Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Gutgelaunte Partner: Jelena Volic und Christian Schünemann stellen im Heine-Haus ihren ersten gemeinsamen Krimi vor. Foto: t&w
Gutgelaunte Partner: Jelena Volic und Christian Schünemann stellen im Heine-Haus ihren ersten gemeinsamen Krimi vor. Foto: t&w

Expedition nach Belgrad

ff Lüneburg. Zwei Soldaten brechen am 11. Juli zu einem Kontrollgang in eine Parkanlage auf. Am Morgen des 12. Juli, und das ist ein authentischer Fall, werden sie tot aufgefunden. Die Ermittlungen des Militärgerichts ergeben: Sie haben sich hingerichtet, als Opfer des Selbstmordrituals einer Sekte. Das ist nicht unbedingt glaubwürdig, die Toten gehörten einer Eliteeinheit an, ihre Patrouille führte durch den Park Topcider der serbischen Hauptstadt Belgrad. Außerdem: Ohne Einwirkung von außen wäre die Sache erledigt und keinen Krimi wert. Den aber haben Jelena Volic und Christian Schünemann geschrieben: „Kornblumenblau“, eine Geschichte aus einer heftig umkämpften Region, nun als Auftakt des 4. Lüneburger Krimifestivals im Heine-Haus präsentiert.

Kornblumenblau ist die Uniform der serbischen Eliteeinheit. Und so blauäugig müssen wohl jene sein, die allen Ernstes glauben, dass hier zwei hartgesottene Gardisten, aus nächster Nähe erschossen, freiwillig aus dem Leben geschieden sind — zumal das Datum auf den Jahrestag des Massakers von Srebrenica im Bosnienkrieg fällt.

Zumindest literarisch wurde der Fall jetzt neu aufgerollt, und zwar von einer serbischen Literaturprofessorin und einem Münchner Krimi-Autor. In der von Natascha Freundel moderierten Lesung schilderten die beiden recht ungleichen Partner die Entstehung ihres Projektes, das wohl den Auftakt für eine ganze Belgrad-Reihe bildet.

Christian Schünemann, Autor der Krimi-Reihe um den Starfrisör und Hobbydetektiv Tomas Prinz, arbeitete in Moskau als Immobilienmakler, besuchte die Journalistenschule und stellte fest, dass ihm Schreiben mehr Spaß macht als das Recherchieren. Das besorgt meistens Jelena Volic, beide lernten sich übrigens auf dem Kölner Karneval kennen.

Und so schilderten sie zur Freude des Publikums im Heine-Haus, wie hier zwei unterschiedliche Charaktere gemeinsam an einem Buch schreiben: Die orts- und geschichtskundige Wissenschaftlerin, die nie um Daten und Fakten verlegen ist, hier noch einen Querverweis findet und dort noch eine anekdotenreiche Episode — und der journalistisch geschulte Krimi-Autor, der sich bemüht, aus diesem Konvolut eine knackige Story zu machen und gezwungen ist, manch schöne Randgeschichte zu einem einzigen Absatz zusammenzudampfen.

Im Auftrag der Eltern der jungen Soldaten also beginnt der Anwalt Sinisa Stojkovic zu ermitteln. Er bittet seine Freundin Milena Lukin, Spezialistin für internationales Strafrecht, um Unterstützung. Schnell wird klar: Die Wahrheit war ganz anders. Doch die Behörden mauern, Militärs und Politiker halten sich bedeckt. Milena Lukin gerät in Lebensgefahr, die beiden Gardisten hatten etwas gesehen, was sie nicht sehen durften. Ein „politisches Buch“, so Volic und Schünemann, hatten sie nicht schreiben wollen, sondern eben einen Krimi. Aber in Belgrad, in einer Region, in der Regierungen zerfallen und sich neue (meist illegale) Machtkonstellationen bilden, spiele der Balkankrieg eben doch eine zentrale Rolle.

Nächster Termin des von der Buchhandlung Lünebuch veranstalteten Krimifestivals: Montag, 28. Oktober, 20 Uhr, kommt Volker Kutscher mit seinem Roman „Die Akte Vaterland“ in das Glockenhaus.