Dienstag , 27. September 2016
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Pastor Dr. Matthias Schlicht berichtet als Kabarettist von einer erkalteten Gesellschaft. Foto: nh
Pastor Dr. Matthias Schlicht berichtet als Kabarettist von einer erkalteten Gesellschaft. Foto: nh

Glaubenstattoos in der Eisfabrik

ff Lüneburg. Gerade sitzt Dr. Matthias Schlicht in einem Café auf Föhr. Er genießt seinen Urlaub und lauscht ein bisschen, was am Nachbartisch so verhandelt wird. Da sitzen Damen durchweg höheren Semesters, die ihre Tablet-PCs gezückt haben und nun googeln, was es heute zum Abendessen gibt. Das wäre schon wieder reichlich Stoff für den Pastor, denn Schlicht ist nicht nur Seelsorger, sondern auch Kabarettist. Am Freitag, 18. Oktober, gastiert er um 19 Uhr in St. Stephanus, das ist auch eine Rückkehr: Schlicht war sieben Jahre lang Pastor in Bardowick und in Lüneburg Mitbegründer der „Talartisten“.

Das Kirchenkabarett-Ensemble, das in seinen besten Zeiten an zwei Tagen hintereinander die Konzertscheune des Kulturforums füllte, gibt es längst nicht mehr. Die Talartisten verstreuten sich in alle Winde, Matthias Schlicht machte als Solist weiter.

Nach seiner Lüneburg/Bardowick-Zeit wechselte der gebürtige Jesteburger als Studentenpfarrer an die TU Clausthal, war anschließend Studiendirektor im Predigerseminar Kloster Loccum, dann Wissenschaftler an der TU Clausthal. „Seit 2011 bin ich wieder ein richtiger Pastor, in der St.-Paulus-Gemeinde Buxtehude“, sagt Schlicht, „es ist schön, wieder im Norden zu sein.“

„So ein- bis zweimal im Monat“ geht Pastor Schlicht auf die Kleinkunstbühne, Material für seine Solo-Auftritte findet er genug, „das Leben ist so bunt und reich, da muss man sich nur ein bisschen umschauen, was vor und hinter den Kirchenmauern so alles passiert. Und in Verbindung mit dem Glauben bekommt Kabarett noch einmal einen ganz anderen Horizont, das macht seinen Charme aus.“

Auf seiner aktuellen Live-CD „Nun aber“ (2012), aufgenommen im „ka:punkt“ Hannover, singt Matthias Schlicht von der „spätrömischen“ (also heutigen) Dekadenz, er erzählt von Glaubenstattoos und von jenen jährlich wiederkehrenden Demutsübungen, die das Erwerben, Aufstellen und Schmücken eines Tannenbaum erfordern. Man könnte meinen, ER hätte sich dieses Ritual ausgedacht, um seine Schäfchen ein bisschen zu disziplinieren.

Bei Tietjen hat der Kirchenkabarettist auf dem roten Sofa gesessen, Rainer Sass ludt ihn zum Kochen ins NDR-Studio, und generell freut sich der promovierte Theologe darüber, dass die Rundfunkleute ab und zu mal bei ihm nachfragen, wenn es um kirchliche Belange geht. „Ich hoffe“, so Schlicht, „dass es nicht nur daran liegt, dass es für den Sender bis Buxtehude nicht so weit ist“.

„Eisfabrik“ heißt das neue Programm von Matthias Schlicht, es handelt von einem seltsamen Widerspruch: Das Wetter wird immer wärmer, das Klima zwischen den Menschen immer kälter. „Andererseits“, so Schlicht, „wenn man mal miterlebt, was in einem evangelischen Seminar für Ehepaare los ist…“. Allerdings entsteht da wohl vor allem Reibungshitze.

Apropos: Der Auftritt in St. Stephanus ist eine Veranstaltung des Fördervereins Ehe- und Lebensberatung. Karten gibt es nur an der Abendkasse.