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Masha Karell singt und spielt die Diva, die kein Star mehr ist und zurück will ins Licht. Foto: theater/tamme
Masha Karell singt und spielt die Diva, die kein Star mehr ist und zurück will ins Licht. Foto: theater/tamme

Gefangen im goldenen Käfig

lz Lüneburg. Zuerst war der Film. Billy Wilder rechnete 1950 in seinem „Boulevard der Dämmerung“ mit Hollywood ab, am Beispiel einer von Gloria Swanson gespielten Stummfilmdiva, die den Sprung in den Tonfilm und die Gegenwart nicht geschafft hat. Vor 20 Jahren brachte Andrew Lloyd Webber die Geschichte der Norma Desmond auf die Bühne. Sein Musical kam zunächst in London heraus, in Los Angeles und am Broadway startete es wenig später mit Glenn Close in der Rolle der Norma. In Deutschland wurde für das Stück (mit Helen Schneider) das Rhein-Main-Theater in Niedernhausen gebaut, mit eigenem Bahnhof. Seit 2010 sind die Rechte frei, und ab Sonnabend, 16. November, ist „Sunset Boulevard“ am Theater Lüneburg zu erleben.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Joe Gillis, einem jungen, arbeitslosen Drehbuchschreiber, der auf der Flucht vor Gläubigern auf dem Anwesen der einsamen Norma Desmond landet. Norma engagiert ihn, um das Drehbuch zu dem Film zu überarbeiten, mit dem sie ihre Rückkehr auf die Leinwand plant. Joe lässt sich darauf ein, einerseits aus Geldmangel, andererseits aus Faszination für die morbide Atmosphäre in der Villa. Schließlich wird er Normas Geliebter und führt ein Leben im goldenen Käfig – bis er sich in die junge Kollegin Betty Schaefer verliebt und das Unglück seinen Lauf nimmt.

Andrew Lloyd Webber lehnt sich für sein Musical an die große Filmmusik-Tradition Hollywoods an. Der Sound klingt symphonisch, melodientrunken, opulent und emotionsgeladen. Die Rolle der Norma Desmond wird zu den anspruchsvollsten Aufgaben im Musicalfach gerechnet. In Lüneburg wird die Partie von Masha Karell übernommen. Sie sang in vielen großen Musicalproduktionen in Deutschland und darüber hinaus, sie war die Grizabella in „Cats“ in Basel, sie wirkte bei „Grease“ und dem „Kleinen Horrorladen“ mit, „Titanic“ führte sie nach Hamburg, „Mamma Mia!“ nach Stuttgart. Masha Karell war auch in Franz Wittenbrinks „Ritze“-Liederabend am St. Pauli Theater zu sehen.

Wie Masha Karell arbeitet Regisseur Frank-Lorenz Engel erstmals am Theater Lüneburg. Engel ist seit 1991 als freier Regisseur unter anderem in Kiel, Frankfurt, Coburg und Berlin präsent und seit diesem Jahr Intendant der Grimm-Märchenfestspiele in Hanau. Ihn reizt die Vielschichtigkeit des Musicalstoffs zwischen Hollywood-Opulenz und psychologischer Studie: „Diese Charaktere, insbesondere Norma und Joe, stehen mit ihrer Einsamkeit, ihrem Egoismus, ihrer Gier nach Liebe verloren in der prunkvollen Fassade der Hollywood-Welt.“ Viel sei in Webbers Musical von der genauen Figurenzeichnung Billy Wilders zu spüren: „Die Geschichte hat vielschichtige psychologische Beziehungs- und Gefühlsgeflechte, die sich in der Welt des schönen Scheins der Filmindustrie ganz anders darstellen als im Inneren der Protagonisten, die aber in Webbers Musik wunderbar artikuliert werden.“

Die musikalische Leitung der Lüneburger Symphoniker übernimmt Nezih Seckin. Den Liebhaber Joe Gillis singt und spielt Kristian Lucas. Er ist häufig am Theater Lüneburg zu erleben, war in „Les Miserables“ und „Dracula“ dabei, aber auch in kleineren Produktionen. Komplettiert wird das Ensemble von Luisa Rhöse (als Gast), Ulrich Kratz, Markus Billen, MacKenzie Gallinger, Oliver Hennes, Steffen Neutze, Alexander Panitsch, Volker Tancke, Wlodzimierz Wrobel und weiteren. Ausstatterin Barbara Bloch entwirft für das Musical Bühne und Kostüme im Hollywood-Stil der 1950er-Jahre. Das Musical steht bis April 2014 im Spielplan.