Mittwoch , 28. September 2016
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Der Schmuck und die Schminke, die aufgerissenen Augen, die Gesten - alles ist zu groß und zu fett bei der Diva, die ihren Sturz aus dem Ruhm nicht erträgt: Masha Karell spielt und singt die Norma Desmond. Foto: theater/tamme
Der Schmuck und die Schminke, die aufgerissenen Augen, die Gesten - alles ist zu groß und zu fett bei der Diva, die ihren Sturz aus dem Ruhm nicht erträgt: Masha Karell spielt und singt die Norma Desmond. Foto: theater/tamme

Ach, aller Ruhm ist vergänglich

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Schnippte sie mit den Fingern, kuschten sie alle, ob Maskenbildnerin oder Regisseur. Sie war eine Göttin, sie schenkte den Menschen Träume aus Licht. Doch ach, aller Ruhm auf Erden ist vergänglich, längst glitzern nur noch die Pailletten der Norma Desmond, die den Sprung vom Stumm- zum Tonfilm nicht schaffte. Die Tragödie einer Diva, der Abgesang auf Hollywood, den „Sunset Boulevard“ anstimmt, bietet großes Kino. Einst für die Leinwand von Billy Wilder, dann für die Bühne von Andrew Lloyd Webber, und nun feiert das Theater Lüneburg mit dem bildersatten Musical einen fetten Triumph.

Geblieben sind der Norma Desmond Reichtum, Einsamkeit und ihr ergebener Diener Max, der Tag um Tag Fanpost fälscht, um Normas Traum von ewigem Ruhm zu nähren. Doch plötzlich platzt in die Palastgruft ein junger Mann, ein Drehbuchautor auf der Flucht. Er wird von der Diva schnell eingesponnen in ihren Wahn von Größe, und wenn dieser Joe Gillis das Netz der Lüge zerreißt, dann kann es kein gutes Ende nehmen.

Es ist ein Wagnis, ein so großes Stück wie dieses Musical in einem Haus wie Lüneburg zu produzieren. Gewagt – und Gewinner gibt es viele. Barbara Bloch etwa. Sie schafft Bühnenräume, die das Wuselige eines Filmstudios verblüffend schnell und leise in den morbiden Luxus der Diva verwandeln, dazu kommen Orte, die das Jugendfeeling der frühen 50er-Jahre verbreiten und als Sternennacht-Kulisse einer Romanze dienen. Auch bei den Kostümen geht es üppig zu, vor allem bei den Roben der Stummfilmdiva. Das Licht (Walter Hampel), der Ton (Wolfgang Ziemer) – überall hinter den Kulissen bis zu den Videos (Börn Kurt) ist sehr genau gearbeitet worden.

Regisseur Frank-Lorenz Engel bringt die Geschichte in einen mitreißenden Rhythmus, er zeichnet die Figuren klar und gibt ihnen Raum. Engel schärft Dialoge, Szenen und Typen, vor allem lässt er das Geschehen in den opulenten Showbildern jederzeit plausibel wirken. Originelle Lösungen findet Engel: Die Verfolgungsjagd per Auto ist blendend! Wie der Regisseur achtet Dirigent Nezih Seckin auf die – ausgezeichnete – Verständlichkeit. Die Lüneburger Symphoniker sorgen für einen satten, breiten Sound der streckenweise banalen Musik, die aber farbig instrumentiert ist, die manchmal jazzig wird, was Seckin nicht so liegt, und zum Schluss eine spannend austarierte dramatische Zuspitzung erhält.

Zum Ende kommt es zu einer Wahnsinnsszene, da ist das Theater zurzeit gut drin, siehe „Lucia di Lammermoor“. Nun ist es also die alternde Diva, die endgültig abdreht, und Masha Karell gibt ihr nun stimmlich und spielerisch Tiefe, um das Verlöschen der Träume zu zeigen, sie verbrennen schnell wie Zelluloid. Karell ist der Star des Abends, sie hat die richtige Stimme, die sich aufschwingt zu Größe und zurücknimmt, um innere Zerrissenheit zu zeigen. Diese Norma Desmond agiert nach wie vor wie ein Stummfilmstar, führt ein Leben in Schwarzweiß, in dem es keine Zwischentöne geben darf, sie feuert stets zu große Gefühle ab und Gesten, die nur noch Posen sind.

In den Flammen, die Norma schleudert, versengt sich der von seinen Gläubigern gehetzte Drehbuchschreiber Joe Gillis. Kristian Lucas spielt und singt ihn mit bestechender Selbstverständlichkeit – diesen charmanten lebenslustigen Hallodri, der zu lange braucht, um zu wissen, was er will.

Wie ein Vampir, bleich und kontrollierend agiert Ulrich Kratz zurückhaltend in der Rolle des Dieners, der einst mit dem Star aus der Bahn geworfen wurde. Kratz bekommt und nutzt einen großen Moment, der diesen Max von Meyerling als weit mehr ausweist als das, was er zu sein scheint – und er weiß, wann es Zeit ist, die weißen Handschuhe des Dienens abzustreifen.

Luisa Rhöse bringt als Betty den Aufbruchsgeist der Jugend ein, Mackenzie Gallinger gefällt als Artie und mit ihm viele: Volker Tancke als Großregisseur Cecile B. DeMille, Steffen Neutze (Sheldrake), Oliver Hennes (Mr. Manfred), Wlodzimierz Wrobel (Hogeye) bis hin zu Kosmetikerinnen, Masseurinen, der „Astrologin“ Brigitte Hauck, der „Ärztin“ Bianca Stüben“, Olaf Schmidts Ballett, Deborah Coombes Chören und vielen Statisten. Sie alle schaffen einen hart erarbeiteten, spektakulären, mit Standing Ovations gefeierten Abend. Großes Kino eben.