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Spannend ist es auch immer hinter der Bühne des Leuphana-Theaters

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj.)

 

 

 

22. Juni 2015

Der Senat der Universität Lüneburg ist in einer wichtigen Frage gespalten. Aber das geht die Öffentlichkeit nichts an, wenn der Bruch in einer nicht-öffentlichen Sitzung zu Tage tritt. Also nichts für die Journaille.

Der Libeskind-Bau wird teurer. Aber solange es nur in vertraulichen Papieren steht, gehört es auch nicht in die Zeitung.

Wenn die Uni um Millionen-Projekte buhlt, das Ergebnis aber noch aussteht, kann vorab trotzdem gerne getrommelt werden. Bitte, auch in der Zeitung.

Sollten das die Lehren der Leuphana über den Journalismus für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts sein, dann darf auch das kulturwissenschaftliche Seminar „Die einschläfernde Wirkung der Hofberichterstattung“ mit verlockenden „Credit Points“, der Uni-Währung, nicht fehlen.

Der Präsident der Leuphana zeigt sich wieder einmal „enttäuscht“, dass „Irritationen“ auf dem Campus, in diesem Fall über eine ganz knappe Abstimmung im Senat, an die Landeszeitung „gespielt“ wurden, obwohl der Senat nicht-öffentlich tagte.

In diesem Fall ging es um eine 10:9-Abstimmung, in diesem Fall ging es um das Einvernehmen über die Berufung eines Mitgliedes des Stiftungsrates, des höchsten Uni-Gremiums, in diesem Fall ging es um den Vorsitzenden. Mittlerweile lässt das Wissenschaftsministerium den Vorgang prüfen. Senatoren glauben, ein Stellvertreter für einen verhinderten Kollegen sei übergangen worden, womöglich wäre es zu einem anderen Ergebnis gekommen.

Lieber Herr Präsident, die Zeitung lebt von Informanten, gerade auch solchen, die berichten, was hinter verschlossenen Türen, hinter der Bühne geschieht. Journalisten wiederum sollten dieses Wissen, das ihnen „zugespielt“ wurde, nicht gleich auf den Marktplatz tragen, sondern sich ihrer Pflicht bewusst werden: Informationen werden nach bestem Wissen und Gewissen geprüft und dann erst veröffentlicht.  Auf der anderen Seite gilt es, den Informanten zu schützen. Denn Informationen, Glaub- und Vertrauenswürdigkeit sind unser Lebenselixier.

Dem Journalisten muss die Suppe nicht schmecken, aber er sollte in jedem Fall nach dem Haar suchen. Helfer sind willkommen. Und die stehen unter Informantenschutz, verankert in Artikel 5 des Grundgesetzes, oft bestätigt als hohes Gut vom Bundesverfassungsgericht. Und diese Richter befassen sich nicht mit verschärfter Hofberichterstattung.

Der Disput belebt die Demokratie – auch an einer Hochschule, eröffnet die Chance, zu erkennen, dass niemand perfekt ist, auch der beste Präsident nicht. So ein Eingeständnis mag ärgerlich sein, schafft aber enormes Vertrauen, wenn es aus freien Stücken kommt. Das Gegenteil erzeugt natürlich auch genau das Gegenteil.

Hans-Herbert Jenckel

 

9 Kommentare

  1. Spannend ist es auch immer hinter der Bühne des Leuphana-Theaters
    hm, wirklich, oder ist es nicht doch immer das selbe? auch hier geht es um kontakte und wer das bessere erpressungspotenzial besitzt. es geht schließlich um eine wirtschafts-uni und nicht um eine universität.

  2. Das stimmt mich traurig

    Lese ich hier zwischen den Zeilen, dass ein nach § 38 BeamtStG per Diensteid auf das Grundgesetz verpflichteter Universitätspräsident tatsächlich versucht hat, nicht nur die wahrheitsgemäße Berichterstattung einer Zeitung zu hintertreiben, sondern sogar verlangte, sie möge ihre Quelle preisgeben?

    Steht das im Zusammenhang mit den beiden häufig kommentierten und vermutlich noch viel häufiger gelesenen LZ-Artikeln der letzten Woche, in denen von mehreren Seiten gemutmaßte gravierende Verstöße gegen selbst gegebene Verfahrensregeln bei der Wiederwahl des schon lange heftig umstrittenen Stiftungsratsvorsitzenden der Leuphana, Dr. Volker Meyer-Guckel, angedeutet wurden?

    http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/243542-knapp-knapper-patt-streit-im-lueneburger-uni-senat

    http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/242437-ganz-knappe-abstimmung-im-uni-senat-fuer-stiftungsratschef-kritiker-vermuten-auch-noch-verfahrenfehler

    • Hallo traurige Stimme
      Nein. Der Präsident hat nicht versucht, Berichterstattung zu hintertreiben, und er hat schon gar nicht gefordert, dass wir unsere Quellen offenlegen. Er hat gegenüber Senatoren moniert, dass Infos aus nicht-öffentlicher Sitzung an die LZ „gespielt“ wurden, so wie es auch zu lesen ist. Der Rest fällt auch schon unters Redaktionsgeheimnis.
      Hans-Herbert Jenckel

    • Sehr geehrter Herr Jenckel

      Wenn Sie bei Herrn Spoun ein auf Nützlichkeitserwägungen beschränktes Verständnis von Journalismus beklagen und ein Bewusstsein für den ethisch fragwürdigen Umgang mit „Informationen“ vermissen (weil er Moralität mit Utilität verwechselt), sehen Sie sich nur die sogenannten „Studieninhalte“ und „Forschungsprogramme“ der Leuphana am „Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM)“ etwas genauer an. In allen vier „Schwerpunktbereichen“ (Kulturinformatik, Audio, Medientheorie sowie Mediengeschichte und Medienkultur) wird das Phänomen, mit dem man sich beschäftigt als „Geschehen“ (wenn nicht sogar als „Geschick“ oder „Schicksal“) behandelt. Es geht um „die Frage nach der Veränderung auditiver ästhetischer Prozesse“ (Audio), um „die medialen Möglichkeiten und Bedingungen von kulturellen Praktiken“ (Medientheorie und Mediengeschichte), um „die diversen Existenzweisen und Lebensformen unter der technologischen Bedingung des 20. und 21. Jahrhunderts“ (Medienkultur) und um den „Blick darauf, dass Technik nicht nur gesetzten Zwecken dient, sondern selbst an Zwecksetzungen ihrer Anwendung beteiligt ist“ (Kulturinformatik).

      Das heißt, es sind die angeblich „übergreifenden medienkulturellen TATSACHEN“, deren Beschreibung und Analyse allenfalls im Hinblick auf Zweck-Mittel-Relationen praktisch erweitert wird, also im Hinblick darauf, wie GEGEBENE oder GESETZTE Zwecke in diese „Wirklichkeit“ eingespeist und in ihr erreicht werden können.

      Die Frage, unter welchen NORMATIVEN Gesichtspunkten solche Zwecke überhaupt zu rechtfertigen sind, ob wir unter den beschriebenen Bedingungen (so oder anders) leben wollen und wie und nach welchen Maßstäben wir ihre Folgen anhand von Kriterien der Wünschbarkeit und der Vereinbarkeit mit vielleicht konkurrierenden Präferenzen beurteilen, sie eventuell regulieren oder gar gestalten, ändern bzw. verhindern oder abschaffen sollten, wird einfach nicht gestellt.

      Wo aber das Prinzip, dass nicht ohne Weiteres von einem Sein auf ein Sollen (oder Nicht-Sollen) geschlossen werden kann, systematisch außer Acht gelassen wird, ist es nicht verwunderlich, wenn den Angehörigen der Hochschulleitung die Unterscheidung von Bericht- und Hofberichterstattung große Schwierigkeiten bereitet.

      Harold Dörfler

  3. Ferdinand Schuster

    „Standards guter wissenschaftlicher Praxis, ethisch einwandfreies Verhalten in der Forschung, Transparenz in der Drittmitteleinwerbung und die öffentliche Bereitstellung von Forschungsergebnissen über Open Access sind wichtige Bestandteile der an der Leuphana gelebten Wissenschaftspraxis. Klare Richtlinien und verschiedene Servicestellen unterstützen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Leuphana bei allen Fragen und Problemen rund um diese Themen.“ (http://www.leuphana.de/forschung/transparenz-in-der-forschung.html)

    Wer unterstützt das Hochschulpräsidium und den Stiftungsrat bei Fragen und Problemen im Umgang mit den Standards guter kollegialer Praxis, ethisch einwandfreien Verhaltens in Entscheidungsprozeduren, von Transparenz in der Bau-Finanzierungsplanung und der öffentlichen Bereitstellung von wirklich allen auf die Leuphana bezogenen „Forschungsergebnissen“ der Presse über Open Access?

    Sind das keine wichtigen Bestandteile der an der Leuphana gelebten Anstandspraxis?

  4. Hilmar Kersting

    Auch Präsident Obama zeigte sich enttäuscht darüber, dass der Guardian und die Washington Post am 6. Juni 2013 Teile der geheimen Dokumente veröffentlichten, die bewiesen, dass die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich seit spätestens 2007 in unbeschränktem Umfang die Telekommunikation und insbesondere das Internet global und verdachtsunabhängig überwachen und sich nach Willkür und Belieben auf jeden PC und auf jedes Smartphone der Welt zuschalten, ohne dass sein Besitzer es mitbekommt.

    Müssen wir traurig darüber sein, dass sich Edward Snowden, dessen Name von den Presseorganen nicht genannt wurde, bevor er sich am 9. Juni 2013 aus freien Stücken selbst outete, über Vertraulichkeitspflichten hinwegsetzte und so den wahrscheinlich größten Skandal dieses Jahrtausends bekannt machte?

    Mag sein, Snowden hat den Kodex der Organisation der er angehörte gebrochen und Informationen rechtswidrig an Dritte weitergegeben. Aber ist die Presse zu verurteilen, die über den Rechtsbruch seiner Behörde berichtete? Ist es nicht ihre Aufgabe, immer wieder das Gras zu mähen, das über etwas zu wachsen droht?

    Und wird nicht die einzigartig wichtige Funktion der Medien als unabhängige Informations- und Kontrollinstanz durch jede Einflussnahme, also durch alle Techniken der Medienmanipulation und Propaganda in ihr Gegenteil verkehrt: in Desinformation und Demagogie?

    Lautet nicht Artikel 5 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland vom 23.05.1949, „jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt“?

    Und steht nicht in § 3 der gültigen Fassung des Niedersächsischen Pressegesetzes (NPresseG) vom 22. März 1965, „die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe, wenn sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt“?

  5. Heut´ ist ein SEHR schöner Tag

    Das Theater hinter der Bühne kann gelegentlich viel dramatischer sein als das auf der Bühne, aber das Theater vor und außerhalb der Bühne und das um sie herum ist doch in meisten Fällen kaum zu übertreffen.

    Um das zu erkennen, genügt der Blick auf die großartige Lz-Online-Seite von gestern, auf der das Durcheinander der Medien und Medienformate (werblicher Pressetext, Foto und Bildunterschrift, Video und Video-Überschrift, Leserkommentare) und der vermeintlichen medialen Macher (PR-Mitarbeiter, Uni-Präsident, Landesvater, Projektbeteiligte, Lz-Redaktion, Kommentatoren) viel Licht auf die – vergeblichen – Mühen der medienpolitischen Steuerungsabsichten und Message-Dramaturgien wirft:

    http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/244783-oecd-bescheinigt-innovations-inkubator-erfolgreiche-arbeit#comment-54113

    Hoffentlich zeigt sich der Präsident der Leuphana nicht wieder einmal „enttäuscht“, dass „Irritationen“ auf dem Campus, in diesem Fall die über die ungewisse finanzielle Zukunft der Hochschule, öffentlich deutlich zu Tage treten, obwohl es der Zweck der von ihm autorisierten „Publikation“ ganz offensichtlich war, über diese „Irritationen“ mit einer sprachlich verknoteten Blendmonstrosität von einem Bühnenmonolog hinweg zu spielen.