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Ihab und seine Brüder Abdul und Hadi spielen Fußball auf der Wiese neben der Flüchtlingsunterkunft. In Syrien drohte ihnen der Militärdienst, also schickte ihr Vater sie auf die Flucht. Foto: t&w
Ihab und seine Brüder Abdul und Hadi spielen Fußball auf der Wiese neben der Flüchtlingsunterkunft. In Syrien drohte ihnen der Militärdienst, also schickte ihr Vater sie auf die Flucht. Foto: t&w

Ich glaube, es hat seinem Vater das Herz gebrochen

Lüneburg. Ich kenne dieses Lied seit Jahren, vor kurzem höre ich es seit langem zufällig wieder: „Nein meine Söhne gebe ich nicht“, geschrieben und gesungen von Reinhard Mey, 1986. Es handelt davon, dass er als Vater seine Söhne nicht in den Militärdienst schicken will – und dass er mit ihnen lieber fliehen wird, als sie zu „Knechten“ machen zu lassen. Ich muss an Ihab denken, den 17 Jahre alten Jungen aus Syrien, den sein Vater mit den beiden Brüdern auf die Flucht geschickt hat. Auch sein Vater wollte seine Söhne vor Krieg und Militärdienst schützen. Auch sein Vater hat vielleicht gedacht, was Reinhard Mey singt: „Die Kinder schützen vor allen Gefahren, ist doch meine verdammte Vaterpflicht.“

Mich lässt der Gedanke daran lange nicht mehr los. Was muss vorgehen in einem Vater, der seinen 16 Jahre alten Sohn fortschickt? Was hat er gefühlt, als er ihn zum letzten Mal umarmt hat? Als er ihn ins Unbekannte entließ. Während der Recherche lese ich häufiger, dass Kinder wie Ihab nach Deutschland geschickt werden, damit sie ihre Familien nachholen. Das hört sich an, als wäre das einfach. Als würden Eltern ihre Kinder so leichtfertig auf die Flucht schicken, wie ein Paket auf die Reise.

Ich glaube, es hat Ihabs Vater das Herz gebrochen, seine Söhne fortzuschicken. Und ich bin überzeugt: Er hat das nicht getan, um sich, sondern um sie zu retten.

Ihab erzählt mir, seine Mama sei vor Kummer zusammengebrochen, als er Lebewohl gesagt hat. Reinhard Mey singt an die kriegswilligen Regierungen dieser Welt gerichtet: „Ganz sicher nicht für euch hat ihre Mutter sie unter Schmerzen auf die Welt gebracht.“ Der Vater und Musiker hat mit diesem Lied in den vergangenen 20 Jahren Tausende bewegt, Väter und Mütter, Töchter und Söhne. Ich weiß, es klingt kitschig. Und ich weiß, es ist naiv: Aber ich würde mir wünschen, dass wir uns von den realen Schicksalen unserer Zeit nicht weniger berühren ließen als von einem Lied.

Reinhard Mey – „Nein meine Söhne gebe ich nicht“

2 Kommentare

  1. Eigentlich lese ich Die Zeitung sehr gern, aber was mir mit Ihrer Thema über Flüchtlingskinder geboten wird, läßt mich jeden Morgen zornig werden. Die armen traumatisierten Kinder bekommen Mahlzeiten, Wohnung (Strom, Wasser, Heizung ), Taschengeld, Sozialarbeiter (reichlich Gutmenschen ), Deutschkurse und Kindergeld wenn es die Großfamilien dann endlich nach Deutschland geschafft haben. Mehr kann man in Ihren Beitrag nicht auf die Tränendrüsen drücken. Alle vergessen, daß uns weder Gott noch Allah diesen Standart geschenkt hat, sondern die Menschen sich das alles selbst erkämpft, erstritten und erarbeitet haben.
    Ich bin Krankenschwester und habe viel mit ausländischen Mitmenschen Kontakt. Sie lächen dich an und sagen in ihrer Muttersprache schlimme Dinge. Von mir aus dürfen alle wieder unser Land verlassen, wenn sie nicht in der Lage sind, sich unseren Leben anzupassen.
    Übrigens nehme ich mir jetzt morgens die Freiheit, Ihren Beitrag über die armen Kinder, zu überspringen, bis der Anfall vorbei ist.

  2. Mit dieser Themenwoche ist mir die Landeszeitung noch symphatischer geworden! In den Beiträgen wurde am Beispiel der Kinder das große graue Tuch des Unbekannten ein wenig gelupft, um etwas von diesen Schicksalen kennen zu lernen. Das Leid, die Angst, die grenzenlose Aussichtslosigkeit: Menschen verlassen ihre Heimat freiwillig nicht, wenn es irgendwie noch auszuhalten wäre. (Nicht zu verwechseln mit Urlaubs- oder Geschäftsreisen!!)
    Essen, Unterkunft reichen zum kurzfristigen Überleben, zum Ankommen braucht es unendlich viel mehr: Menschen in der neuen Umgebung, die auf sie zugehen, Ihnen den Weg ebnen, all das Fremde allmählich kennen zu lernen. Das braucht mindestens eine Generation. Und ja, Gott oder Allah haben uns unseren Wohlstand hier nicht geschenkt. Aber das Schicksal hat uns Deutsche in die längste Friedenszeit seit Jahrhunderten hineingeboren, uns die Chance gegeben, dass das Erarbeitete nicht wieder gleich zunichte gemacht wird: auch daraus entsteht Wohlstand. Und nun sitzen hier Deutsche (und andere Europäer) und mauern gegen Flüchtlinge. Als wenn Europäer nicht selbst aus schierer Not vor Krieg und bitterster Armut zu Millionen in alle Welt geflohen wären.
    Habt Mut und geht den Fremden entgegen – die allermeisten sind es wert.