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"Marian ist klug und auch wenn sie schüchtern wirkt, ich bin überzeugt, sie kann sich durchsetzen" 
LZ-Redakteurin Anna Sprockhoff mit der Zwölfjährigen im Gespräch auf dem Bleckeder Elbdeich. Foto: t&w
"Marian ist klug und auch wenn sie schüchtern wirkt, ich bin überzeugt, sie kann sich durchsetzen" LZ-Redakteurin Anna Sprockhoff mit der Zwölfjährigen im Gespräch auf dem Bleckeder Elbdeich. Foto: t&w

Montag, 17. Oktober: Große Träume, kluge Kinder und verpasste Chancen

Die zwölf Jahre alte Marian träumt davon, einmal Ärztin zu werden. Sie hat ein Praktikum in einer Arztpraxis gemacht — und ist sich sicher: Das ist genau das, was sie will. Doch wird sie es schaffen? Ein Mädchen, das mit zehn Jahren aus Syrien fliehen musste und in Deutschland zum ersten Mal zur Schule ging. Das erst die Sprache lernen musste, bevor es die Rechenaufgabe verstehen konnte. Und das in zwei Jahren Grundschule so viel lernen sollte wie andere Kinder in vier Jahren? Vielleicht schafft sie es. Ich wünsche mir, dass sie es schafft, dass der Traum, von dem sie uns mit leuchtenden Augen erzählt, in Erfüllung geht. Ob ich daran glaube? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall wird es schwer. Nicht weil ich glaube, dass Marian nicht das Zeug dazu hat. Sondern weil ich glaube, dass sie nicht die Chance dazu bekommt. Oder ihr der Preis dafür zu groß ist.

In ihrem Leben geht es nicht in erster Linie um sie

Marian ist klug. Und auch wenn sie schüchtern wirkt, ich bin überzeugt, sie kann sich durchsetzen, wenn sie etwas will — zum Beispiel Medizin studieren. Doch der Weg dorthin ist schon für viele deutsche Kinder schwer. Für Marian wird er um ein vielfaches schwerer — und zwar nicht nur, weil sie mit zehn Jahren eine ganz neue Sprache lernen musste. Sie müsste zum Studium eines Tages ihre Familie verlassen, die ihre Hilfe in zehn Jahren vielleicht noch immer braucht. Und: Sie müsste schon jetzt ihre Träume über die Bedürfnisse ihrer Eltern stellen, müsste vor Lehrbüchern sitzen, anstatt den Alltag der Familie zu managen. Doch in Marians Leben geht es nicht in erster Linie um sie, in ihrer Familie nicht vorrangig um die Bildung der Kinder. Ihnen geht es darum, dass es allen gut geht. Und dafür tut Marian, was notwendig ist.

Mich hat es oft traurig gemacht, über Marian und ihren Traum nachzudenken, weil ich das Gefühl hatte, dass sie als Flüchtlingskind eine Chance verpasst. Und ich habe mich gefragt: Was könnte alles aus ihr werden, würde sie unter den Bedingungen aufwachsen, die ich hatte: von Anfang an ein sicheres Zuhause, Eltern, die sie fördern in ihren Talenten und Interessen, die ihr Mut machen, sich selbst zu verwirklichen, die ihr den Weg ebnen zu ihrem Traum von einem Leben als Ärztin.

Viele Kinder würden das Gymnasium und nicht die Hauptschule besuchen, hätten sie nicht erste die Sprache lernen müssen

Doch das ist mein Blick darauf, meine Perspektive als westliche Frau. Das heißt nicht, dass meine Kindheit besser gewesen ist. Und woher weiß ich, ob es Marian nicht glücklicher macht, für die Familie da zu sein, als sich zum Medizinstudium hochzukämpfen? Während der Recherche ertappe ich mich immer wieder dabei, Situationen allein auf Grundlage unseres Wertesystems zu beurteilen. Kinder wie Marian für Dinge zu bedauern, die für sie vielleicht selbstverständlich sind.

Klar ist, der Neuanfang in einem fremden Land ist für Kinder wie Marian schwer — und viele von ihnen würden das Gymnasium und nicht die Hauptschule besuchen, hätten sie nicht erst Deutsch lernen müssen. Doch der Weg nach oben, zu Traumjob und Ansehen, ist nicht für alle Menschen das Wichtigste im Leben. Und er ist nicht allen jeden Preis wert.

Ich würde Marian trotzdem wünschen, dass sie Ärztin wird. Dass sie sich selbst verwirklicht und ihre Träume irgendwann über die Bedürfnisse ihrer Familie stellt. Vielleicht geht es mir da wie Marians Eltern, die ihr beigebracht haben, dass Familie über alles geht: Letztlich schaue ich doch immer durch meine Brille auf die Welt.