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Lüneburger Missverständnisse zur Pressefreiheit

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

 

 

 

(Den Blog.jj schreibt der Online-Chef und Geschäftsführende Redakteur Hans-Herbert Jenckel, Kürzel jj)

Lüneburg, 20. April

Seit Böhmermann als Dichter-Ego-Shooter Erdogan schmähte, schäumt die Diskussion über Presse- und Meinungsfreiheit und Satire im Speziellen über. Am Ende wird der Böhmermann noch als Märtyrer der Meinungsfreiheit unsterblich. Ich sehe ihn schon in einer Reihe mit Spiegel-Gründer Rudolf Augstein. Pressefreiheits-Ikone, seit er 1962 während der Spiegel-Affäre um das Heft „Bedingt abwehrbereit“ wegen angeblichen Landesverrats für ein Vierteljahr in Untersuchungshaft genommen wurde.“ Damals trat der Verteidigungsminister FJ Strauß zurück, heute müsste es schon die Kanzlerin sein.

Wir schalten jetzt zurück nach Lüneburg. Dort wird die Pressefreiheit ab und an auch ganz eigen ausgelegt. So verstehen Behördenvertreter oder Sprecher von Unternehmen darunter mitunter die Freiheit, dass die Presse schreiben darf, was sie verlautbaren. Bei Verstößen drohen sie, übel zu nehmen. Das beherrschen auch einige Politiker perfekt. Immerhin ist es besser geworden. Früher waren auch Drohungen an der Tagesordnung.

Ich erinnere mich an den Geschäftsführer eines Lüneburger Bauunternehmens, das in der Blütezeit jede Baustelle der Stadt bestückte. Ich sollte über einen großen Neubau berichten, der nicht ohne den Abriss eines Baudenkmals hochgezogen werden konnte. Auf meine Anregung: „Super, dann zeige ich das alte und das neue Haus“, antwortete der Bau-Boss:. „Nein, Sie zeigen das neue Haus, nicht das alte.“ – „ Wie bitte, aber das wäre ja nur die halbe Geschichte? – „Wir bezahlen das Gehalt Ihres Chefredakteurs und das von Ihnen.“

Da war der Bürgermeister, der mir mit der Freundschaft zu einem Verleger unverhohlen drohte, wenn ich weiter grüne Ideen verbreitete, und der abgewählte Oberbürgermeister, der mir um Mitternacht nach seiner Wahlschlappe am Telefon schwor, dass sich jetzt die ganze Lüneburger Wirtschaft gegen mich stelle.

Dagegen waren die Abonnenten, die Telefonate mit dem Hinweis begannen, dass Sie schon seit Jahrzehnten LZ-Leser seien, geradezu harmlos. Aber auch das hat letztlich keinen anderen Sinn, als sanft Druck auszuüben.

Das geht auch mit der Einschmeichel-Taktik frei nach dem Limerick: „Mit Candy  macht‘s der Dandy, mit Riesling der Fiesling.“ Darauf verstanden sich zwei Lüneburger Bankdirektoren, die unerfahrene Jungjournalisten zur gemütlichen Bilanz-Konferenz einluden. Voll des Weines sah die Bilanzwahrheit nach spätestens zwei Stunden verschwommen aus. Deswegen hatten sie da schon mal was vorformuliert. Bestellte Wahrheiten. Ich dachte, all das seien nur Anekdoten aus der LZ-Mottenkiste.

Wenn mir aber nun eine aufgelöste Volontärin berichtet, dass der Sprecher einer Kaderschmiede ihr gerade jetzt versicherte: Sie habe zu schreiben, was er liefere und habe da nicht rumzurecherchieren, dann muss ich doch wieder an diesen Bauunternehmer denken.

Zur Sicherheit hier noch mal  Artikel 5, Grundgesetz:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Als Buchempfehlung sei noch angefügt: „Bestellte Wahrheiten“ von Herbert Riehl-Heyse.

Wir schalten jetzt wieder zurück zu Böhmermann.

Hans-Herbert Jenckel

39 Kommentare

  1. Mechthild Schülke

    NUR wenn Sie (und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) sich unter allen Umständen den Mut bewahren, GEGENÜBER Oberbürgermeistern, Bankdirektoren, Bauunternehmern, Verlegerfreunden, Abonnenten, dem verleumderischen Mob und auch gegenüber Pressesprechern von dubiosen Kaderschmieden darauf zu bestehen, dass die Landeszeitung – wie es in §3 des niedersächsischen Pressegesetzes geschrieben steht – ihre „öffentliche Aufgabe erfüllt, wenn sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise [z. B. durch dezidierte Meinungsäußerung wie hier im Blog] an der Meinungsbildung mitwirkt“, werden Sie – und das gilt ganz besonders für Lokalzeitungen und ihre fast intime Nähe zu ihrer sehr hellhörigen Leserschaft – Vertrauen verdienen, bewahren oder sogar vertiefen. DIES – das Vertrauen Ihrer Leser – ist die einzige, ist die wahre Währung, die letztlich das Gehalt der Chefredakteure und der Redakteure bezahlt und ebenso das Einkommen Ihres Verlegers bestreitet. NUR Vertrauen bezahlt auf die Dauer für Zeitungen und erträgt es, dass sie bis zu einem gewissen Grad als Transportmedium für geldwerte, aber auch eindeutig identifizier- und ignorierbare Werbe- und Reklame-Gimmicks genutzt werden.

    • Das haben Sie gut zusammengefasst. Vertrauen ist die Währung.

      PS: Man kann ja Mist in Silberpapier einpacken, fängt doch an zu stinken. LG hhjenckel

      • Karlheinz Fahrenwaldt

        Lieber Herr Jenckel,
        wenn Sie Mist in Silberpapier einpacken hört er auf zu stinken. Gehen Sie mal zu einem Bauern ihres Vertrauens und probieren das aus. Und wenn Sie nach einer gewissen Zeit (fragen Sie Ihren Bauern wie lange Sie warten müssen) den Mist auspacken, stinkt nichts mehr und aus dem Mist ist Komposterde geworden. Ganz ähnlich sollten ja auch die Derivate der Bankster funktionieren – nur hat es da nicht geklappt!

        • Mein lieber Karlheinz
          stimmt, die Presse hat nicht immer recht mit ihren Äußerungen. damit der mist der politik nicht stinkt, wird auch immer gern alles eingekleidet und verpackt. hauptsache ist doch, der bürger riecht den braten nicht zu schnell, der angerichtet wird ,um das kreuz an der gewünschten stelle zu bekommen. schon drollig, am kreuz fing alles an, mit dem kreuz wird alles enden.

  2. Wenn mir aber nun eine aufgelöste Volontärin berichtet, dass der Sprecher einer Kaderschmiede ihr gerade jetzt versicherte: Sie habe zu schreiben, was er liefere und habe da nicht rumzurecherchieren, dann muss ich doch wieder an diesen Bauunternehmer denken.
    da denke ich zuerst an was anderes. wie wäre es in diesem fall mit der ganzen wahrheit? solche sprecher sollten nicht anonym bleiben, nur so kann man deren verhalten nachhaltig verändern. bekanntlich erzeugt druck auch immer gegendruck.

    • Zu einem vertrauensvollen Umgang, Herr Bruns, gehört es auch, dass man nicht immer gleich ruft: Hängt ihn höher.
      Zu einem vertrauensvollen Umgang gehört es, auch abzuwägen. Ich habe ein grundsätzliches Missverständnis benannt. Wenn im Beispielfall tatsächlich eine Berichterstattung verhindert worden wäre, dann hätten Sie das auch in der Zeitung gelesen. Aber wir haben berichtet, und wir lassen uns auch nicht vorschreiben, wie wir recherchieren, solange wir uns auf dem Boden von Recht und Gesetz und einem guten Umgang miteinander bewegen. lg hhjenckel

      • Herr Jenckel
        sehen sie, verständnis wird von vielen immer gern erwartet, von wenigen aber gegeben. von hängt ihn höher halte ich auch nichts. von falscher rücksichtsnahme aber ebenfalls nicht. sie sehen doch selbst, was dann dabei rauskommt. bei verbrechen lauern viele doch schon, die nationalität des täters zu erfahren, um dementsprechend zu argumentieren. ich hoffe nur, sie werden auch weiter in der lage sein, ihre einstellung zu pflegen. ein vertrauensvoller umgang ist mir auch sehr wichtig,nur, vertrauen muss man sich verdienen.und dieses gilt für beide seiten.

      • übrigens herr jenckel, höher hängen ist oft nicht nötig. hängen reicht. denken sie doch mal über die französische revolution nach. wie ist es dazu gekommen? wir sind auf dem besten weg dahin. sie wissen, ich bin kein freund von lobbyisten, egal welcher art. dieses hat einen grund. sie sorgen grundsätzlich früher ,oder später, für den untergang jeder gesellschaft. dekadenz ist da nur die folge , die ursachen liegen früher.

    • Paulina von Essen

      Hallo Herr Bruns,

      wenn Sie eine Vorstellung davon erlangen möchten, was so ein Pressesprecher alles übermenschliches leisten soll, rätseln Sie nicht lange, welche angeblich „grüne“ Kaderschmiede gemeint sein könnte, schauen Sie sich – quasi stellvertretend für alle in Frage kommenden – das Aufgabenprofil von Henning Zühlsdorff und seinem persönlichen Assistenten Christian Brei (Leitung Universitätskommunikation) auf der Website unserer Fachhochschule für Nachhaltigkeitsmagie (auch in der Pressearbeit) an (http://www.leuphana.de/news.html):

      »Die Universitätskommunikation und der Pressesprecher der Universität vermitteln Themen aus Forschung, Studium, Weiterbildung, Kultur und Hochschulpolitik in die Öffentlichkeit. Die Universitätskommunikation positioniert die Studierenden-, Wissenschafts- und Hochschulthemen intern und extern und setzt sie um in Print-Produkte, als Website, als Videos, Newsletter, Online-Meldungen und in Social Media. Sie berät außerdem die Mitglieder der Universität in Positionierungsfragen und bei der Umsetzung in verschiedene Kommunikationsformate. Ansprechpartner für Journalistinnen und Journalisten ist der Pressesprecher. Er vermittelt Gespräche und Gesprächspartner und veranstaltet Pressekonferenzen und Führungen. Er berät außerdem die Mitglieder der Universität bei Pressekontakten.«

      Sauber, gelle?

      Früher, als das Wünschen noch geholfen hat, hätte man von Propaganda gesprochen. Aber diese eigentlich treffende Vokabel ( lateinisch propagare ‚weiter ausbreiten, ausbreiten, verbreiten‘) ist aus jedermann bekannten Gründen mächtig auf den Hund gekommen. (Zum Glück nicht auf Ihren, Herr Bruns.) Den absichtlichen und systematischen Versuch, öffentliche Sichtweisen zu formen, Wahrnehmungen, Auffassungen und Überzeugungen („Erkenntnisse“) zu beeinflussen (= manipulieren) und Verhalten zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten oder von imperatorischen Präsidialautoritäten erwünschten Reaktion zu steuern, nennt man heute „Positionieren“. Das Aufpassen, dass kein Mitarbeiter intern gewollte Sprachregelungen missachtet, nennt man „Beraten“ (z. B. „von Mitgliedern der Universität bei Pressekontakten“). Ein längerer Artikel etwa darüber, dass die Lüneburger Universitätsleitung ihr 2015 mit – wie üblich – riesengroßem Tamtam angekündigtes berufsbegleitendes Angebot nun doch nicht ab Wintersemester 2017 auf Celle ausweitet, und die Fragen, wieso die Pläne plötzlich nicht weiter verfolgt werden und was mit den bereits bewilligten Zuschüssen passiert, kann da schon, vermute ich, für einigen Unmut unter „Kommunikationsstrategen“ sorgen. (http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/316403-leuphana-filiale-in-celle-vom-tisch)

      Aber auch der zwischen Juni und Dezember 2015 meistgelesene, nämlich mehr als 3.200 Male überall in Stadt und Land akribisch durchstudierte Blog.JJ-Artikel „Spannend ist es auch immer hinter der Bühne des Leuphana-Theaters“ (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/289798-289798) hatte vorigen Sommer bekanntlich für einige Aufregung (und wahrscheinlich auch für kalten Schweiß in den bleichen Nacken von verdattert glotzenden Kommunikationsmanagern) gesorgt, in deren Verlauf sein Autor, unser Blog-Gastgeber Hans-Herbert Jenckel sich sogar klarzustellen genötigt sah: „Der Präsident [der Lüneburger Leuphana Universität, Sascha Spou] hat nicht versucht, Berichterstattung zu hintertreiben, und er hat schon gar nicht gefordert, dass wir unsere Quellen offenlegen.“ (http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/244318-spannend-ist-es-auch-hinter-der-buehne-des-leuphana-theaters#comment-53557)

      Wie gesagt, Herr Bruns, von der Leuphana, Herrn Spoun und seinen vielen „Kommunikatoren“ ist hier nur zu Illustrationszwecken die Rede. Die von Herrn Jenckel „Kaderschmiede“ genannte Lüneburger Einrichtung ist bisher genauso wenig dekuvriert wie der tobende Oberbürgermeister oder der bis 2003 größte Lüneburger Bauunternehmer. Was aber klar ist: Gernegroße Recep Tayyip Erdoğans, die mit der Presse schon umspringen würden, wie sie wollen, wenn sie bloß könnten, — die gibt es überall.

      • meine liebe Paulina
        haben sie schon mal darüber nachgedacht, warum bei uns jeder bei einer wahl nur die gleiche anzahl von stimmen hat? egal ob familie mit drei kinder, oder ehepaar ohne kinder, oder eine lebenszweckgemeinschaft? die frage könnte etwas unfair sein. sie hat aber einen grund. wer macht familienpolitik? der single ,der drei mal im jahr in urlaub fährt und jegliche verantwortung für die zukunft ablehnt? ich könnte ihnen die antwort geben. deswegen bin ich gespannt, ob sie bereit sind darüber nachzudenken. ich würde mich über eine antwort freuen.

        • Hallo Herr Bruns,

          wenn Sie mir zuvor erklären, was Ihre Frage mit dem Blog-Thema zu tun hat, antworte ich vielleicht (auch wenn mir Ihre recht pauschale Beurteilung „des Singles“ sofort Sorgen bereitet: Jan Böhmermann, Lena Meyer-Landrut und Sascha Spoun sind auch alleinstehend, lehnen aber durchaus nicht jegliche Verantwortung für die Zukunft ab. Und es gibt sehr viele nicht in Paar- oder Familienbeziehungen lebende Menschen, die sich nicht einmal einen Urlaub pro Jahr leisten können. Vermutlich ist das sogar die weit überwiegende Mehrzahl). Doch hier geht es, wenn ich das richtig verstehe, um versuchte Einflussnahme (und sei es durch Behinderung von Recherchen) auf die Presseberichterstattung in Lüneburg vor dem Hintergrund der schrillen und für meinen Geschmack immer ein klein wenig zu selbstgerecht geführten Ziegen-Schrumpelklöten-Debatte während der letzten beiden Wochen.

          „Die Satire ist eine Art Spiegel, in welchem die Betrachter im Allgemeinen jedermanns Gesicht erkennen, nur ihr eigenes nicht; das ist der Hauptgrund, weshalb sie in der Welt eine so gute Aufnahme findet und weshalb so sehr Wenige an ihr Anstoß nehmen“, hat hier mal einer den alten Swift zitiert.

          Kaum bekannt ist ja zum Beispiel die Böhmermann-Produktion vom 31. März, die der famosen „Schmähkritik“ unmittelbar vorher ging:

          https://www.youtube.com/watch?v=HMQkV5cTuoY

          • Hallo Paulina
            Ich habe singles nicht pauschal beurteilt, wenn es auch so klingen mag. ich schrieb, meine frage könnte etwas unfair sein. sie wurde mit absicht so gestellt. zum thema, pressefreiheit beinhaltet auch die tatsache , welche themen transportiert werden und welche nicht. familienpolitik gehört nicht gerade dazu. eher das gejammer über die angebliche enteignung von sparern. die andere seite, niedrige inflation wird als manko dargestellt, obwohl gerade die, die wenig geld zur verfügung haben davon profitieren. usw. liebe paulina, in der politik kann man nichts voneinander trennen, auch wenn man es immer gern versucht . rosinenpicken hat noch nie zu etwas sinnvollem geführt. satire ist auch politik, wie man gerade sehen kann. den lobbyisten sollte man sich konsequenter entgegen stellen, finden sie nicht? warum sind sie wohl so mächtig und immer frecher geworden? es gibt kaum gegenwehr.

          • Paulina
            wir haben die pressefreiheit, ich weiß also nicht, ob mein beitrag erscheinen wird. ich würde ihnen gern mal auf den zahn fühlen. wenn es hier erlaubt ist. ich beschäftige mich gern mit menschen, von denen ich glaube, sie sind intelligent. diesen schuh dürfen sie sich gern anziehen. ich weiß, schuhe und frauen haben ein inniges verhältnis zu- einander. schmunzel

          • Jochen Rollwagen

            Wo Herr Jenckel sich hier doch als der Ritter in grüner Rüstung im Kampf um Meinungsfreiheit, kritischen Journalismus und Vertreter der sechsten Gewalt im Staate outet und ich in seiner LZ gerade lesen durfte „Islamkritische Aussagen der AfD stoßen auf Ablehnung“ noch ein kleiner Beitrag aus dem wahren Leben, der vielleicht irgendwie doch was mit dem Thema zu tun hat:

            Sineb El Masrars Buch „Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden“ ist derzeit nicht zu kaufen: Das Landgericht München hat dem Antrag auf Einstweilige Verfügung der radikal-islamischen Bewegung Milli Görus stattgegeben.

            Sie werden’s nicht bei Jenckel lesen. Bei dem nicht.

          • Frank Gärtner

            @ Jochen Rollwagen

            Herr Jenckel ist ein mutiger und meinungsstarker Journalist, der nie versucht hat, den Eindruck zu erwecken, er habe alle Klugheit für sich alleine gepachtet. Wenn er sich – wie es seine verdammte Pflicht ist – vor eine junge Mitarbeiterin stellt, die von dem pomadigen Pressesprecher einer sogenannten „Kaderschmiede“, der als die Stimme seines Herrn fungiert, bevormundet und an der sorgfältigen Erledigung ihrer Arbeit gehindert wird, und wenn Herr Jenckel diesen inakzeptablen Übergriff ausdrücklich in den Zusammenhang des Konflikts zwischen einem drittklassigen deutschen TV-Satiriker (der übrigens verheiratet ist und zwei Kinder hat) und dem türkischen Staatspräsidenten rückt (der ebenfalls verheiratet ist, aber vier Kinder hat), dann geht es Herrn Jenckel NICHT darum, eine Weltanschauung (die Abendländische) vor einer anderen (die Morgenländische) auszuzeichnen oder herabzusetzen, sondern darum, darauf aufmerksam zu machen, dass „Missverständnisse“, wie er das mit großer Milde bezeichnet, „über Presse- und Meinungsfreiheit und Satire im Speziellen“ weiter verbreitet sind, als mancher Erdoğan-Kritiker in Lüneburg glaubt — selbst wenn er in dem Wahn lebt, beim Adressieren von Herausforderungen der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts ganz vorne mit dabei zu sein.

            Was nun das Buch der heldenhaft tapferen Sineb El Masrar anbelangt, das am 28. April in neuer Auflage erscheint, aber mit einem – von einem ordentlichen deutschen Landgericht per Einstweiliger Verfügung angeordneten – gestrichenen bzw. geschwärzten Satz, der einen nicht belegbaren Antisemitismusvorwurf enthielt, so ist mir nicht klar 1.) wie Sie diesen Fall mit dem völlig verquasten, hanebüchenen Anti-Islam-Nonsense der Damen Storch, Petry und Gauland in Verbindung bringen können und 2.) was das alles mit dem Thema dieses Blog-Threads zu tun haben soll.

            Vielleicht erklären Sie uns das einmal?

          • Jochen Rollwagen, was hacken Sie bloß immer so grässlich gehässig auf Chefredaktor Hans-Herbert Jenckel herum? Es wird eben nicht jeder als hauptberuflicher Vizepräsident mit einem Megaphon zwischen den Kauwerkzeugen und – wie Sie – als Prätendent des universellen Bescheidwissertums geboren. Bescheidenheit ist eine Zier — Hans-Herbert Jenckel hat sie zum Motto seines Berufs gemacht, dem des Journalisten. Skrupulös und zweifelnd wägt er ab, ob das, was er gehört, herausgefunden und recherchiert hat, auch den Weg in die Zeitung (off- wie online) finden soll. Manchmal ist dabei ein Anflug von Koketterie im Spiel. Jenckel war und ist das Gegenteil des prahlenden Marktschreiers und zuspitzenden Nachrichtenverkäufers. Seine Sache war und ist die tiefsinnige Analyse, die Erforschung der Hintergründe, die Enttarnung von Motiven der öffentlichen oder der öffentlich relevanten Akteure — gewissenhaft, penibel, unaufdringlich, aber auch sehr unerschrocken. Über das politische und kulturelle Geschehen in Lüneburg weiß Jenckel so gut Bescheid wie wenige andere. Ich bin ihm dankbar für die Art, wie er es nutzt, um behutsam lokal notwendige Debatten anzustoßen und so ins Licht zu rücken, was hier der Aufklärung bedarf.

        • Hallo Herr Bruns,

          Sie haben „singles nicht pauschal beurteilt, wenn es auch so klingen mag“? Sie haben geschrieben, Ihre „frage könnte etwas unfair sein“? Und jetzt ergänzen Sie, „sie [diese pauschal klingende, aber nicht pauschal gemeinte Frage] wurde mit absicht so gestellt“?

          Ja, sehr schön! Aber mit welcher Absicht denn bloß? Wozu der ganze, sehr verdrehte Aufwand des mehrzüngigen um-den-heißen-Brei-herum-Formulierens, Herr Bruns? Sind Sie etwa auch so eine Art Jan Böhmermann oder gar – wie dessen heimlich beklauter Ideengeber heißt – eine Art Jonathan Meese (http://www.jonathanmeese.com/) des subversiven Reppenstedter Kommentatorenraffinements?

          Was das mit beinahe dadaistischer Unvorhersehbarkeit hier von Ihnen zum Thema gemachte „Kinder-“ bzw. „Stellvertreter-“ oder „Familienwahlrecht“ betrifft, so möchte ich Sie auf die entsprechenden Wikipedia-Artikel verweisen, die alle drei das Pro- und Contra gut darstellen und viele brauchbare Literaturverweise enthalten.

          Auf einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt hat der ehemalige Richter Heribert Prantl von der SZ (der im Juli 2012 mit der Voßkuhle-Küchen-Satire um journalistische Sorgfalt brillierte) am 16. Januar hingewiesen: http://www.sueddeutsche.de/politik/verlorene-voten-die-turbo-stimme-1.2803903

          • meine liebe Paulina
            ich wollte keine zitate ,sondern antworten von ihnen. (persönlich) warum? sie werden dabei merken, wie schwierig es ist, sich auf den punkt zu äußern. mein brei hatte einen grund. es geht um pressefreiheit und damit auch um die vergewaltigung unserer sprache. bei uns wird schnell ein mensch, der etwas verliert , zum empfänger erklärt. ich mag übrigens den heribert prantl. die journalisten-schule in münchen ist nicht schlecht, sie sorgt sich leider, meiner meinung nach ,zu wenig um ihre absolventen.

          • Paulina
            geht nach hause und entmachtet euch. könnte man glatt den lobbyisten sagen, finden sie nicht?

  3. Lüneburger Landschaftspflege mittels Zuckerbrot und Peitsche oder um ein tadelloses Mitglied der Herde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein“?
    Politik und Wirtschaft setzen Anzeigen gezielt für Informationskampagnen ein. Es ist kein Geheimnis, dass es seitens der Politik und Wirtschaft immer wieder Wünsche in Richtung redaktionelles Wohlverhalten gibt. Wenn es um Millionen von Inseratenaufträgen geht, dann wird auch versucht, einen Zusammenhang herzustellen.“
    Der Journalismus braucht ein wirtschaftliches Fundament, auch durch Anzeigen. Die Meinungsfreiheit und den unabhängigen Journalismus bringt eine gezielte Anzeigenvergabe natürlich in Gefahr.
    Die Wahrheit ist nackt. Lobbyisten wollen der Wahrheit viele Kleider überziehen , um zu verhindern, dass die Wahrheit den FKK Strand nutzt und alle Menschen sie erkennen.

  4. Nicht nur in Lüneburg ein Thema

    Nachdem seine Zeitung Verbindungen lokaler Politiker und Geschäftsleute zu den „Panama Papers“ veröffentlichte, musste der stellvertretende Chefredakteur der großen Hongkonger Zeitung „Ming Pao“ noch am gleichen Tag seinen Hut nehmen. Keung Kwok-yuen ist gekündigt worden, nachdem die Tageszeitung gestern, am Mittwoch, den 20. April ihre Enthüllungen zu den Offshore-Geschäften veröffentlicht hatte. Das berichtet die britische Zeitung „Guardian“. Die Reporter der Zeitung hatten stadtbekannte Politiker und Geschäftsführer aus Hongkong in den Daten ausgemacht.

    Offizieller Grund der Kündigung seien Sparmaßnahmen, so der Guardian weiter. Der Betriebsrat der „Ming Pao“ sei über die Entscheidung von Chefredakteur Chong Tien-siong „extrem unglücklich und sauer“.

    Nach der Enthüllung der Panama Papers wurden die Staatsmedien in China von der Zensur demnach angewiesen, sämtliche Berichte über Offshore-Firmen in Steueroasen zu suchen und zu löschen. Es sei mit ernsten Konsequenzen gedroht worden, sollten dennoch Informationen auf Webseiten gefunden werden, schreibt der „Guardian“. Auch in sozialen Netzwerken wurde die Suche nach „Panama Papers“ oder den Namen der Genannten demnach verhindert.

    http://www.theguardian.com/world/2016/apr/21/hong-kong-newspaper-editor-sacked-panama-papers-report

    Gepostet von Dietmar Garbers

  5. Sackdoof, feige und verklemmt

    Instruktiv in diesem Zusammenhang ist immer noch die Geschichte vom armen Hans Michael Strepp und seinem Sepperlhut.

    Wie vom Kaderschmied Kalle Fahrenwaldt erfunden, so schön passt sie her:

    https://de.wikipedia.org/wiki/CSU-Medienaff%C3%A4re_2012

    Euern Rudi

  6. pressefreiheit? wo ist sie wirklich frei? freie wirtschaft? wo ist sie wirklich frei? freie Gesetzgebung? wo ist sie wirklich frei? warum werden begriffe genutzt , wenn es doch nicht stimmt? will man damit einlullen?

  7. Frauke Boehmer

    Auf der Rangliste der Pressefreiheit (englisch: Press Freedom Index), die von der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen auf der Grundlage von Fragebögen erstellt wird, lag Deutschland im letzten Jahr nach Estland, Österreich und Tschechien auf Platz vierzehn. Am Ende aller 193 Probanden rangieren mit wahrhaft jämmerlichsten Werten Turkmenistan, Nordkorea, Eritrea und Grenada. Erstaunlich, die Leuphana ist auf dieser Liste gar nicht einmal mehr verzeichnet.

    Apropos, war nicht vor zehn Jahren im Hanseviertel rechts eine Horst-Nickel-Straße vorgesehen, die in einem kleinen Kreisel endet, dessen noch rechtere Abfahrt Jens-Schreiber-Straße heißen sollte?

  8. @ hh jenckel

    Zitat:
    „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

    Das bedeutet nicht, daß man nach belieben jeden anderen in übelster Fäkalsprache beleidigen darf,wenn man den Ausspruch vorher „Satire“ nennt.
    Hätten Sie die gleiche Einstellung, wenn man in derselben oder vergleichbaren Fäkalsprache die Kanzlerin oder Herrn Gabriel beleidigt hätte?
    Es ist mehr als dreist zu behaupten, unter dem Begriff „Meinungsfreiheit“, ist das Beleidigen von Politikern gedeckelt und erlaubt. Offensichtlich kennt man nur den einen Paragraphen.

    • Frank Gärtner

      Sie haben recht, Artikel 5 Grundgesetzes lautet vollständig:

      (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

      (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

      (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

      Lutz Bachmann und Jan Böhmermann werden sich vor einem deutschen Gericht verantworten müssen, der eine wegen Volksverhetzung, der andere wegen Schmähkritik.

      Gut so!

    • haben denn alle Menschen in Deutschland Meinungs-und Pressefreiheit?
      da es eine rhetorische frage ist, eine rhetorische antwort: ja. sie dürfen gern eine eigene zeitung gründen. niemand wird es verhindern.

  9. Kunstfreiheit?

    Ja, siiischer, siiischer, Andy Rollwagen, auch über diesen Artikel haben du, Beatrix und Frauke feinsinnig gelacht: http://www.welt.de/satire/article153357869/AfD-Frauen-zur-Sex-Abschreckung-eingesetzt.html
    Die Welt ist neuerdings so voller Meta-Ebenen und doppelter Böden, dass man schon gar nicht mehr weiß, wo man noch hintreten soll, ohne gleich wieder mit Karacho durch die nächste Decke zu krachen. Wenn der Böhmermann dem Erdogan mit der Ziegennummer kommt, es „eigentlich“ ( = Metameta) aber gar nicht so meint, weil er doch nur die Dehnbarkeit der hiesigen Meinungsfreiheit durchexerzieren will; wenn die Kanzlerin daraufhin dem beleidigten Sultan beispringt, das aber auch nicht so meint, weil sie eigentlich auch nur die Meinungsfreiheit stärken und dem Türken zeigen will, wie das eigentlich so läuft in einem Rechtsstaat; wenn schließlich ein mutmaßlich waschechter Boulevardblatt-Herausgeber (ohne künstlich verlängerten Penis) ein erkennbar gefälschtes Interview mit dem falschen Böhmermann führt, um, ja was eigentlich?, … und etliche Medien das für bare Münze nehmen (= AufkomplettwitzloseSatirereingefallen) – dann sind sicher noch ganz andere Sachen ein Riesenbetupp, das fällt uns jetzt wie Schuppen von den Augen.

    Der Blatter und sein System zum Beispiel: von wegen korrupt, intransparent, Günstlingswirtschaft – das alles ist ein riesiger sozialer Feldversuch; eine Truman-Show, um die Grenzen demokratischer Strukturen auszuloten, was, Hut ab, dem Blatter schon ganz früh fabelhaft gelungen ist. Oder die „Panamapapers“: Auch diese ganzen Briefkastenfirmen sind womöglich nur Teil eines gigantischen sozialen Experiments auf der Meta-Ebene, das die Verführbarkeit der Menschen ergründen soll, weshalb in ein paar Monaten, wenn das Ganze aufgelöst wird, sich alle Mitwirkenden zu erkennen geben und ihre angeblich hinterzogenen Millionen bei einer glamourösen Charity-Gala im Kodak Theatre für die Sanierung der abschmierenden VW-Vorstandsgehälter spenden werden.

    Was aber noch viel wichtiger ist, liebes Andy Rollwägele: Auch die AfD könnte nur Satire sein, und zwar eine brutalstmögliche, die eigentlich nur zeigen will, wie sehr der Islam zu Deutschland gehöre und dass wir unbedingt ein Einwanderungsland sein müssen. Frauke Petry und der Schießbefehl? Beatrix von Storch und der abgerutschte Mausklick? Alles Satire der Satire im ganz großen Stil (= Metametameta), dagegen kann der Böhmermann mit seinem armseligen Rahmengedöns aber so was von einpacken.

    Deshalb: Ruhe bewahren, Herr Gauland und seine AfD meinen es vermutlich gar nicht so und werden das Volks-Lehrstück über die stimmenfischende Ausbeutung von Neid, Hass und Angst sicher noch vor der nächsten Bundestagswahl auflösen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass alles doch noch mal ganz anders ist, möchten wir sicherheitshalber aber doch Beschwerde bei der Kanzlerin einlegen und um Ermächtigung bitten. Wegen Beleidigung der Demokratie.

    Mehr zum Thema: http://www.welt.de/satire/article153357869/AfD-Frauen-zur-Sex-Abschreckung-eingesetzt.html

    Isch gries disch goanz lieb

    Oliver

  10. nur mal so amrande
    soviel zur solidarität innerhalb einer sogenannten demokratischen gemeinschaft
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/journalisten-streiken-in-griechenland-14195294.html
    wenn es ums geld geht ,hört die freundschaft schnell auf.

  11. Jochen Rollwagen

    Hallo Herr Gärtner,

    ich finde es durchaus bemerkenswert, daß Mili Görüs, von der in Wikipedia folgendes zu lesen ist:

    „Millî Görüş (häufig auch Milli Görüş geschrieben; deutsch: Nationale Sicht) ist eine länderübergreifend aktive islamische Bewegung, deren wichtigste Organisationseinheit die türkische Partei Saadet Partisi[1] und der europäische Dachverband Islamische Gemeinschaft Milli Görüş sind. Neben dem Schwerpunkt Europa ist Millî Görüş auch in Nordamerika, Australien und Zentralasien aktiv. In vielen Staaten und Ländern ist Millî Görüş wegen islamistischer Tendenzen umstritten. Die Innenministerien von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sehen in der Bewegung antisemitische Charakterzüge und unter anderem auch damit eine deutliche Gegnerschaft zur demokratischen Grundordnung“

    in Deutschland ein eingetragener Verein mit allen sich daraus ergebenden Vorteilen ist. Daß dieser e.V. als eine seiner Hauptaufgaben offensichtlich das Beobachten der Medienlandschaft nebst sofortiger Aktion, falls mal was nicht passen sollte (siehe Frau El Masrar) sieht und das niemanden kümmert finde ich ebenfalls bemerkenswert. Wer schonmal versucht hat, einen e.V. zu gründen kann sich darüber erst recht nur wundern.

    Meine Hoffnung, daß „mutige und meinungsstarke“ Journalisten wie Herr Jenckel das thematisieren ist angesichts der plump-doofen, einseitigen Haudrauf-Berichterstattung (von den offiziell als solche gekennzeichneten Kommentaren ganz zu schweigen) in der LZ bei bestimmten Themen jedoch sehr begrenzt. Aber wenn die Agenda sich dann komplett dreht sehen wir mal weiter, gelle Herr Jenckel ?

    Übrigens: Wer sich dafür interessiert, was in L-Town so los ist, biddeschön:

    http://www.welt.de/regionales/hamburg/article154188164/Eine-Luxus-Baustelle-als-Ausflugsziel.html

    Fand ich ganz interessant. Der Weg von HH zur „Luxusbaustelle“ scheint kürzer als vom Sand, sonst hätte da ja mal ein meinungsstarker, mutiger LZ-Journalist vorbeigeguckt. Oder so.

  12. Studien und Gutachten liefern bestellte Wahrheiten (Wer hätte das gedacht? / Vom „wirtschaftsnahen Forschungsbetrieb“ der Leuphana ist hier nicht die Rede!)

    Wie wird der Kontakt zur Politik hergestellt?

    „Auch Lobbyisten vereinbaren ganz profan Termine mit Politikern. Das alleine wird natürlich nie ausreichen, um die eigenen Interessen wirkungsvoll durchzusetzen. Deshalb gibt es darüber hinaus ein ganzes Bündel von Strategien und Maßnahmen. Das fängt an mit Einladungen zu Veranstaltungen, Diskussionsabenden inklusive kostenloser Verköstigung bis hin zu speziellen Briefings für Parlamentarier, die zugleich auch ein Interesse haben Sachverstand abzuschöpfen und an den für ihr Feld relevanten Diskussionen beteiligt zu sein. Was auch zum Einsatz kommt, ist das Publizieren von sogenannten Studien, begleitet von aufwendigen PR-Kampagnen, die helfen sollen, ein positives öffentliches Klima für die eigene Interessenlage zu erzeugen.“

    Sind nicht auch Meinungsforscher wie Forsa oder Allensbach als Lobbyisten zu sehen?

    „Diese Institute liefern zum Teil bestellte Wahrheiten. Forsa beispielsweise hat mal eine Umfrage für die Deutsche Bahn zur Bahnprivatisierung gemacht, vermittelt über eine Agentur. Gefragt wurde nach den Vorteilen einer Privatisierung, die Nachteile wurden erst gar nicht thematisiert. Platziert wurden die Ergebnisse dann sehr geschickt am Tag der Expertenanhörung zur Bahnprivatisierung im Bundestag. Das floss dann natürlich in die mediale Berichterstattung mit ein, mit dem Tenor: Experten sehen Privatisierung kritisch, die Bürger versprechen sich aber davon einen besseren Service.“

    Timo Lange, Politikwissenschaftler beim Berliner Büro des Verbands „Lobby Control“, im September 2012 in einem bemerkenswerten Handelsblatt Interview:

    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/interview-mit-lobby-control-meinungsforscher-liefern-bestellte-wahrheiten/7155038-2.html

  13. Apropos Bestellte Wahrheiten

    Neulich traf ich auf der Straße einen alten Freund. Ich wußte, er hatte jahrelang am Existenzminimum herumgekrebst, vor einem halben Jahr aber einen Haufen Geld geerbt. »Und wie isses so?« wollte ich wissen. »Gar nicht übel«, gab er zurück, »als erstes habe ich mich bei Facebook abgemeldet. Ich kann mir jetzt echte Freunde leisten!«

    LG, Christian Schmidt