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Armut hat Lüneburgs Baukultur konserviert – Aber was gehört heute unter Schutz?

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj.)

Lüneburg, 4. August 2014

Was ist In Lüneburg erhaltenswert?  Was gehört unter Schutz? Nur, was lange genug steht? Oder was Ausdruck eines Zeitgeistes, einer Epoche ist,  schön oder hässlich?  Dem spürte am Wochenende das „Angespitzt“ in der LZ nach:

Lüneburger Industrie- und Wohnkultur aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wagen sich die Denkmalschützer noch nicht so richtig ran. Kein Schutzstatus für den sozialen Wohnungsbau der 60er- und  70er-Jahre in Kaltenmoor oder die Strickwarenfabrik Lucia, Ikone eines Zeitgeistes, der nur eine Richtung kannte, nach oben – bis zum Absturz. Dabei sollte sich die Stadt auch zu architektonischen Fehlgriffen bekennen, sie aus der Zeit heraus verstehen lernen wie im Falle der SPD-Zentrale im 70er-Jahre-Stil in der Westlichen Altstadt. Sie hat so klare Kanten, als hätte Franz Müntefering assistiert.

Aber nein, die Stricker-Hallen am Pulverweg sind zwar aktuell in der Diskussion – aber nur als Spekulations- und Abrissobjekt. Und von einem Denkmal-Antrag fürs Heim der Sozialdemokraten ist mir nichts bekannt. Nur im Roten Feld und jetzt im Bungalow-Viertel am Bockelsberg regt sich der Widerstand der Bewahrer. Dort stehen Villen aus der Zeit, als der es geschafft hatte, der weißgekalkte Mauern und eine hohe Hecke sein Eigen nannte.

Ältere Lüneburger erinnern sich auch gerne an den Schornstein der berühmten Senffabrik Leppert am Sand. Der Solitär auf dem Hinterhof konkurrierte mit dem schiefen Turm von St. Johannis. Der Schlot hätte das Zeug zur Rarität Wilhelminischer Aufbruchstimmung gehabt. Aber nein, Abriss. Was ist mit den einst 79 Brauereien im Herzen der Stadt? Weg, bis auf die Krone. Die alte MTV-Turnhalle, das Badehaus. Weg. Alle waren stattdessen fasziniert von Waschbeton. Es war die Zeit der Kübel-Architektur.

Dass Lüneburg trotzdem so berückend schön, ja als Gesamtkunstwerk zu verstehen ist, liegt an der Pleite nach dem Salz-Boom im Mittelalter. Nur deswegen stehen noch all die schönen Giebel. Wäre den Patriziern und Bürgermeistern nicht das Salz-Geld ausgegangen, auch das Rathaus hätte sich wie Jahrhunderte davor weiter gehäutet. Es wäre weiter flächendeckend à la mode gebaut worden: mal Neo-Gotik, mal Neo-Barock, Neo-Klassizismus oder Neo-Renaissance, Bauhaus, Beton und schließlich Postmoderne. Gar nicht auszudenken. Den Bürgern wäre der Schlüssel, ja die fassbare Gewissheit der eigenen großartigen Geschichte verloren gegangen. In diesem Fall war Armut ein Glücksfall, oder, wie die Denkmalschützer sagen: Armut konserviert.

Zurzeit haben die Architekten in den Neubaugebieten einen Hang zum Starenkasten. Flachdach, Glas, Klarheit, Kante. In Lüneburg könnte der Stil als Neo-Hanse durchgehen. Es gibt ein gleichnamiges Viertel in der ehemaligen Schlieffenkaserne. In spätestens hundert Jahren hat das Quartier Denkmal-Potenzial mit dem Akzent: Was haben die sich damals wohl gedacht?

Unter der Prämisse: Wo Geld fehlt, gewinnt der Denkmalschutz, umgekehrt der Abrissbagger, hege ich für manchen entgleisten Straßenzug der Kasten-Architektur, bei aller Sympathie für den Denkmalschutz, doch die Hoffnung, dass noch lange viel Geld verdient wird.

                                 Hans-Herbert Jenckel

3 Kommentare

  1. Hans-Georg aus Reppenstedt

    Auch der Wasserturm steht nur noch, weil für den Abriss das Geld fehlte. Und weil die Mitglieder der Bürgerinitiative Hohn und Spott aushalten konnten von den ewig Besserwissenden. Ohne all die Bürger, die sich gegen abzeichnende Sünden der modernen Stadtplaner zur Wehr setzten, gäbe es Lüneburg in der heutigen Form nicht mehr. Dank ihnen dafür !!

  2. Wo waren eigentlich die ganzen Denkmalschützer und engagierten Bürger, als die Traditionssportanlage mit einer der ältesten Holztribünen Deutschlands durch einen Handstreich rot-grüner Politik vom Naturschutzgebiet zum Baugebiet gewandelt wurde und der Spekulation preisgegeben wurde? Das fehlt mir in der Aufzählung neben MTV Sporthalle etc. zum anderen ist gerade dieser Fall ein Beispiel das Armut nicht unbedingt zur Konservierung führt, sondern der Spekulant und Leichenfledderer angezogen wird.

  3. Zunächst einmal sei angemerkt das erst Reichtum und die Selbstverständlichkeit ihren Wohlstand, Erfolg und Reichtum zum äußeren Ausdruck zu bringen (unter anderem in Form der geschaffenen Häuser) uns diese wunderschöne Stadt beschert hat und wir dadurch noch heute von dem Reichtum und der Art ihn zum Ausdruck zu bringen profitieren und uns an diesem Reichtum älter Zeiten erfreuen können. Dies sollte sich gerade die heutige Neidgesellschaft vor Augen führen, in der es verpönt ist den Erfolg zum Ausdruck zu bringen und der Wohlstand lieber in Monacco der Schweiz etc. versteckt wir oder heimlich konsumiert wird um nicht aufzufallen. Also zeigt Herr euren Wohlstand und legt ihn gut sichtbar in der Heimat an, dann haben wir alle und auch zukünftige Generationen etwas davon. Meinen Applaus habt ihr und ich kann mich auch an fremden Gärten erfreuen.