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Experte empfiehlt Rückbau

oc Lüneburg. Orgelbauer dürften sich nur selten in der Handwerkskammer treffen, dazu noch mit Musikern, Wissenschaftlern und weiteren Interessierten an einem „europäischen Klangdenkmal“. Gemeint ist die Niehoff/Dropa-Orgel in St. Johannis und die Frage, wie mit dem Instrument künftig umgegangen werden soll. Am Donnerstag und Freitag, 19./20. September, findet, wie berichtet, zu dem Thema ein Symposium in der Handwerkskammer statt.

Hintergrund ist der Zustand der Orgel. Sie ist, so Kirchenmusikdirektor Joachim Vogelsänger, sanierungsbedürftig. Daran schließt sich die Frage an, welches Klangbild aus der langen, bis 1553 zurückreichenden Geschichte der Orgel als anstrebenswert und nachvollziehbar gelten kann.

Die mögliche Stoßrichtung für das Symposium und die Pläne von Joachim Vogelsänger gibt Dr. Roland Eberlein vor. Er ist Geschäftsführer der Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung und nimmt in einem Aufsatz Stellung zur Frage der Rekonstruktion der Orgel. Sein Fazit lautet, dass „eine konsequente Rekonstruktion des Zustands von 1721 anzustreben“ sei. Und weiter: „Es ist abzusehen, dass das Symposium in Lüneburg im Ergebnis genau dies empfehlen wird“. 1721, das ist die Zeit nach dem Umbau und der Erweiterung, die der Lüneburger Matthias Dropa 1712 bis 1715 vornahm, in der Zeit, als Georg Böhm die musikalischen Geschicke der Kirche bestimmte. Dropa baute das Instrument von einer Renaissance- zu einer Orgel des norddeutschen Barock um. In der Zeit entstanden auch die seitlich ans Hauptgehäuse anschließenden Türme.

Die Orgel im heutigen, auf Maßnahmen aus den Jahren 1953 und 1976 entstandenen Klangbild zu erhalten, lehnt Eberlein ab – vor allem mit Blick auf die seinerzeit vorgenommenen Klangerweiterungen. Sie stellen für Eberlein unterm Strich „eine Vergewaltigung von älteren Zeitzeugen aus Renaissance und Barock dar, die für uns als solche wesentlich wertvoller und wichtiger sind denn als Zeugen für die Restaurierungspraxis der 1950er-Jahre.“ Die Klangerweiterungen seien auch dadurch nicht relevant, da entsprechende Musik auf der neuen Chororgel gespielt werden könne.

Die Kosten einer großen Restaurierung der Orgel schätzt Joachim Vogelsänger auf zwei Millionen Euro.

Teile des Symposiums sind öffentlich, beginnend mit der Begrüßung am Donnerstag, 19., um 14 Uhr, und den bis 16 Uhr anschließenden Kurzreferaten zur Geschichte der Orgel sowie zur Dokumentation, die 2007/08 vorgenommen wurde, und zum Einfluss des niederländischen Orgelbauers Hendrik Niehoff, der auch für die Hamburger Hauptkirche St. Petri tätig war. Öffentlich ist auch die abschließende Podiumsdiskussion am Freitag, 20. September. „Aufpolieren oder restaurieren?“ heißt um 12.30 Uhr das Thema, bei dem es um einen „verantwortbaren Handlungskorridor“ für die Orgel geht. Zuvor, um 12 Uhr, spricht Daniel Stickan darüber, wie Musik der Gegenwart auf einer Renaissance-Orgel gespielt werden kann.