Dienstag , 27. September 2016
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David Albahari präsentierte eine Szene, die den Krieg in seiner ganzen Sinnlosigkeit darstellt. Übersetzerin Mirjana Wittmann moderierte den Abend im Heine-Haus. Foto: t&w
David Albahari präsentierte eine Szene, die den Krieg in seiner ganzen Sinnlosigkeit darstellt. Übersetzerin Mirjana Wittmann moderierte den Abend im Heine-Haus. Foto: t&w

Die groteske Sinnlosigkeit

uhl Lüneburg. Eine Gruppe von Soldaten wird gemeinsam mit ihrem Kommandanten nachts an einem Kontrollpunkt auf einer Anhöhe im Wald abgeladen. Ihre einzige Aufgabe ist es, diesen Punkt im Nirgendwo zu bewachen. Völlig von der Außenwelt abgeschnitten, wissen sie weder, wo sie sich befinden, noch wen sie in der Ödnis kontrollieren sollen. Befinden sie sich überhaupt noch im Krieg? Es ist eine surreal anmutende Ausgangssituation, in die der Leser von David Albaharis Roman „Kontrollpunkt“ hineingezogen wird. Doch noch ahnt er nichts von der sich ins Bodenlose steigernden Absurdität der Erzählung.

Im Rahmen der „grenzenlos 2013“-Reihe des Literaturbüros gab der serbische Autor den Besuchern des Heine-Hauses einen Einblick in die Untiefen seines Textes, der eine konsequente Spiegelung der Untiefen des Krieges ist. Moderiert wurde der Abend von der preisgekrönten Übersetzerin Mirjana Wittmann, die gemeinsam mit ihrem Mann auch „Kontrollpunkt“ ins Deutsche übertragen hat. Die deutschen Textpassagen las der Regisseur und Schauspieler Thomas Ney.

Von den 37 Soldaten, die zu dem kafkaesken Stelldichein am Kontrollpunkt ausgesandt wurden, bleibt nach dem „Zehn kleine Negerlein“-Prinzip bis zum Ende des Romans keiner übrig. Wie die Fliegen lässt Albahari sie wegsterben, nur der Kommandant überlebt, versteckt in einer Baumkrone. Wie durch Wunderhand findet dieser sich kurz darauf in seinem Wohnzimmer wieder, wo er per Fernschaltung an einer Reality-Show teilnimmt. Dazwischen: Massenvergewaltigung, Massaker und mutloses Schwadronieren über die Bürokratie der Gewalt, an die sich der Kommandant als „Soldat der alten Schule“ zu halten hat.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, schrieb der griechische Philosoph Heraklit. In „Kontrollpunkt“ verdichtet sich dieser Satz zu einem Schauplatz grotesker Sinnlosigkeit. Albahari betreibt keine reine Verarbeitung des Balkankonflikts in Ex-Jugoslawien, sondern stellt sich vielmehr mit der Gewalt seiner Sprache gegen den Krieg in seiner Reinform. Ein Antikriegsroman, der alle vergangenen, aktuellen und zukünftigen Kriege im Visier hat.

Dabei ist es gerade die Belanglosigkeit, mit der Albaharis kollektiver Wir-Erzähler, der bisweilen in die auktorial erzählte innere Stimme des Kommandanten wechselt, gleichermaßen von unmenschlichen Gräueltaten und den Belanglosigkeiten des Alltags der Soldaten erzählt. Auf einer Seite lässt sich der Erzähler über den Wohlgeschmack der von einem Flüchtlingsstrom zubereiteten Kohlsuppe aus, um auf der nächsten Seite im gleichen Ton von der Massakrierung von zahllosen Frauen, Kindern und Greisen zu sprechen. In dieser Gleichsetzung von Alltäglichem und kriegerischer Grausamkeit, treibt Albahari die Sinnlosigkeit des Krieges auf die Spitze.

Gegen Ende des Abends fragt Wittmann, was der Autor mit seinem intensiven Kurzroman — das Buch besteht aus nur einem Absatz und lässt sich praktisch in einem Atemzug durchlesen — erreichen wolle. „Nichts“, entgegnet dieser schlicht. Er glaube nicht, die Menschen und ihre Einstellungen ändern zu können. Von dem Irrglauben, dass es ein Ende aller Kriege geben könne, habe er sich längst befreit. „Ich schreibe über den Krieg in völliger Verzweiflung“, fügt er hinzu und kommt zu Heraklit zurück: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Doch: Wo ist die Mutter?“