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Lily (Silvia van Spronsen) und Michael (Olaf Schmidt) entdecken gemeinsame Lebenseinsichten. Foto: theater
Lily (Silvia van Spronsen) und Michael (Olaf Schmidt) entdecken gemeinsame Lebenseinsichten. Foto: theater

Es ist nie zu spät, Leben zu spüren

oc Lüneburg. Der Sonnenuntergang malt die schönsten Farben und schenkt das intensivste Licht des Tages. Er scheint die Zeit und alle Stürme noch einmal anzuhalten, bevor es endgültig Nacht wird. Der Sonnenuntergang macht still, er ist schön und stimmt melancholisch. Für Lily Harrison, die 68 Jahre zählt oder doch ein paar Jahre mehr, die längst allein lebt und sich nun einen Tanzlehrer ins Haus bestellt, für Lily also setzt Bühnenbildner Peter Engel eine große runde dunkle Sonne vor blauen Himmel. Noch einmal soll das Leben seine herzerwärmende Seite zeigen, und so geschieht es denn auch in Richard Alfieris Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“, das nun im T.NT des Theaters Lüneburg eine lang gefeierte Premiere erlebte.

Das Stück um die einsame alte Lehrerin und den jungen Tanzlehrer ist das erfolgreichste des 1948 geborenen amerikanischen Autors, übersetzt in zwölf Sprachen, gespielt in 20 Ländern. Die Lektionen von Swing bis Rock’n’Roll firmieren als Boulevardkomödie, das ist wichtig zu wissen. Denn es wird dick aufgetragen: Keine mögliche Pointe über Tanz als Sexersatz wird ausgelassen, Sprache und Dialoge geizen nicht mit Drastik, und das reichhaltige Repertoire an Sentiment neigt zum Rührseligen. Trotzdem – oder deswegen?! – funktioniert das Stück hevorragend.

Diese „Tanzstunden“ sind ein Mitbringsel. Olaf Schmidt, Lüneburgs neuer Ballettchef, hat es mit Silvia van Spronsen bereits in Regensburg gespielt. Nun hat Regisseur Lars Helmer den Zusammenprall eines auf den ersten Blick unvereinbaren Paares für das T.NT eingerichtet. Da ist also Lily Harrison, ex-Lehrerin, Witwe eines Baptistenpredigers, mit dem sie sich seit dessen Tod wieder gut versteht. Ihre einzige Tochter starb zu früh, und bevor sich Lily völlig in Einsamkeit einschrullt, erinnnert sie sich an die Zeiten ihrer Lebensfreude – sie will noch einmal tanzen! Silvia van Spronsen spielt Leid und Sehnsucht dieser Frau mit allen denkbaren Tiefenschichten. Sie zeigt Lily, die aufblüht, als würde sie endlich und endgültig einen Kokon sprengen, damit das Leben ihr einen würdigen Sonnenuntergang spendiert.

In Lilys Haus platzt Michael Minetti: jung, voll aufgesetzter Fröhlichkeit, frech und impulsiv. Noch vor dem ersten Swingstep knallt er Lily „Verknöcherte, alte Schachtel!“ an den Kopf, was nur mit Mühe nicht zum Abbruch der noch gar nicht wirklich aufgenommenen Arbeitsbeziehung führt. Doch die Tanzpartner spüren bald, dass sie sich ähnlicher sind, als sie wahrhaben wollen. Denn auch Michaels Fassade zeigt Risse. Er ist schwul, kämpft gegen Vorurteile, um das Überleben in der Tanzwelt und wie sie um eine Nische für das Lebensglück. In Olaf Schmidts agiler Darstellung der Figur ist der Tänzer Schmidt immer deutlich spürbar, Schmidt deutet auch das Schwulsein der Figur bis in die Gestik hinein an, ohne ins Karikierende abzurutschen.

Die Szene um Szene, Tanz um Tanz sich entwickelnde Freundschaft rückt Lebenslügen und Lebensbeichten immer mehr in den Vordergrund. Ein paar Drehungen zu viel tischt Autor Alfieri dabei mit den wiederholten Drohungen zum Abbruch der Tanzbeziehung auf. Aber van Spronsen und Schmidt halten wie im Tanz die Balance zwischen Klamauk und Humor, Herz und Schmerz. Das Publikum reagiert begeistert, Karten für diesen Abend werden schnell rar.