Donnerstag , 29. September 2016
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Prof. Dr. Michael Tsokos stieß bei seinem Bericht aus einer ziemlich gruseligen Welt auf großes Interesse. Foto: t&w
Prof. Dr. Michael Tsokos stieß bei seinem Bericht aus einer ziemlich gruseligen Welt auf großes Interesse. Foto: t&w

Arbeitsplatz mit Leiche

ca Lüneburg. Der Tod, gerne sehr grausam, ist heute ein ständiger Begleiter. Denn es wird viel gestorben, ob in Kriminalromanen, im Tatort, beim Polizeiruf oder bei allen Varianten von CSI. Bei der US-Serie stehen schöne Ermittlerinnen im schicken Kostüm und auf Zehn-Zentimeter-Absätzen neben einer Leiche und analysieren die Todesursache. Tagelang kann da ein Körper auf dem Sektionstisch liegen. Die Fernseh-Koryphäen müssen keine empfindliche Nase haben. Denn der Tod ist anders, er riecht, Haut und Organe zersetzen sich, faulen. Er ist noch hässlicher und böser, wenn das Opfer erschlagen, zerhackt oder ertränkt wurde. Da trägt ein Ermittler besser Handschuhe und Schutzkleidung, auch um Spuren nicht zu zerstören.

Es ist die Welt von Prof. Dr. Michael Tsokos, er leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Der Wissenschaftler, Chef von 100 Mitarbeitern, genießt weltweit einen guten Ruf, sein Rat ist gefragt, unter anderem hat er 2004 nach der Tsunami-Katastrophe in Asien geholfen, deutsche Opfer zu identifizieren. Jetzt sprach Tsokos auf Einladung von Lünebuch im Rahmen des Lüneburger Krimifestivals vor rund 350 Zuhörern in der Uni.

Er sei ein heiterer Mann, sagte Tsokos, für Menschen mit Depressionen sei die Gerichtsmedizin nichts. „Schicksale rühren mich an, aber ich kann daran nichts ändern“, sagte der 46-Jährige. „Ich kann Opfern nur einen Dienst erweisen, wenn ich Beweise sammle.“

Das tut er. Er beschreibt den Fall des „Puzzlemörders“ in seinem aktuellen Buch „Die Klaviatur des Todes“: Angler finden einen über und über tätowierten Rumpf. Der Polizei gelingt es, anhand der Bilder die Identität des Mannes zu klären. Bald tauchen weitere Teile des zerhackten Toten auf, die Berliner Zeitungen schreiben vom Puzzelmord. Auch der Kopf wird entdeckt. Tsokos und seine Kollegen finden heraus, dass der Täter sein Opfer unter anderem mit einer Axt erschlagen haben muss, die Verletzungen am Schädel sind massiv. Doch es ist nicht eindeutig zu klären, ob das Opfer schon nach dem ersten Schlag starb, damit fällt das Mordmerkmal Grausamkeit weg, der Täter wird schließlich wegen Totschlags verurteilt.

Mit Computertomographen, immer feineren Haar- und Giftanalysen können die Wissenschaftler feststellen, wie ein Mensch umgebracht wurde, das ist schwer zu ertragen. Es gebe keine Identifizierungen in der Leichenhalle, das sei Krimi, sagte Tsokos: „Das können Sie keinem Angehörigen zumuten.“ Der echte Tod kommt nicht als Unterhaltung daher. Das ist der Unterschied zwischen dem lustigen Tatort-Börne und den echten Gerichtsmedizinern.