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Der Lüneburger Struwwelpeter - pädagogisch nicht unbedingt vorbildlich, aber mitreißend. Foto: theater
Der Lüneburger Struwwelpeter - pädagogisch nicht unbedingt vorbildlich, aber mitreißend. Foto: theater

Shakespeare und Zappelphilipp

Von Antje Amoneit
Lüneburg. Nein, „Struwwelpeter“, brandneu im Spielplan des Theaters, ist kein Stück für Kinder. Es ist ein Grusical für Erwachsene, die Spaß haben an der lauten Musical-Posse im Gewand einer scheinbar simpel inszenierten Kellertheater-Inszenierung, Lust an der zeitgemäß überspannt arrangierten Commedia dell’arte mit rockig-poppigen Songs, very british. Diese Songs nach Texten aus dem weltberühmten, 1845 veröffentlichten Bilderbuch von Heinrich Hoffmann über das Fehlverhalten unartiger Kinder und dessen schlimmste Folgen stammen aus der Junk-Oper „Shoheaded Peter“ von Julian Crouch und Phelim McDermott. Dort umfrisierten und interpretierten sie die „Tiger Lillies“.

Andreas Marber übersetzte sie zurück ins Deutsche, Gregor Müller und Philip Richert vom Lüneburger Schauspielensemble arrangierten sie neu. Sie verflochten die Gedichte mit Zwischentexten von Shakespeare, ließen die eigens gegründete Band „Die Böhzen Buben“ mitspielen und setzten Jungs vom Theaterjugendclub für Refrains und als lebende Kulisse ein. Das Ergebnis dieser Müller-Richert-Inszenierung ist irrwitzig, furios, dekadent dekorativ und natürlich keineswegs frei von Klamauk. Es war ein Riesenerfolg beim bestens gelaunten Premierenpublikum im ausverkauften Foyer des T.NT. Die Atmosphäre des Provisorischen, leicht Kellerartigen, wie es das Foyer mit Bar im Hintergrund und Treppe, oberem Flur und quadratischer Loch-Klappe im Bühnenboden bietet, ist für das abgespeckte Grusical ideal. Zwar orientiert sich die Lüneburger Version an derjenigen Crouchs und McDermotts, prominentes Beispiel einer ,,Müll“-Oper. Doch deren Rahmenhandlung braucht die große Bühne. Also nehmen Richert und Müller daraus nur die Songs, gestalten sie als Einzelepisoden, wie man sie aus dem Kinderbuch kennt. Diese toll in Szene gesetzten Szenen um Konrad, Suppenkaspar oder Paulinchen verbinden sie mit populären Sprüchen aus Shakespeares Königsdramen, schaffen neue englisch-deutsche, lärmend komische Nonsens-Geis“tesblitze. Die gnadenlos witzigen, harlequinesken Conférenciers verkleiden sich mit wenigen Mitteln, sind mimisch äußerst einfallsreich, gestisch und stimmlich hochkreativ und stets eindeutig bei aller Mehrdeutigkeit.

Dazu passend: Die drei wunderbar agierenden jugendlichen Engelchen im weißen Petticoat, eigentlich drei Bengelchen mit blonder Perücke, die Gesang, Moralines, Spielkameraden und Pappwetterwolken liefern: Calvin Auer, Till Krüger und Dominik Semrau. Und die motivierte Band: Jan Hellberg (Keyboard, Akkordeon), Robert Schulz (Bass, zuweilen unterstützt von Richert an der Gitarre) und nicht zuletzt Henning Thomsen am Schlagzeug, der auch als hyperaktivitätsgestörter „Zappelphilipp“ auf Treppengeländer, Siebbusen und Blechtopfhintern seiner „Eltern“ herumtrommelt.

Der bittere Ernst des altmodischen Autoritär-Erzieherischen scheint durch die Szenen hindurch wie Paulinchens Feuer, das aus dem Bühnenbodenloch lodert, in das Hansguck“indieLuft fällt, man schießt, kloppt, heult, ist komplett verrückt, das Blut spritzt. Das Auditorium johlte immer wieder vor Vergnügen, erfreut am Ende über zwei Zugaben, darunter den nicht nur von den „Tiger Lillies“ bekannten Stephen-Sondheim-Song „Send in the Clowns“: Gesungen mit dieser gelungenen Mischung aus Emotion und einer gehörigen Portion Humor, macht das atmosphärisch von der Band begleitete Duo auch hieraus eine berührende Farce. Es gibt noch weitere neun Vorstellungen, von denen bereits mehrere fast ausverkauft sind.