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Ein kleiner Junge berührt seinen Vater.
Ein kleiner Junge tröstet seinen Vater auf der Flucht von Pakistan nach Europa. Das Foto erhielt den dritten Platz in der Kategorie "Foto des Jahres" beim LeadAward. Fotograf: Georgi Licovski

Sonnabend, 15. Oktober: Startschuss für unser Projekt „Aufwachsen als Flüchtlingskind“

Ein Mann kauert am Boden, er hält ein Stück Brot in der Hand, als ihn die Verzweiflung übermannt. Sein Sohn hockt vor ihm, schaut seinen weinenden Vater an und hebt den Arm, um ihn zu streicheln. Ein fünf, vielleicht sechs Jahre altes Kind und sein Versuch zu trösten.

Vor wenigen Tagen ist dieses Foto des Flüchtlingsjungen, aufgenommen von Georgi Licovski an der mazedonischen Grenze, ausgezeichnet worden mit dem dritten Preis in der Kategorie „Foto des Jahres“ beim Lead Award. Als ich es entdecke, ist unser Reportageprojekt „Aufwachsen als Flüchtlingskind“ fast abgeschlossen. Ich weiß, diese Szene hätte mich auch ohne diese Erfahrungen berührt. Doch die Zeit mit den fünf Flüchtlingskindern Marian, Sana, Ihab, Suman und Faisal hat meinen Blick auf dieses Foto verändert. Es zeigt nicht mehr nur einen Moment zwischen Vater und Sohn. Es erzählt die Geschichte einer ganzen Kindergeneration.

Mit 13 allein auf der Flucht

Wir treffen während unserer Recherchen viele Kinder wie diesen Jungen. Kinder, die ihre Eltern trösten, die für sie den Alltag regeln, die ihnen helfen auf dem Weg in die Gesellschaft der neuen Heimat. Fünf von ihnen begleiten wir zum Teil über Monate. Was wir dabei erleben, bringt mich im Verlauf der Wochen immer wieder neu zum Nachdenken.

Meine eigene Kindheit war unbeschwert, die größte Verantwortung, die ich mit zwölf Jahren tragen musste, war die Verantwortung für meine Meerschweinchen. Das syrische Flüchtlingsmädchen Marian war als Sprach- und Kulturmittlerin für ihre Eltern in Deutschland bereits mit zehn unverzichtbar. Sana war zwölf, als sich die Familie auf der Flucht verlor und sie plötzlich mit den zwei kleinen Geschwistern allein war. Und Faisal floh mit 13 allein aus Pakistan in den Iran, um dort Geld für die Familie zu verdienen.

Es gibt weitaus mehr Perspektiven als unsere

Diese Kinder übernehmen Aufgaben, haben Dinge erlebt und Entscheidungen getroffen, die in meiner Kindheit undenkbar gewesen wären. In meinem damaligen Leben, in dem immer klar war: Meine Eltern kümmern sich um mich – und nicht ich mich um sie. In den vergangenen Wochen habe ich diese Kinder oft bewundert für das, was sie leisten. Gleichzeitig habe ich sie bedauert um die verlorene Unbeschwertheit und manchmal auch beneidet um die Selbstverständlichkeit des Zusammenhalts, des bedingungslosen Füreinanderdaseins der Familien.

Von Anfang an war mir klar: Diese Recherchen werden mich nachhaltig beschäftigen. Was mir erst im Verlauf der Wochen immer deutlicher wird: Ich werde nicht nur über die Kinder nachdenken. Die Gespräche mit ihnen, ihren Eltern, mit Experten und Dolmetschern lassen mich auch über mein eigenes Leben nachdenken, über unsere Gesellschaft, über das, was wichtig ist im Leben. Und: Sie verändern meinen Blick nicht nur auf dieses eine Foto, sie zeigen mir, dass es weitaus mehr Perspektiven gibt als unsere — auf Kindheit, ein glückliches Leben und eine intakte Familie. Anna Sprockhoff