Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Zwei Orchester, ein Konzert: Thomas Dorsch hatte den gewaltigen Klangkörper jederzeit souverän im Griff.
Foto: t&w
Zwei Orchester, ein Konzert: Thomas Dorsch hatte den gewaltigen Klangkörper jederzeit souverän im Griff. Foto: t&w

Also sprach Zarathustra

hjr Lüneburg. Groß besetzte Partituren verlieren häufig mit kleinem Apparat die beabsichtigte Wirkung. Bleibt die Gretchenfrage: Verzicht oder Aufstockung? Die Lüneburger Symphoniker entschieden sich für die zweite Variante und wagten sich an orchestrale Opulenz, holten sich dafür Verstärkung. Die Hildesheimer Philharmonie des Theaters für Niedersachsen erklärte sich bereit, einige junge Talente der Musikschule ergänzten das Aufgebot.

Wichtige Voraussetzung, so passte auf jeden Fall die Quantität. Für die gewünschte Qualität waren sorgfältige Proben notwendig. Die verantwortete Thomas Dorsch als neuer Musikdirektor des Theaters mit Fingerspitzengefühl und straffem Dirigat. Er führte die Ensembles subtil zusammen, lotete das Machbare aus und erzielte vor allem eine Transparenz, die schon in den ersten Momenten faszinierte. Das zweite Meisterkonzert dieser Saison in der gut besuchten St. Johanniskirche erwies sich als künstlerischer Erfolg, die Publikumsreaktion fiel euphorisch aus.

Mit harten, düsteren Schlägen beginnt Benjamin Brittens (1913-1976) Sinfonia da Requiem, 1941 in New York uraufgeführt und dramatisch ungemein impulsiv. Das Lacrimosa ist stark zerklüftet, emotional sehr aufgewühlt. Eine Klage im Vivace, irrwitzig schnell und kühn in der Sprache. Ein orchestraler Schrei, dem sich das ebenfalls expressive Dies Irae anschließt, bevor das Requiem aeternam sanftere Töne anstimmt. Thomas Dorsch hatte das Riesenorchester fest im Griff, beflügelte die Musiker zu disziplinierter Gemeinschaftsaktion. Sie entfaltete eine Energie, die kaum eindringlicher hätte sein können.

Für die „Drei Bruchstücke“ änderte Alban Berg (1885-1935) den Blickwinkel. Nicht Woyzeck, der geschundene Soldat aus Büchners Dramenvorlage, steht im Mittelpunkt, sondern Marie, dessen Frau. Die 1923 komponierte Essenz aus der 1925 fertig gestellten Oper „Wozzeck“ entfesselt eine Tragödie en miniature. Im ersten Teil konterkariert Marie mit einem Wiegenlied den martialischen Militärmarsch. Die beiden folgenden Sequenzen schauen auf das Ende des Bühnenstücks.

Lauren Welliehausen gestaltete den Gesangspart mit markanter Sopranstimme, die Gegensätze zwischen eisiger Atmosphäre und mildem Melos herausfilterte, der geschundenen Figur dadurch klare Konturen verlieh. Symphoniker und Philharmonie folgten dem Pfad, differenzierten klug vom federnden Piano bis zum schneidenden Forte.

„Menschliches und Übermenschliches“ war das Konzert in der Kirche betitelt. Ein höchst anspruchsvoller Parcours. Titanisch das Finale: „Also sprach Zarathustra“, die 1895 von Richard Strauss (1864-1949) geschriebene Tondichtung im sinfonischen Breitwandformat. Ein Balanceakt über Untiefen, thematisch und im technischen Schwierigkeitsgrad, von Friedrich Nietzsche literarisch ausgelegt. Eine Inspirationsquelle für den Komponisten, obwohl die philosophische Dimension hier fehlt, mit berühmtem Auftakt-Motiv, dem Organist Joachim Vogelsänger einen zusätzlichen Stempel aufdrückte. Thomas Dorsch schmiedete aus den zwei Orchestern einen exzellent disponierten Klangkörper, der bestechend akurat und zugleich mit Leidenschaft interpretierte, die Musikschüler außerdem souverän integrierte. Bis zum letzten Ton hielt sich die Konzentration. Beeindruckende Leistung und ein gelungenes Experiment, das unbedingt ein Nachspiel haben sollte.