Aktuell
Home | Kultur Lokal | Alle Freundschaft zerbricht
3542978.jpg

Alle Freundschaft zerbricht

hjr Lüneburg. Graublau türmten sich die Wolken, drinnen grollte Gunther. Wagner in St. Michaelis: Eigentlich kein Ort für die Nibelungen und deren Ranküne. Doch Lüneburg fehlt bekanntlich ein großer Konzertsaal, der den passenden Rahmen für die Eröffnungskonzerte der 27. Niedersächsischen Musiktage bieten würde. Darum durfte es die Kirche sein. Sie war bestens gefüllt. Künstlerisch genügte die Veranstaltung höchsten Ansprüchen, eine wahre Klangdelikatesse.

Die „Götterdämmerung“ aus dem „Ring-Marathon stand auf dem Programm. Im Normalfall dauert dieser finale Teil reichlich fünf Stunden, als Konzertfassung mit der Radiophilharmonie Hannover und hervorragenden Solisten genügten zwei. Am Ende donnerte stürmischer Applaus durch den Sakralbau.

„Freundschaft“ lautet das Thema des aktuellen, von Sparkassenstiftung und Sparkasse Lüneburg geförderten Festivals. Doch in Richard Wagners Oper geht niemand mehr gemeinsam durch dick und dünn. Stattdessen marschieren die Akteure über Leichen. Es gibt keine Sieger, das Inferno frisst alle. Der streitbare, umstrittene Romantiker schrieb dafür eine grandiose, menschenleere Apotheose. Die in Lüneburg präsentierte Version enthielt die Schlussklänge dem Publikum vor, den letzten Ton stimmte Siegfrieds Totenmusik an.

Gier, Verrat, Intrigen, Macht und Missbrauch von Freundschaft: Wagners Nibelungen-Interpretation hält der Menschheit einen schonungslosen Spiegel vor. Kaum ein Abgrund bleibt in der Tetralogie ausgespart. Die „Götterdämmerung“ brennt die Aspekte nochmals ins Bewusstsein, die komprimierte Deutung fokussiert den sinistren Männerbund zwischen Hagen, Gunther und Siegfried. Eivind Gullberg Jensen stand am Pult, dirigierte die zentralen Akzente in den Vordergrund. Er verstand den Komponisten nicht als rasenden Romantiker, sondern lockte gerade die leisen und trotzdem spannungsgeladenen Momente aus dem Werk Wagners heraus.

Enorm transparent gestalten die Radio-Philharmoniker die Partitur. Immer wieder blitzten die markanten Themen auf, verwirbelten sich, loderten, stellten sich breit zur Schau, bis sie ihren rauschhaften Kulminationspunkt erreichten. Die Musiker schmiedeten eine Wiedergabe, die sämtliche Nuancen auskostete, exakt Tempi hielt und zupackend dynamische Veränderungen koordinierte. Lyrischer Schmelz und metallische Härte fanden sich im Klang. Der norwegische Chefdirigent gab präzise Zeichen, lotste Instrumentalisten und Solisten perfekt durch den Klang-Titan.

Die Sänger erwiesen sich als stattliches Aufgebot von internationalem Format, mit Bühnenerfahrungen von Meiningen bis zur Mailänder Scala. Entsprechend fielen die Visitenkarten aus. Klare Artikulation, Textverständlichkeit, passgenaue Modulation sorgten für knisternde Atmosphäre. Evelyn Krahe, Katrin Wundsam und Polina Pasztircsák bestachen als Nornen, Selcuk Cara (Hagen), Wolfgang Schöne (Alberich) und Raimund Nolte (Gunther) filterten stimmgewaltig das Dämonische aus den Noten. Andreas Schager als naiv draufgängerischer Siegfried und die würdevolle Brünnhilde von Eva Leitner vitalisierten den Opernthriller, führten ihn auf Weltklasse-Format.