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Es gibt ein Leben nach der Post

uhl Lüneburg. 30 Jahre hat er bei der Post gearbeitet, er hat sie nach dem Krieg quasi mit aufgebaut. Und dann der Schock direkt aus der Chefetage: Er, Hans-Hermann Thielke, Postbeamter aus Leidenschaft und bereit für neue Herausforderungen, soll laut seinem Vorgesetzten Deutschland mit seinen Visionen wieder ganz nach vorne bringen — nur eben nicht bei der Post. So die schmeichelhafte Kündigung. Gibt es ein Leben nach der Post?

Für Thielke schon, der weiß nämlich, wo seine Stärken liegen: Als neuer Stern am Showbusiness-Himmel sieht er für sich eine glamouröse Zukunft. In der nahezu ausverkauften Kulturscheune konnten die Gäste den durch und durch adrett-biederen Beamten aus dem mittleren nichttechnischen Dienst in „Jetzt oder nie!“ auf seinem nur in seiner eigenen Wahrnehmung rasanten Weg zum Erfolg begleiten.

Denn für den Ex-Postler geht es steil bergauf: rein in die von der Arbeitsagentur organisierte Aufbaugruppe 50+ mit allmorgendlichem Motivationslied, Typberatung (er trägt jetzt eine neue Brille aus hochprozentigem Altglasanteil), und rein ins wilde Leben, er werde seinen Fernseher jetzt auch von der anderen Seite kennenlernen: „Da stimmt auch das Geld.“

Nur in Lüneburg noch nicht, da trete er noch auf Ein-Euro-Basis auf. Thielkes selbst zusammengestelltes Showprogramm, ganz im Stile „Beamter auf Abwegen“, ist eine wilde Mischung aus schrägen, bestenfalls ohrenbetäubenden Gesangseinlagen, mal im Country-Style, mal gerappt, halsbrecherischen Minimaltanzeinlagen auf dem Bürostuhl oder einem bombastischen Jonglage-Auftritt — mit zwei bis drei Tüchern.

Dazwischen weiß der selbsternannte Showmaster sein Publikum mit seinen kruden Geschichten zu unterhalten, in denen der altbekannte, sich immer wieder verzettelnde Postbeamte einfach nicht verschwinden möchte: Von dem Marder, der es sich in seinem Ford Fiesta gemütlich gemacht hat und den er nicht mehr los wird, weil der Tierschutzverein sein Auto per einstweiliger Verfügung zum Naturschutzgebiet erklärt hat. Da bliebe ihm nur noch eine Räumungsklage, indem er Eigenbedarf anmeldet.

Oder von seinen Erkenntnissen bezüglich der Wiedergeburt von Tieren. Die habe er aus einer esoterischen Fachzeitschrift für Postbeamte. Vielleicht wären er und sein toter Fisch ja mal Kollegen am Schalter geworden.

Um seine Gäste so richtig in Stimmung zu bringen, schickt er ihnen ganze Salven an Witzen ála „Kommt ein Mann zum Arzt…“, praktisch per Eilpost, doch so stocksteif vorgetragen, dass wirklich jeder lachen muss. „Spaß muss sein“, weiß Thielke und wedelt mit dem Witzebuch, dass er dem Publikum wärmstens ans Herz legt.

So charmant harmlos, aber zum Brüllen lustig der Komiker und Kabarettist Helmut Hoffmann sein Alter Ego Thielke im gelben Pullunder und mit messerscharfem Scheitel auch auf die Bühne bringt, so wenig mag dessen Ausflug in die Welt der Stars funktionieren. Die Lacher hatte Thielke mehr als penibler Postbeamter auf seiner Seite, weniger als gewollt schlechter Sänger. „Zugabe heißt bei der Post Überstunden“, kommentierte er am Ende des Abends den Applaus. Zu viele Überstunden musste er nicht machen.