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Das ist der Wahnsinn

oc Lüneburg. Der Wahnsinn hatte als Methode Konjunktur. Umnachtung war ein prima Sujet für die Romantiker – in Buch und Bild und Ton. Einen Superstoff lieferte Sir Walter Scott mit seiner „Bride of Lammermoor“. Mehrere Komponisten versuchten sich an dem Thema, aber nur Gaetano Donizetti schaffte es, die Geschichte zu Weltruhm zu bringen. Seine „Lucia di Lammermoor“ zählt zu den ganz großen Opern der Welt, sie ist italienisch durch und durch und spielt trotzdem irgendwo im nebelverhangenen Schottland kurz vor 1700. Aufführen kann das Werk nur, wer eine Sängerin von Rang hat, denn der Wahnsinn in diesem Werk steckt in den Koloraturen. In Lüneburg stand „Lucia“ noch nie auf dem Spielplan, aber „jetzt haben wir die Sängerin dafür“, sagt Intendant Hajo Fouquet und meint Ruth Fiedler.

Sie trumpfte hier bereits in „Hoffmanns Erzählungen“ auf, in der Partie der Olympia, damals als Gast. Sie war wiederholt im Theater zu hören, auch im Kirchenkonzert. In dieser Spielzeit zählt Ruth Fiedler nun fest zum Ensemble. Sie wird in „Zar und Zimmermann“ singen, aber erst einmal jetzt am Sonnabend die Lucia. „Es ist das zentrale Stück für die Belcanto-Oper“, sagt Thomas Dorsch, Lüneburgs neuer Musikdirektor. Er bringt Erfahrung mit der Oper ein, die er auch als Sinnbild für den Untergang einer Epoche versteht.

Die handelnden Figuren interpretiert Fouquet, der Regie führt, als Getriebene. Lord Enrico sieht die letzte Chance, um seinen Clan zu retten, darin, die Schwester in eine gewinnbringende Ehe zu zwingen. Lucia aber liebt den Falschen, einen aus dem verfeindeten Clan. Da hilft nur Intrige, genreüblich läuft sie über Briefe ab. Sie gipfelt in der Zwangsverheiratung, in die der vermeintlich Untreue platzt, zurück von langer Dienstreise. Die Folgen sind brutal: Lucia flüchtet aus dem passiven Erleiden in Wahnsinn, Mord und Tod, wird darüber zur Handelnden. Ihr Lover wird den direkten Weg zum Ende nehmen.

Stefan Rieckhoff, Fouquets ständiger Opernpartner in Sachen Ausstattung, wird eine Welt auf die Bühne setzen, in der das Innen und das Außen eine Entsprechung finden – das Verhangene der schottischen Landschaft, die Hermetik der engen Gesellschaftsstrukturen. Und unaufhörlich braust Musik mit Strömen voller Melodien und Ideen, aus die der junge Verdi schöpfen sollte. Die Einflüsse von Donizettis „Lucia“ mit der großen Wahnsinnszene gingen, sagt Thomas Dorsch, bis in die Literatur, zu „Anna Karenina“ und „Madame Bovary“.

Mit Ruth Fiedler auf der Bühne stehen Solisten, die italienisch-schottische Namen bekommen: Ulrich Kratz als Lord Enrico Ashton, Karl Schneider als Edgardo di Ravenswood und MacKenzie Gallinger als Lord Arturo Bucklaw. Mit dabei sind noch Kristin Darragh (Alisa), Marcus Billen (Normanno) und Wlodzimierz Wrobel (Raimondo). Die Premiere – auf Italienisch mit Obertiteln – am Sonnabend, 21. September, beginnt um 19 Uhr.