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Thomas Dorsch stellt ein neues Klangkonzept vor und nennt es Norddeutsche Kammerakademie.
Foto: t&w
Thomas Dorsch stellt ein neues Klangkonzept vor und nennt es Norddeutsche Kammerakademie. Foto: t&w

Spannender als „Tatort“

oc Lüneburg. Dieses Konzert war nicht einfach ein Konzert. Dieser Abend im Theater Lüneburg bot eine Premiere und noch mehr als das. Dirigent Thomas Dorsch stellte bei seinem ersten Meisterkonzert als Chef der Lüneburger Symphoniker ein ehrgeiziges, reizvolles und dazu äußerst spannendes Konzept vor. Dorsch gibt dem Kind auch einen Namen: Die Symphoniker firmieren künftig bei gegebenem Anlass als Norddeutsche Kammerakademie Lüneburg. Das ist eine inhaltliche Ansage und eine, die über die Grenzen der Stadt weist. Denn die Kammerakademie soll sich einen Namen in der Musikwelt machen. Das könnte gelingen, die Klasse dafür ist da. Das bewies jedenfalls Abend Nummer eins.

Thomas Dorsch hat sich überlegt, für welche Musik ein mit 29 Planstellen eher kleines Orchester eigentlich ideal ist. Ausgemacht hat er die Zeit, die sich mit Begriffen wie Spätbarock und Wiener Klassik umreißen lässt und mit Namen wie denen der Bach-Söhne sowie Mozart, Haydn und auch noch Beethoven. Da also geht die kammerakademische Reise hin, und weil das Ziel eine durchaus häufiger bereiste Region ist, möchte Thomas Dorsch die Musik möglichst so präsentieren, wie sie original klang. Das ist selten zu erleben und sinnvoll. Für die Reise hat Dorsch Verbündete, einer spielte – wohl nicht nur zum Start – eine wichtige Rolle: Gerrit Zitterbart am Hammerflügel.

Der Orchesterklang wandelt sich, er wird akzentuierter, dynamischer, in den Stimmfarben durchlässiger. Alles Behäbige, alles Gemütliche, alles Schwelgerische, also alles, was Mozarts Musik und die seiner Kollegen vermozärteln und verwässern könnte, wird fortgeblasen. Der Wandel ist auch zu sehen: Die Geigen sitzen sich gegenüber, die Celli rücken dahinter, das mögen Nuancen sein, aber sie helfen, den Sound zu schärfen.

Thomas Dorsch ist ein bestechend genauer Dirigent, der in die Musik förmlich hineintaucht und das Orchester bis in die Körpersprache mitreißt. Zur Krönung an diesem Abend wird die zweite Beethoven-Symphonie, die Dorsch frei dirigiert und zu einem Stück Musik formt, das in Sachen Spannung dem sonntäglichen „Tatort“ gewachsen ist. Faszinierend, was für eine Fülle an Facetten noch im stürmischsten Brausen hörbar bleibt. Tolle Arbeit von Orchester und Leiter!

Zuvor stand Gerrit Zitterbart im Zentrum. Er zählt seit Jahrzehnten zu den Top-Tastenspezialisten im Land, lehrt seit 30 Jahren in Hannover und konzertiert seit zehn Jahren verstärkt auf Hammerflügeln, jenem Instrument, das noch die Silbrigkeit des Cembaloklangs besitzt und noch nicht mit Hall und Volumen des Flügels klotzt. Zitterbart spielte Continuo bei Werken der Bach-Söhne Carl Philipp Emanuel und Johann Christian, trat als versierter und sicherer Gestalter mit Mozarts A-Dur-Konzert (KV 488) in den Vordergrund. Dorsch sorgte für eine fast durchweg angemessene Abstimmung, die vor allem im Adagio zu herzwärmender Gemeinsamkeit von Solo und Tutti führte.

Auszuzeichnen wusste sich mit zwei Konzertarien die Sopranistin Heidrun Blase, und Moderator Rudolf Krieger (NDR) gab wert- und humorvolle Hinweise zu den Werken und zum Kammerakademie-Konzept. Bei einem Weihnachtskonzert am 21. Dezember werden sich die am Ende begeistert gefeierten Symphoniker im Theater wieder in Klangakademiker verwandeln. Vorher geschieht das andernorts, schon am 26. Oktober in Wismar. Allein für den Beethoven lohnt die Reise, und die St. Georgen-Kirche ist ja als prominente Vertreterin der Backsteingotik auch ganz schön.