Donnerstag , 29. September 2016
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Ulrich Koch, ein Lyriker aus Radenbeck, der sich dem Literaturbetrieb verweigert.
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Ulrich Koch, ein Lyriker aus Radenbeck, der sich dem Literaturbetrieb verweigert. Foto: oc

Mit Worten die Zeit aufheben

oc Radenbeck. Ulrich Koch hat sich das gut überlegt. Er hat ein Stück Anonymität aufzugeben. Links und rechts des Reetdachhauses in Radenbeck kennt man ihn als Nachbarn, als Hamburger Unternehmer, als Familienvater, vielleicht als Freizeitkicker. Aber nicht als Schriftsteller. Und schon gar nicht als einen, der sich auf Lyrik spezialisiert hat, jenes Orchideenfach, wie es der Autor Thomas Kling nannte. Ulrich Koch hat sich seit seinem ersten Buch 1995 einen hervorragenden Ruf erschrieben, er hat Preise bekommen, zustimmende Rezensionen in der Fachpresse – sich aber rar gemacht in der Region. Aber nun bittet Koch hinein in die aufgeräumte Wohnküche mit großem Tisch, Holzbank und Blick ins Grüne.

Der 46-Jährige führt zwei Leben, die wollen in Balance gehalten sein. Koch ist Co-Geschäfsführer eines mittelständischen Unternehmens, er vermittelt Fachkräfte im Bereich der Pflege. Das fordert und ernährt. Zuvor studierte er Philosophie und Soziologie in Freiburg – und schrieb seit Ende der 80er-Jahre Lyrik, nie eine andere Form von Literatur. Koch fand früh schon Förderer. Martin Walser empfahl ihn, Hermann Peter Piwitt, und vor allem nennt er Arnold Stadler – „seine Hilfe war unschätzbar wichtig“.

Ulrich Kochs Weg durch das Literaturgeschäft ist untypisch. Er hangelte sich nicht von Stipendium zu Stipendium, er reist heute nicht von Lesung zu Lesung. Koch hat sich aus dem Getriebe ausgeklinkt, sicher nicht ganz, aber doch sehr entschieden. Natürlich knüpft auch Koch sein Netzwerk, er betreibt es online, da gibt es Seiten wie fixpoetry und die sogenannten sozialen Medien. Auf Veranstaltungen, auf denen der eine den anderen trifft, sieht man Ulrich Koch aber nicht. Als Lesender tritt er zudem eher selten in Erscheinung – im Sommer saß er mit Jan Wagner und Ursula Krechel auf dem Podium, vor wenigen Tagen in Dresden mit Elke Erb und Brigitte Struzyk. „Als ich ein Wunderknabe war / schüttelte ich die Streichholzschachtel der Sätze, / in der die Wünsche lagen, die Köpfe abgebrannt, / und verlief mich im Wald.“ Aus seiner Enttäuschung über den Literaturbetrieb sei mittlerweile Gelassenheit geworden, sagt Koch. Auch wenn er beklagt, dass Lyrik immer weniger wahrgenommen werde, auch kaum mehr von den großen Zeitungen. Lyriker betreiben eben so etwas wie eine Randsportart. Auf der anderen Seite gebe es heute mehr denn je gute Verlage, kookbooks nennt Koch und den poetenladen, in dem „Uhren zogen mich auf“ erschien, sein jüngstes Buch, aus dem das Zitat zuvor stammt.

„Wenn ich Gedichte schreibe, schreibt der Leser schon mit“, sagt Ulrich Koch. Die Offenheit, das Fremde, Surreale, Irritierende und Verführende, die Vielbödigkeit – all das liegt in seinem Schreiben und findet einen eigenen Widerhall beim Lesenden. Der Begriff des Verstehens sei zu eng gefasst, sagt Koch, er wünscht sich bzw. seinen Lesern einen neugierigen, angstfreien, spielerischen Zugang zur Lyrik.

Das hilft. Wirklich. Koch, in Winsen geboren, knüpft in seinen Gedichten oft im Hier und Jetzt an, ebenso häufig an Bildern aus der Kindheit, aus der Erinnerung und der Lebensumwelt, sie blitzen auf und werden fortgerissen. Kochs Gedichte können knapp sein, eben extrem verdichtet, aber es gibt auch solche, die sich wie im Furor steigern. Es gibt so etwas wie zur Poesie gehobene Fundstücke des Alltags, es findet sich Lakonie, das zum Klang werdende Spiel mit dem Wort („Schwerchen. Lalben“), das Drehen vertrauter Wendungen, wenn die Segel den Wind kühlen, und immer wieder schöpft Ulrich Koch aus dem Alltag verblüffende Bilder stiller Atmosphäre. Das Gedicht kann Zeit aufheben und Sinn vervielfachen bis ins Abstrakte. Bei Ulrich Koch geschieht das auf eine Weise, die wie Lebensbegleitungsmusik funktioniert, die wir immer wieder hören, weil sie eine tiefere, durchaus Melancholie-haltige Schicht des Lebens zum Schwingen bringt.