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Mit seinem vierten, mittlerweile ins Deutsche übersetzten Roman "Flut" gelang Daniel Galera eine eindrucksvolle Schilderung des modernen Brasilien.
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Mit seinem vierten, mittlerweile ins Deutsche übersetzten Roman "Flut" gelang Daniel Galera eine eindrucksvolle Schilderung des modernen Brasilien. Foto: t&w

Eine Frage der Wahrnehmung

ivw Lüneburg. Begleitet von Beta, dem depressiven Schäferhund seines Vaters, begibt sich der namenlose Protagonist aus Daniel Galeras jüngst erschienenem Roman „Flut“ auf die Suche nach dem Familiengeheimnis, das sich um seinen Großvater webt. Sein Weg führt ihn nach Garopaba, ein südbrasilianisches Fischerdorf, in dem sein Opa bis zu seinem Tod lebte. Dort lässt er sich zunächst in einem Haus unmittelbar am Meer nieder, arbeitet als Schwimmlehrer, lernt sogar eine Frau kennen und geht nach und nach seiner Familiengeschichte auf den Grund.

Seine Suche ist jedoch von Hindernissen geprägt, da er selber ein Handicap hat: Da er bei der Geburt zu wenig Luft bekam, leidet er seither an Prosopagnosie, einer seltenen Form der Gesichtsblindheit und kann dadurch noch nicht einmal sein eigenes Antlitz im Spiegel wiedererkennen.

Einsamkeit, Sehnsucht, Identität, Wahrnehmung und Selbstfindung sind die Leitthemen von „Flut“. Der Brasilianer Daniel Galera, 1979 in Sao Paulo geboren, lebt heute in Porto Alegre und hat bisher Erzählungen und eine Graphic Novel veröffentlicht. „Flut“ ist sein viertes Buch, sein erstes in deutscher Übersetzung.

Kerstin Fischer vom Literaturbüro Lüneburg freute sich, mit einem Autor des Gastlandes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse die Lüneburger Reihe „grenzenlos 2013“ im Heinrich-Heine-Haus eröffnen zu können. Den Abend moderierte Galeras Lektor Frank Wegner vom Suhrkamp Verlag. Der Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner übernahm die Lesung der deutschen Textpassagen, da er auch „Flut“ vom Portugiesischen ins Deutsche übertragen hatte.

„Flut“ erfreut sich in den Feuilletons großer Beliebtheit und ist ein schnörkelloser und kraftvoller Roman, der ein modernes Brasilien nachzeichnet. Abenteuer-Roman, Spannungsgeschichte, Thriller, Familienepos, philosophische Erzählung, existentielle Parabel, Mythos, all dies verschmilzt in diesem Roman zu einer großen Geschichte — der Geschichte nach der Suche nach seinen Wurzeln und somit der Suche nach sich selbst.

„Flut“ lässt sich nicht leicht ergründen und übt gerade darin seine Faszination aus. So ist der Roman geprägt von einer melancholischen Einsamkeit, die überhaupt nicht monoton erscheint, da sich die Welt dem Protagonisten — bedingt durch seine Wahrnehmungsstörung — anders offenbart und sich seinen Sinnen anders zeigt. Es ist ein „anderes Sehen“ der kleinen Dinge in ihrem Detailreichtum mit ihren feinen Nuancen, die den Leser in einen Bann zieht. Somit ist der Roman nahezu philosophisch-phänomenologisch durchsetzt, da es um die Frage nach der Wahrnehmung geht. Galera meinte: „Wir leben gefangen in bestimmten Wahrnehmungen“.

Der nächste Gast der Literaturreihe „grenzenlos 2013“ am Freitag, 11. Oktober, 20 Uhr ist Eshkol Nevo. Der Israeli stellt im Heinrich-Heine-Haus seinen aktuellen Roman „Neuland“ vor.