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Wer war's? Es rätseln (von links) Regisseur Edward Cassel (Ulrike Gronow), Agatha Christie (Matthias Herrmann), Diva Sylvia West (Heiner Junghans) und Garderobiere Molly Preston (Thorsten Dara). Foto: theater/wege
Wer war's? Es rätseln (von links) Regisseur Edward Cassel (Ulrike Gronow), Agatha Christie (Matthias Herrmann), Diva Sylvia West (Heiner Junghans) und Garderobiere Molly Preston (Thorsten Dara). Foto: theater/wege

Hier ist niemandem zu trauen

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Ach, mal wieder Männer in Röcken, Frauen mit angeklebtem Bart. Das ist so „Charley’s-Tante-Tootsie“-mäßig, das gab’s doch nun schon tausendmal. Mag sein, aber Martin Pfaff entschied sich bei seiner neuen Regietat am Theater Lüneburg trotzdem für das Crossdressing und gab genau dadurch einer Krimikomödie, die sonst nicht über das Prädikat „ganz nett“ herauskommt, den entscheidenden Dreh. So wurde der Abend für Schauspieler und Publikum gleichermaßen zuem Vergnügen. „Agatha Christies Hobby ist Mord“ heißt das Stück, geschrieben hat es Florian Battermann, und zur Premiere gab es im voll besetzten Theater satten Beifall und einiges an Bravos.

Für die Schauspieler ist das Stück schon deswegen ein gefundenes Fressen, weil es im Theater spielt. Da lässt sich mit vertrauten Klischees und Marotten jonglieren, locken Spott und Selbstironie. Im Londoner Westend also wird für ein neues Stück von Agatha Christie geprobt, dafür hat Katja Turtl (Ausstattung) eine halbfertige Bühne mit vielen Treppen errichtet. Los geht es im Dunkeln, eine/r funzelt mit einer Lampe herum, eine/r fuchtelt mit einer Pistole. Es kracht, Starschauspieler Stanley West bleibt liegen. Seine Gemahlin rauft sich echauffiert das monroeblonde Haar, und schon ist der Regisseur zur Stelle. Der Mord im Mordsspiel liefert den Anlass, der bald die Dame Agatha Christie höchstselbst auf die Bühne treibt. Eigentlich wollte sie nur den Proben zuschauen, doch nun kann sie endlich einmal selbst Ermittlerin sein und nicht immer Miss Marple vorschicken.

Autor Battermann erzählt seine Krimikomödie mit viel Milieukenntnis der Theaterbranche und allerlei Wendungen, die am Ende überraschenden Charakter bekommen. Pfaff steigert in seiner Inszenierung einerseits das Komödiantische, er bremst es aber auch. Dass Frauen Männer spielen und umgekehrt, gibt manchem Dialog einen süffisanten Unterton, vor allem aber ist es ein Genuss, dem Team zuzusehen, wie es den Tausch von Kleidern, Gesten und Sprache anpackt und Varianten des ironischen Bezugs herstellt. Pfaff bremst die Komödie aber, weil er aus dem Stück eher Tempo herausnimmt als es anzuschärfen. Das passt nicht immer, ein paar Längen kommen schon zustande.

Wunderbar grotesk aber sind die Brechungen, in denen Pfaff das Geschehen plötzlich in musikalische Visionen abheben lässt, und er hat auch einen treffsicheren Sinn für das Absurde, für den schwarzen, sehr britischen Humor. So gibt Britta Focht als toter Stanley schon eine sehr schön schlackernde Leiche ab. Später kommt sie zurück in der Rolle des 14 Jahre jüngeren Gatten der Starautorin, ein Männchen von einem Archäologen. Die Prüderie, die körperlose Liebe zwischen beiden wird sehr schön schräg ausgespielt.

Matthias Herrmann spielt die Agatha absolut königinnmütterlich, Handtasche schwingend, trocken im Humor und auf fast stoische Weise hintergründig. Nach vorn heraus spielen dürfen dagegen Heiner Junghans und Ulrike Gronow – in dankbaren Rollen. Heiner Junghans gibt die exaltierte Sylvia West, posiert in jeder Szene, lässt den Rest der Welt die Launen einer Diva spüren, die voll und ganz im Moment lebt. Junghans vollbringt dabei schon artistische Aktionen und spielt zur Premiere den Pumps die Hacken ab. Ulrike Gronow poltert als eitler Regisseur durch die Kulisse und lässt stimmgewaltig die Marotten eines um sein Ego kreisenden Kreativen mit Schmackes auf den Punkt kommen.

Aus den Kulissen schleichen zwei recht undurchsichtige Gestalten herbei. Claudia Grottke spielt einen konsequent verdrucksten Inspizienten, einen schönen Jüngling, der mit hochgezogenen Schultern allen Anforderungen – auch körperlicher Art – entgegenzittert. Er wirkt, als hätte man ihn am Bahnhof aufgeklaubt. Thorsten Dara dagegen humpelt als schrumpelige Garderobe Molly Preston auf die Bühne, eine lauernde Alte mit dunkler Geschichte, der traut man nicht bzw. alles zu.

Sie alle formen einen Abend, der rund ist, ein bisschen spannend, ein bisschen hintersinnig und viele bisschen witzig.