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Es lebe der Sport

oc Lüneburg. Klar, als es um Sex ging, standen die Leute Schlange, klebten Haut an Haut im Saal. Jetzt geht’s um Fußball und Sport, da ist die Hütte nicht ganz so voll, einigen bleibt dennoch nur ein Stehplatz. Sonst ist es auch gut besucht, wenn allmonatmittwochlich die Lesebühne Längs ihre Hocker auf die flache Bühne im dunklen Salon Hansen stellt. Groß ist die Neugier bei der September-Lesung aber besonders, weil ein vierter Hocker bereitsteht, für St.-Pauli-Stadionsprecher Rainer Wulff, was Längs-Leser Jörg Schwedler mahnen lässt: „In der Presse aber nur Fotos mit uns allen drauf!“ Okay.

Das Längs-Prinzip ist griffig: frische Literatur, locker vom Hocker. Schwedler, Thomas Nast und Liefka Würdemann sind auf schnelles Schreiben trainiert, sie picken Pointen aus ihrem Alltag und stricken kleine Geschichten drumrum. Die sind vorwiegend witzig, bei Thomas Nast auch gern politisch. Ich-Perspektive, scharfer Blick, Selbstironie, knappe Sätze, freche Sprache, spontanes Moderieren – das funktioniert und trifft. Die kurzen Texte sind komponierter als das meiste bei Poetry-Slammern, weniger gestylt als bei Hacke und Martenstein oder wie die großen, ergrauenden Kolumnisten der Republik so heißen. Schwedlers Scheitern beim Joggen und Eisenbiegen, Würdemanns Desaster zwischen Wellness und Kletterwald, Nasts Betrachtungen zum HSV-Theater – das sind lauter Punktsiege.

Rainer Wulff setzt eins drauf, schon stilistisch mit seiner Betrachtung zur Frage „Warum brauchen wir eigentlich Berge?“ Aber Wulff ist vor allem als dienstältester Stadionsprecher im Profifußball zur Lesebühne geladen und präsentiert sich im T-Shirt „St. Pauli Fans gegen rechts“ – so viel zur Wahl! Seit 1986 schiebt Wulff beim FC St. Pauli Dienst, mehr als 500 Spiele hat er in seiner „Wochenendwohnung“ begleitet, vier davon mündeten in Aufstiegsfeiern. Wulff meidet, das hebt ihn ab, das Kriegerische der Fußballsprache. Während die Homepage des Kiezclubs für Montag Fortuna Düsseldorf als Gegner ankündigt, spricht Wulff von Gästen – „das meine ich ganz ernst“.

Da klingt ein wenig eine ganz andere Seite des 70-Jährigen durch, den Senioren als Journalisten mit 37 NDR-Dienstjahren kennen („Fünf-Uhr-Club“!). Wulff ist heute als Autor, Moderator und Juror bei Operngalas und -wettbewerben gefragt. Bei seinem letzten Lüneburg-Besuch schrieb er ein großes Feature zum Theater.

Kicken und Oper, das passt nicht zusammen? Doch: „Freudigen Jubelruf lasst heut erklingen“, wird der Chor des Lüneburger Theaters morgen, Sonnabend, singen – auf Italienisch. „Freude schöner Fußballzauber“ stimmt am Montagabendder St.-Pauli-Fanchor an, wenn es gut läuft auf dem Rasen.

Die nächste Längs-Lesung im Salon Hansen – vermutlich sportfrei – folgt Mittwoch, 16. Oktober, und startet wie immer mit Wodka/Brausepulver.