“ älteren Menschen hin wie den „typischen Parasiten“ und nennt ihn „Wutbürger“, der sich zahlenmäßig „ausbreitet“, wenig an die Zukunft denkt, saturiert ist, keine großen Ziele mehr hat, nicht strebt, sondern den Status quo erhält und verteidigt: „Ihm graut vor dem Wandel.“ Ist er „ein Schmarotzer“, der den Betrieb aufhält?

    Kein Zweifel, ES GIBT „buhende, schreiende, hassende“ Menschen, es gibt auch welche, die „mit Fensterläden knallen“ und sogar welche, die im Chor mit anderen „Lügenpresse“, „Heuchelpolitik“, „Europaschwindel“, „Asylbetrug“, „Unterwanderung“, etc. in die Nachtluft brüllen. Und nicht immer können sie begründen, warum sie das tun. Aber wenn wir sie oder andere, die mit irgendetwas nicht einverstanden sind und das im Rahmen des gesetzlich Gestatteten kundtun, über einen Kamm scheren und „Wutbürger“ schimpfen, stehen wir auf einer Stufe mit dem Erbärmlichsten unter ihnen.

    Darauf wollte ich mit meiner provozierenden „Umnutzung“ von Kurbjuweits „Essay“ hinweisen. Mein Scherz war also kein Spaß. Es ist mir bitter ernst damit.

    Frau Honrichsen hat geschrieben: „Zwar ist ‚Wutbürger‘ kein Wort, das tötet, aber es ist eins, das in Bausch und Bogen herabwürdigt. Und deshalb erhebe ich nachdrücklich Einspruch gegen seinen Gebrauch!“

    Einspruch ist gut! Auch ich erhebe ihn. Aber Einspruch genügt nicht. Hört auf, mit diesem widerlichen Wort zu hantieren, wenn ihr nicht als menschenverachtende Dummköpfe dastehen wollt !

    Mit freundlichen Grüßen, H. Müller

    • Marlies Michels-Honrichsen

      Na, H. Müller, dieser Coup in Sachen „Aufklärung“ ist Ihnen gelungen! Im Nachhinein liest sich Ihre plagiatorische Inszenierung vom 13. Februar wirklich wie eine augenöffnende Satire. Da haben Sie mich und andere ja ganz schön dumm gegen ein offenes Scheunentor anrennen lassen.

      Trotzdem: Ich bedanke mich.

      Marlies Michels-Honrichsen

      • Liebe Frau Michels-Honrichsen, den Originaltext nicht gekannt und die Ausführungen eines H.Müller kritisiert zu haben,hat wahrlich nichts mit Dummheit zu tun ! Auch wenn Sie das Tun des H.Müller als „augenöffnende Satire“ loben, so kann ich nicht umhin, meinen Unmut angesichts all dieser „Tester“, „Satiriker“ u.s.w. kundzutun. Man schreibt provozierend etwas hin, was man gar nicht so meint, und frohlockt, wenn jemand sich über die Worte echauffiert. Eine solche Haltung ist hier schon kritisiert worden. Sie entzieht einer ehrlichen Kommunikation die Grundlage.

        • Leider weiß ich nicht, wie ich Sie ansprechen soll, da Sie weder ein nomen agentis noch gentile benutzen.

          Wie Sie auch, kann ich normalerweise sehr gut auf solche doppelbödigen, vermeintlich ironischen Schulmeistereien verzichten. Doch auch hier gibt es Unterschiede. Einmal haben wir Leute in diesem Forum, die erst schreiben und dann denken, um aber allzeit HINTERHER sogleich ihre verallgemeinernden Gedankenlosigkeiten, die infolge ihrer Unbestimmtheit oder Leerheit mit jedem beliebigen Sachverhalt vereinbar sind, wenn andere sie dann moniert haben, als „bereitgestellte Schuhe“ zu verkaufen. Das ist die angemaßte, sprungbereit lauernde generalabsolutierende Geste der Unfehlbarkeit, die ohne Ausnahme mit dem selbstimmunisierenden Totschlagargument operiert: „Jeder Kommentar von mir KÖNNTE eine leere Tafel sein, auf der immer die Dummheit steht, die Du selbst darauf geschrieben hast.“ Gegen die Isolierzelle derartiger Selbstgerechtigkeit ist kein Kraut gewachsen. Über solchen solipsistischen Fundamentalismus, solange er nicht nach der Pistole greift, muss man schlicht hinwegsehen. SEINE „Wut“ will – dies der Unterschied zu Leuten, die sich vor einem Bahnhof an Bäume binden – gar nicht konkret etwas ändern. Sie richtet sich auf Abstrakta wie „das System“, „die Politik“, „die Medien“ und eben auch auf „die Wutbürger“, „die Gutmenschen“, „die ehemaligen Pressesprecher“, etc., weil sie sich angesichts von empfundenen Missständen von zivilisierten Verfahren – den Wahlen, dem Rechtsweg, der Mitgliedschaft in Parteien – nichts verspricht. Sie ist nicht instrumentell gemeint, kein Mittel zum Zweck, sie will sich vor allem manifestieren. Damit Sie mich richtig verstehen: Es ist eines, wütend oder hasserfüllt zu sein, ein anderes, so zu handeln. Der Unterschied macht die Nähe oder den Abstand zum Rechtsstaat. Es ist der Unterschied zwischen Meinung und Verbrechen. Wer wütend ist, soll es ausdrücken dürfen, auch jenseits der Grenzen des Anstands. Es gibt ein Recht auf Dummheit und Geschmacklosigkeit.

          Nichts, finde ich, ist aber gegen Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung nach der Art C. D. Grabbes einzuwenden. Aufpassen sollte man überall. Lesen macht vielseitig, Verhandeln geistesgegenwärtig und Schreiben genau, sagen die Briten.

          Und dann haben wir den bei Blog.jj ziemlich einzigartigen Kasus „H. Müller“. Er erinnert mich sehr an die komische Intervention, mit welcher der Dichter Durs Grünbein im Februar 2010 in der F.A.Z. dem Plagiatsstreit um das für sich betrachtet ziemlich minderwertige Buch „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann ein parodistisches Schlusslicht aufsetzen wollte. (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hegemann-kommentar-in-der-faz-dichter-gruenbein-plagiiert-zum-plagiat-a-679857.html) Auch bei H. Müller hätte man, wäre man nur aufmerksam genug gewesen und nicht sofort – wie z. B. ich selbst – von der eigenen Empörung fortgerissen worden, die irritierende Übertreibung erkennen können. Allein schon dieser Passus: „Unser Bahnhof: Ein neuer, ebenso mutig entworfener Nachfolger wie auf dem Leuphana-Campus würde das [‚die provinzielle Miefigkeit‘ der jetzigen Anlage] ändern, er müsste allerdings so kühn und elegant sein, dass er das Image dieser Stadt aufpolieren kann. Lüneburg würde im globalen Wettbewerb der norddeutschen Oberzentren weit besser aussehen.“ Ist das nicht herrlich blöde und entlarvend zugleich?

          Auch hier sprach als sein „Machtwort der hochdekorierte Dichter. Man meint förmlich, das Ritterkreuz, Verzeihung: den Pour le Merite, unter dem generalesken Stehkragen funkeln zu sehen.“ ( F.A.Z.)

          So eine Täuschung, auch wenn sie gut gemacht ist und uns – wie in diesem Fall – etwas über unsere eigenen Fixierungen verraten konnte, darf aber trotzdem nur eine Ausnahme sein, da haben Sie völlig Recht, denn eine Fallenstellerei als Dauermöglichkeit würde auf die Nerven gehen und entzöge tatsächlich „einer ehrlichen Kommunikation [, an der uns allen hier gelegen ist,] die Grundlage“.

          Seien wir, die heilsam Düpierten, dieses eine Mal nachsichtig mit dem eloquenten „Aufklärer“ und Clown H. Müller !

          MfG

          Michels-Honrichsen

          • Verehrte Frau Michels-Honriichsen,
            ich stimme Ihnen zu, nur nicht in der Formulierung, durch das Wirken des „Clowns“ eine Heilung erfahren zu haben. Das wäre zu viel der Ehre.

        • ihren unmut in ehren, weniger entrüstung ,mehr humor (ehrlicher) würde diesem blog gut tun. darf ich sie an etwas erinnern? ja mein gott, was meinen sie, wo wir hier sind?……. der monolog ist mir zu lang, deswegen beende ich ihn hier. thema anonymität endete mit entrüstung, trotz genannter gefahren und vorschläge, wie man missbrauch verhindern kann. thema sich überheben,welch eine einigkeit in der entrüstung, wer genau hingeschaut hat, konnte hier vieles an überheblichkeit erleben.
          wer a sagt, muss auch(b)zahlen. dazu gab es auch ein vorschlag, die reaktion :entrüstung.

          • Sorry, Herr Bruns,
            aber das, was ich von Ihnen bisher hier gelesen habe, lässt sich unmöglich mit „Humor“ entschuldigen…

  12. Guten Morgen,

    Einen Gruß an alle LANGtextkommentartoren.
    Kennen Sie den Sinn von einem Kommentar? Nein?
    Dann schauen Sie doch bitte mal in einem Lexikon oder bei Wikipedia nach!
    Es macht keinen Spaß und bringt auch keinen Nutzen wenn man sich beim
    lesen in,scheinbar , unendlichen Satzansammlungen verliert.
    Und durch rezitieren etlicher Dichter und Denker, so belesen man dadurch
    auch wirken mag, hilft anderen bei der Meinungsbildung nicht wirklich weiter.

    • “Jeder Leser [auch ein außergewöhnlich vielseitiger griechischer Gelehrter wie Sie] ist frei, zu lesen, was er möchte. Ganz egal, wie lang ein Text ist, er ist nie zu lang, um ihn zu ignorieren”, schrieb Rita Böttjer.

      Und schrieben nicht Sie selbst im Jahre 218 v. Chr. in Alexandria in Ihrem mehrbändigen (!!) Werk „Über Reichtum und Wortreichtum“ [ἁδρότης πολυλογία], dem eine hundertseitige (!!!) Liste der ägyptischen Herrscher von Theben voransteht: „ποῦ μήν; ἐπιεικῶς πάλαι. καὶ σέ γε ἐζήτουν κατ᾽ ἀγορὰν καὶ ἐθαύμαζον ὅτι οὐχ οἷός τ᾽ ἦ εὑρεῖν. Übersetzt: Was ich mir wünsche sind tiefe, reich erläuternde Annotationen [zu Deutsch: Kommentare], auf das ich und meine künftigen Leser lernen und sich ein Bild machen [zu Deutsch: sich eine Meinung bilden] denn nur das ist lehrreich und unterhaltsam.“ (Zitat bei Strab. 1,2,2 C5, 21f.)? Waren das nicht Ihre eigenen Worte? So vergesslich, Herr Έρατοσθένης ὁ Κυρηναῖος ?

  13. An Michels-Honrichsen

    C. D. Grabbe
    Verehrung fand er als nationaler Dichter unter dem Nationalsozialismus, wobei die von ihm überlieferten antisemitischen Aussagen,[1][2] vereinzelte judenfeindliche Passagen in seinen Stücken (vor allem Aschenbrödel) und die nationale Tendenz seiner Stoffe (insbesondere Die Hermannsschlacht) zu ideologischen Anknüpfungspunkten wurden. Vor allem in den 1930er Jahren wurden mehrere Straßen nach Grabbe benannt.
    Alles Gute war noch nie beisammen.

    • Marlies Michels-Honrichsen

      Lieber Herr Bruns,

      da Sie sich hauptsächlich bei Wikipedia und ansonsten wahllos mit im Netz irgendwo hastig zusammengerafften Grabbeltischkenntnissen und bunt gleißenden Gedankensplitterchen eindecken, um sie hier ebenso wahllos und fast immer gänzlich unpassend wieder abzuladen, aber wohl leider darauf verzichten (müssen), sich durch Studium und Lektüre ein eigenes Bild zu machen, verzichte nun wiederum ich darauf, mit Ihnen über den großen Dichter Christian Dietrich Grabbe zu sprechen.

      Nur soviel: 1. Der sprichwörtlich gewordene Titel seines Lustspiels, in dem (neben einem widerwärtig ungebildeten, aber von sich allein überzeugten, aufdringlichen, andere unaufhörlich mit seinem lächerlichen Nichtwissen taktlos behelligenden Schulmeister) Figuren wie der Freiherr von Mordax[t], der Dichter Rattengift, der Teufel und des Teufels Großmutter, Kaiser Nero und zuletzt auch Grabbe, der Verfasser der grotesken Posse, selbst vorkommen, — dieser Titel, sage ich, ist von mir nur als eben die Sprichwortfloskel eingesetzt worden die jeder kennt. 2. Antisemitische Aussagen finden sich auch bei Goethe und Schiller, bei Kant, Hegel und Herder, bei Shakespeare, bei Cervantes, bei Thomas und Heinrich Mann und in der Bibel. Selbst Juden wie Börne, Heine, Kafka, Schnitzler, Hofmannsthal und Karl Kraus haben davon Gebrauch gemacht. Ob und was das im jeweiligen Einzelfall und dessen Kontext bedeutet und ob alle diese Leute und Bücher jetzt aus dem Kanon der Literatur verschwinden müssen, darüber können Sie ja einmal nachdenken, wenn Sie Zeit zum Nachdenken finden sollten. 3. Dagegen dass Ihre Mörderbande einige dieser Namen zu Reklame-, Aufwertungs- und Prestigezwecken missbraucht hat, konnten sie sich nicht mehr wehren, denn sie waren tot.

      Recht haben Sie: „Alles Gute war noch nie beisammen.“

      Warum sollte das bei Blog.jj anders sein?

      Mit freundlichen Grüßen

      Marlies Michels-Honrichsen

      • liebe frau honrichsen, ich bekomme gerade ein déjà-vu. mir geht es nicht um besserwisserei. dieses überlasse ich gern anderen. die dürfen dann auch gern mit ihrem wissen prahlen. aber warum echauffieren? sie hätten sich gern mit mir über grabbe unterhalten können. hier wäre aber nicht der richtige platz, meine ich. ihre aufzählung ist nett. sie haben hermann löns vergessen. der ärmste wurde auch missbraucht. was ich nur nicht verstehe, ist hier die agressiven reaktionen von gebildeten, die es zumindest sein wollen. sie scheinen von der arbeiterklasse nicht viel zu halten , oder? oder darf sie hier nicht erscheinen? wir hatten das thema überheben doch eigentlich durch. oder? ich gebe gern zu, ich mag ihre kommentare, aber etwas mehr freundlichkeit, wenn sie direkt auf einen zusteuern, wäre zumindest nicht schlecht. was meinen sie, wollen wir uns auf augenhöhe unterhalten , oder nicht? grabbeltischkenntnisse? wieviele erkenntnisse wurden schon über den haufen geworfen? ärzte können ein lied darüber singen.

  14. Liebe Ann-Kathrin Timmann

    wenn Sie mal im Erdgeschoß 4b wohnen und – so wie ich neulich – mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werden, weil Sie ein Geräusch hören, das klingt, als würde jemand in einer Ritterrüstung die Treppe runterfallen, oder doch zumindest so wie ein Erdbeben mit gleichzeitigem Wirbelsturm und Lawinenniedergang, dann ängstigen Sie sich nicht! Wahrscheinlich ist es nur wieder der Mitarbeiter der Cateringfirma, der nach der Party bei den Herrschaften im Obergeschoß die übriggebliebenen Eimer Eiswürfel mittels Klospülung entsorgt.

    Christoph Virchow

  15. @H.Müller
    18. Februar 2015 um 22:46
    Sorry, Herr Bruns,
    aber das, was ich von Ihnen bisher hier gelesen habe, lässt sich unmöglich mit “Humor” entschuldigen.

    ich hatte nicht vor ,mich zu entschuldigen. für was soll ich es denn tun? für die meinung, oder deren freiheit, die ich amer tropf unter der geballten last der hier vorhandenen intelligenz zu tragen habe?