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"Ihr habt nun Traurigkeit": Sopranistin Sabine Schneider bei ihrem Auftritt in der Lüneburger Michaeliskirche. Foto: t&w
"Ihr habt nun Traurigkeit": Sopranistin Sabine Schneider bei ihrem Auftritt in der Lüneburger Michaeliskirche. Foto: t&w

Trost für die Trauernden

aat Lüneburg. Der Toten- oder Ewigkeitssonntag als letzter Sonntag des Kirchenjahres zählt zu den großen, stillen Feiertagen der protestantischen Kirchen. Es gilt an diesem Tag, der Verstorbenen zu gedenken sowie dem Trost zu spenden, der um Entschlafene trauert, und Hoffnung zu geben jenen, die Angst vor der Vergänglichkeit haben. Der Tag bewegt die Gläubigen in besonderem Maße, denn er gemahnt sie auch an das bisher gelebte Leben und dessen Bestehen vor dem Gericht Gottes am jüngsten Tag. Damit verbundenen Gedanken und Emotionen begegnete in St. Michaelis romantische, aus erlebter menschlicher Erfahrung geborene Musik von Gustav Mahler und Johannes Brahms.

Kantor Henning Voss, die Hamburger Symphoniker und Bariton Kay Stiefermann stimmten die Zuhörer in der voll besetzten Kirche mit ergreifenden Interpretationen von Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ und dem Adagietto aus der 5. Sinfonie auf Brahms‘ „Deutsches Requiem“ ein.

Mahlers 1861 entworfenes drittes seiner fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert umgibt eine besondere Historie. Die Klavierfassung des Liedes soll der damals eher als Dirigent bekannte Komponist 1904 spontan einem Mitreisenden geschenkt haben, dann war es verschollen, ebenso wie die Orchesterfassung, die 1941 verschwand und seit ihrem Wiederauftauchen im Jahre 2000 die Medien beschäftigt. Diese Fassung erklang in St. Michaelis, voller „Empfindung bis in die Lippen hinauf, die sie aber nicht übertritt“, wie Mahler selbst sein Lied einmal charakterisierte. Das sei er selbst, hatte der Komponist hinzugefügt, der Welt entrückt.

Kay Stiefermann wusste solche freien Assoziationen mit seinem kraftvollen Bariton in fein modulierte Sequenzen zu gestalten und schuf zusammen mit dem feinnervigen Orchesterklang eine Atmosphäre andächtiger Inbrunst. Henning Voss dirigierte detailgenau, auf den Sänger konzentriert, wählte sehr getragene Tempi für das Lied und das etwa gleichzeitig komponierte Adagietto, das in dynamischen Klangverwehungen seelische Bewegung nachzeichnete.

Ein „Deutsches Requiem“ nach Worten der Heiligen Schrift für Soli, Chor und Orchester schrieb Johannes Brahms 1865 in Gedanken an den Tod seiner Mutter und Robert Schumanns. Nicht Liturgie, sondern Texte des Neuen Testaments, die sich mit Todeserleben und -auseinandersetzung, mit Vanitas und der Hoffnung auf göttliche Gnade und ewiges Leben beschäftigen, bilden die Basis für die auch formal unkonfessionelle Musik.

Die rund 150 Stimmen starke, intonationssichere Kantorei wusste unter Henning Voss‘ feinsinniger, souveräner Leitung die der Musik immanente Palette menschlicher Gefühle sehr überzeugend auszuschöpfen. Zusammen mit den klangsensibel musizierenden Hamburger Sinfonikern und dem tragenden Bariton Kay Stiefermanns setzte der Chor der aufwühlenden Dramatik und zeitweilig geforderten Klangwucht auch ein schmelzendes Pianissimo entgegen. Engelsgleich, glockenhell, herzergreifend gefühlvoll und dennoch mit wunderbarer Schlichtheit sang die Sopranistin Sabine Schneider „Ihr habt nun Traurigkeit“. Dem entrückten Chor-Finale „Selig sind die Toten“ folgte, nach angemessenem Schweigen, langer Beifall.