Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Bei der Ausstellungseröffnung: (v.l.) Kurator Dr. Ulrich Baumann, Uwe Neumärker (Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas), Zeitzeugin Steffi Wittenberg, Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert und Bürgermeisterin Regina Baumgarten. Foto: t&w
Bei der Ausstellungseröffnung: (v.l.) Kurator Dr. Ulrich Baumann, Uwe Neumärker (Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas), Zeitzeugin Steffi Wittenberg, Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert und Bürgermeisterin Regina Baumgarten. Foto: t&w

Das System des Terrors

Lüneburg. Für das Ostpreußische Landesmuseum sei die Darstellung jüdischen Wirkens im Osten, vor allem in und um Königsberg, ein selbstverständlicher Museumsauftrag, so Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert während seiner Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Alles brannte! Jüdisches Leben und seine Zerstörung in den preußischen Provinzen Hannover und Ostpreußen“. Im Zentrum dieser Schau bisher unveröffentlichter Dokumente, Fotografien und einführender Texte steht der antijüdische Terror, der am 9. und 10. November 1938, in der so genannten Reichspogromnacht, vor 75 Jahren einen seiner grausamen Höhepunkte hatte.

Nicht nur in Deutschland, auch in anliegenden Ländern brannten jüdische Geschäfte, Firmen und Synagogen. Tausende Juden, egal welchen Berufes und welcher Konfession, wurden geschlagen, verhaftet oder getötet. Den, wie Mähnert betonte, „unvorstellbaren Vorsatz“ der Nazis, die Juden in Deutschland und Europa nicht nur nicht länger zu dulden, sondern ihre systematische Ermordung anzustreben, konnte spätestens jetzt alle Welt sehen.

Inhaltlich erarbeitet, konzipiert und umgesetzt wurde die Ausstellung von der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Kooperation mit dem Lüneburger Landesmuseum, dem Nordost-Institut/IKGN und der Stiftung Neue Synagoge Berlin. Große Schautafeln informieren mit deutschen und russischen Texten über Geschichte, Ereignisse und individuelle Schicksalsschläge. Auch Fotos derer, die vom Nazi-Terror direkt betroffen waren, gewähren einen Blick auf die jüngere und jüngste Vergangenheit in Deutschland, Polen, der russischen Föderation und Litauen. Diese einmalige Sammlung bis ins Heute reichender, wichtiger Belege ist als leicht transportierbare Wanderausstellung gestaltet und somit ein wichtiger Teil grenzüberschreitender Aufarbeitung jüdischer Vergangenheit und Gegenwart, festgemacht am konkreten Beispiel Hannovers bzw. Niedersachsens sowie Ostpreußens.

Einen Vergleich zweier Regionen bezüglich ehemaligen jüdischen Lebens, wie er hier möglich wird, hat es bisher nicht gegeben. Wie Uwe Neumärker, Direktor der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Kurator Dr. Ulrich Baumann betonten, sind diese Provinzen wegen ihrer ähnlichen Bevölkerungszahlen und konfessionellen Strukturen gute Beispiele. Beide Provinzen gehörten zu den bedeutenden deutschen Zentren jüdischen Lebens. Deren unterschiedliche Wurzeln und Ausprägungen bis heute machen die Exponate deutlich.

Vor einigen Tagen hatte Dr. Mähnert in Kaliningrad das Doppel dieser Ausstellung eröffnet. Zwei Zeitzeugen waren dabei. Vor 75 Jahren sahen sie die Königsberger Synagoge brennen. Nach Lüneburg war ebenfalls eine Zeitzeugin angereist: Steffi Wittenberg. Das Schicksal ihrer Familie spiegelt sich in einer der Schautafeln. Geschichte aufarbeiten, sich erinnern und dieses vermitteln, um daraus zu lernen: Dies sei angesichts immer noch latent vorhandener Vorurteile gegen alles Fremde nötiger denn je, betonte die Lüneburger Bürgermeisterin Regina Baumgarten. Der Wiederaufbau der Synagoge in Kaliningrad, wo die Ausstellung nach Fertigstellung auf Dauer zu sehen sein wird, oder Projekte wie die „Stolpersteine“, hier ebenfalls dokumentiert, können Mut machen, die Zukunft verantwortlich mitzugestalten. Die Ausstellung ist bis zum 24. April 2014 zu sehen, dann wandert sie durch Niedersachsen. Antje Amoneit