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Jo Nesbø (Mitte) beäugt Moderatorin Margarete von Schwarzkopf, links Oliver Mommsen, der die deutschen Texte lesen wird. Foto: t&w
Jo Nesbø (Mitte) beäugt Moderatorin Margarete von Schwarzkopf, links Oliver Mommsen, der die deutschen Texte lesen wird. Foto: t&w

Fieser morden im Norden

oc Lüneburg. Margarete von Schwarzkopf ist die Moderatorin und wie immer gut vorbereitet. Zu Gast hat sie an diesem Abend im ausverkauften größten Saal des Filmpalastes einen der ganz Großen der Krimiwelt: Jo Nesbø, 53 Jahre, 20 Millionen verkaufte Bücher, außerdem Rockmusiker und Fußballfreak, dessen Karriere früh am Kreuzband gerissen ist. Nesb ist der Mann, der Harry Hole erfand. „Koma“, den zehnten Fall des Ermittlers aus Oslo, hat er mitgebracht. Leicht macht es Nesbø seiner Moderatorin an diesem Abend aber nicht, er tanzt wohl gern allein, und aus der Reihe tanzt beim Finale des vierten Lüneburger Krimifestivals auch Oliver Mommsen, der die deutschen Texte liest und als Bremer „Tatort“-Kommissar so etwas wie Fachkenntnis besitzt.

Harry Hole ist eines der guten Beispiele für das Nord-Süd-Gefälle. Das nämlich gibt es nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht und unter Urlaubswilligen, wenn „er“ in den Norden, „sie“ in den Süden will. Ein Nord-Süd-Gefälle ist auch im Krimifach zu beobachten. Männliche Ermittler aus dem Norden sind in der Regel schlecht drauf, chronisch übermüdet, ihre Liebe ist kaputt, Alkohol dient als Retter in der Nacht, gegessen wird gern Fast- Food-Matsch. Bei Brunetti in Venedig, Charitos in Athen und Bruno in der Provence spielen dagegen die Familie, die Liebe und das gute Essen eine wichtige Rolle, bei allem Schrecken, den der Beruf so in sich birgt.

Nirgendwo also wird seit einigen Krimijahren so fies und abgründig gemordet wie im europäischen Norden, ob bei Mankell, Adler-Olsen oder eben bei Jo Nesbø. Ihn fasziniert der Moment, wenn der Mensch außer sich gerät, wenn ihn nur noch Wut und Hass regieren und sich im mörderischen Tun zugleich ganz andere Gefühle finden lassen.

Der weltweite Erfolg von Nesbøs Krimis liegt primär aber in der Hauptfigur, die Leser leben mit ihr. Die gute Nachricht aus „Koma“ ist darum, dass Harry lebt, das war nach dem Finale von Band neun nicht so sicher. Und über Harrys Zukunft war sich auch der Autor nicht im Klaren, er braucht eben immer ein halbes Jahr und mehr, bis Harry wieder in ihm herumgeistert. Seinen traurigen Helden ersann Nesbø auf einem Flug von Oslo nach Sydney als Mix aus Batman und einem exzentrischen norwegischen Fußballtrainer. Wie zu fast allen Figuren seiner Romane gibt es Bezüge zwischen Autor und Held, die Trennlinie zwischen realen Personen und Fiktion ist beim Schreiben – und Lesen – schwer auszumachen. Hole jedenfalls wird in „Koma“ erneut mit einem Serientäter konfrontiert.

Jo Nesbø fällt seiner gelassen bleibenden Moderatorin ins Wort, wenn er die Frage erahnt, er gibt ihr wenig Raum fürs Übersetzen, antwortet auch mal gar nicht oder greift statt zu Worten zur Gitarre, um zwischendurch einen norwegischen Song vorzutragen. Nesbø wirkt streckenweise in sich gekehrt, dann kehrt er schwarzen Humor heraus, und er schielt auch mal zur Uhr. Oliver Mommsen wiederum gibt den Kasper, reitet auf einer Domina-Assoziation aus dem Buchbeginn herum, liest aber vor allem die Dialoge aus dem Krimi hervorragend. Mommsen bringt die Qualität von Nesbøs Spannungsdichte brillant rüber. Mehr als Appetithäppchen gab es aus „Koma“ nicht, und der – wie ein Krimi – oft überraschende Wendungen nehmende Abend endete, ohne dass Nesbø noch einmal zur Gitarre griff. Dafür musste er zum Stift greifen, um Band um Band zu signieren. So wurde es ein langer Abend.