Donnerstag , 29. September 2016
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Boris Aljinovic las den deutschen Text des Romans von Val McDermid (Mi.); Margarete von Schwarzkopf moderierte den Abend. Foto: t&w
Boris Aljinovic las den deutschen Text des Romans von Val McDermid (Mi.); Margarete von Schwarzkopf moderierte den Abend. Foto: t&w

Schotten schimpfen härter

ele Lüneburg. Sie feierten an diesem Abend das Ende einer gemeinsamen Reise: Nach etlichen Tagen Lesetournee war Lüneburg die letzte Station für die schottische Autorin Val McDermid, den Schauspieler Boris Aljinovic und die Moderatorin Margarete von Schwarzkopf. Val McDermid, die im Rahmen des Krimifestivals nach Lüneburg kam, wurde vom Publikum wie ein Popstar gefeiert. Sie gilt immerhin als eine der ganz Großen der internationalen Krimiszene. Die Schottin las im ausverkauften Gesellschaftshaus der Psychiatrischen Klinik aus ihrem aktuellen Roman „Der Verrat“.

In McDermids neuem Werk wird auf zwei Zeitebenen die Geschichte der Ghostwriterin Stephanie Harker erzählt: Tatenlos muss die Britin an einem US-amerikanischen Flughafen zusehen, wie das Kind, das sie begleitet, entführt wird. Die Idee kam – wie oft bei der Autorin – aus dem wahren Leben. Vor etlichen Jahren reiste sie mit ihrem damals sechs Jahre alten Sohn in die USA. Da sie nach einer Operation Metall im Knie hatte und deshalb der Detektor piepste, wurde sie in eine Kabine geschickt, um weiter untersucht zu werden. „Das Kind durfte nicht mit“, erzählte die Autorin kopfschüttelnd. „Als ich lange auf die Beamtin wartete, und niemand sich in dem überfüllten Flughafen um den Kleinen kümmerte, ist die Idee für das Buch entstanden“.

Den Abend moderierte stets souverän Margarete von Schwarzkopf, die sich als „Rote Rosen“-Fan outete und die Stadt Lüneburg für ihre Schönheit mehrmals lobte. Sie meinte, dass McDermid „Ideen aus der Luft saugt“ und lobte den Sinn für Humor der Autorin, der parallel zur Faszination für die Abgründe der Seele eine wichtige Rolle in ihren Büchern spielt. „Das hier ist eine schottische Charakteristik“, ergänzte Val McDermid und präzisierte: „Wir sind keine Engländer, unsere Bücher kommen nicht aus der englischen Tradition. Bei uns herrscht eine starke Bipolarität, man kann die schlimmsten Taten begehen und kommt trotzdem in den Himmel“. Die Abgründe der Seele würden stets mit einem subtilen schwarzen Humor hervorgehoben. Das habe mit der Geschichte des Landes zu tun: „Die Strenge des Presbyterianismus und des Calvinismus stehen deutlich im Gegensatz zur Leichtigkeit des keltischen Einflusses“, so die Autorin, die ausführlich über ihre Schreibweise berichtete.

Auf der Bühne herrschten Harmonie und gute Laune. Der Berliner „Tatort“-Kommissar Felix Stark alias Boris Aljinovic lieh Val McDermid seine Stimme für die deutschen Passagen und überzeugte mit seiner Performance. Nachdem er das Kapitel über Stephanie Harkers Freundin Scarlett, ein TV-Starlet, das dank einer Reality-Show über Nacht bekannt wurde, vorlas, betonte die Autorin, dass die deutsche Übersetzung sehr höflich und milde wäre. „Wir Schotten schimpfen mehr. Mein Buch sollte eigentlich mehr schockieren und zeigen, wie schwulenfeindlich und rassistisch Scarlett wirklich ist. Hier herrscht stattdessen deutsche Höflichkeit“. Davon wird die Autorin auch 2014 etwas haben, denn die nächste Deutschlandtournee steht bereits fest. Dass ihre jetzigen Wegbegleiter Aljinovic und von Schwarzkopf wieder dabei sein werden, ist nur zu wünschen, denn der Abend wurde dank der perfekten Synergie der drei Protagonisten zu einem vollen Erfolg.