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Fluch und Segen der Umgehungsstraßen im Kreis Lüneburg

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 26. März
Eine Umgehungsstraße ist Fluch und Segen zugleich. Ohne ist es laut und gefährlich im Dorf, mit ruhiger, manchmal auch totenstill.

Lüneburg ohne Ostumgehung, das hieße heute täglich Verkehrstumult auf der Schießgrabenstraße. Da ginge es Lüneburg noch schlechter als Melbeck mit der B4. Tief im letzten Jahrhundert sträubten sich dort Ratsherren gegen eine Umgehungsstraße. Ein paar Heidmärker im Dorfkrug, der bei der Umfahrung umsatzträchtiges Transit-Publikum verloren hätte, machten die Lokalpolitiker nicht nur fahruntüchtig, sondern auch leichtsinnig. Und so wurde als Alternative eine mehrspurige Asphaltschneise mitten durchs Dorf geschlagen. Vorgärten schrumpften für die Trasse auf Bonsaimaß. Die Mitte von Melbeck markiert heute ein bewegliches, kilometerlanges Blechmonster.

Nie zuvor und nie wieder danach wurde eine Ortsstruktur im Landkreis Lüneburg durch einen Planerhieb so vergewaltigt, ein Dorf einfach in zwei Teile zerschlagen. Alle ,,Renaturierungsversuche“ haben an der Schande nichts geändert.

Gegenbeispiel Kirchweyhe, unweit von Melbeck an derselben B4 gelegen. Der Ort wird heute weiträumig umfahren. Am Wochenende hatte ich, von Braunschweig kommend, einen Streit im Auto, ob wir nun schon an Kirchweyhe vorbei seien oder nicht. Ruhe sanft.

Auch der Flecken Dahlenburg hat nach jahrelangem Kampf eine Umgehung. Der Ortskern ist erfolgreich beruhigt. Kneipen sind verschwunden, Einzelhändler eine seltene Spezies.

Verkehrsplanung ist vor diesem Hintergrund die Quadratur des Kreises. Sie kennt fast nur Verlierer. Entweder Lärm und Gestank oder Naturverlust und Dorfladen-Sterben. So oder so heißt die Begleitmusik Protest und Klage, mal von Bürgern, mal von Umweltschützern.

Solange wir in gelackten Bleckbüchsen von A nach B wollen, haben wir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera – es sei denn Autos und Lkw könnten das Fliegen lernen. Dann ist es unten ruhiger, aber oben sind Schwalben und Kraniche die Opfer, wenn sie nicht schon von Windrädern geschreddert wurden.

Der französische Philosoph Blaise Pascal hat wieder Recht: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Hans-Herbert Jenckel

10 Kommentare

  1. Ich habe gelernt, es heißt ortskernentlastungsstraße.Es war in reppenstedt ein 30 jähriges beschäftigungsprogramm der kommunalpolitiker. daraus wurden bis jetzt zwei kreisel. der mensch gewöhnt sich fast an alles. auch an zeitverschwendung.

  2. „Am Wochenende hatte ich, von Braunschweig kommend, einen Streit im Auto, ob wir nun schon an Kirchweyhe vorbei seien oder nicht.“

    Eben: Zoff oder Kirchweyhe.

    „Solange wir in gelackten Bleckbüchsen von A nach B wollen, haben wir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.“

    P.S.: Saßen Sie wirklich in einer gelackten „Bleckbüchse“? Oder war es eine gelückte Blackbochse? Oder eine gelockte Blückbachse?

  3. Den „Dorfkrug“, dessen Existenz damals Grund für die „Asphaltschneise“ war, gibt es schon seit Längerem nicht mehr. Derzeit wird gerade diskutiert, den Bau – zusammen mit einem alten, ortsprägenden Fachwerkhaus- abzureißen und renditeträchtige Klötze dafür zu errichten. Melbeck scheint sich ernsthaft um den Titel des hässlichsten Dorfes im LK bewerben zu wollen.

  4. Ich begreife nicht, wie Ihre Botschaft lautet. Ist alles eitel? Soll man gar nichts tun und das verödete Melbeck einfach seinem seit fünfzig Jahren stetig wachsenden Elend überlassen? Soll man die von Abgasen verpestete Durchgangswüstenei untertunneln? Oder sollen wir die Harz-Heide-Straße zwischen Braunlage und Lüneburg zum Velopedalisten-Highway umwidmen? Dass Dorfkrüge und Krämerläden in ländlichen Gemeindezentren nicht überlebensfähig sind, hat doch spätestens seit den Tagen von Gustav Hartmann und dem Niedergang des Droschkengewerbes mit der Existenz von Ortsumgehungen überhaupt gar nichts mehr zu tun. Wie viele von den sechzehn- bis sechsundzwanzigtausend Kraftfahrzeugen, die täglich durch Melbeck knasnageln, halten denn „im Herzen der Samtgemeinde“ inmitten der „abwechslungsreichen Landschaft mit dem herrlichen Ilmenautal“, um ihren Steuerleuten nebst Passagieren zu ermöglichen, in dem Restaurant „Das Bootshaus“ zu dinieren oder im Hotel „Zum Lindenhof“ zu übernachten? Glauben Sie wirklich, nur ein einziger Gast weniger würde dort einkehren, wenn der Plan des Landes zum 2+1-Ausbau der B 4 – mit einem etwas vernünftigeren Streckenverlauf als derzeit vorgesehen – um den Ort herum realisiert wird?

    An die Abschaffung der „gelackten Blechbüchsen“, bevor der letzte Tropfen Erdöl zutage gefördert und aufgebraucht sein wird, glauben Sie doch selbst nicht. Und Pascal? Ob er es gut fand, weiß man nicht, aber er hat es als Tatsache angesehen: „Notre nature est dans le mouvement: le repos entier est la mort.“ („Zu unserer Natur gehört die Bewegung, die vollkommene Ruhe ist der Tod.“) – Pensées II, 129

    Was allerdings den landwirtelnden, unermüdlich seine Smartphone-Fotofunktion traktierenden Selfie-Großmeister und zwischen Hannover und Lüneburg schaulaufenden Politikstümper Jörg Hillmer aus Suderburg angeht, der wähnte oder vortäuschte, für Melbecker zu reden, wenn er voriges Jahr im Landtag trompetete: „Diese Alternative, die B4-Umgehung, ist eine reine Verzögerungstaktik, um die Umsetzung der A 39, die wir dringend brauchen, zu behindern.“ -, solchen selbstgefälligen Sprechpuppen am verlängerten Arm von IHK-Geschäftsführer Michael Zeinert hat der Franzose mit unsichtbarer Tinte, aber für jedermann gut lesbar, auf die Stirn tätowiert: „Nous ne nous contentons pas de la vie que nous avons en nous et en notre propre être: nous voulons vivre dans l’idée des autres une vie imaginaire, et nous nous efforçons pour cela de paraître.“ („Wir begnügen uns nicht mit dem Leben, das wir aus unserem eigenen Sein haben; wir wollen in der Vorstellung der anderen ein imaginäres Leben führen, und darum strengen wir uns an, in Erscheinung zu treten.“) – Pensées II, 147

  5. D’accord ! Ich habe nie etwas anderes behauptet !

    • Marlies Michels-Honrichsen

      Freut mich zu lesen, Frau oder Herr Ilmenautaler, dass Sie mir beipflichten.

      Meine Fragen waren allerdings nicht eigentlich an Sie, sondern an Herrn Jenckel gerichtet. Denn ich habe den Eindruck, dass er zwar ein Problem benennt, das Verweigern seiner Stellungnahme aber hinter einem wahrhaft Eckhard Pols´schen „sowohl -– als auch und weder –- noch“ verschleiert.

      Mit besten Grüßen

      Marlies Michels-Honrichsen

      • Liebe Marlies, die hier angesprochene Lage in Melbeck ist allerdings auch sehr vertrackt. Die plötzlich aufgetauchte Alternativtrasse über den Campingplatz, Friedhof und dann durch die Gärten der Jahnstraße hat zurecht wenig Anhänger. Dann wohl lieber Beibehaltung des jetzigen Zustands, der so schlimm nicht sein kann, selbst Melbecker bauen zu meiner Verblüffung direkt an der B4 ihre Immobilien aus, und auch Investoren können sich – für ihre Mieter – ein Wohnen direkt am kilometerlangen Blechmonster vorstellen. Eine westliche Streckenführung (an der Ebstorfer Landtstraße) erscheint schwierig, weil man hier mit einer Flurbebauung den Verkehrsplanern zuvorgekommen ist und man dann schon ab Bienenbüttel eine völlig neue Streckenführung avisieren müsste. Dann aber ist tatsächlich abzusehen, dass eine Nahversorgung schwierig werden würde. Also vielleicht doch eine Tunnellösung mit Abfahrtsmöglichkeit zum jetzigen David- Markt ?

        • „Nahversorgung schwierig“? Mit dem Argument der etwas lockerer werdenden „Ortsbindung“ tun sich ja auch Klaus Hübner und neuerdings Peter Rowohlt immer ganz groß. Die alten Straßen verschwinden doch nicht, wenn Melbeck weiträumig im Osten oder Westen umfahren wird. Muss eine Bundes-Schnellstraße unbedingt direkt an den Verladerampen der Supermärkte vorbeiführen? Wenn wir uns die Verkehrswegeplanung und unsere Lebensumstände auch weiterhin von Markus Mosa von der Edeka Zentrale AG & Co. KG und von den Vertriebsstellenpächtern der Mineralölkonzerne diktieren lassen möchten, dann wird die B4 zwischen Uelzen und Lüneburg in fünf, sechs Jahren vielleicht achtspurig sein und die A39 direkt am Biertresen von Gerhard Schulz im Sportheim des SV Ilmenau entlang laufen.

      • Spätestens seit „Grenzen des Wachstums“ und „Global 2000“ wissen wir, das wir auf dem falschen Weg sind , aber wir marschieren unbeirrt weiter. Wir zivilisieren den Planeten, man könnte auch sagen, wir verheeren ihn. Milliarden Menschen, gerade in Fernost, streben unsere westlichen „Wohlstands-Standards“ inkl. Auto erst noch an. Innehalten, umdenken, umlenken? Global eher die Ausnahme.

        Bis die Autos fliegen können, gibt es von oben nur noch eine Welt zu sehen, die scheinbar Aliens kahl gefressen haben. Aber auch an den Anblick gewöhnen wir uns, weil wir uns doch bis heute mit allem arrangiert haben. Parallel suchen wir in den Tiefen des Alls nach neuen Weidegründen. In den üblen Science-Fiction erzählen wir uns im Grunde immer nur wieder unsere Zukunft. Woher kennen wir diesen Stoff?

        Und da fragen Sie nach Standpunkten. Wir fahren leider in einer engen Sackgasse ohne Abzweig, zum Wenden reicht vermutlich der Platz nicht mehr. Außer Zustandsbeschreibung und als Alternative Zukunftsromantik mit Solarmobilen mag ich zum Thema Verkehr keine echte Lösung bieten. Leider.