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Abbas Khider, in den 90er-Jahren im Irak in Haft, lebt heute in Berlin und schreibt Romane, in denen er auch seine eigene Geschichte verarbeitet.
Foto: t&w
Abbas Khider, in den 90er-Jahren im Irak in Haft, lebt heute in Berlin und schreibt Romane, in denen er auch seine eigene Geschichte verarbeitet. Foto: t&w

Jeder hat eine Geschichte

oc Lüneburg. Wer aus seiner Heimat gezwungen wurde, wird dieses Trauma lebenslang nicht los. Autor zu sein ist da als kleines Glück im großen Schmerz zu werten. Autoren haben immerhin die Sprache, die ihnen Wege des Verarbeitens öffnet. Herta Müller, um ein Beispiel zu nennen, hat sich bis zur Nobelpreisreife an der Unterdrückung in Rumänien abgearbeitet. Rafik Schami beschwört als nostalgisch Fabulierender Farben und Gerüche seines verlorenen Damaskus. Abbas Khider, der zwei Jahre Haft im Irak überstand, schickt nun einen „Brief in die Auberginenrepublik“, die seine Heimat ist. Khider eröffnete die LiteraTour Nord in Lüneburg, im gut besuchten Heine-Haus, vorgestellt von Prof. Dr. Sven Kramer.

Khider, geboren 1973, landete auf Umwegen vor 13 Jahren in Deutschland. Er studierte in München und Potsdam, lebt in Berlin und hat nach „Der falsche Inder“ (2008) und „Die Orangen des Präsidenten“ (2011) den dritten Roman vorgelegt. Khider schreibt auf Deutsch, seine Geschichten docken an seiner Biographie an und verselbstständigen sich. Der „Brief“ ist der eines Geflohenen an seine Geliebte, geschrieben 1999, der Brief wird von Kurieren von Gaddafi City im libyschen Bengasi nach Saddam City im irakischen Bagdad transportiert, vermeintlich vorbei an der Zensur. Khider gibt dabei den Kurieren, Menschen zwischen Libyen, Ägypten und Irak, ein Gesicht und eine Erzählung sowie einen Alltag, auch jenseits von Terror und Gewalt.

Typisch für Khiders Schreiben sind neben einer sehr direkten Sprache die kleinen, fast anekdotischen, skurril scheinenden Geschichten, die für eine Art Alltagswitz stehen, mit denen Menschen ihrer mehr oder minder ausweglos erscheinenden Situation begegnen. Deutlich wird aber auch so etwas wie die Banalität des Bösen, das sich in jeder Diktatur austobt – mit Terror, Folter und Korruption. „Die Menschen sind Schrauben im System, das System beschädigt die Menschlichkeit“, sagt Khider und öffnet mit seinen Erzählungen Abgründe, die aus der deutschen Geschichte nur zu vertraut sind.

Dem Autor bleibt die Literatur: „Sie ist die beste Methode gegen Verbrechen und Traurigkeit.“ Khider, der zwischen den Welten lebt, der seine Texte mit großen Gesten ins Szenische zu heben scheint, bekommt die Literatur gut. Er hat sich mit ihr behauptet, er bekam 2013 den Hilde-Domin- und den Nelly-Sachs-Preis und wird weiter Geschichten schreiben, in denen die Menschlichkeit und die Lust am Leben stärker ist als alle Gewalt.