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Schablonenhafte Gestalten, ausgeprägte Farben, komplexe Oberflächenstrukturen -- Merkmale der Malerei von Erwin Grosse. Der im Wendland lebende Maler stellt Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren aus. Foto: ff
Schablonenhafte Gestalten, ausgeprägte Farben, komplexe Oberflächenstrukturen -- Merkmale der Malerei von Erwin Grosse. Der im Wendland lebende Maler stellt Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren aus. Foto: ff

Einsam in der Gesellschaft

ff Lüneburg. Die meisten Bilder haben eine natürliche Distanz. Das ist die Entfernung, aus der sie am besten zu betrachten sind, in der Komposition und Detail gleichermaßen zur Geltung kommen. Bei den Gemälden von Erwin Grosse ist das etwas anders. Da möchte man vor- und zurücklaufen, denn die Arbeiten sind großformatig und fein strukturiert zugleich. „Spurensuche“ heißt die aktuelle Ausstellung der Avacon, der Titel lässt sich sowohl auf die Arbeit des Künstlers als auch auf das Publikum anwenden.

Formal zeigt Erwin Grosse großformatige Mischtechniken. Im Mittelpunkt stehen fast immer schablonenhafte Figuren mit standardisierten, immer wiederkehrenden Umrissen: Menschen ohne Kopf und ohne Arme, sie erinnern in ihren ausgeprägten, schwungvollen Körperhaltungen mal an Schaufensterpuppen oder auch an antike Statuen. Ihre Positionen zueinander markieren die Kernaussage der Bilder, die beispielsweise „Wechselseitig“, „Zwischeneinander“ oder „Verschiebungen“ heißen. Soweit die Signale, die aus der Ferne zu erkennen sind.

In der Nähe rückt eine Mischtechnik in den Fokus, die Erwin Grosse entwickelt hat: Öl und Kunstharz auf Leinwand — komplexe Strukturen, unregelmäßige Muster, organische oder elektrische Nervenbahnen, Schaltpläne, Gitterwerke, Marmor, Fels und Borke. Mit diesen Oberflächen beschreibt der Maler das Innenleben seiner Protagonisten und ihre Lebenswelten, wenn auch nur andeutungsweise, die Stimmung bleibt ambivalent, die Szenarien wirken zugleich archaisch wie artifiziell — Höhlenmalerei, Fantasy und Science Fiction, ein Blick zurück nach vorn: „Alles Sichtbare, Individuelle wird scheinbar zum Erlöschen gebracht“, schreibt Erwin Grosse über seine „Spurensuche“, und: „Die Figuren sind Stellvertreter, Repräsentanten eines Gesellschaftsmenschen. Und doch steht er im Inneren für sich allein.“

Abgerundet wird die Ausstellung, die immerhin 57 Arbeiten zeigt, durch stelenhafte Skulpturen und eine Fluss-Installation. Bergwerke und Strommasten (das freut die Avacon) tauchen auf, der Künstler lebte eine Weile im Kohlenpott. Erwin Grosse, 1949 in Kiel geboren, studierte Grafik, Zeichnung und Malerei in Kiel und Berlin. Er lebt heute in Lübbow, also im Wendland. Auch diese Region findet andeutungsweise ihren Platz in der Ausstellung.

Die Ausstellung läuft bis Ende Februar.