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Sana beobachtet ihre Geschwister beim Spielen im Hinterhof der Hamburger Flüchtlingsunterkunft.
Sana beobachtet ihre Geschwister beim Spielen im Hinterhof der Hamburger Flüchtlingsunterkunft. Foto: t&w

Dienstag, 18. Oktober: Die Sorgen der Eltern

In Hamburg hat Sana, das 14 Jahre alte Mädchen aus Afghanistan, im Dezember 2013 ein neues Zuhause gefunden. Hier hat sie angefangen, von Freiheit und Selbstbestimmung zu träumen. Dabei wünscht sie sich nicht, die Welt zu bereisen, sie will auch keine Hamburger Nächte durchtanzen oder sich die Haare pink färben. Sana möchte nur die gleichen Freiheiten wie sie ihr Bruder in ihrem Alter haben wird. „Ich möchte auch hingehen, wo ich will“, sagt sie.

Doch Sanas Eltern verbieten es ihr. Sie muss nach der Schule direkt nach Hause kommen. Wenn sie trödelt, erzählt sie, bekommt sie Ärger. Die 14-Jährige macht das traurig. Mich macht es wütend und ich frage mich, warum ihre Eltern sich nicht anpassen können. Warum sie nicht verstehen, dass Mädchen in Deutschland die gleichen Rechte haben sollten wie Jungs. Warum sie Sana nicht das kleine bisschen Freiheit geben, das sie sich wünscht.

Wenn die eigene Tochter die Regeln der Heimat nicht mehr versteht

Doch dann frage ich mich, was wohl in diesem Vater vor sich geht, der in Afghanistan ganz selbstverständlich die Geschäfte der Familie regelte. Und der in diesem fremden Land Deutschland, dessen Sprache so verdammt schwer ist zu lernen, plötzlich auf seine Kinder angewiesen ist. Der Freunde, Alltag und Struktur verloren hat — und dem es auch nach Monaten nicht gelingt, in Hamburg eine Wohnung für die Familie zu finden. Wie muss es wohl sein für ihn alles zurückgelassen zu haben? Wie fühlt es sich für ihn an, wenn die eigenen Werte in der neuen Welt nichts mehr wert sein sollen? Wenn selbst die eigene Tochter die Regeln der Heimat nicht mehr versteht?

Es ist leicht für uns, diese Eltern zu verurteilen. Dafür, dass sie ihren Kindern so viel Verantwortung aufhalsen und dass sie ihre Töchter nicht so erziehen, wie wir es uns vorstellen. Wir leben in unserem Wertesystem, wir wissen — mal mehr, mal weniger gut — wie unser Land funktioniert. Was verlangt wird von uns und unseren Kindern. Wie es ist, in einem Land zu leben, in dem alles anders ist? In dem die eigenen Kinder die Welt plötzlich besser verstehen als man selbst? In dem ich nicht weiß, was meine Tochter erwartet, wenn sie nach der Schule allein unterwegs ist? Ich für mich kann sagen: Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt. Aber ich kann verstehen, dass es Eltern Angst macht.

Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit und die Sehnsucht nach der Heimat

Sana macht kein Geheimnis daraus: Sie leidet unter dem Spagat zwischen den Kulturen. Doch ich glaube, auch ihre Eltern leiden. Unter ihrer Sprachlosigkeit. Unter den Sorgen, die sie sich um ihre Kinder machen. Unter ihrer Hilflosigkeit. Und sicherlich auch unter der unerfüllten Sehnsucht nach der Heimat. Allein ihnen die Schuld zu geben und zu verlangen, sich anzupassen an unsere Welt, wäre zu einfach. Und ich finde: Es wäre unfair.